Wo der Bär steppt – Manuel Adams über das Berlin Humboldt IV 2011

Datum: 13. Juli 2011
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Kategorie: Themen, Turniere

Die Europäische Union, der ja bekanntlich der größte Teil vom VDCH-Land angehört, bereitet der Politikwissenschaft seit geraumer Zeit Kopfzerbrechen. Wie kann es sein, dass eine überstaatliche Organisation Glühbirnen verbietet, die Entwicklung des Debattierens in Skandinavien durch einen Berliner Verein aber massiv fördert, namentlich durch die Berlin Debating Union (BDU)? Zumal das BDU-Mitglied, das im letzten Jahr den ersten norwegischen Club gegründet hat, per Flugzeug nach Oslo gereist sein soll. Am vergangenen Wochenende aber war der Ärger über die Glühbirne verflogen – und die Freude über Norweger, Schweden und Finnen in Berlin groß.

Das Berlin Humboldt IV, das hinsichtlich der Häufigkeit seiner Namenswechsel mittlerweile jedes Zeugenschutzprogramm in den Schatten stellt und als fester Posten im EU-Budget gelten darf, begrüßte am Freitag über einhundert Debattierer aus insgesamt 14 Ländern. Um den Preis eines erhöhten bürokratischen Aufwands am Check-in gab es einen hübschen Reisekostenzuschuss aus Brüssel und für besagte Skandinavier keinen Teilnehmerbeitrag. Es folgten gleich noch zwei Vorrunden in dem wunderbaren Seminargebäude der Humboldt-Universität quasi Unter den Linden mit Blick auf Dom, Fernsehturm und Museumsinsel. Schwierig waren die Verhandlungen über die Öffnung der Fenster. In jedem Raum herrschte freie Wahl zwischen sporadischem S-Bahn-Lärm und stickig-warmer Luft.

Ausrichterin Dessilava Kirova im Gespräch mit einer Teilnehmerin beim Berlin IV. (Foto: Manuel Adams)

Angemessen geplättet von einer mehr oder weniger weiten Anreise sowie der Verteidigung des richtigen Familienbildes und der richtigen Sprachen ging es dann wahlweise touristisch wertvoll zu Fuß oder zügig per zuvor als störend empfundener Bahn ins Hotel – gleich neben dem ob seines verkürzten Daches so bescheiden wirkenden Berliner Hauptbahnhof. Auf der Hotel-Dachterrasse, die von einem riesigen DB-Leucht-Logo und einigen Kerzen hinreichend beleuchtet war, klang der sommerliche Abend bei von BDUlern kreativ gemixten Drinks sehr entspannt aus.

Der Samstag verlangte nach vier weiteren Vorrunden: Strafrecht, Privatisierung, Peacekeeping und – ja, sagen wir: Frauenfußball. Zwischendurch flogen die von der Deutschen Debattiermeisterschaft in Heidelberg bekannten, selbstbesprühten WUDC-Frisbees durch die Gegend, mischte die Speisecrew Nudeln mit Soße (statt wie am Vorabend Wodka mit Tabasco), und die Belgrader Euros-Bewerber versuchten mehr Buttons ans wehrlose Debattiervolk zu heften als die Berliner Worlds-Ausrichter. Danach: Pizza und Party.

Diejenigen, welche sich zu Fuß auf den Weg zur Party machten, konnten sich unterwegs auf diversen Bildschirmen am Wegesrand stets über den aktuellen Stand des japanischen Triumphes über die deutschen Fußballdamen informieren. Das Spiel nahm nicht das vorgesehene Ende – auch zeitlich nicht, und so hielt die letzte Leinwand vor dem ACUDKunstverein in Berlin Mitte einen der drei Chefjuroren etwas länger von der Breakverkündung ab. Problematisch war das allerdings nicht. Ein Lagerfeuer, Liegestühle unter Palmen und die freundlichen Getränkemischer der BDU sorgten für Ruhe vor dem Sturm, der dann die meisten Teams aus dem Turnier fegte. Acht überlebten den Abend; aus VDCH-Sicht hielt Mainz (dessen Roll-Call- und Break-„Helau“ international noch nicht so ganz reibungslos läuft) mit ganzen zwei Teams die Fahne hoch. Der übrige Jubel verteilte sich über Cork, London, Utrecht und Leiden. (Leiden ist eine Stadt in Holland und nicht etwa das – wie später die Opposition des Finales erfolgreich behauptete –, was Tiere bei Quälerei erfahren).

Wir überspringen an dieser Stelle das Halbfinale – zum einen, weil es für die beiden gemischtgeschlechtlich organisierten Mainzer Teams so endete wie der Samstagabend für die deutschen Damen, und zum anderen weil der Autor dieser Zeilen zu jener Zeit im Hotel verschlafenen Gästen ihre Zimmerschlüssel abjagte. Das Finale dann erinnerte ein wenig an das Berliner DDM-Finale von 2008: Ein angesichts der geladenen Öffentlichkeit gewagtes Thema, das alles andere als nach hinten losging, machte Spaß. Als Repräsentanten der Faculty of Law des University College Cork, die in den Vorrunden 17 von 18 möglichen Punkten errungen hatten, beeindruckten Becky West, die kürzlich erst das Bremer Jacobs Open gewonnen hatte, und der punktbeste Redner dieses Turniers Gearoid Wrixon zum Thema „This House believes that animal cruelty is acceptable in a work of art.” Vor der Debatte war das Publikum mit dem kontroversen Schaffen des Guillermo Vargas vertraut gemacht worden, und so lässt sich das Thema übersetzen mit „Dieses Haus glaubt, dass die Zurschaustellung eines elendig verhungernden Hundes im Namen der Kunst legitim ist.“ Der Premierminister erlaubte aber natürlich auch das Würgen von Pandas, während der Oppositionsführer so weit ging, zur Scheinheiligkeitsvermeidung auch auf Fleischkonsum bei der Kunst des Kochens zu verzichten. Eine weitere Zusammenfassung wäre an dieser Stelle gewagt. Man frage bei Bedarf einen der Finaljuroren: Sam Block, James Dixon, Filip Dobranic, Patrick Ehmann, Bastian Laubner, Sheraz Qureshi und Arvydas Ziobakas stehen zur Wahl. Dann: Preise, Danke, wir sehen uns auf den Euros/dem Boddencup, auf Wiedersehen. Einige Gäste verlängern ihren Aufenthalt, wofür Crash geboten wird, und übernehmen das Komponieren von Speisen und Getränken. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Wäre ich nicht Mitglied der BDU, folgten nun lobende Worte über den Ausrichter. Zufriedenes Zurücklehnen kann aber ohnehin nicht stattfinden, denn wir wissen: In 536 Tagen muss die Turnier-Logistik für die zehnfache Menge an Gästen schnurren. Also nur so viel: Optimismus ist erlaubt.

Die Themen:

  • 1. Vorrunde: This house would financially incentivise parents to have two or more children.
  • 2. Vorrunde: This house believes that any language which needs protection is not worth protection.
  • 3. Vorrunde: This house would make all prison sentences indefinite until the prisoner is deemed rehabilitated.
  • 4. Vorrunde: This house would privatise water.
  • 5. Vorrunde: For peacekeeping missions in Africa, this house would only use African troops.
  • 6. Vorrunde: This house would only hold team sports competitions with mixed-sex teams.
  • Halbfinale: This house would introduce universal jurisdiction for cyber-crimes.
  • Finale: This house believes that animal cruelty is acceptable in a work of art.

Der Break:

  • 1. University College Cork (UCC) Law B (Becky West und Gearóid Wrixon)
  • 2. Debattierclub Johannes Gutenberg Mainz (Marcus Ewald und Marietta Gädeke)
  • 3. University of London Union (ULU) A (Samantha Neville und David Jones)
  • 4. Utrecht Debating Society (UDS) A (Luciën de Bruin und Tomas Beerthuis)
  • 5. University of London Union (ULU) B (Lucas Issacharoff und Siodhbhra Parkin)
  • 6. Leiden Debating Union (Rogier Baart und Suus Kingma)
  • 7. University of London Union (ULU) C (Carlo Cabrera und Micha Beekman)
  • 8. Debattierclub Johannes Gutenberg Mainz (Andrea Gau und Daniil Pakhomenko)

(Anmerkung: Das ursprünglich geplante ESL-Finale wurde abgesagt, da für den “main break“ nicht genug Muttersprachler teilgenommen haben. Stattdessen gab es einen einzigen gemeinsamen Break ins Halbfinale. Die späteren Finalisten sind fett hervorgehoben.)

Das Tab des Turniers steht online zur Verfügung.

Manuel Adams / xzy / apf

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2 Kommentare zu “Wo der Bär steppt – Manuel Adams über das Berlin Humboldt IV 2011”

  1. Manuel sagt:

    Die weiteren Photos sind jetzt online: http://goo.gl/KWKYR

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