ZEIT DEBATTEN, die MV und der Herbstslot

Datum: 15. Juni 2016
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature

Gelegentlich gibt es Debatten, in denen es um sehr kleine Unterschiede geht – im Debattierjargon sogenannte low-impact-Debatten. Einen Vorschlag ohne weltbewegenden Einfluss auf die Szene, der möglicherweise jedoch einen kleinen Teilbereich ohne großen Aufwand optimiert, bringt Lennart Lokstein im dieswöchigen Mittwochsfeature auf den Tisch.

Unlängst hat der VDCH für den ersten Slot der nächsten Saison den ZEIT DEBATTEN-Ausrichter bestimmt – in diesem Fall den Debattierclub Hannover. Er folgt damit einer Tradition, das Turnier im Sommer auszuschreiben und noch vor der Mitgliederversammlung (MV) zu vergeben. Diese Maßnahme wird jährlich ergriffen, weil die Mitgliederversammlung meist im August oder September stattfindet und die zeitlich nahe ZEIT DEBATTE des ersten Slots mit so später Vergabe unmöglich sinnvoll organisiert werden könnte. Gleichzeitig ist es schade, dass der VDCH-MV auf diese Weise demokratische Mitbestimmung, Nachfragen und Feedback an die Ausrichter nicht möglich sind.

Die VDCH-MV bei einer Abstimmung © S. Kempf

Die VDCH-MV stimmt über die Turnierausrichter ab
© S. Kempf

Beide Vorteile – eine lange Vorbereitungszeit und die Mitbestimmung der Mitgliederversammlung – ließen sich mittlerweile aber kombinieren. Die deutschsprachige Debattierszene ist konstant gewachsen und ZEIT DEBATTEN wurden immer größer und professioneller. Damit geht auch einher, dass die meisten ZEIT DEBATTEN mittlerweile von langer Hand und auch lange vor der Mitgliederversammlung geplant werden. Jugendherbergen, Hotels, Debatten- und Finalräume wollen gerade in kleineren Städten, die vielleicht überhaupt nur über eine infrage kommende Unterbringung verfügen, mindestens ein dreiviertel Jahr im Voraus, meist jedoch ein Jahr im Voraus organisiert werden. Bei Vorbereitungen ein Jahr im Voraus sind ein Jahr und zwei Monate kein großer Unterschied mehr. Je länger ein Turnier im Voraus geplant wird, desto besser wird es tendenziell.

Daher wäre mein Vorschlag, sich für die nächste MV zu bemühen, gleich den ersten Slot der übernächsten Saison mit zu vergeben. Gesetzt, es lässt sich ein Club motivieren, sich auf die Ausrichtung zu bewerben, hätte das verschiedene Vorteile: Einerseits besteht für den VDCH mehr Sicherheit, dass das Turnier stattfindet. So kurzfristig, wie die Ausschreibung vor dem Turnier ist, ist es nicht selbstverständlich, einen Ausrichter zu finden, und, wenn sich ein Ausrichter findet, hat dieser, verglichen mit der Alternative einer Bewerbung auf der MV, weitaus weniger Zeit, das Turnier gut zu organisieren. Andererseits ist aber auch die MV stärker in die Entscheidung der Vergabe eingebunden, was den Prozess transparenter und durch die Nachfragen und das Meinungsbild der MV auch konstruktiver macht. Natürlich lässt sich nicht garantieren, dass sich genug Ausrichter für alle zu vergebenden Slots finden – in dem Fall wird der Slot eben zunächst nicht vergeben und dann wie gehabt mittels Vergabe durch den VDCH-Vorstand besetzt. Ausgeschrieben werden sollte er aber auf jeden Fall. Nicht, weil es weltbewegende Änderungen bedeuten würde – sondern weil kleines Verbesserungspotenzial ohne Risiken und Aufwand besteht.

lok.

Mittwochs-Feature

Lennart Lokstein ist Deutschsprachiger Debattiermeister 2016 und Chefredakteur der Achten Minute. Er war von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Streitkultur e.V. in Tübingen und ist seit 2014 Mitglied der OPD-Regelkommission. Er gewann zahlreiche Turniere, erhielt auf den Deutschsprachigen Debattiermeisterschaften 2015 und 2016 den Preis für die beste Finalrede und war Chefjuror mehrerer Turniere. Er ist Beirat des VDCH für Jurierseminare und arbeitet an einer Masterarbeit in Allgemeiner Rhetorik zum Hochschuldebattieren in Europa.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

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6 Kommentare zu “ZEIT DEBATTEN, die MV und der Herbstslot”

  1. Erik Thierolf sagt:

    Gute Idee!
    Ein kleiner Alternativvorschlag mit geringerer Legitimation und kürzerem Planungshorizont:
    interessierte Ausrichter der 1. ZEIT DEBATTE der neuen Saison stellen sich und ihr Konzept auf der 4. ZEIT DEBATTE der alten Saison vor. Auf der DDM könnte der VDCH-Vorstand dann die Vergabe der 1. ZD zur neuen Saison verkünden.
    Es ist möglich und wünschenswert, 14 Monate im Voraus für eine ZD zu planen. Ob dies tatsächlich vorstandsjahrübergreifend geschieht oder zukünftig geschehen wird, bleibt spannend abzuwarten.

  2. Witthaut sagt:

    Ich finde den Vorschlag von Erik gar nicht so schlecht!

    Dennoch verkennt Eriks wie auch Lennarts Vorschlag, dass die optimale Vorbereitung auf eine ZD in der Realität selten zum Einsatz kommt. 9-14 Monate Vorlaufszeit sind zwar ideal (gerade auch bzgl. finanzieller Hinsicht) jedoch sind ZD kein rares gut, um das heftigst gestritten wird. Oftmals suchen VDCH-Mitglieder verzweifelt Ausrichter. Dementsprechend reden wir meistens von einer Vorbereitung von 3,4 oder 5 Monaten, wenn nicht weniger.

    Das war in der Vergangenheit anders – damals war aber die Finanzierung seitens des VDCH wesentlich höher als auch der Fakt, das Vorstände oft länger als ein Jahr aktiv waren. Die Umstellung auf Bachelor-Master macht eine langfristige Vorstandsarbeit zumindest unwahrscheinlicher, da Studienorte sich oft wechseln und eine Verschulung zu volleren Terminkalendern geführt hat.

    Dementsprechend werden Turniere oft nur innerhalb eines einzelnen Vorstandes organisiert. Nur große Clubs mit einer breiten Basis und einem Altvorstand oder Ähnlichem können sich den Luxus leisten neben dem Vorstand eine eigene Turnierorga bereitzustellen. Folglich setzt der Vorschlag, die Bewerbung weiter nach vorne zu schieben, viele Clubs vor das Problem, das zu dem Zeitpunkt nicht bekannt ist, ob der eigene Club dieses Turnier ausrichten kann und möchte. Woran liegt das? Erstens: Mitbestimmung muss es auch auf kleiner Ebene geben: Heißt, Mitgliederversammlungen der einzelnen Clubs wollen ebenfalls mitbestimmen, ob sie so ein Turnier ausrichten wollen. Bei einer solchen finanziellen Belastung reicht eben kein einfacher Facebook-Post. Zweitens finden MVs aus organisatorischen Gründen eben auch auf Clubebene meist erst im Sommer statt. Heißt, oft ist erst im Juli / August bekannt, wer der nächste Vorstand wird (und auch diese werden auf kleiner Ebene immer gesucht) und ob dieser bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen.

    Zusammengefasst: Demokratisch legitimieren würde der Vorschlag von Lennart wie von Erik das aktuelle Verfahren. Guter Ansatz! Aber er führt ebenso zu organisatorischen Problemen, benachteiligt Clubs die keine langjährige Mitgliederbasis haben, sorgt für ein Legitimationsdefizit auf Clubebene und verkennt ein wenig die Realität, das Vorstände oftmals maximal für ein Jahr Verantwortung übernehmen. Daher tendiere ich mehr zu Eriks Verfahren, weil es Clubs einfacher macht abzusehen, was in Zukunft möglich ist. Ein Club ist eben auch ein lebendiges Organ, dass innheralb von 14 Monaten eine ganze Mid-Life-Crisis durchmachen kann. Das müssen wir auf Verbandsebene auch berücksichtigen!

  3. Christian Zimpelmann sagt:

    Keine schlechte Idee! Man sollte aber bedenken, dass sehr lange Vorbereitungszeiten auch zusätzliche Risiken schaffen können. Es ist zum Beispiel deutlich wahrscheinlich, dass sich im Orga-Team Veränderungen ergeben, weil Personen ins Ausland gehen, oder einfach über die Zeit die Motivation verlieren. Auch die Stärke des Clubs und damit die Anzahl der Helfer kann man nicht wirklich vorhersehen. Ich finde Eriks Vorschlag daher besser.

  4. Sabrina Effenberger sagt:

    Ich muss mich Christian anschließen. Es wird glaube ich nur schwerer, Ausrichter zu finden, wenn die ZD schon eineinhalb Jahre vorher angekündigt werden muss. Im Bachelor-/Master-System weiß man doch selten, wo man in 14 Monaten sein wird und einem neuen Vorstand eine ZD ans Bein binden – das wäre wohl nicht zielführend.

  5. Lennart Lokstein sagt:

    Da habt ihr mich glaube ich Missverstanden – es geht nicht darum, eine Pflicht daraus zu machen, es geht darum, Leute zu motivieren, dass WENN sie soweit im Voraus planen können und möchten, die Möglichkeit dazu besteht. Und genau so könnte man das Turnier unter Vorbehalt mit den anderen ausschreiben. Man probiert es, wenn es nicht funktioniert, macht man schlimmstenfalls halt alles wie bisher. Das Prinzip sollte sein: Je früher und demokratischer es möglich ist, desto besser – erzwungen wird nichts. In dem Sinne finde ich auch Eriks Vorschlag sehr gut, sollte sich (was ja gut möglich ist) zur MV trotz Ausschreibung niemand auf den Slot bewerben.

    Was Willy hingegen sagt ist ein wenig kritischer zu betrachten: Der Gedanke dahinter ist: Nur große Clubs könnten sich soweit im Voraus bewerben, das benachteiligt kleine Clubs.
    Meine Gedanken dazu:
    – Die Benachteiligung ist minimal, denn: Es gibt immer noch 3 ander ZEIT DEBATTEN plus eine Regio plus eine DDM zu verteilen.
    – Die Mitgliederversammlungen von Debattierclubs sind traditionell ein bis zwei Monate vor der VDCH-MV, es ist also kein Problem, sich die Bewerbung (egal ob großer oder kleiner Club) von der eigenen Club-MV bestätigen zu lassen. Wenn man lieber einen kürzeren Abstand zum Turnier möchte, bewirbt man sich eben auf den Januar.
    – Die MV kann, wenn Benachteiligung besteht, den kleineren Club bewusst bei einem anderen Slot vorziehen.
    – Ich glaube jedoch, dass die Szene insgesamt ohnehin von größeren und besser geplanten Turnieren organisiert. Der einzig relevante Fall von Benachteiligung wäre ja, dass es zwei Bewerber für den Slot gibt, wobei nur einer (weil groß und mit vielen Ressourcen) sich 14 Monate vorher bereits bewirbt. Wenn die Szene aber die Wahl hat zwischen einem Turnier, für dessen Organisation extrem viele Ressourcen zur Verfügung stehen (und du selbst siehst das ja als wünschenswert), gegenüber einem unsicher organisiertem und vermutlich kleinerem Turnier, ist das länger organisierte definitiv für die Szene vorzuziehen.

    Die Abwägung: Vielleicht wird einer von 6 ZD-Serien-Slots für kleinere Clubs unattraktiver, das ist aber einerseits ein geringer Anteil und andererseits durch die MV bei der Vergabe der anderen Slots ausgleichbar. Der Gewinn für die Szene wären demgegenüber bessere Planbarkeit, Gewissheit und mehr Mitbestimmung.

    Mein Fazit: Ich würde es ausschreiben und mal sehen, ob sich jemand bewirbt. 🙂

  6. Witthaut sagt:

    Hey Lennart,

    dann haben wir uns wirklich falsch verstanden. Ohne eine „Pflicht“ sehe ich das ähnlich: Schaden gibts keinen!

    Dennoch hat das Ganze dann wenig mit demokratischer Legitimität zu tun, wenn diese nur eine Option ist, die nicht gezogen werden muss 😉 Zudem ist das de facto auch schon Status Quo: Niemanden ist verboten jetzt sich schon für eine ZEIT DEBATTE in zwei Jahren zu bewerben, die Abstimmung ist nur später! Aber auch das könnte gesondert geregelt werden auf der MV. Zudem, wenn ich heute informell über den VDCH-Verteiler schreiben würde „Mainz würde gerne die ZD Mai 2018 ausrichten, wir bereiten das schon mal vor“, wird es sehr sehr sehr sehr sehr unwahrscheinlich sein, dass es a) eine Gegenbewerbung auf der MV 2017 geben würde und selbst wenn, würde wahrscheinlich trotzdem die ZD ausgewählt werden, die bereits ein Jahr mehr Planung und Arbeit investiert hat. Dementsprechend muss man eigentlich ausschließlich darüber diskutieren: Soll der Vorstand dieses Verfahren offiziell bewerben? Von mir aus… Wenn ein Club heute schon weiß, dass er in zwei Jahren ne ZD machen will und Arbeit reinstecken will: Klar, why not. Nur die Finanzierung ist halt unklar, da der ZD-Vergabeschlüssel jährlich entschieden wird. Also wenn es wirklich nur eine Option ist: Hau raus auf allen Kanälen 😉

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