Öffentliche Finaljurierung in Jena

Datum: 2. November 2016
Redakteur:
Kategorie: Jurieren, Mittwochs-Feature

Zu den Adventsdebatten in Jena möchte die Chefjury – Jonathan Scholbach und Pegah Maham – ein Experiment wagen: Das Finale öffentlich zu jurieren. Über die Gedanken hinter dieser Entscheidung berichten sie im Mittwochs-Feature.

Pegah Maham - © Streitkultur e.V.

Pegah Maham – © Streitkultur e.V.

Wir, die Chefjury der Jenaer Adventsdebatten 2016, werden die Finaljurierung des Turniers öffentlich machen. Wir haben die Entscheidung und unser Vorgehen reiflich erwogen und miteinander diskutiert. In diesem Artikel möchten wir unsere Gründe darlegen, über die Details informieren und zur Diskussion einladen: Gibt es Einwände oder Probleme, die wir bisher übersehen haben, und die nahelegen, dass es besser wäre, das Vorgehen zu modifizieren?

Modus

Wir planen, wie folgt vorzugehen: Alle Juror*innen werden zu Beginn des Turniers gebeten, für den Fall, dass sie ins Finale breaken, in folgendes Verfahren einzuwilligen:

Die Finaljury zieht sich (wie üblich) nach der Debatte in einen separaten Raum zurück. Anders als bisher üblich, wird sie bei der Beratung gefilmt. Der Stream wird live in den Finalraum übertragen. Außerdem wird der Film der Jurierung gemeinsam mit der gefilmten Debatte im Nachgang des Turniers veröffentlicht. Für den Break qualifizierte Juror*innen, die diesem Modus nicht zustimmen, werden im Break genannt, können das Finale aber nicht mitjurieren.

Vorteile

Wir glauben, dass gefilmte Jurierungen ganz allgemein einige nicht zu verachtende Vorteile haben. Wir glauben aber, dass es (zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt) nicht sinnvoll wäre, alle Runden öffentlich zu jurieren. Die Situation der Finaljurierung unterscheidet sich aber in einigen für diese Frage ganz relevanten Punkten. Bei der Bewertung unsere Maßnahme kommt es also entscheidend darauf an, zwischen Jurierungen allgemein und den Spezifika von Finaljurierungen zu unterscheiden.

Ergänzung zum Feedback

Für die Redner*innen hat eine öffentliche Jurierung einen unschätzbaren Wert: Die gefilmte Jurierung kann nämlich eine hervorragende Ergänzung zum Feedback der Jury sein: Die Redner*innen können am Verlauf der Jurierdiskussion genau erkennen, wie ihre Argumente aufgenommen wurden. Vergleichen sie die Jurierdiskussion mit ihrer Eigenwahrnehmung der Debatte und auch mit der gefilmten Debatte, so können sie sehr gut – und viel besser als bisher – lernen, worauf sie in den nächsten Reden achten müssen, um ihre Argumente verständlich und relevant zu machen und die Debatte zu gewinnen. Dieser Mehrwert ist in den Finaljurierungen besonders hoch, da die Teams kein geordnetes Feedback erhalten.

Wirkung auf das Publikum

Ein Spezifikum der Finaldebatte ist das öffentliche Publikum. Deswegen muss man sich fragen, welche Wirkung die öffentliche Jurierung auf das Publikum haben wird. Wir glauben, dass die Jurierung dem Publikum näher bringen kann, was Debattieren eigentlich ist und nach welchen Maßstäben es bewertet wird. Es ist bekannt, dass das Publikum öffentlicher Finals oft ganz andere Maßstäbe an die Debatten anlegt, als wir das tun. (siehe auch den Beitrag von Lennart Lokstein auf der Achten Minute). Kann das Publikum auch die Jurierdiskussion mitverfolgen, so wird es besser verstehen, welche Werte im Debattieren eine Rolle spielen. In diesem Sinne erwarten wir, dass der positive Werbeeffekt der öffentlichen Finaldebatte auf das Publikum durch die öffentliche Jurierung verstärkt wird.

Reflexion über das Jurieren

Jonathan Scholbach - © Manuel Adams

Jonathan Scholbach – © Manuel Adams

Die gefilmte Jurierdiskussion ermöglicht erstmals eine empirisch gestützte Reflexion über das Jurieren – das gilt zunächst auf individueller Ebene: Wir alle wissen, wie nützlich es ist, uns auf Video in Debatten reden zu sehen. Analog können Juror*innen die gefilmte Jurierung nutzen, um ihre Eigen- und Fremdwahrnehmung der Juriersituation abzugleichen und daraus Verbesserungen für künftige Jurierungen abzuleiten.

Die Möglichkeit der Reflexion über das Jurieren wird aber nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch intersubjektiv geschaffen. Wir sehen die gefilmte Finaljurierung der Jenaer Adventsdebatten auch als Prototypen an. Wir erhoffen uns, dass auch andere Chefjuries die Vorteile erkennen, und dass es in Zukunft üblich wird, Jurierungen zu filmen. Werden (Final-)Jurierungen regelmäßig gefilmt, würden wir, die Debattierszene, uns damit auf mittlere und längere Sicht ein enormes Erkenntnispotential erschließen. Die Juriervideos können genutzt werden, um individuelles Verhalten, aber auch gruppendynamische Effekte in der Jurierung zu beobachten und zu vergleichen. Statistische Untersuchungen des Materials, etwa zum Redeanteil verschiedener Juror*innengruppen (z.B. weibliche im Vergleich mit männlichen, erfahrenere im Vergleich mit unerfahreneneren Juror*innen) bieten Erkenntnisquellen, die wir anzapfen sollten, um unsere Jurierkommunikation individuell und als Gruppe massiv zu vebessern. Damit können momentan eher abstrakt geführte, auf hypothetischen Szenarien aufbauende Meta-Jurier-Diskussionen besser anhand realer Debatten und realer Juriersituationen geführt werden.

Darüberhinaus können gefilmte Jurierungen auch als Lehr- und Anschauungsmaterial verwendet werden, etwa wenn man vermitteln will, wie eine komplizierte Entscheidungsfindung geleitet werden sollte, oder wie es in Jurierungen zu Missverständnissen kommen kann.

Denkbare Einwände und ihre Berücksichtigung

Einschüchterung

Man könnte befürchten, dass das Verfahren die Entscheidung der Jury beeinflusst und dass diese Beeinflussung den Jurierprozess zunächst verschlechtert. Dieser Effekt wird bei Anfänger*innen und weniger erfahrenen Juror*innen größer sein als bei erfahrenen und sehr kompetenten Juror*innen. Aus diesem Grunde haben wir uns entschieden, nur die Finaljurierung öffentlich zu machen. Wir gehen davon aus, dass die Finaljury aus Juror*innen bestehen wird, die kompetent und professionell genug sind, ihre Juriermeinung so zu vertreten, dass sie keine Angst vor der öffentlichen Meinung über ihren Anteil an der Jurierung haben müssen; im Gegenteil.

Vertrauen

Aufgrund unserer Erfahrung mit anderen Diskussionen in der Debattierszene antizipieren wir, dass es Leute geben wird, die unsere Maßnahme unter Begriffen von “Vertrauen” und “Misstrauen” konzeptualisieren werden. Deswegen wollen wir von Anfang an klar betonen, dass es uns nicht darum geht, die Jury öffentlich “kontrollierbar” zu machen. Wir vertrauen den Juror*innen, die wir für den Finalbreak auswählen. Für die Kontrolle etwaigen inadäquaten Verhaltens in der Jurierung – das wir selbst noch nicht erlebt haben – ist nach wie vor der*die Chair der Debatte zuständig. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir ja auch selbst Teil der Finaljury sein. Es gibt also für uns überhaupt keinen Grund, der Finaljury in irgendeiner Weise zu misstrauen. Wir sehen unsere Maßnahme vielmehr als eine Bereicherung auch für die Juror*innen an und freuen uns selbst schon sehr darauf.

Einfluss des Publikums auf die Jurierung

In jedem Fall muss das Verfahren so durchgeführt werden, dass ein Einfluss des Publikums auf die Jurierung ausgeschlossen ist. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, die Finaljurierung nicht in Anwesenheit des Publikums durchzuführen, sondern sie zu filmen und in einen Nachbarraum zu übertragen. Auf diese Weise wird verhindert, dass das Publikum – und sei es nur unbewusst – Einfluss auf die Jury nimmt.

Spannung

Mit der öffentlichen, live gezeigten Finaljurierung geht ein wenig Spannung verloren. Diese Spannung wird gegenwärtig durch die einfache wie wirkungsvolle Dramaturgie des Wartens erzeugt: Die Teams reden. Die Jury geht raus. Man wartet. Dann ist die Jury fertig, das Publikum wird zusammengerufen, die Grüppchen spekulierender Publikumsjuries lösen sich auf, ein*e jede*r geht zum Platz und wartet, ob die eigene Prognose mit der Meinung der Jury übereinstimmt, oder ob die Jury eine Fehlentscheidung getroffen hat. Innerer Trommelwirbel, Trompetentusch, der Urteilsspruch. Wir verstehen gut, wenn Leuten diese Spannung wichtig ist. Uns ist sie nicht so wichtig, wie die vielen Vorteile, die wir in der öffentlichen Finaljurierung sehen. Im Übrigen hat jede*r die Möglichkeit, den Finalraum während der Jurierung zu verlassen, und sich so in den bislang üblichen Zustand zu versetzen.

Jonathan Scholbach und Pegah Maham/lok.
Mittwochs-Feature

Jonathan Scholbach studiert in Jena Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften und war Präsident der Debattiergesellschaft Jena. Zusammen mit Friederike Meyer zu Wendischhoff und Severin Weingarten wurde er 2013 Regionalmeister. Er war seit 2013 Chefjuror mehrerer Turniere und ist Master-Trainer im Train-the-Trainer-Programm des VDCH.

Pegah Maham studiert derzeit in Berlin und gewann verschiedene Turniere, darunter auch die ZEIT DEBATTE Tübingen 2015, erhielt verschiedene Auszeichnungen als beste Finalrednerin und ist Mitglied der Chefjury der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft 2017. In der Saison 2015/16 war sie VDCH-Beirätin für Equity und Fairness.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

 

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27 Kommentare zu “Öffentliche Finaljurierung in Jena”

  1. Lennart Lokstein sagt:

    Ich glaube, es wäre fair, die Finalteams anonym um ihr Einverständnis zu fragen. Ich finde, es ist ein massiver Unterschied, ob am Ende ein Ergebnis verkündet wird, bei dem ich nicht Erster bin, oder ob das gesamte Publikum sieht, wie die Juroren Fehler oder Mängel in meiner Argumentation aufdecken. Wenn ich das nicht so publik möchte, fühle ich mich unwohl, stehe ziemlich sicher beim Finale unter größerem Druck oder bleibe schlimmstenfalls, wobei ich das für einen selteneren Fall halte, dem Turnier fern – was bei einem DDL-Turnier natürlich besonders doof wäre.
    Mein Vorschlag wäre daher – und ich weiß, dass das nicht im Sinne des geplanten Experiments ist – aus Fairneß gegenüber den Rednern nach der Debatte zu fragen, ob sie einer Übertragung zustimmen.

    Eine zweite Sache: Wenn die Jury im Nebenraum ist wäre es vielleicht sinnvoll, den Stream um 2 Minuten verzögert zu übertragen, für den Fall, dass das Publikum zu lautem Raunen bei bestimmten Sätzen etc. neigt, um den Feedbackeffekt wirklich ganz auszuschließen.

    Eine dritte: Ich persönlich weiß nicht, ob ich in Jena jurieren werde, aber würde ich jurieren und würde ich dann auch noch breaken, würde ich mich möglicherweise rausnehmen. Ich drücke mich gerne in Jurierdiskussionen recht deutlich aus – Klartext heißt Effizienz – weiß aber nicht, ob ich den Teams gegenüber so direkt sein möchte – eine diplomatischere Wortwahl, die Probleme andeutet oder weniger stark als in der Jurierung ausdrückt. Ich weiß nicht, ob wirklich jeder bereit für z.T. sehr destruktives Feedback ist, geschweige denn, (siehe oben,) für solches Feedback vor dem gesamten Publikum. Ich halte es aber aus juriertechnischer Sicht für notwendig, Sachverhalte in der Deutlichkeit auszudrücken, wie man sie wahrgenommen hat. Stimmen sämtliche Redner dem zu, hätte ich hier weniger Skrupel, falls aber nicht, massive.

    Eine vierte, diesmal positive: In fast jeder Jurierung gibt es unterschiedliche Calls und Lesarten und die Juroren werden zu Advokaten dieser Lesarten. Vermutlich kennen die meisten Hauptjuroren, insbesondere in BPS, die starken Emotionen, die Teams mit einem aus ihrer Sicht “falschen” Call verbinden. Die Transparenz der neuen Methode könnte hier Abhilfe schaffen, was ich testenswert finde.

    In der Abwägung habe ich allerdings wegen Bedenken 1 und 2 eher den Drang, davon abzuraten, solange die Teams nicht nach der Debatte ein anonymes Veto* haben.

    *Z.B: Alle Redner bekommen nach der Debatte einen Zettel, auf den sie ein Kreuz machen oder ihn leer lassen können, die werden gefaltet abgegeben, ist mindestens ein Kreuz dabei, wird nicht übertragen.

    1. Samuel Scheuer sagt:

      Lieber Lennart,
      Ich kann dir in deinem ersten Punkt nicht ganz zustimmen. Ich kann es zwar gut nachvollziehen dass einE RednerIn sich nicht gerne öffentlich beurteilen und kritisieren lässt, allerdings passiert das schon im Status Quo bei einer Finalteilnahme. Wenn ich mich dazu entschließe öffentlich zu reden, nehme ich in kauf dass meine Rede auch öffentlich diskutiert wird. Ob das nun in einzelgesprächen verschiedener Zuschauer oder einer öffentlich übertragenen Jurierung geschieht scheint mir kaum relevant. Fakt ist: ich kann (und sollte) nicht verhindern dass meine Rede öffentlich diskutiert wird. Wenn es mir nur darum geht diese Diskussion nicht anzuhören kann ich ja den Raum verlassen.

      Fazit: Für FinalteilnehmerInnen ist es keine große Änderung. Öffentliche Diskussion gab es schon, man ist immer noch nicht dazu gezwungen sich diese auch anzuhören.

    2. Lennart Lokstein sagt:

      Also in meiner Erinnerung aus Schultagen machte es immer einen großen Unterschied, ob der Lehrer einen Schüler mit falscher Antwort vor der Klasse offiziell mit dem Gütesiegel “dumm” versieht oder ob nur ein paar Schüler mit ihrem Nebensitzer tuscheln, um es mal in diesem Bild auszudrücken. Das Finalpanel hat eben eine andere Autorität als drei Hansel aus dem Publikum bei Sekt.

    3. Sabine (Tübingen) sagt:

      Zustimmung zu Lennart. Als ausführlichere Antwort auf Samuel: Eine Finaljury wird als sehr kompetent wahrgenommen (zu Recht). Wenn jemand aus dem Publikum sagt “Was für ein dämliches Argument”, “Was für eine schlechte Strategie” oder “Die hat ja keine Ahnung, wovon sie redet”, ist das was anderes, als wenn jemand das sagt (auch wenn er oder sie es anders formuliert), der eine gewisse Autorität hat. Das Publikum ist alleine schon deshalb weniger qualifiziert, weil es die Debatte nicht juriert, sondern nur angesehen hat – und hat eben manchmal auch schlicht Unrecht. Ich als Rednerin würde aber nicht wollen, dass das ganze Publikum nicht nur weiß, dass ich nicht gewonnen habe, sondern auch, dass ich nicht mal in Betracht gezogen wurde. Das mag mir selbst zwar ohnehin klar sein, aber trotzdem möchte ich nicht, dass alle das so deutlich erfahren. Aus den Mündern von Personen mit einer solchen Autorität wie der Finaljury bekäme das zusätzlich auch noch einen viel stärkeren Anstrich von Objektivität, der auch missverstanden werden kann (“Die Finaljury fand die Strategie nicht überzeugend. Offensichtlich ist das Team schlecht, wenn solche Leute das sagen!” Ich übertreibe natürlich.).
      Ebenso würde ich mich als Jurorin deutlich weniger trauen, meinen Call zu vertreten, wenn ich weiß, dass das Ergebnis der Jurierung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit anders aussehen wird – natürlich spricht es eigentlich nicht gegen die Kompetenz eines Jurors oder einer Jurorin, nicht sofort das Endergebnis zu haben, aber ich hätte in dieser Situation Angst, dass es genau so wahrgenommen wird. Ich fürchte, dass es zumindest zu stärkeren Rechtfertigungsversuchen für jede nicht positive Aussage während der Jurierung kommt, was den Jurierprozess ineffizienter machen würde.

    4. Benedikt R. (HD) sagt:

      Angenommen, ein Finalredner würde es oben genannten Gründen sich dagegen aussprechen, z.B. weil er oder sie Angst hat, bei vergleichsweiser schlechter Performance bloßgestellt zu werden. Würdet ihr dann trotzdem dabei bleiben?
      Spreche mich also auch für einen wie auch immer gearteten Modus der Zustimmung der FinalteilnehmerInnen und nicht nur der Juroren aus.

  2. Patrick F. sagt:

    Ein sehr guter Vorschlag! Es interessiert mich immer ungemein wie die guten Juroren zu ihrem Ergebnis kommen. Der Value für die Debattiergemeinschaft ist dass man daraus lernen können wird und eine dritte Ebene der Debatte herstellen kann; die Debatte über die Debatte über die Debatte.

    Es ist schwierig die Sache nicht unter dem
    Begriff Misstrauen zu “konzeptualisieren” (Danke für diesen Begriff, Jonathan), denn viele haben den Eindruck, dass einige Entscheidungen hin und wieder nicht nachvollziehbar sind und ausserhalb der stattgefundenen Debatte liegenden Einwikungen unterliegen. Es ist schwer über diese Dinge (öffentlich) zu sprechen, da die Reaktionen sowohl auf Seiten der Täter/Schieber, als auch der Falschbeschuldigten und der Unschuldigen in dieser Sache sehr emotional sind und Opfer zwar im Schein gewisse Muster erkennen können, aber doch häufig auch falsch Positive vermuten, wodurch ihre Geschichten nicht grundsätzlich belastbar sind. Opfer, also Opfer von Fehljurierungen, oder eingeschüchterte Juroren, können also ihren begründeten Verdacht nicht haltbar äußern und so zu einer Verbesserung der Situation führen, was nichts daran ändert dass ihr Verdacht nebelig begründet ist und es wiederkehrend Fälle von Betrug bei der Jurierung gibt, die aber aufgrund des genannten Mechanismus nicht aufgedeckt werden können.

    Ich denke die öffentlichen Finaljurierungen können wie die öffentlichen Finaldebatten einen gewissen orientierenden Richtwert liefern, der auch die kleineren Juroren bestärken wird entgegen der Einschüchterung oder Einwirkung des Hauptjurors zu jurieren, da ja der objektivere richtigere Weg bekannt und auch außerhalb von Jurierseminaren erreichbar ist (man stelle sich vor wie Juroren vor großen Turnieren Finaljurierungen bei YouTube anschauen, wie es viele Redner bereits bei Finaldebatten tun).

    Diese Überlegungen rechtfertigen meiner Meinung nach gerade nicht den Einsatz von Jurorenbeobachtern im Sinne von Schiedsrichtern für korrektes Jurieren, sondern zeigen, dass wir “konzeptualisiertes” Misstrauen effektiv durch den Antrag aus der Welt schaffen können.

    Es ist, bei weitem nicht so schlimm wie es beim Lesen meines Textes scheinen könnte. Grundsätzlich sind die mir begegneten Hauptjuroren glücklich darüber in die Verantwortung gesetzt worden zu sein und bemühen sich dieser auch gerecht zu werden, d.h. grundsätzlich ist Betrug oder Unfairness die absolute Ausnahme. Aber sie existiert, denn es gibt Menschen die soetwas wollen. Wird der vorgeschlagene Ansatz durchgeführt können diese Leute sich zweimal überlegen ob es nicht besser wäre seine Neigung zum Betrug woanders auszuleben bevor wir sie nach und nach aus unserer Gemeinschaft herausdrängen.

    Ich bin gespannt auf Eure Antworten zu meinem Kommentar.

  3. Nicolas (MZ) sagt:

    Interessante Idee, finde ich gut. Bin gespannt, wie sich das in der Praxis ausspielen wird.

  4. Witthaut sagt:

    Coole Idee und bringt enorm viel!

    Weitergedacht: Wenn es gerade auch um Anschauungsmaterial geht, wäre es eigentlich sinnvoller alle Vorrunden zu filmen und geeignetes Anschauungsmaterial zu filtern. Die Stichprobe “nur Finaldebatte” kann natürlich auch einen falschen Eindruck vermitteln, je nachdem wie die Debatte verläuft. Besonders weil Finaljurierungen leicht anders ablaufen als andere Jurierungen (Platzierung aller Teams ist im klassischen Sinne nicht gegeben).

    Was ich aber positiv anmerken möchte:
    Ich glaube ich habe echt viele Debatten juriert. In diese vielen Debatten haben sich teilweise Juror*innen benommen – das glaubt man nicht. Ich spreche da nicht von Klartext (wie Lennart es meint), das ist richtig und wichtig. Ich spreche von herablassend und unwürdig. Jede / Jeder die / der sich hinstellt und 7 Minuten vor Publikum spricht – Finale hin oder her – hat Respekt verdient. Vll. hilft ja das öffentliche filmen, dass so manch einer sich seine Dreistigkeiten spart. Manch einer glaubt nämlich sich im stillen Kämmerchen der Jurierung so benehmen zu können wie in sozialen Netzwerken oder zum Teil auf Kommentarfunktionen der Achten Minute 😉

    Was ich aber negativ anmerken möchte:
    Manchmal ergreifen Einzelne starke Positionen, weil sie das Gefühl haben das etwas in der Jurierung schief läuft oder whatever (was manchmal auch wichtig ist) Das öffentliche Filmen fördert Zurückhaltung. Diese Zurückhaltung ist aber im Sinne “wir wollen das richtige Ergebnis finden” hinderlich bzw. kann hinderlich sein. Zweitens: DDL-Turniere haben leider häufiger das Problem, das man auch in Finaljurierungen Ausbildung betreibt (Sperrungen, wenige Juror*innen, usw.). Darüber sollten sich alle bewusst sein. Manchmal gibt es dadurch eine gewisse Asymetrie in der Kommunikation des Panels. Die Erwartungshaltung an eine Finaljury ist aber eine andere. Hier stoßen Dinge aufeinander, die richtig kommuniziert werden sollten.

    Viel Erfolg!

  5. Aleks sagt:

    Was ich mir nie erklären konnte war, weshalb das Jurorengesprach geheim ist. Wieso müssen Redner rausgehen und dürfen sich nicht anschauen welche tatsächliche Wirkung sie hatten, sondern bekommen dieses Distillierte und schonende Feedback von dem Lennart spricht? War das schon immer so? Wieso hat man diese Regel eingeführt? Was ist der Zweck dieser Norm? Wenn ein einzelner Debattant stören würde oder Einfluss nehmen wollte kann man ihn ja des Raumes verweisen, warum also gleich alle des Raumes verweisen?

    1. Witthaut sagt:

      Das hat schon seine sehr sinnvollen Hintergründe. Ich möchte jetzt nicht komplett über alle psychologischen, kommunikationstheoretischen oder soziologischen Ansätzen reden aber Menschen Verhalten sich je nach Situation anders. Als Vergleich: Die Diskussion über ein Bewerber / eine Bewerberin nach einem Job-Interview ist meist auch hinter verschlossenen Türen bevor man Feedback erhält. Das liegt daran, dass die für die Arbeitgeber geltenden Schwerpunkte evtl. von denen der Bewerbung abweichen. Gleichzeitig denkt aber der Bewerber / die Bewerberin er sei geeignet – sonst würde er sich nicht bewerben. Würde man den Prozess öffentlich machen, käme sicher irgendwann der Punkt an dem der Bewerber / die Bewerberin denkt “Ja, aber”. Das Problem das daraus entsteht (und nicht das Feedback abwartet, das übrigens nicht schonend ist sondern wohlüberlegt – hier widerspreche ich dem doch deutlich) ist, dass die Person in der Kommunikation abgehängt wird.

      Kommen wir zum Debattieren zurück: Das Jurypanel redet über ein Argument (sagen wir von OG). OG denkt sich aber selbst, so haben sie es nicht dargestellt wie Juror*in X es behauptet. Es ist die natürlichste Reaktion, dass man ins Tuscheln kommt, abgelenkt wird etc. Der / Die schweigende Objektive Zuhörer*in, der / die bis zum Ende volle Aufmerksamkeit dem Ganzen schenkt, ist ein wenig utopisch. Nun kann es sein, dass während OG tuschelt und sich aufregt, Juror*in Z das Argument richtig gestellt hat. Der Kommunikationsprozess ist also fortgeschritten, OG bekommt es aber nicht mit. Das Aufregen ist nunmal viel befriedigender. Hätten sie aber erst am Ende das Feedback bekommt, das nicht schonend sondern wohlüberlegt ist, wäre es vll. gar nicht zu diesem Kommunikationsproblem gekommen. Und das ist nur ein kleines Beispiel. Stelle dir nur mal vor, über OG wird erst in Minute 3 des Jurierprozesses gesprochen und nach Minute 2 denkt sich OG schon, wie unfair es sei nicht behandelt worden zu sein. Offen werden sie dem Gespräch nicht mehr lauschen.

      Wenn man dann noch daran denkt, dass man auf Turnieren sowieso angespannt und unter Adrenalin steht… Eieiei… Leute können sich ja zum Teil schon beim Feedback nicht zusammenreißen und fahren Juror*innen an. Wenn sie dann noch mitbekommen, dass ein Juror / eine Juror*in was falsch verstanden hat. Die sind doch in deren Augen für immer verdammt…

      Was also vorhanden ist: Der Prozess der Entscheidungsfindung ist asymetrisch zu den Erwartungen der Teams. Das Feedback jedoch ist eine Zusammenfassung des Prozesses, balanciert an die Erwartungen des Teams. Es macht wahrscheinlicher, dass die Teams zuhören, verstehen und akzeptieren. Ich befürworte dennoch das Experiment, geraude aus Perspektive daraus zu lernen. Institutionalisiert würde ich aber jedoch irgendwann (vll in Form eines Streitgespräches, Jonathan und Pegah 😉 ) etwas dagegen schreiben.

      PS: Ich möchte nochmal deutlich machen: Feedback ist keine schonende Anschauung des Jurierprozesses. Es ist eine an die Erwartung der Teams angepasste. Das ist ein wichtiger Unterschied!

      PPS: Ich rede natürlich von idealisierten, strukturellen Kommunikationssystemen. Sollte das Feedback nicht gut sein, erreicht es die Teams auch nicht.

  6. Sabine (Tübingen) sagt:

    Zwei Anmerkungen noch zum Punkt “Reflexion”:
    1) Wenn man Aufnahmen als Lehr- und Anschauungsmaterial möchte – keine schlechte Idee, im übrigen -, so wäre es auch möglich, das ähnlich wie bei Eichdebatten handzuhaben: Man filmt eine Debatte, deren Teilnehmer die Debatte nur zu diesem Zweck führen und dementsprechend auch einverstanden sind (und nicht nur deshalb einwilligen, weil sie nicht die Chance auf einen Turniersieg verpassen wollen), und lässt sie dann von Personen jurieren, die ebenfalls nur zum Zweck gefilmt zu werden, jurieren. Der Anschauungseffekt ist sogar noch größer, weil man so nicht nur sehr hochwertige Finaldebatten, sondern, wenn man möchte, auch durchschnittliche Debatten zur Verfügung haben kann. Wenn man z.B. lernen möchte, wie man eine Jurierdiskussion leitet, ist eine Finaldebatte wahrscheinlich sogar am wenigstens geeignet, weil sich nicht das Problem stellt, wie man mit sehr unerfahrenen NebenjurorInnen, Zeitdruck etc. umgeht.
    2) Wenn man das Verhalten der JurorInnen in der Jurierung auswerten möchte – ebenfalls sicher aufschlussreich -, dann kann man das auch tun, ohne die Jurierung komplett öffentlich zu zeigen. Ich glaube, die meisten JurorInnen sind eher einverstanden, gefilmt zu werden, wenn das Video dann von einer Art Kommission o.ä. angeschaut und ausgewertet wird. Dann haben sie nicht so sehr das Gefühl, dass ihre Leistung bewertet wird und das ihnen ggf. schaden kann, sondern wissen, dass es um anderes geht. Natürlich verzerrt das Wissen, dass gerade auf das Diskussionsverhalten geachtet wird, den Untersuchungsgegenstand, aber das wäre ja bei einem öffentlichen Finaldebattenstreaming eher noch schlimmer.

  7. Konrad Tü sagt:

    Da stimme ich Sabine zu.
    Eine Zwischenoption wäre, die Finaljurierung aufzunehmen, aber nicht zu streamen. Interessierte können sie dann im nachhinein ansehen. Den Nutzen, dass ein fachfremdes Publikum Debatten dadurch eher versteht halte ich für relativ gering, da in einer Jurierung Dinge zu stark verkürzt dargestellt werden. Minutenlange Redeabschnitte werden im Zweifel in einem Wort zusammengefasst. Der Unterschied zwischen Argumentation in den Medien und Argumentation in Sportdebatten lässt sich nicht dadurch erklären, dass das eine gezeigt wird. Da bräuchte es schon immer deutlich mehr Kontext, warum eine bestimmte Argumentationslinie jetzt gut ist, und warum nicht. Sport-Juroren haben komplett andere Prämissen als das Normalvolk und diskutieren daher über andere Problematiken.

  8. Andrea G. (Mainz) sagt:

    Eine interessante Idee, deren Realisierung sicher spannend sein wird. Dennoch halte ich die realen Implikationen dieser Maßnahme aus ganz unterschiedlichen Gründen für problematisch. (Einige davon beziehen sich mehr generell auf die Idee, mehr Jurierdiskussionen öffentlich zu machen; da aber hier auch massiv in diese Richtung argumentiert wurde, habe ich sie trotzdem angeführt.)

    1. Stichwort Kompromissbereitschaft: Debattierer sind im Durchschnitt Menschen, die zumindest im Rahmen eines Debattierturniers ungern öffentlich zugeben, Unrecht gehabt zu haben oder von der gegnerischen Seite überzeugt worden zu sein. Das liegt zum einen daran, dass uns das Prinzip „Wer nachgibt, verliert“ durch viele Debatten anerzogen wird, andererseits daran, dass ein Nachgeben auch innerhalb ganz normaler Kommunikation oft mit Schwäche konnotiert wird. Im Grundsatz ist daran ja auch erstmal nichts Schlimmes, aber dieser Schwäche des Debattierens muss man sich bewusst sein: Wir erziehen Leuten das öffentliche Nachgeben ab – auch wenn wir es so nicht beabsichtigen. Ein konstruktiver Jurierprozess jedoch ist in den meisten Fällen allein dadurch möglich, dass Juroren im Grundsatz bereit sind, sich von ihren Kollegen überzeugen zu lassen – ansonsten bräuchte man keinen Jurierprozess, sondern könnte einfach nur abstimmen oder mitteln. Schon jetzt sind viele Jurierdiskussionen unangenehm, weil nicht wenige Juroren denken, sich überzeugen zu lassen sei gleichbedeutend damit sich einen Zacken aus der Krone zu brechen. Dass es trotzdem am Ende meistens funktioniert, liegt meiner Meinung nach zu einem großen Teil am Schutzraum, den die fehlende Öffentlichkeit des Jurierprozesses und das Gebot der Jury-Geschlossenheit nach außen bietet. Alle Teams des Raums oder womöglich des gesamten Turniers diesem Prozess zuschauen zu lassen, das Bewusstsein öffentlicher Beobachtung, liefert Anreize dazu, weniger nachzugeben, um nicht als inkompetent oder schwach zu erscheinen – wie es in Debatten auch der Fall ist. Der beste Juror ist jedoch nicht immer der, der sein Ergebnis durchbekommt – mitunter ist das Zugeben von Unsicherheiten oder Fehlern viel, viel Wertvoller.

    2. Stichwort Schutzraum: Ja, Jurieren ist ein Dienst am Turnier. Aber können wir bitte einen Moment lang auch an die Juroren denken? Hauptjurieren bedeutet schon jetzt eine extreme Aufmerksamkeitsanforderung über mindestens anderthalb Stunden pro Debatte, wesentlich mehr als jeder Redner und abgesehen vom Break ohne greifbare Belohnung. Ich persönlich mache das wirklich sehr gerne, aber die Jurorenknappheit der letzten Jahre spricht Bände bezüglich der wahrgenommenen Kosten-Nutzen-Rechnung was Jurieren angeht. Wenn die Teams jeder Jurierdiskussion zuschauen, bedeutet das weitere zwanzig Minuten pro Runde, in der Juroren unter Komplettüberwachung stehen und der Stresspegel, keine Fehler machen zu dürfen, um nicht als inkompetent zu gelten, hochgehalten wird. Die Jurorendiskussion ist bisher ein Raum, in dem man auch mal kurz durchatmen und seine Gedanken ordnen kann, wo man erstmal „nur“ dem Ergebnis verpflichtet ist und nicht gleichzeitig auch den Rednern als Menschen. Man muss nicht jedes Wort darauf prüfen, wie es bei den Rednern ankommen würde oder daran denken, wie sich die eigenen Gedanken auf die menschliche Beziehung zum Redner auswirken könnten. Der Unterschied im Stresspegel zwischen Jurorendiskussion und Feedback ist erheblich, insbesondere für Leute die nicht schon seit (gefühlten) Jahrhunderten jurieren. Und wenn es eins gibt, was Juroren nicht brauchen, dann ist es mehr Stress.

    3. Stichwort Ergebniszufriedenheit: Es ist nur eine Mutmaßung meinerseits, aber ich kann mir vorstellen, dass Teams sich schwerer tun, ein Ergebnis zu akzeptieren, wenn sie den Jurierprozess gesehen haben. Momentan tritt das Jurorenteam geschlossen auf; wenn das Ergebnis verkündet wird, ist es eins, das drei oder mehr Personen mittragen. Wenn Teams die Jurierung mitverfolgen können, beobachten sie, wer für sie und gegen sie argumentiert hat und wenn dann jemand für einen argumentiert hat und sich hat überzeugen lassen, fühlt man sich viel näher dran am Erfolg und viel enttäuschter, dass es doch nicht geklappt hat – aus der eigenen Sicht eventuell nur, weil der andere Juror halt erfahrener im Debattieren ist. Abgesehen davon sehen die Redner, welches Individuum aus dem Jurierpanel dasjenige ist, was für das eventuell unliebsame Ergebnis speziell verantwortlich ist – wem man das also speziell nachtragen kann oder wen man nach der Jurierdiskussion noch mal löchern muss. Ich würde das hier nicht so negativ schreiben, wenn ich nicht wüsste, wie viele Spezis es leider immer noch gibt, die nach der Debatte und abends auf der Party noch Ewigkeiten lang Diskussionen oder –in einer weniger wohlwollenden Formulierung -Streitgespräche mit den Juroren führen wollen, warum man sie falsch verstanden hat oder sie doch hätten gewinnen sollen. (Damit sind übrigens ausdrücklich nicht die völlig normalen Bitten um weiteres Feedback oder Nachfragen gemeint!) Dadurch, den Jurierprozess mitbekommen zu haben, wird diese Art von Diskussion noch persönlicher auf die Person des Jurors gemünzt. Und dabei eventuell nicht mal auf den Hauptjuror, der die Verantwortung hat, für solche Gespräche zur Verfügung zu stehen, sondern für den „kleinen“ Nebenjuror, der halt in der Jurierdiskussion auf der falschen Seite stand.

    1. Peter G. sagt:

      Danke Andrea, ich kann mich dir nur anschließen. Insbesondere Punkt 3 halte ich für stark problematisch. Es ist durchaus sinnvoll wenn ein Panel eine gemeinsame Entscheidung trägt, anstatt durch die öffentlich sichtbare Diskussion Einzelne “zum Abschuss freizugeben”. Gerade in einer Finaldebatte kann mir keiner erzählen, dass jeder (ihr hier alle natürlich schon, aber sicher nicht jeder 😉 ) in der Lage ist das Ergebnis zu schlucken, insbesondere wenn deutlich auszumachen ist, welcher eine Juror einen “den Sieg gekostet hat”.
      Wir gehen hier auch immer davon aus, dass das Panel nicht nur einen “guten”, sondern auch einen “richtigen” Job macht. Was aber wenn sich mal wieder eine der “Skandalentscheidungen” durchsetzt? Die im Juriergespräch vielleicht sinnvoll und richtig erschien, das (Debattier-, Fach-) Publikum aber gut begründet anderer Ansicht ist. Was wenn sich auch noch klar belegen lässt und für jeden automatisch ersichtlich ist wer diesen Call durchgesetzt hat?
      Zuletzt: Wie kann ich ernsthaft von einem jungen Nachwuchsjuror erwarten, dass er ausreichend kritisch denen gegenüber ist, die ihn in Zukunft noch oft genug bewerten werden? Wir wissen, wie wichtig “Standing” in der Szene sein kann. Ich kann mir vorstellen, dass ohne den “Schutzraum” den Andrea genannt hat, Meinungen nicht in dem Maße geäußert werden wie sie sollten. Wohl von den wirklich erfahrenen Juroren, die ggf. alles erreicht haben und es sich “leisten können”. Wohl kaum aber von jenen, die noch von Anerkennung und Erfolgen träumen.

  9. Barbara (HH) sagt:

    Ich möchte Andrea auch voll und ganz zustimmen, diese Gefahren sehe ich auch, jedenfalls dann, wenn die Diskussion öffentlich gestreamt wird.

    Gleichzeitig erscheint mir der Nutzen doch recht klein. Ich finde zwar die Idee interessant, hieraus Anschauungs- und Lehrmaterial für die Verbesserung der Jurierqualität zu erhalten. Hierfür ist aber zumindest der Stream keinesfalls erforderlich, wie ja auch Sabine bereits geschrieben hat. Und wie auch andere hier glaube ich ebenfalls nicht, dass es einem debattierfremden Publikum wirklich weiter hilft, eine Jurierung zu sehen, da 1. die Maßstäbe unbekannt bleiben und 2. eine schnelle, ergebnisorientierte Jurierdiskussion auf Außenstehende sogar abschreckend wirken kann.

    Als kleiner, aber feiner Nebenschauplatz: Gerade in öffentlichen, großen Finaldebatten fürchte ich, dass es sehr leicht zu einer Brüskierung der Ehrenjury kommen könnte. Wir alle wissen, dass Ehrenjury-Preis und Studentischer-Jury-Preis häufig auseinander fallen und wir wissen auch, an welchen Kriterien dies häufig liegt. Ich denke nicht, dass wir den Ehrengästen einen Gefallen tun, wenn sie einen Redner ehrt, der kurz zuvor im Live-Stream zwar als “schön geredet” bewertet wurde, aber insbesondere dessen Inhalt ansonsten sehr kritisch besprochen wurde.

    Zudem eine Frage aus ehrlichem Interesse: Wie viele Sportarten gibt es überhaupt, bei denen der Bewertungsprozess – nicht nur das Ergebnis – 1:1 öffentlich übertragen wird? Ich sehe ein, dass man als Außenstehender und Betroffener hieran ein Interesse haben kann; aber mir fallen gerade keine Beispiele ein, in denen dieses Interesse trotz all der in dieser Diskussion bereits genannten wahrscheinlichen Schäden als legitim anerkannt und durchschlagend anerkannt wird.

    Und ja, Debattieren ist ein besonderer Sport, in dem es auch viel um subjektives Verständnis der Juroren geht, weswegen die Beobachtung der Jurierdiskussion durchaus aufschlussreich sein könnte. Dies ist allerdings beispielsweise bei Richtern (im realen Leben ^^) nicht anders, denen ein umfangreiches Beratungsgeheimnis für alle Entscheidungen zugestanden wird, obwohl man die hier angeführten Vorteile für Transparenz, etc. dort sogar mit noch viel größerem Gewicht anbringen könnte, da es oft um weit mehr geht als nur einen Debattensieg. Auch insofern bin ich daher noch nicht überzeugt, dass die Vorteile die Schäden überwiegen, jedenfalls dann nicht, wenn eine solche Liveübertragung zum Standard werden sollte.

  10. Georg Sommerfeld sagt:

    Kurzfassung:
    a) Krasses, unwürdiges Fehlverhalten in Jurierungen ist kein Einzelfall. Es wird durch die öffentliche Jurierung unterbunden.
    b) Nachwuchsjurierpersonen werden neu gewonnen.
    c) Jurierungen werden langfristig eher akzeptiert werden als das, was sie sind: Fehlerhafte Momentaufnahmen.
    d) Die Öffentlichkeit lernt eine der größten Fähigkeiten und Talente des Debattierens endlich kennen: Jurieren und Jurierpersonen

    a) Zum Fehlverhalten:
    Die bisherige Diskussion hat bisher die Erfahrung von “Witthaut “ in der Abwägung nicht genug gewürdigt. Er spricht von dreistem, herablassenden Verhalten in Jurierungen. Und das nicht nur in Einzelfällen. Das sehe ich auch so. Und das ist ein großes Problem.
    Ich habe das oft genug erzählt bekommen von Leuten, denen ich vertraue. Und auch erlebt.
    Dazu ein Beispiel: Selber habe ich bei meinem ersten Turnier erfahren, wie ein stark betrunkene Chefjuror mich als Chair in der letzten Vorrunde erpresst hat. “Ich habe keine Ahnung, wer gewonnen hat. Was ich weiß, ist, dass X bester Redner war. Wenn er das nicht wird, dann lasse ich das Turnier platzen. ” Das sprach er und verließ den Raum. Ich habe mich dann nicht getraut, den wirklichen besten Redner auszuzeichnen. Zum Glück hat Person X zumindest meine Jurierung unterbrochen, behauptet, dass sie nicht bester Redner war und den wirlichen besten Redner genannt. Die Punkte waren aber dennoch schon vergeben.
    Es war eine misitge Erfahrung für alle Beteiligten. Und ich wäre froh gewesen, wenn ich mich anhand guter Beispiele von Jurierungen so weit vorbereitet hätte, dass ich selbstbewusster aufgetreten wäre. Produzieren wir also echtes und gutes Vorbereitungsmaterial.

    b) Zu den Nachwuchsjurierpersonen:
    Die Angst vor dem Jurieren kann in Clubs nicht wirklich abtrainiert werden. Es herrscht auf Turnieren oft ein anderer Stil als im heimeligen Club. Wenn man sich darauf vorbereiten kann, wäre das hilfreich, auch für die Anwerbung neuer Juroren. Zudem kann man sich systematisch mit den Juriermethoden der ganz großen Juroren vertraut machen und dadurch schneller Erfolg beim Jurieren erlangen. Seminare hätten ganz andere Möglichkeiten, die Dynamiken zu analysieren und zu unterrichten, die in einer Gruppenjurierung entstehen.

    c) Fehlerhafte Momentaufnahmen:
    Aufregung über ein Ergebnis kann es nur geben, wenn man Perfektion und Objektivität erwartet. Das kann Jurieren nicht leisten. Jeder, der es mal gemacht hat, weiß das. Und je mehr Finaljurierungen öffentlich werden, desto mehr wird ein Ergebnis als fehlerhafte Momentaufnahme akzeptiert werden. Sie ist nur deshalb das Ergebnis eines Turnier, weil es bisher keine bessere Möglichkeit gibt.
    Das ist beim Kunstturnen und Eiskunstlaufen auch nicht anders. Dann fängt man entweder an, sich mehr auf die Schönheit des Sports einzulassen und das Ergebnis nicht mehr so wichtig zu finden.
    Oder man fängt an, sich zu überlegen, warum der einzelne Juror einen falsch verstanden hat. Und dann kann man daran arbeiten. Und man wird entweder besser oder gelassener.

    d) Zur Öffentlichkeit und Wertschätzung von Jurierpersonen
    Gutes Jurieren von außen betrachtet ist ein Genuss. Intelligente, präzise Abwägungen, aufeinander eingehen und noch vieles mehr. Es ist schwieriger als das Reden. Wie toll wäre es, einem Sponsor nicht nur ein kurz geschnittene Debatte, sondern auch noch eine richtig gute Jurierung zeigen zu können. Wenn der Vorwurf an das Debattieren z.T. lautet, dass Populisten und billige Rhetorik rangezüchtet wird, dann kann man mit gutem Jurieren antworten. Und es ab jetzt auch beweisen.
    Gute Juroren bekämen genau wie es gute Redner bekommen, endlich richtige Anerkennung. Demn die Tätigkeit des Jurierens zeichnet sich nur zu einem Bruchteil aus Feedback und “richtigem” Ergebnis aus. Das volle Erfassen der zentralen Argumente und der Ausgleich in der Diskussion ist mindestens genauso wichtig. Und das kann ab jetzt nicht nur von den wenigen Kollegen wertgeschätzt werden, die dabei waren.

  11. Nicolas F.(Göttingen) sagt:

    Ich denke hier wurde schon mehr als genug gegen eine veröffentlichte Jurierdiskussion argumentiert, so dass ich das hier ignoriere. Allerdings finde ich einen Punkt der Pro-Argumentation gut: Man kann sehen wie Jurieren auf hohem Niveau so abläuft.

    Ich denke diese Frage sollte uns die wir ein Interesse an besseren Jurierungen und Jurorern haben nicht locker lassen… Meine Idee dazu ist, dass wir Nachwuchsjuroren als Beobachter in die KO-Runden setzen damit sie mal einen Einblick bekommen, dies wäre ohne größere Probleme machbar und würde viele der oben genannten Probleme vermeiden.

    1. Christian (MZ) sagt:

      Das eine sehr gute Idee!

    2. Lennart Lokstein sagt:

      Das würde zumindest einige wichtige Probleme beheben.

  12. Nicolas (MZ) sagt:

    F. hat da eine ganz gute Idee, finde ich.

  13. Teresa W. sagt:

    Mal eine ganz andere Herangehensweise: Durch eine öffentliche Finaljurierung könnten wir in Zukunft auf automatische Juroren-Clashes verzichten. Wenn sich ein Juror im Stande sieht, Finalisten zu beurteilen, obwohl er sie gut kennt, könnte eine öffentliche Finaljurierung dazu dienen nachzuweisen, dass tatsächlich kein Bias vorlag.

    1. Lennart Lokstein sagt:

      Ich wäre stark dafür, stattdessen einfach clashende Juroren nicht das Finale jurieren zu lassen. Ich halte das für eine Unart, die nur durch wirklich starken Mangel begründbar ist.

    2. Sabine (Tübingen) sagt:

      Ich glaube tatsächlich auch, dass clashende Juroren nicht ihren Clash bewusst schlechter oder besser bewerten, sondern dass das ein unterbewusster Bias ist, dessen sich die Person gar nicht so hundertprozentig bewusst ist. In OPD würde man dann eine Person z.B. tatsächlich positiver wahrnehmen – aus dem eigenen Standpunkt heraus wären die Punkte genau richtig, aber die positivere Wahrnehmung liegt eben nicht an der Leistung, sondern daran, dass man vielleicht eine bestimmte Gestik sehr gut kennt und deshalb mag und als passend empfindet. In BPS (und OPD) wäre das Problem, dass man z.B. die Argumentationsweise des eigenen Clubs besser kennt und deshalb besser nachvollziehen kann oder als stärker empfindet. Das sind beides Dinge, die man nicht bewusst tut, und die auch andere beim Zusehen nur schwer aufdecken können – in beiden Formaten ist es schließlich normal, dass man zu Beginn der Jurierung unterschiedliche Sichtweisen über den Ausgang der Debatte hat. Wie will man jemandem nachweisen, dass ein Bias vorliegt, nur weil er oder sie Person X 54 statt 50 Punkte geben möchte oder weil er Team Y auf Platz 1 statt 2 sieht?

  14. Nikos sagt:

    Ein Fall von too long, didn’t read: Wollt ihr das Finale auch filmen? Ich wäre sehr dafür, weil es das ganze für die Nachwelt ungemein viel wertvoller macht.

  15. Daniel (Heidelberg) sagt:

    Sehr gute Idee! Die Gegenargumente sind zum Teil von großem Gewicht, würde mich aber dennoch sehr freuen, wenn Debattanten und Juroren dieses Experiment einmal mitmachen. Hinterher sind wir hoffentlich schlauer. Und vielleicht ist das in der Praxis alles gar nicht so dramatisch. Bei den Vorteilen bin ich ganz bei Jonathan, Pegah und vor allem bei Georg („Gutes Jurieren ist ein Genuss!“).

    Bitte unbedingt das „Laienpublikum“, i.e. nichtdebattierende Besucher, nach der Veranstaltung befragen, ob das für sie interessant und hilfreich oder doch langweilig und verwirrend gewesen ist.

    Gab es nicht in Berlin bei Show-Debatten der BDU o.ä. bereits Erfahrungen mit öffentlichen Jurierungen? Erinnert sich noch jemand, wie das damals gelaufen ist?

    Grüße

    DS

  16. Pegah und Jonathan sagt:

    Vielen Dank für Eure guten Überlegungen! Wir möchten gern kurz darauf eingehen. Die wichtigste Kritik an unserer Idee ist in unseren Augen in den Argumentationen enthalten, die befürchten, dass die Öffentlichkeit der Jurierung dem Jurierprozess schadet und das Ergebnis verzerrt. Das ist einerseits Andreas Argument [Beitrag Nr. 8, 1. Stichwort], die davon ausgeht, dass Juror*innen engstirniger und weniger kompromissbereit werden, und andererseits Lennarts [Beitrag Nr. 1, dritter Absatz] und Witthauts [Beitrag. Nr. 4, letzter Absatz] Punkt, die davon ausgehen, dass die Juror*innen zurückhaltender und schüchterner werden.
    Sicherlich gibt es psychologische Einflüsse unserer Maßnahme auf das Verhalten der Juror*innen. Entscheidend ist in unseren Augen, ob die objektiven Anreize für gutes Jurieren negativ beeinflusst werden. Und das ist hier nicht der Fall: In der Jurierung geht es darum, die eigene Wahrnehmung und Wertung mit anderen abzugleichen und anhand des Debattenverlaufs zu belegen. Juror*innen, die das gut machen, werden auch mit unserer Maßnahme honoriert werden, vielleicht sogar mehr als bisher. Wir werden aber die Finaljuror*innen auch nochmal eigens für die psychologischen Fallstricke sensibilisieren, die ihr in euren Beiträgen ansprecht.

    Wir sehen es wie Georg [Beitrag Nr. 10, c)], dass die neue Situation möglicherweise einige Anpassungen erfordert (unter anderem die Einsicht, dass Jurieren immer ein unperfektes Verfahren ist), dass wir aber in der Lage sind, gutes öffentliches Jurieren ebenso zu lernen, wie wir bisher in der Lage waren, gutes Jurieren, Feedbackgeben und -nehmen zu lernen. Wir glauben, dass die allermeisten Fälle unprofessionellen Verhaltens in der Jurierung darauf zurückzuführen sind, dass Juror*innen gar nicht bewusst ist, wie ihr Verhalten auf andere wirkt. Das Videofeedback des Jurierens kann gerade hier die Reflexion – sowohl für einen selbst als auch für die Zuschauer*innen – ermöglichen, die für eine Verbesserung notwendig ist.

    Das zweite wichtige Argument betrifft den Einfluss auf die Redner*innen. Wir schätzen diesen Einfluss als relativ gering ein. Die Teams im Finale sind die vier besten Teams des Turniers. Mit ihrem öffentlichen Auftreten setzen sie sich ohnehin der Kritik des Publikums aus. Gleichzeitig wissen alle im Publikum, dass die Redner*innen mit Reden nach 15 Minuten Vorbereitungszeit zu einem unbekannten Thema und unter hoher Nervosität eine beeindruckende analytische und rhetorische Leistung erbringen. Daran wird auch eine öffentliche Jurierung in unseren Augen nicht viel ändern. Das Publikum bildet sich überdies ohnehin eine eigene Meinung, die Autorität der Finaljury ist in unseren Augen nicht besonders hoch.

  17. Erik Thierolf sagt:

    Das Video mit der Liveübertragung des Finals ist Sonntag, ab ca. 13:00 Uhr hier abrufbar:
    http://www2.uni-jena.de/rz/dienst/mmz/Online/mobil2.php

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