Studie: Wie divers ist das Debattieren?

Datum: 16. März 2016
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature, VDCH

Pegah Maham, VDCH-Beirätin für Equity und Fairness, führte im Laufe des letzten halben Jahres einige Umfragen durch, um ein genaueres Bild darüber erstellen zu können, als wie divers das Debattieren innerhalb der Szene wahrgenommen wird. Die Ergebnisse stellen wir euch im dieswöchigen Mittwochsfeature vor.

Diversität

Als ich im Herbst in Göttingen und im Januar in Hamburg Umfragebögen zu Equity und Fairness ausgeteilt habe, hatten insgesamt mehr als 100 Teilnehmer*innen (=TN) einen solchen Bogen ausgefüllt und abgegeben. Ein Aspekt von Equity und Fairness ist Diversität. Auf die Frage, welchen Grad an Veränderungen sie begrüßen würden, damit das Debattieren diverser wird, antworteten mehr als drei Viertel der Befragten entweder mit „Veränderungen, die den Charakter des Debattierens, wie er momentan ist, nicht wesentlich ändern“ oder mit „Grundlegende Veränderungen, wenn nötig.“ Das zeigt, dass Vielfalt den meisten von uns wichtig und erstrebenswert ist. In diesem Artikel sind die Ergebnisse der Umfrage rund um das Thema Diversität dargestellt.

Abbildung 1: Ausgeprägtheit des Wunsches nach Diversifizierung © Pegah Maham

Abbildung 1: Ausgeprägtheit des Wunsches nach Diversifizierung © Pegah Maham

Geschlechterverhältnis

Beginnen wir mit dem Anteil der Geschlechter auf den beiden Turnieren. Beim Geschlecht gaben weniger als ein Drittel der Befragten an, weiblich zu sein (29,3%, siehe Abbildung 2). Mit 63,3% haben mehr als doppelt so viele TN männlich als ihr Geschlecht angegeben. 7,3% haben dazu keine Angaben gemacht. Auf DDL-Turnieren ist das Verhältnis noch unausgewogener. Zum Vergleich (was hier der richtige Vergleich ist, ist eine Frage für sich): 47,8% der Studierenden in Deutschland sind weiblich (Link).

Abbildung 2: Geschlechterverhältnis

Abbildung 2: Geschlechterverhältnis © Pegah Maham

Alter und Erfahrung

In Hinblick auf die Altersdiskussion, die sich im Herbst hochschaukelte, ist für einige wohl nicht nur das Debattieralter von Interesse, sondern auch das Lebensalter. 23,3 Jahre sind die TN im Mittel alt (Standardabweichung von 3,2 Jahren). Damit wären wir unter dem durchschnittlichen Alter Studierender in Deutschland. Im Wintersemester 2006/2007 lag das Durchschnittsalter der deutschen Studierenden im Erststudium (!) bei 24,6 Jahren (Link).

Neben Lebenserfahrung ist die Debattiererfahrung von Interesse. Die Antworten auf die Frage, wann man im Club mit dem Debattieren begonnen hat, sind in Abbildung 3 zu sehen. Die meisten TN haben vor 1-2 Jahren (2014) angefangen.

Abbildung 3: Zeitpunkt der ersten Clubdebatte © Pegah Maham

Die TN wurden auch gebeten, zu schätzen, ihr wievieltes Turnier das geradesei. Das Ergebnis sieht man in Abbildung 4. Mehr als 30 Turnierteilnahmen habe ich unter 30+ verbucht. (Der hohe Ausreißer bei 20 Teilnahmen lässt sich dadurch erklären, dass die meisten geschätzt haben und 20 eine runde Zahl ist.) Ca. die Hälfte der TN hat zehn oder weniger Turniere besucht und die andere Hälfte mehr als zehn.

Abbildung 4: Anzahl besuchter Turniere © Pegah Maham

Abbildung 4: Anzahl besuchter Turniere © Pegah Maham

BAföG-Berechtigung

Außerdem wurde danach gefragt, ob man BAföG-berechtigt ist. Dies dient als Schätzer des Einkommens der Eltern. Bei der BAföG-Berechtigung hat sich bestätigt, was vielen von uns keine Überraschung ist. Der Anteil von TN aus einkommensschwächeren Haushalten ist deutlich unterproportional im Vergleich zum deutschlandweiten Schnitt (siehe Abbildung 5) (Link). Interessant wäre es hier zu wissen, wie sich das Verhältnis in den Clubs verändert und ob Turniere mit ihren hohen Kosten (100€ pro Turnier wären ein Sechstel des Maximal-BAföG-Satzes. Bei 300€ Miete wären das ein Drittel des restlichen Monatseinkommens. Wenn ihr mehr zur Verfügung habt, könnt ihr ja mal hochrechnen, wie sich ein Drittel eures Monatseinkommens abzüglich Miete als Preis für ein Turnier anfühlt.) eine signifikante Barriere darstellen.

Abbildung 5: BAföG-Berechtigte beim Debattieren © Pegah Maham

Abbildung 5: BAföG-Berechtigte beim Debattieren © Pegah Maham

Abbildung 6: BAföG-Empfänger unter deutschen Studierenden © Pegah Maham

Abbildung 6: BAföG-Empfänger unter deutschen Studierenden © Pegah Maham

Studienfach

Auf der ZD Göttingen hatte ich nach Studiengängen gefragt. Diese Frage habe ich dann herausgenommen, da einige auf mich zutraten und Bedenken wegen der Anonymität äußerten. In Abbildung 7 sind die Top-Studiengänge (ab mind. 3 Nennungen) nach Häufigkeit angegeben. Jura und politikwissenschaftliche Studiengänge führen knapp vor wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen an. Das sind übrigens keine Studiengänge, in denen Frauen unterrepräsentiert sind (Link).

Abbildung 7: Verteilung von Studienfächern beim Debattieren © Pegah Maham

Abbildung 7: Verteilung von Studienfächern beim Debattieren © Pegah Maham

Migrationshintergrund

Ein weiterer, wichtiger Aspekt von Diversität ist der Anteil an TN mit Migrationshintergrund.

Mit ca. 17% ist dieser Wert zwar deutlich unter dem deutschlandweiten Anteil studierender Menschen mit Migrationshintergrund, der bei 23% liegt, allerdings in der gleichen Größenordnung.

Wahrgenommene Diversität

Mehr als die Hälfte der Befragten hat angegeben, dass sie finden, dass das Debattieren in Deutschland nicht divers ist.

Interessant ist hier, dass TN, die eher „neu“ dabei sind (also weniger als 10 Turniere besucht haben) deutlich mehr der Meinung sind, das Debattieren sei divers, wohingegen etabliertere TN (10+ Turnierteilnahmen) mehrheitlich nicht dieser Meinung sind. Sensibilisierung – und ich unterstelle, dass das der Hauptgrund für die Unterschiede ist – scheint einen großen Einfluss diesbezüglich zu haben.

Abbildung 8: Wahrgenommene Diversität mit 10+ Turnieren © Pegah Maham

Abbildung 8: Wahrgenommene Diversität mit 10+ Turnieren © Pegah Maham

Abbildung 9: Wahrgenommene Diversität mit unter 10 Turnieren © Pegah Maham

Abbildung 9: Wahrgenommene Diversität mit unter 10 Turnieren © Pegah Maham

Und jetzt?

Unser Sport, das Debattieren, unterscheidet sich von anderen Sportarten, in der Hinsicht, dass er gesellschaftlich relevante Skills vermittelt. Debattieren befähigt Menschen, ihre Meinung zu artikulieren. Es befähigt sie, ihre Interessen zu vertreten. Und es gibt ihnen das Selbstbewusstsein, das auch zu tun. Weil man komplexe Zusammenhänge zu verstehen lernt, weil man lernt, Gegenargumente zu entkräften und sich überzeugend auszudrücken. Diese Fähigkeiten vielfältig statt elitär zu verbreiten, scheint mir ein erstrebenswertes Ziel zu sein.

Forum Diversität

Um das Thema tiefgreifender zu diskutieren, sowie mögliche Maßnahmen zum Abbau von Barrieren zu erarbeiten, findet am Wochenende des 11./12. Juni in Göttingen – finanziell unterstützt von DDG und Debattierclub Göttingen –  ein Forum Diversität statt. Vieles, was Diversität angeht, liegt nicht in unserer Hand, einiges aber schon. Und genau dieses „einige“ und auch die Frage, wie die aktuelle Situation in den Clubs und auf Turnieren aussieht, soll beim Forum Diversität clubübergreifend in Vorträgen, Diskussionen und Gruppenarbeiten (ähnlich wie beim Jurier-Think-Tank) behandelt werden. Weitere Details und Anmeldemöglichkeiten werden zu gegebener Zeit über den Verteiler versendet.

 

Mittwochs-Feature

Pegah Maham ist in der Saison 2015/16 VDCH-Beirätin für Equity und Fairness. Sie studiert derzeit in Berlin und gewann verschiedene Turniere, darunter auch die ZEIT DEBATTE Tübingen 2015, erhielt verschiedene Auszeichnungen als beste Finalrednerin und war Teil der Chefjury des Otto-Cups in Magdeburg.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

Pegah Maham/lok – zuletzt aktualisiert am 17.03. um 12:43 Uhr

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11 Kommentare zu “Studie: Wie divers ist das Debattieren?”

  1. Sehr interessant und ein wichtiger Beitrag, Pegah! Gab es in der Umfrage nicht auch die Sektion, ob der/die respektive TN sich auch selbst schon mal unwohl in einer Debatte gefühlt hat, Diskriminierung erlebt hat, unsittlich berührt wurde o.Ä.? Gibt es dazu auch Ergebnisse, die von Interesse sein könnten?

  2. Christian L. (MD) sagt:

    Eine sehr spannende Studie. Speziell die Ergebnisse bei dem Anteil der Bafög-Empfänger sollte zu denken geben. Gehört der Debattiersport zu den feinen Unterschiedem im bourdieu’schen Sinne?

  3. Johannes S. (Freiburg) sagt:

    Im Wesentlichen kann man zwei Probleme identifizieren:
    1.) zu wenig BAföG-Empfänger und
    2.) zu wenig Frauen
    im Vergleich zur Grundgesamtheit aller Studenten.

    Zu 1.) Auch wenn es hart klingt, aber Debattieren ist ein Sport und nicht die Wohlfahrt. Keine Frage: Kosten sollten so gering wie möglich gehalten werden, um keine künstlichen Eintrittsbarrieren und damit Abkapselungen von vermeintlichen Eliten zu fördern. Jedoch sind die Kosten für ein Turnier bereits jetzt schon bei Vollverpflegung und Unterkunft extrem günstig. Meistens ist die Anreise am teuersten, wobei man dort auch schon durch Fahrgemeinschaften, Fernbusse etc. sehr günstig reisen kann. Dennoch: Gesamtkosten unter 25 Euro p.P. sind selbst bei einem DDL-Turnier eher die Ausnahme. Für die DDM kann es dann auch schon mal dreistellig werden und von der WUDC ganz zu schweigen. Was wären die Alternativen? A) billigere Turniere B) Subventionen für BAföG-Empfänger durch B1) „reiche“ Studenten oder B2) noch zu erschließende Sponsoren.
    Dass Turniere ohne Qualitätseinbußen noch billiger werden, halte ich für ausgeschlossen. Dazu gab es auch bereits eine ausführliche Diskussion in dem MF „Turniere der Zukunft“. BAföG-Empfänger zu unterstützen durch höhere Beiträge von Nicht-BAföG-Empfängern erachte ich für heikel. Nur weil ein Student nicht BAföG-berechtigt ist, bedeutet dies nicht, dass er im Geld schwimmt und die reichen Eltern einem alles hinterherwerfen. Klar, die gibt es auch. Aber der Großteil wird, wie ich damals auch, einfach gearbeitet haben, um sich das Hobby leisten zu können, weil das Geld der Eltern dafür nicht gereicht hätte. Nur weil man das Geld von den Eltern bekommt, statt vom BAföG-Amt, bedeutet dies nicht, dass man signifikant mehr Geld auf der hohen Kante hat. Mir sind auch Fälle bekannt, bei denen Nicht-BAföG-Berechtigte weniger Geld zur Verfügung hatten als der maximale BAföG-Satz. Die einzige sinnvolle Alternative wäre ein durch Sponsoren gefördertes Unterstützungsprogramm. Wie schwierig es aber bereits jetzt ist, Sponsoren zu finden, dürfte klar sein. Gegebenenfalls muss man auch mit der Realität klarkommen, einen Missstand nicht beheben zu können. Ich denke, im Wesentlichen trifft die Problematik ohnehin auf alle Sportarten zu, aber wir sind immer noch deutlich diverser als 99% aller Golf-Clubs. Zusätzlich denke ich nicht, dass ein Teilnehmeranstieg von BAföG-Empfängern zu einer größeren (gefühlten) Diversität führt. Oder woher soll ich auf einem Turnier wissen, wer zu Hause in Eselsmilch badet und wer in der Mensa die Reste vom Rückgabeband isst, bzw. Ironie beiseite: wer BAföG-berechtig ist und wer nicht?

    Zu 2.) Das Problem ist schon seit den Ursprüngen des (deutschen) Hochschuldebattierens bekannt und spiegelt im Wesentlichen auch die Lage in den meisten Clubs wieder. Gedanken über dieses Problem haben wir uns bereits vor über acht Jahren gemacht und vermuten, dass Frauen im Durchschnitt weniger auf kompetitive Freizeitbeschäftigungen aus sind als Männer. Und Debattieren hat definitiv eine starke kompetitive Komponente. Diese mag im Club weniger stark ausgeprägt sein als auf Turnieren, aber sie ist nach wie vor ein maßgebliches Element. Hier wäre meines Erachtens nach eine weitere Studie unter Studentinnen notwendig, die die Attraktivität des Debattierens untersucht, bzw. herausfindet, welche Faktoren eher „abschreckend“ sind und was man ändern müsste. Allerdings befürchte ich, dass eine Reform, die diese Faktoren angeht, so tiefgreifend wäre, dass der Charakter des bisherigen Debattierens verloren ginge. Wie gesagt: Sind alles nur Vermutungen und sollte m. E. weiter untersucht werden.

  4. Jan Michal sagt:

    Mir gefallen ja Statistiken und deswegen finde ich gut, dass eine erhoben wurde. Danke, Pegah!

    Doch treu dem Motto “Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast” schießen mir drei Fragen durch den Kopf: Erstens was ist die Grundgesamtheit? Die Frage zielt neben Quantität auch auf Beschaffenheit ab, schließlich wurden nur Debattant*innen gefragt, die zu Zeit Debatten fahren. Das muss nicht repräsentativ sein. Zweitens wie wurden Dopplungen ausgeschlossen, wenn die Bögen nicht anonym waren und zu zwei Zeitpunkten ausgefüllt wurden? (Leider kann ich mich nicht mehr genau an die Bögen erinnern.)

    Drittens frage ich, warum wird der Anteil der Bafög Empfänger*innen unter den Debattant*innen mit der Gesamtheit der Studierenden verglichen und nicht relativ und anteilmäßig zu den Studiengängen in Abbildung 7? Vielleicht “erben” wir nur die ökonomischen Verhältnisse dieser Studiengänge und es liegt weniger am Geld als an – Bourdieu steht eh schon im Raum – sozialem und kulturellem Kapital der Debattant*innen, welches die gefühlt (Abbildung 8 & 9) mangelhafte Diversität erzeugt. Das ist nicht unwichtig, wenn diese Zahlen als Fakten in ein “Forum Diversität” einfließen sollen.

    Spricht etwas dagegen die rohen Daten zu veröffentlichen?

  5. Allison J. (MZ) sagt:

    Finde die Fragebögen sind eine klasse Idee! Fände sie noch besser, wenn man den Kreis der Befragten in einer Runde 2 ausweiten könnte: den Bogen über den Verteiler verschicken & die Vorstände bitten, sie jeweils in den Clubs zu verteilen. Die eingescannten Versionen werden dann zurückgeschickt. So erreicht man auch diejenigen, die nicht auf Turniere fahren 🙂 und man da auch noch 1-2 Fragen einbauen, wie oft sie generell auf Turniere fahren und was die größten Hürden dabei sind.

    Dann schließe ich mich der Frage nach den rohen Daten an & sähe dabei die Fragen zur erlebten Diskriminierung (siehe auch Sebastian oben) gerne mit einbezogen. Je mehr Daten wir in Zukunft alle als Diskussionsgrundlage haben, desto besser 🙂

  6. Christian (MZ) sagt:

    @Ally: soweit ich weiß plant der VDCH ohnehin eine groß angelegte und professionelle Umfrage innerhalb der Clubs zur Mitgliederzusammensetzung. Da bin ich mal sehr gespannt drauf 🙂 Jan, Elisa, Nikos, Julius, wie ist denn da der Stand?

  7. Elisa Schwarz sagt:

    Vielen Dank für deine Mühe und die Umfrage, Pegah! Die Ergebnisse sind interessant und bieten einen guten Anknüpfungspunkt für unsere geplante Debattierevaluation.
    @ Christian: Im Moment arbeiten wir gemeinsam mit CorrelAid und der DDG an den Vorbereitungen für die Evaluation. Gerade die systematische Konzeption des Fragebogens und Überlegungen zur Durchführung brauchen Zeit – wir melden uns, wenn es soweit ist! Und gespannt sind wir in jedem Falle auch :).

  8. Georg W. (Aachen) sagt:

    Vielen Dank für die Umfrage!
    Im Allgemeinen würde ich mich freuen, wenn die Daten in etwas vollerem Umfag veröffentlicht würden, sodass sich jeder selbst ein Bild davon machen kann – hier wurden ja viele Fragen ausgelassen.
    Ganz speziell ist das Bild zur Verteilung von Studienfächern dermaßen niedrig aufgelöst, dass man nichts darauf erkennen kann. (Für Interessierte: Wenn man die URL verändert, bekommt man eine höher aufgelöste Version: http://www.achteminute.de/wp-content/uploads/2016/03/Abbildung-7-Verteilung-von-Studienf%C3%A4chern-beim-Debattieren.jpg )

    Zum Durschschnittsalter möchte ich anmerken, dass seit 2006 die Wehrpflicht abgeschafft und G8 eingeführt wurde, sodass die Zahlen hier eigentlich ziemlich genau dem Durchschnitt entsprechen dürften.

    Zu den Bafög-Empfängern möchte ich anmerken, dass die Ursache dafür wohl weniger in den Kosten und mehr im Debattieren selbst zu verorten ist: Das Debattieren gibt sich ziemlich elitär. Nicht nur das, es *ist* von der Zusammensetzung der Leute her sehr elitär – Facebook schlägt mir vor, dass ich doch sicher in die ein oder andere Stipendiatengruppe gehöre, weil meine Debattierfreunde alle darin sind. Wer aber in Deutschland zu irgendeiner Form von Elite gehört, hat bekanntermaßen mit hoher Wahrscheinlichkeit Eltern, die Akademiker sind. Akademikereltern verdienen meist so gut, dass die Kinder nicht Bafögberechtigt sind.

    Das ist meiner Meinung nach auch der Hauptgrund für die (zumindest wahrgenommene) fehlende Diversität beim Debattieren: Ethnische Minderheiten, die man als divers wahrnehmen würde, entstehen durch Einwanderung. Einwanderer haben in einem der reichsten Länder der Welt nunmal tendenziell unterdurchschnittlichen Wohlstand, und durch fehlende soziale Mobillität sind auch die Nachkommen dieser Einwanderer unterdurchschnittlich wohlhabend und gebildet.

  9. Peter G. sagt:

    Vorweg: Ich finde es toll, dass du diese Umfrage gemacht hast und die Daten hier veröffentlichst. Nur wenn man sich einen Überblick verschafft über eventuelle Problematiken, können diese auch tatsächlich angegangen werden. Dafür schätze ich deine Arbeit sehr und bin großer Unterstützer dieses Vorhabens.

    Trotzdem sträuben sich mir bei der Erhebung und Auswertung mitunter die Haare, daher komme ich nicht ganz umhin ein paar Worte zu verlieren. Ein paar Sachen wurden ja bereits angesprochen, ich will versuchen nicht allzuviel zu doppeln. Grundsätzlich aber werden in diesem Artikel an vielen Stellen unhaltbare Aussagen getroffen oder impliziert, die sich aus den erhobenen Daten überhaupt nicht ergeben.
    Das fängt schon mit dem Titel an: Die Studie untersucht überhaupt nicht “das Debattieren”, sondern “frewillige Teilnehmer zweier Zeit-Debatten”. Schon sind sämtliche Aussagen deutlich abgeschwächt.
    Der Datensatz enthält mit Sicherheit etliche Dopplungen, die in beiden Fällen geantwortet haben. Das kann (muss nicht) eine Verzerrung zur folge haben. Das schwächt alle Aussagen ebenfalls deutlich ab.
    Bei einem Durchschnittsalter von 23,3 Jahren mit einer Standardabweichung von 3,2 ist die Aussage, dass die TN jünger wären als der Durchschnitt alles Studierenden von 24,6, schlicht falsch. Nicht nur ist der Durchschnitt heute ggf. ein anderer, wie Georg schon sagte, sondern bei einer Differenz von 1,3 Jahren bei einem Sigma von 3,2 haben wir keine Abweichung. Davon abgesehen, ist bei einem so kleinen Datensatz bei einer Messgröße wie dem Alter der Median wohl der sinnvollere Wert als der Durchschnitt.
    Die Verteilung der Studiengänge enthält 49 Angaben. Wie groß ist hier die Gesamtanzahl der Befragten? Sollte sie bspw. bei 100 liegen und sich die restlichen 51 auf weitere Studiengänge verteilen, so wären Zeit-Debatten brachial divers! Ohne eine solche Angabe nützen die Zahlen aber wenig.
    Dann ist die Vergleichsgröße “alle Studierende” überhaupt nicht begründet oder haltbar. Warum sollte man Teilnehmer eine ZD mit allen Studierenden vergleichen? Vergliche man z.B. die Geschlechterverteilung mit den “Teilnehmern nationaler Wettkämpfe im Hochschulsport” würde sich vermutlich ein ganz anderes Bild ergeben. Gleiches gilt wohl für Bafög-Empfänger, oder den Migrationshintergrund. Man könnte auch mit “Mitgliedern studentischer Hochschulgruppen” vergleichen, oder mit irgendetwas anderem. Jedes mal ergäbe sich ein anderes Bild. Was hier der richtige Vergleich ist ist also nicht “eine Frage für sich”, es ist DIE Frage.

    Warum ist das alles problematisch? Weil es unbegründet interpretiert. Die Aussage “es sind weniger Frauen im Debattieren vertreten als unter allen Studierenden” impliziert, dass wir ein Problem mit Geschlechterdiversität auf Grund von einer bewussten oder unbewussten Diskriminierung haben, welche sichtbare oder unsichtbare Hürden für Frauen darstellt. Das ist aber eine völlig unbegründete Behauptung. Sollten wir eine höhere Frauenquote auf Zeit-Debatten haben, als bei anderen kompetitiven Hochschulwettbewerben (für Fechten, Kanu-Polo und Schach stimmt das bspw. wohl), kämen Zeit-Debatten (nicht “dem Debattieren”, da nicht untersucht) gar eine Vorreiterrolle zu! Die Verringerung des Frauenanteils im Vergleich zu allen Studierenden, wäre demnach vermutlich zum Großteil auf externe Effekte zurückzuführen! Das gilt für sämtliche der hier getroffenen Aussagen.

    Was will ich mit diesem Text erreichen? Wie Anfangs gesagt, ich finde diese Erhebung weiterhin sinnvoll, weil sie einen Eindruck vermitteln kann, an welchen Stellen es sinnvoll sei könnte weiter nachzuforschen und ggf. zu agieren. Ich finde die Ergebnisse zusätzlich auch schlicht spannend, denn sie schaffen ein Feld für Diskussion. Aber ich bitte alle bei der Interpretation der Ergebnisse mit sehr, sehr viel Vorsicht zu agieren.

  10. Pegah sagt:

    Entschuldigt die späte Antwort auf eure Fragen. Zurück aus der Versenkung der ZEIT DEBATTE, gibt’s jetzt die Antworten.

    Die rohen Daten kann ich leider nicht veröffentlichen, da sie kumuliert die Anonymität nicht wahren.

    Hier etwas mehr zur Methode, für diejenigen, die es interessiert:
    Insgesamt habe ich 112 Bögen ausgewertet. Auf dem Bogen für die ZD Hamburg gab es ein Feld, indem gefragt wurde, ob ein solcher Bogen bereits in Göttingen ausgefüllt wurde. Davon sind 9 „Doppelungen“, also von der gleichen Person, bei weiteren 5 Bögen ist dies möglich, da das Feld, das dies abfragt, nicht beantwortet wurde. Für Fragen zur Meinung, habe ich nur diejenigen Bögen analysiert, die sicher keine Doppelung sind; für Fragen zu den TN, habe ich alle Bögen ausgewertet, da es um die Diversität von ZD geht. Insgesamt ist die Anzahl an Doppelungen mit 9 bis maximal 14 Doppelungen bei 112 Bögen allerdings nicht problematisch verzerrend, möchte man einen Gesamteindruck gewinnen. In Göttingen haben 64 Personen (ca. 50% der ZD Göttingen TN) den Bogen abgegeben, in Hamburg 47 Personen (hier kenne ich die Gesamt-TN-Anzahl gerade nicht).
    Es gibt zur Methode noch vieles zu fragen und zu sagen, also falls euch noch etwas interessieren sollte, immer her damit!

    Ja, es gab noch weitere Fragen auf dem Fragebogen, und es folgen noch weitere Ergebnisse. Ich muss mir noch überlegen, wie die anderen Ergebnisse am besten präsentiert werden können. Jetzt kommen von der ZD Berlin nochmals Daten dazu. Allerdings möchte ich keine Einzelfälle beschreiben, da diese die Anonymität der Beteiligten verletzen könnten.

    @Johannes: Du hast völlig Recht damit, dass die (Höhe der) BAföG-Berechtigung in Einzelfällen keine Aussagen macht zur finanziellen Situation von Studierenden. Ich kenne viele Menschen, die sehr wenig Geld zur Verfügung haben, obwohl sie nicht BAföG-berechtigt sind. Da es aber eine hohe Korrelation gibt (das System ist darauf angelegt) zwischen dem Einkommen der Eltern und jener Berechtigung, kann man dies als Schätzer für das Haushaltseinkommen und somit der finanziellen Situation der Eltern verwenden.

    @Jan: Ich stimme dir zu – man sollte immer im Hinterkopf haben, welche Verzerrungen sich durch die Stichprobe ergeben.

    @Allison @Elisa: Ich bin ganz deiner Meinung, Allison und finde deine beiden Fragenvorschläge sehr gut. Vielleicht könnt ihr diese ja mit einarbeiten, Elisa.

    @Georg: Das mit der Wehrpflicht und der G8-Reform ist eine sehr interessante Analyse. Kennst du aktuellere Zahlen?
    „Zu den Bafög-Empfängern möchte ich anmerken, dass die Ursache dafür wohl weniger in den Kosten und mehr im Debattieren selbst zu verorten ist“. Das denke ich auch. Und selbstverständlich entstehen dadurch auch Diversitätsmängel bei allem, was damit korreliert.

    @Peter: Als großer Fan deiner Frisur möchte ich natürlich nicht, dass sich deine Haare sträuben müssen 😉
    Ich denke viele deiner Bedenken lösen sich auf, wenn ich nochmal klarstelle, dass mit „TN“, diejenigen gemeint sind, die den Bogen ausgefüllt haben (siehe erster Absatz). Das war vielleicht nicht deutlich genug, entschuldige.
    Der Titel des Artikels kommt nicht von mir und ich denke niemand geht davon aus, dass 100 TN von 2 ZD „das Debattieren“ repräsentieren können. Direkt im ersten Absatz wird ja erklärt, dass es sich um eine Umfrage handelt. In den meisten Aussagen wird sogar nochmal explizit erwähnt, dass das die Ergebnisse der Umfragen sind.
    Zu den „etlichen“ Doppelungen habe ich ja oben bereits etwas geschrieben.
    „Damit wären wir unter dem durchschnittlichen Alter Studierender in Deutschland.“ Der Grund, weshalb ich „wären“ und nicht „sind“ geschrieben habe, ist genau der, dass wir es eben „wären“, wenn die Stichprobe repräsentativ ist.

    „Warum ist das alles problematisch? Weil es unbegründet interpretiert. Die Aussage “es sind weniger Frauen im Debattieren vertreten als unter allen Studierenden” impliziert, dass wir ein Problem mit Geschlechterdiversität auf Grund von einer bewussten oder unbewussten Diskriminierung haben, welche sichtbare oder unsichtbare Hürden für Frauen darstellt.“

    Nein, diese Aussage impliziert überhaupt nichts zu irgendwelchen Ursachen, sie stellt nur heraus, dass wir eine mangelnde Geschlechterdiversität haben.

    „Die Verringerung des Frauenanteils im Vergleich zu allen Studierenden, wäre demnach vermutlich zum Großteil auf externe Effekte zurückzuführen! Das gilt für sämtliche der hier getroffenen Aussagen.“ Der Satz „Vieles, was Diversität angeht, liegt nicht in unserer Hand, einiges aber schon.“ (letzter Absatz) impliziert genau jene Externität.

    „Aber ich bitte alle bei der Interpretation der Ergebnisse mit sehr, sehr viel Vorsicht zu agieren.“ An den wenigen Stellen, wo die Ergebnisse interpretiert werden, geht es kaum vorsichtiger.

  11. Peter G. sagt:

    Vielen Dank Pegah, für die weiteren Infos und Klarstellungen. Auch danke für die Blumen ob meiner Frisur 🙂

    Ich sehe auch, dass du an vielen Stellen relativierst, aber für meinen Geschmack nicht genug, um Leser des Textes von unbegründeten Interpretationen abzuhalten, was mein Anliegen war.
    Eine Erwiderung dennoch: “Nein, diese Aussage impliziert überhaupt nichts zu irgendwelchen Ursachen, sie stellt nur heraus, dass wir eine mangelnde Geschlechterdiversität haben.” Genau diese “mangelnde” Diversität ist schon eine Interpretation. Wenn die Vergleichsgröße alle Studierenden sind, dann haben wir weniger, klar. Wenn die Vergleichsgröße beispielsweise kompetitiver Hochschulsport ist haben wir (Behauptung) mehr. Wenn das Ziel der Abbau von Hürden für Frauen ist, wäre das also möglicherweise bereits erreicht. Wenn das Ziel 50% Frauen auf Turnieren ist, wäre es möglicherweise auf Grund externer Effekte gar nicht erreichbar. Ob dann ein Mangel herrscht ist die Frage. Außer es geht um eine debattantische Partnervermittlung 😉

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