Eine gute Idee allein reicht nicht aus. Ein Kommentar zum Geschichtsturnier in Marburg

Datum: 12. März 2014
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature, Turniere

Julian Ohm hatte beim Marburger Geschichtsturnier gerade einen Präsentkorb voller Produkte der ehemaligen DDR in Empfang genommen, der jenem aus Goodbye, Lenin! vermutlich in nichts nachstand, als er das Wort ergriff. Wie es üblich ist, dankte er als Turniersieger im Namen aller Teilnehmer den Ausrichtern. Der erfahrene Berliner Debattierer, der in der Vergangenheit Zeuge einiger höflicher und knapper Dankesreden gewesen sein dürfte, holte weit aus. Er lobte die originellen Turnierthemen, die sehr unterhaltsam gewesen seien und schöne Debatten ermöglicht hätten. Gefreut habe er sich über die hochwertigen und treffenden Jurierungen während des Turniers, was das Publikum angesichts des just errungenen Sieges erheiterte, erkennbar jedoch völlig ernst gemeint war. Er schwärmte von der historischen Marburger Altstadt, die er erstmals besucht habe, und der schönen „Burg“, die mitten in der Stadt auf einem Berg thront. Zum Schluss dankte er den Organisatoren und Helfern für ihre Idee und die Umsetzung des Geschichtsturniers.

Dieser Herzlichkeitsausbruch war kein Zufall, sondern das Ergebnis eines wohldurchdachten Turniers. Turnierorganisation ist eine Kunst, an der sich schon viele versucht haben, nur wenige mit durchschlagendem Erfolg. Die Ansprüche an Ausrichter sind hoch, vor allem an jene der ZEIT DEBATTEN. Sie müssen getreu der Organisations-Richtlinie „First things first“ mehrere Aspekte berücksichtigen, zunächst mediale (wirksamer Finalraum, prominente Ehrengäste, gute Pressearbeit),  sportliche (gute Chefjuroren, ausreichend viele gute Juroren) und organisatorische (reibungslose Abläufe, alle Teilnehmer warm, satt und trocken). Erst danach kommen die netten Extras für das Teilnehmerwohl. Zumindest unter dem Druck, ein medienwirksames Finale ausrichten zu müssen, stand der Brüder Grimm Debattierclub e.V. (BGDC) nicht. Das Geschichtsturnier fand als Freundschaftsturnier statt, sodass die Ausrichter frei aufspielen konnten.

Aufmerksame Juroren Alexander Prinz (l.) und Philipp Schmidtke sowie Zuschauer im Finale des Marburger Geschichtsturniers 2014 (c) Jöran Beel

Aufmerksame Juroren Alexander Prinz (l.) und Philipp Schmidtke sowie Zuschauer im Finale des Marburger Geschichtsturniers 2014
(c) Jöran Beel

Im Anfang war die gute Idee

Julian Ohm und sein Teampartner Christof Kebschull haben ein Turnier gewonnen, das im Vorfeld mit großer Spannung erwartet wurde, weil es etwas Vergleichbares noch nicht gegeben hat. Wie so viele Erfolgsgeschichten, entsprang auch diese einer ungezwungenen, heiteren Plauderei. Die Debattierer des BGDC hatten im vergangenen Jahr an der Ostdeutschen Meisterschaft teilgenommen, deren Chefjuroren Lukas Haffert und Nicolas Friebe das Thema „Es ist 1952. Soll die BRD die Stalin-Note annehmen?“ gestellt hatten. Die Marburger waren davon so begeistert, dass sie auf der Heimfahrt beschlossen, ihre Vereinsmeisterschaft 2013 mit ausschließlich Geschichtsthemen abzuhalten. Hinterher schickten sie einen Bericht an die Achte Minute. Darin wurden auch die Geburtsfehler nicht verschwiegen, etwa die mangelnde Debattenqualität auf Grund des fehlenden Fachwissens. Die Kommentare zu dem Artikel, in denen nach Wiederholung in größerem Rahmen gerufen wurde, veranlassten den Club dazu, das Turnier ein zweites Mal auszurichten, dieses Mal für externe Gäste.

Mit einem regen Interesse wurde deshalb bereits im Vorfeld gerechnet, obgleich den Rednern im Falle des Erfolges weder Pokale, noch Punkte winkten. Von den Juroren ganz zu schweigen. Schon die Organisatoren vieler ZEIT DEBATTEN und FDL-Turniere kämpfen bekanntlich regelmäßig mit dem Problem zu weniger Juroren. Nicht so beim Geschichtsturnier: Knapp 30 Teams meldeten sich für das Turnier, mehr, als die Marburger Übernachtungsplätze anbieten konnten. 20 reisten schließlich aus ganz Deutschland nach Oberhessen, außerdem drängten über 20 Juroren zu dem Turnier. Die Redner befanden sich so bereits in den Vorrunden in der komfortablen Situation, vor einem vier- bis fünfköpfigen Panel  aufzutreten, in dem routinierte Juroren saßen. Ein Schaden entstand den Organisatoren also nicht daraus, dass das Geschichtsturnier kein Teil der beiden etablierten Turnierserien war.

Dabei sein ist alles

Im Gegenteil: Vor Ort entpuppte sich das sogar als Pluspunkt. Die Grundidee der FDL, die ihren größten Wert ausmacht, ist das Konzept des Punktesammelns, durch das auch Turniere junger Clubs in entlegenen Orten zuverlässig besucht werden. Gleichzeitig nimmt der Wettbewerbscharakter den Turnieren ihre Leichtigkeit, weil für die Redner, ähnlich wie bei einer ZEIT DEBATTE, immer der Druck dabei ist, erfolgreich zu sein. Beim Geschichtsturnier war die Stimmung frei nach dem Motto „Dabei sein ist alles“ ausgelassen und entspannt.

Genervt sind vor allem erfahrene Redner und Juroren regelmäßig von Turnierdebatten, die als inhaltlich schwach, verworren und zäh empfunden werden. Um dieses Phänomen einzudämmen, bürgern sich Factsheets zunehmend ein, obgleich Chefjuroren bei der Themenfindung weiterhin den allgemeingebildeten, regelmäßigen Zeitungsleser vor Augen haben. Was aber kann bei einem Geschichtsturnier als Allgemeinbildung gelten, zumal die Geschichte in Presseerzeugnissen für gewöhnlich eine untergeordnete Rolle spielt? Die Chefjuroren des ersten offiziellen Geschichtsturniers, Tobias Kube und Daniil Pakhomenko, entschieden sich dafür, die Teilnehmer stärker als üblich an die Hand zu nehmen. Sie empfahlen im Vorfeld ausdrücklich die Mitnahme eines geschichtlichen Nachschlagewerkes und versorgten die Teilnehmer zusätzlich mit Factsheets. Dementsprechend gab es kaum Teams, die in den Debatten inhaltlich völlig einbrachen, weshalb sich Redner und Juroren auf Strategie, Ausführung der Argumentation und Rollenerfüllung konzentrieren konnten.

In einer Präsentation zu Beginn des Turniers erläuterten die Chefjuroren zudem ausführlich die Vorgabe, dass ausschließlich aus der Perspektive des angegebenen Zeitpunkts argumentiert werden durfte. Spätere geschichtliche Entwicklungen und heute geltende Wertmaßstäbe durften nicht eingebracht werden, was die Redner dazu zwang, sich in die Position früherer Entscheidungsträger hineinzuversetzen. Die Debatten wurden, wie sich im Austausch der Teilnehmer zeigte, daher nicht nur als außergewöhnlich gehaltvoll, sondern auf Grund ihrer rollenspielartigen Tönung auch als unterhaltsam empfunden.

Gut gelaunte Helferinnen beim Geschichtsturnier in Marburg: Ranya Allouch (l.) und Anastasia Molchanowa (c) Sarah Jawaid

Gut gelaunte Helferinnen beim Geschichtsturnier in Marburg: Ranya Allouch (l.) und Anastasia Molchanowa
(c) Sarah Jawaid

Ein Hoch auf die Gastfreundschaft

Nachdem die Organisatoren unter sportlichen Aspekten bereits voll ausgeschöpft hatten, was der Themenschwerpunkt hergab, nutzte der BGDC ihn auch für das gewisse Etwas bei der Organisation. Hier wurden zuerst die Grundlagen geschaffen, so verzichtete der Marburger Club im Sinne der Gastfreundschaft darauf, eigene Teams ins Rennen zu schicken. Neben den Cheforganisatoren Anne Suffel, Sarah Jawaid, Carsten Schotte und Ruben Brandhofer waren daher stets ausreichend viele Helfer vor Ort, um reibungslose Abläufe und die Versorgung der Teilnehmer zu gewährleisten.

Der einzige Fehler passierte am Samstagabend und musste als Pech verbucht werden. Die Eigentümer des Clubs nahe des Bahnhofs, in dem die Marburger Abendessen und Geselligkeit zelebrieren wollten, hatten die Veranstaltung vergessen und konnten die Tore erst mit zweistündiger Verspätung öffnen. Die Gäste nahmen es gelassen und ließen sich in eine Kneipe um die Ecke führen, wo der BGDC einen dreistelligen Betrag für Getränke zur Verfügung stellte. Ein positives Signal, da es neuerdings offenbar in einigen Clubs Mode geworden ist, sich bei kleinen Turnieren durch hohe Teilnehmerbeiträge und niedrige Ausgaben die Clubkasse aufzubessern. Dabei war es stets ein Erkennungsmerkmal der Clubs, die sich in jahrelanger Arbeit einen Ruf als exzellente Ausrichter erworben haben, die Kosten bei einem studentischen Turnier möglichst niedrig zu halten und die Gäste dennoch bestmöglich zu versorgen.

Dekoriert wurde das sauber organisierte Turnier mit hübschen Ideen rund um das Thema Geschichte. Am Freitagabend wurde eine Führung durch die Stadt angeboten, deren Altstadt mit dem Landgrafenschloss sämtliche Kriege seit dem Mittelalter und den Abrisswahn in den 1960er Jahren unbeschadet überstanden hat. Am Samstag und Sonntag gab es in den Pausen ein Geschichtsquiz zur Unterhaltung der Teilnehmer. Sie wurden außerdem mit historischen Filmaufnahmen auf die Debatten eingestimmt, die Tobias Kappey im Vorfeld zu Videos zusammengeschnitten hatte. Die Kreativität der Ausrichter gipfelte im eingangs erwähnten Präsentkorb, der auf das Finalthema zur Deutschen Wiedervereinigung abgestimmt war.

Erfolgsrezept: Arbeit statt abgekupferter Ideen

Der BGDC hatte eine gute Idee, die viele Interessierte angelockt hat. Darauf ausgeruht haben sich die Marburger klugerweise nicht, sondern vorgemacht, wie eine gelungene Turnierorganisation aussieht. Das spricht sich erfahrungsgemäß schnell herum und wird sich vermutlich auszahlen. Denn originelle Ideen nutzen sich ab, so, wie Verliebtheit garantiert der Routine weicht. Das Geschichtsturnier selbst wird nur ein-, zweimal ein Publikumshit allein deswegen sein, weil es aufregend anders ist. Falls es ein nächstes Mal gibt, kommen die Teilnehmer dann vielleicht schon deshalb, weil sie gehört haben, dass das Turnier gut sei.

Halb im Spaß, halb im Ernst wird in der Debattierszene schon über mögliche Kopien des Geschichtsturniers gemunkelt. Bräuchte man nicht mal ein Turnier, auf dem sich Juristen so richtig austoben können? Wie wäre es mit einem Themenschwerpunkt Fußball oder Film & Fernsehen? Ehrgeizige Clubvorstände wittern ihre Chance auf Profilierung durch ein Turnier mit Alleinstellungsmerkmal. Nichts gegen diesen Eifer, aber eine gute Idee allein macht noch kein gutes Turnier. Ganz abgesehen davon, dass eine kopierte Idee nur noch halb so originell ist wie das Vorbild.

Sarah Kempf/hug

Anm. d. Red.: Die Chefjuroren des Geschichtsturniers veröffentlichten ein Dokument mit allen Themen, Factsheets und Casefiles. Geschichtsturnier Themen Factsheets Casefiles

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