Die EUDC 2016 – Mein erstes internationales Turnier

Datum: 7. September 2016
Redakteur:
Kategorie: International, Mittwochs-Feature, Turniere

Von Jakobus K. Jaspersen. Kürzlich gingen die Europäischen Debattiermeisterschaften in Warschau zu Ende und ich konnte diesmal dabei sein. Zum ersten mal wagte ich mich aus der relativ gemütlichen Behaglichkeit der deutschen Turnierszene hinaus in die wilden Gewässer des internationalen Debattierhochleistungssports. Dieser Artikel schildert meine persönlichen Eindrücke und mag im Bestfall vielleicht die eine oder den anderen hinsichtlich internationaler Turniere neugierig machen. Denn bei allen Hoch- und Tiefpunkten war das Turnier für mich unbestreitbar ein lohnendes Abenteuer.

Jakobus Jaspersen bei den EUDC 2016 - © privat

Jakobus Jaspersen bei den EUDC 2016 – © privat

Kommt man auf die Euros springt zuerst ins Auge, dass das Turnier schlicht größer dimensioniert und straffer organisiert ist als alles, was man aus heimischen Landen kennt: Mehr als doppelt so viele Menschen wie auf der DDM, ein riesiger Hotel-Monolith statt einer Jugendherberge, uniformierte Helfer, seitenlange Verträge zum Unterschreiben und Debattierausweise mit Strichcodeabfrage atmen die geschäftig-anonyme Atmosphäre professionellen Menschenmanagements, wie man sie vielleicht von größeren Tagungen kennt.
Dieser Eindruck verflüchtigt sich allerdings, sobald das eigentliche Turnier beginnt. Ich war stets der Ansicht, dass auch in der deutschen Szene ein gesunder Debattierfanatismus Wurzeln geschlagen hätte. Doch die nackte Begeisterung und Ausgelassenheit, welche einem auf den Euros entgegenschlägt, sucht zumindest in dieser Breite hierzulande ihresgleichen. Unvergesslich ist für mich beispielsweise der Augenblick, als während der Setzung die versammelte Debattantenschaft 500 Miles mitzusingen begann. Leider wird solcher Enthusiasmus die meiste Zeit ziemlich effektiv bekämpft durch permanente und gefühlt endlose Ansagen, Ermahnungen und Klarstellungen. Die Notwendigkeit für diese will ich in den meisten Fällen gar nicht bestreiten, dennoch hatte ich dort sitzend ungewollte Flashbacks zurück zu den dunkelsten Stunden meiner Einführungsvorlesungen.
Erträglich wird die Langwierigkeit wie stets durch die Gesellschaft, die einen umgibt. Und in dieser Hinsicht bietet das internationale Umfeld eine Vielfalt, mit welcher die deutsche Szene nicht zu konkurrieren vermag. Zugegebenermaßen ist das eine wahrlich niedrige Messlatte und auch die internationale Debattiergemeinschaft ist noch weit homogener, als ich angenommen hatte. Trotzdem habe ich es genossen, das übliche Debattiersmalltalkrepertoire von „Wie viele Punkte habt ihr?“, „Wie war eure Debatte?“ und „Wie fandet ihr die Motion?“ durch „Wie debattiert man denn bei euch so?“ zu erweitern. Tatsächlich habe ich einige interessante Einblicke gewonnen in die Debattierszenen anderer Länder und mitunter bildete ein solches Gespräch tatsächlich die Grundlage für eine tiefergehende Diskussion. Insbesondere die Wartezeiten zwischen Debatte und Jurierung sind hervorragende Gelegenheiten, um mit internationalen Debattanten ins Gespräch zu kommen – vor allem wenn alle ähnlich unzufrieden mit dem bisherigen Turnierverlauf sind und gemeinsam ein wenig über die Ungerechtigkeiten der Welt im Allgemeinen und des Debattierens im Besonderen klagen.
Auf einem deutschsprachigen Turnier könnte man solche Gefühle auf höchst ungesunde, aber effektive Weise durch kulinarische Schwelgereien bekämpfen. Auf den Euros bleibt einem dieser Weg verwehrt. Das Frühstück im Hotel noch ließ gehobene Durchschnittlichkeit erhoffen – über den Rest der Mahlzeiten breitet man am besten den gnädigen Mantel des Schweigens. Einzig zu sagen bleibt, dass ich deutsche Turnierverpflegung fortan mit neuen Augen sehe. Wenn ihr mich in Zukunft auf einem deutschsprachigen Turnier erblicken solltet, wie ich lasche Falafel oder durchmatschte Asia-Nudeln verzehre, dann achtet darauf, wie mein ehemals lustloser Blick einer stillen Zufriedenheit Platz gemacht hat. Denn ich weiß nun, wo der wahre qualitative Nullpunkt liegt.

Die VDCH-Delegation bei den EUDC 2016 in Warschau. - © Ary Ferreira da Cunha

Die VDCH-Delegation bei den EUDC 2016 in Warschau. – © Ary Ferreira da Cunha

Während also in der Verpflegungskategorie deutschsprachige Turniere die Euros klar schlagen, so muss man sich bei den Socials wohl auf ein Unentschieden einigen. Wie auch hierzulande sind sie willkommene Gelegenheiten, etwas Nicht-Debattier-Spaß zu haben und die eine oder andere Bekanntschaft zu schließen. Wenn aber die Gespräche, die man im Hotel vor und nach den Socials führt, der beste Teil des Abends sind, dann hat man entweder eine hervorragende Gesprächspartnerin oder die Parties sind halt mal wieder nur guter Durchschnitt. In diesem Fall traf beides zu.
Aber gute Parties feiern kann man schließlich auch zuhause. Die meisten von uns fahren auf Debattierturniere um zu Debattieren. Selbstverständlich ist man nicht notwendigerweise unerfolgreich auf seinem ersten internationalen Turnier, wie in der Vergangenheit einige eindrucksvoll demonstrierten. Doch gerade auf den Euros muss man sich als Normaldebattant darauf gefasst machen, ein paar mal deklassiert zu werden. Nicht nur macht einem die fremde Sprache im Verstehen und Ausdruck zu schaffen, auch wird nach etwas anderen Maßstäben juriert, als man das vielleicht aus dem deutschsprachigen Raum gewohnt ist. Ich werde mich an dieser Stelle nicht zu einem abschließenden Urteil versteigen, doch meinem Empfinden nach waren die Debatten auf den Euros deutlich stärker losgelöst von ihrem realen Hintergrund als das auf deutschsprachigen Turnieren der Fall ist. Die Euros wirkten auf mich mehr als deutschsprachige Turniere wie ein Wettkampf in Logik und Vollständigkeit. Dies kann man begrüßen oder ablehnen. Auf jeden Fall sorgte der engere Fokus dafür, dass ich auf den genannten Gebieten viel mitnehmen konnte. Die größte Herausforderung, wie auch der größte Nutzen von BP lag für mich immer darin, herauszufinden, inwiefern das, was ich für selbstverständlich halte, von dem abweicht, was allgemein für selbstverständlich gehalten wird. Dies gilt sowohl für Grundannahmen, als auch für Schlüsse. Im internationalen Kontext wird man wirklich mit der Nase auf eben diese Facette immer wieder gestoßen, tun sich dort doch häufig ungeahnte Diskrepanzen auf. Sowohl auf ganz persönlicher, als auch auf debattiererischer Ebene empfand ich dieses Nasestoßen für ausgesprochen lehrreich.
Alles in allem waren die Euros für mich eine vielseitig bereichernde Erfahrung und dass selbst ohne den Warschauurlaub, den man bei der Gelegenheit natürlich drumherum baut. Vielleicht sieht man sich ja mal auf einem internationalen Turnier.
Jakobus K. Jaspersen/lok.
Mittwochs-Feature

Jakobus K. Jaspersen erreichte das Finale der DDM 2016 und gewann das Elbe Open 2016. Er ist seit Beginn 2015 in der Rederei Heidelberg aktiv, wo er zwischenzeitlich als Vizepräsident fungierte. An der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg studiert er Global History. Die EUDC 2016 war sein erstes internationales Turnier.

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