Pack den Trainerleitfaden ein: Sabrina Göpel über das zweite Modul Train the Trainer am Wannsee

Datum: 2. Dezember 2015
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature, Veranstaltungen

Wie können wir uns mit unseren Stärken einzigartig machen? Wie kann ich als Trainer Persönlichkeit entwickeln? Und welche Werkzeuge kann ich verwenden, um Trainings effektiv und nachhaltig zu gestalten?

Train-the-Trainer Berlin November 2015 (c) Sabrina Goepel

 (c) Sabrina Göpel

Ganz im Zeichen dieser Fragen stand das zweite Modul von Train the Trainer in Berlin, das vergangenes Wochenende neben diversen anderen Debattierveranstaltungen stattfand. Thore Wojke und Sarah Andiel hatten als Leiter des Projekts wieder einmal keinerlei Mühen gescheut und zusammen mit den Mastertrainern Farid Schwuchow, Jan-Dirk Capelle und Moritz Kirchner ein lehrreiches und unterhaltsames Seminarwochenende auf die Beine gestellt.

Stärken stärken: Kompetenzorientierte Entwicklung

Jeder macht Fehler. Und den meisten fallen diese Fehler auch auf, was Sarah direkt zu Beginn des Seminars mit einer Reihe einfacher Rechenaufgaben veranschaulichte. Der Trick, um ein richtig guter Trainer zu werden, sei aber, nicht nur bei den Teilnehmern, sondern vor allem bei sich selbst auf den eigenen Stärken aufzubauen. „Das ist wie bei Steffi Graf und ihrer Rückhand“, so Sarah. Man müsse auch das perfektionieren, was man schon könne, und den Fokus nicht allein auf das Ausbessern von Fehlern legen. Was hatten wir also für Stärken bei unseren Probetrainings feststellen können? Und was wollten wir am Wochenende lernen, um diese Stärken ausbauen zu können? Der Einstieg am Freitagabend war so im wahrsten Sinne des Wortes sehr positiv gestaltet.

Den inneren Neandertaler bezwingen und als Trainer Persönlichkeit entwickeln

Train-the-Trainer Berlin November 2015 (c) Sabrina Goepel

Trainees entspannen (c) Sabrina Göpel

Sehr psychologisch ging es morgens weiter: „Ein Training zu halten, ist Persönlichkeitsentwicklung“, warb Moritz. „Und teilweise wird man auch für die eigene Persönlichkeit bezahlt.“ Umso wichtiger sei es, seine eigene Persönlichkeit als Trainer zu kennen, um sie bewusst einsetzten zu können. Ganz nach guter alter Psychologen-Manier bekamen wir also einen Fragebogen und konnten so beispielsweise einschätzen, wie extravertiert, selbstwirksam und dominant wir wohl seien. Oder aber, wie „nett“ (Verträglichkeit). Und auch, wie stark der „preußische“ Teil unserer Persönlichkeit ausgeprägt sei (Moritz’ liebevolle Bezeichnung für die Gewissenhaftigkeitsskala). Die zugeschriebenen Eigenschaften der verschiedenen Skalen seien allerdings kritisch zu sehen: „In der ersten Vorlesung in Studium lernt man: Die Psychologie wertet nicht. Das ist relativer Bullshit, wobei die Relativität relativ groß ist.“ Denn ein Trainer mit recht hoher Ausprägung auf der Neurotizismus-/Ängstlichkeitsskala sei keinesfalls nur negativ zu betrachten. Neurotische Menschen könnten zum Beispiel sehr produktiv bremsen.

Manche Fähigkeiten sind jedoch so essentiell im Trainerdasein, dass man sie unabhängig von Persönlichkeitseigenschaften beherrschen sollte. Zum Beispiel, wie man mit Einwänden kritischer oder diffamierender Art umgehen sollte. Aussagen wie: „Die Übung ist wirklich albern und völlig unangemessen an dieser Stelle“ wecken, so Jan-Dirk, oft den „inneren Neandertaler“ in einem. Dieser handele am liebsten nach einem ganz einfachen Prinzip: „Ist der andere größer, hau ab. Ist er kleiner, hau drauf.“ Das Ziel sei es, jetzt als guter Trainer diesen inneren Neandertaler zu bezwingen. Wie? Mit einem Sandwich. Schön verpackt in Salat (positive Lösungsvorschläge) und Brot (Wertschätzung und Rückversicherung) dem Fleisch (oder veganen Kern) des Einwands begegnen. Also stellten wir uns in die Küche und übten uns im Kampf gegen den inneren Urzeitkrieger.

Praxis in Diskussion

Zwischen dem ersten und zweiten Modul war es die Aufgabe der Trainees, ein möglichst 90-minütiges Probetraining zu einem beliebigen debattierrelevanten Thema zu veranstalten und reflektieren. Die Erfahrungen und Übungen aus diesen Trainings wurden in Berlin ausführlich für jeden einzelnen der Auszubildenden unter die Lupe genommen und kommentiert. So entstanden ganz neue Ideen für die Umsetzung von Trainingseinheiten. Es kamen neue Fragen und Probleme auf, die es wiederum zu lösen galt. Gerade der intensive Feedback-Austausch zwischen allen Beteiligten schweißte die Gruppe zusammen. Auch überrachende Aufgaben erwarteten uns: Jule Biefeld beispielsweise ließ uns durch den Raum laufen, wild auf Dinge zeigen und dabei vollkommen falsche Benennungen rufen. „Ich möchte, dass ihr einmal wie mit dem Scheibenwischer alle Gedanken und Assoziationen in eurem Kopf wegwischt.“ Um dann einen neuen Gedanken möglichst flexibel und frei beginnen zu können. Wozu das Ganze? Vielen Leuten fehle die Spontanität in Denkprozessen, die aber besonders im Debattieren für Zwischenreden, Rebuttal und Antworten auf POIs wichtig sei.

Mit Werkzeugkoffer und vollen Akkus ein Blick in die Zukunft

Train-the-Trainer Berlin November 2015 Gruppenfoto (c) Sabrina Goepel

 (c) Sabrina Göpel

Der Sonntag drehte sich rund um die Professionalisierung des Trainerdaseins. Die Methodensammlung wurde weiter gefüllt, Motivation geschaffen und Synapsen wurden gleich zu Beginn aktiviert. „Wenn die Begeisterung erst am Ende kommt, habe ich 90 Prozent verpasst“, konstatierte Erik Thierolf. Also lieber Neugier wecken, bevor ein Großteil der Arbeit, die in der Konzeption eines Trainings steckt, im Sande der fehlenden Identifikation mit dem Thema versickert. Die Vorstellung unseres besten zukünftigen Selbst sollte uns Entwicklungspotenzial aufzeigen, auch für die Tätigkeit als Trainer. Vor welche Herausforderungen sehen wir uns gestellt, wenn wir uns unsere Ziele für einen bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft vor Augen führen? Und welche Stärken werden wir einsetzen, um diese Herausforderungen zu meistern?

Eine Methode, wie Personen geholfen werden kann, bestimmte Ziele zu erreichen, ist das Coaching: eine Interventionsart, die auf genau solcher Selbstreflexion aufbaut, wie wir sie über unser zukünftiges Ich anstellten. Ein wichtiges Bild gab Moritz mit auf den Weg: „Jede Person hat zwei Akkus: den Motivationsakku und den Willensakku.“ Der erste würde dann angezapft, wenn jemand „Bock“ habe, etwas zu tun oder zu lernen. Der zweite baue eher auf Erwartungen und wahrgenommenem oder selbst auferlegtem Zwang auf. Aufladen könne man die Akkus nur intrinsisch, also aus sich selbst heraus. Deshalb verzichte das Coaching auf Ratschläge, sondern helfe bei der Entwicklung eigener Ideen.

Mit diesem Wissen probierten wir dieses Verfahren im Hinblick auf die anstehenden Zertifizierungstrainings an uns gegenseitig aus. Mit Erfolg, denn zum Ende schienen die Trainees hochmotiviert, die erlernten Fertigkeiten in Debattierdeutschland umgehend zu erproben und in so manchem Fall über den Tellerrand hinauszublicken und außerhalb der Debattierszene Menschen zum Beispiel argumentativ zu schulen. Möglichkeiten gibt es allemal: „Wir hatten neulich einen so genannten ,Coolness-Trainer’ an der Schule“, berichtete Thore. Er sollte Schüler lehren, selbstbewusster und gezielter in schwierige Situationen zu gehen. „Wenn man etwas ganz fest im Kopf hat, dann strahlt man das nach außen hin aus.“

In diesem Sinne: Habt keine Scheu, reicht euer Wissen kompetent weiter und seid weiterhin so eine großartige (und kuschelige) Bereicherung für die Debattierwelt. Ihr könnt etwas bewegen, also nutzt diese Chance. Know how, show how, und vor allem: be how.

Sabrina Göpel/hug

Mittwochs-Feature

Sabrina Göpel ist Vorsitzende des Brüder-Grimm-Debattierclub in Marburg. In diesem Jahr gewann sie den Tübinger Streitkultur-Cup.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

 

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