Alternative Konzepte verwirklichen: Das Freundschaftsturnier in Halle

Datum: 9. März 2016
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature, Neues aus den Clubs, Turniere

Am 27. Februar war nach langer Zeit wieder ein Turnier zu Gast bei Klartext Halle e.V. Dabei wurden von den Veranstaltern verschiedene Ideen, die im heutigen Debattieren selten Anwendung finden, verwirklicht. Über die Erfahrung und die Gedanken zu dem Turnier berichten die Veranstalter Erik Schymalla und Jule Biefeld.

Obwohl wir es leider nicht geschafft hatten, dem Sponsor rechtzeitig Bescheid zu sagen und die müden Debattierer so ohne ein koffeinhaltiges Energy-Erfrischungsgetränk auskommen mussten, starteten am 27. Februar 48 Debattierer aus Leipzig, Magdeburg, Münster, Hannover, Bonn, Berlin und Halle pünktlich dreißig Minuten nach der vereinbarten Zeit zum ersten Hallenser Freundschaftsturnier in den Räumen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Pegah beim Workshop

Pegah Maham beim Workshop in Halle. © Jule Biefeld

Das Freundschaftsturnier umfasste einen Tag mit drei Debatten im British Parliamentary Style (BPS), einen Workshop von Pegah Maham und eine gemütliche WG-Party als gemeinsamen Tagesabschluss. Es unterschied sich dabei in drei wesentlichen Punkten von anderen Debattierveranstaltungen:

1. Da bewusst keine Chefjuroren bestimmt worden waren, hatten die Juroren, gleich wie erfahren, die Möglichkeit, Themen vorzuschlagen und demokratisch darüber abzustimmen, welche letztlich debattiert wurden.

2. In der mit zwanzig Minuten großzügig angesetzten Feedbackzeit wurde von den Juroren nicht nur vergleichendes sondern auch verbesserungsorientiertes Feedback vergeben.

3. Außerdem wurde auf Powerpairing verzichtet, um weniger erfahrenen Debattierern die Gelegenheit zu geben, sich in einem Raum mit erfahrenen Rednern zu messen. Das ermöglichte gegenseitiges Lernen und gab Anstöße für Nachgespräche.

Basisdemokratische Themenfindung in der Ostzone

Ideen für spannende, aktuelle und relevante Themen hat jeder Debattierer. Dabei ist die Bandbreite enorm groß, schließlich hat jeder einen anderen universitären Hintergrund und unterschiedliche Interessengebiete. Deshalb haben wir beschlossen, die Themenfindung nicht einzelnen Chefjuroren zu überlassen, sondern die Bandbreite der Juroren auszunutzen und jedem von ihnen die Möglichkeit zu geben, Themen vorzuschlagen und zur Abstimmung unter den Juroren zu stellen.

Außerdem befindet sich jeder einzelne Juror nun in der Situation, das Gelingen des Turniers direkt und aktiv mitzuverantworten, indem er beispielsweise daran interessiert ist, möglichst nachvollziehbare und angemessene Ergebnisse in den Jurierungen zu erzielen. An dieser Stelle nutzen wir die Gelegenheit und sagen noch einmal “Danke” an alle Juroren, die nicht nur kreative Themenvorschläge eingebracht, sondern das ganze Turnier enorm unterstützt haben!

Die „Leiden“ des jungen Debattierers

Auf normalen Turnier ist es oft so, dass erfahrene Debattierer wie in einem Rudel zusammengerottet sind. Die Erfahrenen sind die Löwen und die Anfänger sind die Gazellen. Für ein Wochenende müssen sie sich nun die Wasserstelle teilen.

Wenn ein Anfänger in der ersten Runde einem Löwen begegnet, wird er oft zerrissen. Dabei gibt es zwei mögliche Wege, aus so einer Runde zu scheiden. Man sieht den besseren Debattierer und ist entweder motiviert, seinem Beispiel nachzueifern, weiß aber nicht, wie, oder aber demotiviert, da man nicht weiß, wie. Somit hat ein Redner weniger Spaß am Debattieren.

Natürlich gehen wir hier vom schlimmsten Fall aus. Turniere sind für die meisten Redner eine fantastische Erfahrung. Je länger man auf Turnieren debattiert und je mehr Erfahrung man sammelt, desto leichter fällt es, Feedback einzuordnen und damit umzugehen, wenn die Leistung nicht den eigenen Ansprüchen genügt. Aber das kann schwer fallen, wenn man über wenig Erfahrung verfügt und wenig Training hatte. Um mit eben diesem Fall umzugehen, schlagen wir hier als Alternative ein Freundschaftsturnier vor.
Unser Modell des Freundschaftsturniere, das auf den kompetitiven Gedanken verzichtet, bietet die Möglichkeit, in einer behaglichen Atmosphäre gemeinsam mit erfahreneren wie neueren Debattierern Fortschritte zu machen, was den Clubs und damit natürlich auch der Debattierszene insgesamt nützt. Damit soll auf keinen Fall gesagt sein, dass kompetitive Turniere nicht das Herz der aktiven Debattierszene sind – Freundschaftsturniere sind ein Element für mehr Diversität, um gemeinsam Erfolge zu erzielen.

Spielwiese

Teilnehmer in Halle

Die Gäste, aufmerksam bis amüsiert. © Jule Biefeld

Ein Freundschaftsturnier ist ein idealer Ort, um ohne Begrenzung von Startplätzen Teams bunt zusammenzuwürfeln. So kann unter Turnierbedingungen getestet werden, welche Teamkonstellationen auf Turnieren funktionieren und mit wem sich im Club neue Debattierer am besten entwickeln können. Gerade im Hinblick auf Turniere wie zum Beispiel internationale Opens besteht hier eine ideale Testmöglichkeit.

Außerdem können Clubs und ihre Mitglieder hier gemeinsam Pläne für eine Zusammenarbeit schmieden – anders als auf Club-Strategie-Treffen, auf denen oft nur Vorstandsmitglieder anwesend sind, und auch anders als auf regulären Turnieren, auf denen zwischen Debattenvorbereitung und straffem Zeitplan kaum Zeit für einen intensiven, strategischen und innovativen Austausch bleibt.

Wir haben bei der Ausrichtung unseres Freundschaftsturniers die Erfahrung gemacht, dass diese Art von Turnier viele Vorteile bietet und eine hervorragende Ergänzung zu anderen Turnieren darstellt. Dafür bedarf es aus unserer Sicht dreier wichtiger Komponenten: Erstens des Schaffens eines behaglichen Klimas, zweitens des weitestgehenden Ausschlusses kompetitiver Elemente und drittens der Möglichkeit des intensives Feedbacks und der Gelegenheit zur konstruktiven Auseinandersetzung damit.

Am Ende hoffen wir, dass wir nicht nur die karge Zeit ohne Turniere etwas überbrücken konnten, sondern auch andere dazu angeregt haben, über ein Freundschaftsturnier nachzudenken.

Erik Schymalla/Jule Biefeld/lok/hug

 

Mittwochs-Feature

Erik Schymalla debattiert seit 2008 beim Wettbewerb „Jugend debattiert“, in dessen Alumniverein er zur Zeit das Amt des Vorsitzenden innehat. Seit Beginn seines Jurastudiums 2012 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg debattiert er dort bei Klartext Halle e.V. und ist Vizepräsident des Clubs.

Jule Biefeld war von 2014 bis 2015 Vorsitzende der BiTS Debating Society. Als Jurorin breakte sie auf verschiedenen nationalen und internationalen Turnieren, etwa auf dem Budapest Open 2015 und auf den ZEIT DEBATTEN Oberfranken und Göttingen. Sie studiert an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg an der Saale und debattiert im Club Klartext Halle e.V.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

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5 Kommentare
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  1. Hört sich ziemlich cool an :) Wobei ich das ja dann nicht mehr unbedingt “Turnier” nennen würde, wenn es keinen kompetititven Aspekt mehr gibt. Klingt für mich eher wie ein offener Clubtag (statt Clubabend und offen, weil alle hin kommen konnten) und super entspannt. Tolle Idee, sowas sollte man gerne öfter machen :)

  2. Ich würde es so formulieren: Es geht um eine Verschiebung der Gewichtung bei der Idee des “Freundschaftsturniers”. Statt der Prioritisierung des kompetitiv errungenen Erfolgs, geht es um eine für Debattiereinsteiger angenehmere Atmosphäre des freundlichen Miteinanders in Debatten.

    Das Ganze ähnelt einem Freundschaftsspiel im Fussball. Gewinnen ist da auch nicht alles.

  3. Das ist eine gute Idee. Wir haben in Jena vor ein paar Jahren mal was ähnliches gemacht – eine Debattier-Convention ohne kompetitiven Charakter. Das sollte öfter gemacht werden.

  4. Welche Themen haben denn die Jurierenden vorgeschlagen?

  5. Wir Clubs am Bodensee veranstalten regelmäßig Freundschaftsdebatten, alleine schon weil alle Clubs (Konstanz, St. gallen und Friedrichshafen) sehr klein sind. Es geht dabei weniger um den Wettbewerb, sondern darum, auch mal mit anderen Leuten zu debattieren und nicht immer von den selben Personen juriert zu werden.
    Allerdings läuft das dann in einem wesentlich kleineren Rahmen ab.

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