„Die meiste Zeit habe ich mit informellen Gesprächen verbracht“ – Marcus Ewald im Gespräch über den EUDC Council

Datum: 7. Mai 2014
Redakteur:
Kategorie: International, Jurieren, Menschen, Mittwochs-Feature

Die Europameisterschaft wird 2015 in Wien ausgetragen und findet damit erstmals seit 2006 wieder im Gebiet des Verbandes der Debattierclubs an Hochschulen e.V. (VDCH) statt. Während der European Universities Debating Championships (EUDC) wird mindestens einmal der European Council tagen. In dieses Gremium wird aus jedem Teilnehmerland ein Delegierter entsandt. Es legt alle Regeln rund um die Europameisterschaft fest, etwa die Kriterien für den Break, bestimmt die Ausrichter der künftigen EUDC und diskutiert rund um das Turnier anfallende Probleme und Fragen. Dem Council steht der Council President vor. Marcus Ewald war im Jahr 2012/13 nach Jens Fischer der zweite Deutsche, der dieses Amt bekleidete. Mit der Achten Minute sprach er über die Spaltung Debattiereuropas, Jurorenausschluss und informelle Gespräche.

Achte Minute: Marcus, warum hast du dich um das Amt des Council President beworben?

Marcus Ewald: Meiner Meinung nach darf ein Council President nicht zu sehr darauf bedacht sein, eine eigene Agenda durchzusetzen. Er muss viel eher in der Lage sein, die verschiedenen Befindlichkeiten aus ganz Europa einzuschätzen, um gut vermitteln zu können. Jemand, der krasse Reformvorhaben verfolgt, statt verschiedene Strömungen zu vereinen, läuft Gefahr, Europa zu spalten. Es gab verschiedene Menschen, die mir vorschlugen, zu kandidieren. Deshalb habe ich mich selbst beworben. Es gab dann eine Kampfabstimmung. Die habe ich unter anderem deshalb gewonnen, weil ich mich für eine gemeinsame europäische Stimme bei den Weltmeisterschaften für einen generellen Break bei 18 oder mehr Punkten ausgesprochen habe und dafür, an die Vorarbeit von Jens Fischer anzuknüpfen, die Prozesse im Debattieren insgesamt zu professionalisieren.

Marcus Ewald

Marcus Ewald beim Comedy Battle 2014 in Karlsruhe. Copyright Natalia Lebedeva & Pawel Schneider

AM: Wie sah deine Arbeit als Council President aus?

Marcus: 80 Prozent meiner Zeit habe ich mit mehr oder weniger informellen Gesprächen verbracht. Wenn man als Council President auf einer Debattierparty steht, kommen sehr schnell viele Menschen und wollen Council-Sachen besprechen. Da ging es zum Beispiel darum, wer sich um die Ausrichtung der Euros bewerben wird, wer welchen Vorschlag im Council einbringen möchte oder welche Entwicklungen im internationalen Debattieren die Aufmerksamkeit des Councils erfordern könnten. Inhaltlich habe ich mich vor allem dafür eingesetzt, dass die europäischen Länder international mit einer Stimme sprechen. Vor vier Jahren hat der EUDC-Council festgelegt, grundsätzlich Beschlüsse des Councils der World Universities Debating Championship (WUDC) zu übernehmen. Das führt auf der einen Seite zu einheitlicheren Standards, aber auf der anderen Seite müssen wir Europäer auch mit den Beschlüssen des WUDC-Councils leben können. Das Problem Europas im WUDC-Council war allerdings bislang, dass die asiatischen Länder sehr oft einheitlich stimmen und dadurch als Block sehr mächtig sind. In Europa dagegen gingen die Meinungen und Interessen immer schon weiter auseinander. Das habe ich zu ändern versucht. Bei den Weltmeisterschaften 2013 in Berlin habe ich beispielsweise zum ersten Mal seit drei Jahren ein Treffen des EUDC-Councils außerhalb der Europameisterschaften einberufen, um dafür zu sorgen, dass Europa mit geeinter Stimme spricht. In meiner Amtszeit habe ich außerdem die Etablierung des Women’s Forum unterstützt sowie die European Debating League (EDL) eingeführt. Ich bin sehr dankbar, dass die jetzt von Peer Klüßendorf und Jovan Petronijević so gut weitergeführt wird.

AM: Wie setzt sich der European Council genau zusammen?

Marcus: Jedes Mitgliedsland ist mit einem Country Delegate vertreten und hat eine Stimme im Council. Außerdem gibt es den President, der dem Council vorsteht, und daneben den Registrar und den Secretary, die die Sitzung protokollieren und kontrollieren, dass alles mit der Constitution der EUDC konform abläuft. Gemeinsam mit dem Ausrichter der vergangenen und dem Ausrichter der kommenden Euros bilden sie das Council Committee. Das Committee hat kein Stimmrecht im Council, sondern leitet die Sitzungen und gibt zum Beispiel Empfehlungen. Außerdem trifft es als Quasi-Exekutive ad hoc Entscheidungen, wenn etwas auf dem Turnier sehr schnell gemanagt werden muss. Auf den Euros in Manchester im vorigen Jahr etwa habe ich davon erfahren, dass Teilnehmer, darunter Juroren, auf einer Facebook-Seite Wetten über den Ausgang von Debatten organisiert haben. Wir haben das besprochen und ich habe dann als Council President den Chefjuroren empfohlen, dass Juroren bei diesen Wetten nicht mitmachen dürfen.

AM: Auf der Manchester EUDC 2013 hat sich der Debattierklub Wien zum ersten Mal zwei Jahre im Voraus um die Ausrichtung der Euros beworben. War dieser Vorstoß anderen Wettbewerbern gegenüber nicht unfair?

Marcus: Nein, auf keinen Fall. Diese Verfahrensweise ist als Möglichkeit auch in der Constitution der EUDC vorgesehen. Im Vorfeld der Euros war ich als Council President Ansprechpartner für die Debating Societies, die sich bewerben wollten. Mit Erlaubnis des DKWien habe ich die anderen Societies darüber informiert, dass Wien sich 2 Jahre im Voraus bewerben wird. So hatten mögliche Konkurrenten die Chance, sich ebenfalls zu bewerben. Ich nehme an, dass sich das Vorgehen etablieren wird und sich Societies in Zukunft immer zwei Jahre im Voraus bewerben werden.

AM: Wenn die Ausrichter ab sofort immer doppelt so viel Vorbereitungszeit haben wie früher, werden doch sicherlich die Ansprüche der Teilnehmer viel höher.

Marcus: Nein, das glaube ich nicht. Als einzige Herausforderung müssen die Clubs sich sicher sein, dass mehrere Personen im Club die Euros wirklich ausrichten wollen. Das ist ein guter Qualitätsgarant, weil dadurch diejenigen Societies wegfallen, die das eben nicht garantieren können.

AM: Und wenn sich mal niemand findet, der die Euros ausrichten möchte?

Marcus: Es ist die Aufgabe des Präsidenten, dafür zu sorgen, dass das nicht passiert. Die Situation gab es einmal bei den Worlds in Manila, als sich niemand um die Ausrichtung 2014 beworben hat. Der Präsident des WUDC-Councils hat dann nach den Worlds Ausrichter gesucht und Chulangakorn in Thailand sowie Chennai in Indien gefunden. Die beiden Bewerber haben ihre Bids schließlich online veröffentlicht und es gab auch eine Online-Abstimmung über die Vergabe. So würde das bei den Euros auch laufen.

AM: Bei der EUDC ist es üblich, dass unabhängig von Clubs anreisende Juroren, die sogenannten Independent Adjudicators, zum Teil massive finanzielle Unterstützung erhalten. Die Chefjuroren entscheiden darüber, welche Juroren die Förderung erhalten, und vergeben sie zum Teil an Personen, die sie seit Jahren können und mögen. In Deutschland stößt das häufig eher auf Unverständnis. Ist das nicht einfach Vetternwirtschaft?

Marcus: Jedes Chefjurorenteam, das ich kenne, ist mit den Geldern sehr verantwortungsbewusst umgegangen. Das liegt schon daran, dass es im Panel häufig so viele verschiedene Meinungen gibt, dass ungerechte Bevorzugung nicht möglich ist. Stattdessen stellen die Chefjuroren Kriterien auf, die sehr transparent sind und ausschließlich die Jurierqualität im Blick haben. Relevant ist da zum auch gerade der Debattierlebenslauf. Ein Teil davon ist beispielsweise, auf wie vielen Turnieren jemand schon als Juror gebreakt ist.

AM: Auf deutsche Turnieren fahren Juroren allerdings auch ohne Finanzspritze.
Marcus: Vermutlich würden viele Independent Adjudicators auch ohne diese Förderung kommen, einfach weil sie das Debattieren mögen. Es ist allerdings ungerecht, wenn nur die kommen können, die es sich leisten können. Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen die Teilnehmerbeiträge und Reisekosten von den Personen üblicherweise privat gezahlt werden. In vielen Ländern wird das von den Clubs getragen, die das Geld wiederum erwirtschaften, indem sie Turniere mit finanziellem Gewinn ausrichten oder Sponsoren gewinnen. Bei den Euros aber muss es darum gehen, eine möglichst hohe Jurierqualität zu gewährleisten. Und manche äußerst qualifizierte Juroren könnten ohne die Förderung einfach nicht kommen.

AM: Lieber Marcus, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nikos Bosse.

nbo/kem

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Marcus Ewald ist Deutscher Debattiermeister 2008. Er war u.a. Chefjuror der Deutschen Meisterschaft 2011, der ZEIT DEBATTE Stuttgart 2010 und der Süddeutschen Meisterschaft 2012. Als Präsident stand er in der Amtszeit 2012/13 dem EUDC Council vor, in der Amtszeit 2010/11 war er Vizepräsident des Verbandes der Debattierclubs an Hochschulen e.V. (VDCH).

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