Mein erstes Turnier – Der Beginn einer neuen Leidenschaft

Datum: 27. November 2018
Redakteur:
Kategorie: Mein erstes Turnier, Menschen

Die erste Fahrt auf ein Turnier kann für neue Debattiererinnen und Debattierer vieles sein: Türöffner in die überregionale Szene, der Beginn neuer Freundschaften oder auch das Erwachen des Wettkampfgeistes. Häufig steht davor aber auch eine (mentale) Hürde, die es zu überwinden gilt. In unserer neuen Reihe “Mein erstes Turnier” erinnern sich Debattierende an ihre Anfänge. Christian Struncks Turnierlaufbahn begann an einem Ort, an den er später noch mehrmals erfolgreich zurückkehren würde.

Christian auf der DDM 2015 - © Anna Mattes

Christian auf der DDM 2015 – © Anna Mattes

Die letzte Vorrunde des Münsteraner Nikolausturnier 2012 läuft. Mein erstes Debattierturnier und diese dritte (und letzte) Vorrunde war meine insgesamt fünfte Debatte im Format BPS überhaupt. Ich stehe am Rednerpult und werfe einen schnellen Blick auf meine Notizen. Alles gesagt, nichts vergessen. Gut! Ein Blick auf die daneben liegende Stoppuhr: 3:37 Minuten. Verdammt!

Ende Oktober 2012, kurz nach den Klausuren für mein zweites juristisches Staatsexamen, bin ich erstmals zum Mainzer Debattierclub gegangen. Das hatte ich eigentlich schon während des ganzen Studiums vor, aber es hat sich letztlich nie ergeben. Als ich dann am Samstag nach den Klausuren ausgeliehene Bücher an der Uni zurückgegeben habe, sah ich ein Werbeplakat für einen Einsteigerabend und dachte mir: Jetzt gehst du endlich mal hin!

Das war der Beginn einer neuen Leidenschaft und einer wirklich tollen Zeit, in der ich viele tolle Menschen kennen lernen und viel Spannendes erleben durfte. Aber jeder fängt einmal klein an und so ging es in meinen ersten Debatten tatsächlich erst einmal um die Einführung von Schuluniformen oder eine Führerscheinprüfung für ältere Menschen. Schon nach wenigen Wochen wurde ich gefragt, ob ich denn nicht mal auf ein Debattierturnier fahren wolle. Es gebe da so ein Anfängerturnier in Münster und es gebe noch freie Teamplätze. Das sei allerdings in „BP“, da müsse ich dann noch die Regeln lernen (Wie üblich wurde das Nikolausturnier als Pro/Am Turnier ausgerichtet, aber von solchen Feinheiten hatte ich noch keine Ahnung).

Ich war relativ unsicher, hatte ich doch so gar keine Vorstellung, was ein Debattierturnier ist. Und was war eigentlich dieses „BP“? Doch ich mochte die Menschen des DCJG und ich mochte (und mag) kompetitive Herausforderungen. Und da ich bei den Clubabenden auch schon einige kleine Erfolgserlebnisse gesammelt hatte (die beste Rede der Debatte – mit 43 Punkten!), fühlte ich mich gar nicht so schlecht vorbereitet.

So ging es also an einem kalten Freitagnachmittag los nach Münster. Während der Fahrt wurden mir unglaublich viele taktische Tipps gegeben, etwa wann man welche Fragen von wem dran nehmen sollte wenn man als schließende Partei als zweiter Redner redet und noch vieles mehr. Viel hängen geblieben ist davon selbstverständlich nicht. Stattdessen wuchs mein Respekt vor dem Turnier und mir kamen leise Zweifel, ob ich dem gewachsen sein würde. Zwar konnte ich das Format vor dem Turnier immerhin zwei Mal ausprobieren, aber mit meinem Partner für das Turnier, Fabian Mohnke, konnte ich im Vorfeld des Turniers leider nicht üben. Fabian war zwar erfahrener als ich, hatte aber auch erst einige Monate vor mir zu debattieren begonnen und hatte insgesamt auch erst ein Turnier besucht. Aber wir verstanden (und verstehen) uns sehr gut und trotz aller Aufregung war ich optimistisch, dass dies bestimmt ein tolles Erlebnis werden würde.

Rückkehr nach Münster I: Christian (l.) ein Jahr später im Finale des Nikolausturniers - © Manuel J. Adams

Rückkehr nach Münster I: Christian (l.) ein Jahr nach seinem ersten Besuch im Finale des Nikolausturniers 2013 – © Manuel J. Adams

Der Freitagabend war dann allerdings eher unspektakulär. Ein „Social“ (dieses Wort lernte ich erst einige Wochen später kennen; Wörter wie „impact“ dankenswerterweise erst Monate oder Jahre später) gab es am Freitagabend nicht. So schliefen wir irgendwann zu acht in einem Raum auf hartem Boden, der auch mit Schlafsack und Isomatte nicht wirklich bequem wurde. Oder wir versuchten zumindest zu schlafen. Oder die anderen schliefen. Und ich versuchte es. Denn eigentlich hab ich in der Nacht kaum ein Auge zu getan. Klar, da waren Partygeräusch von nebenan, Verkehrslärm von der Straße, ein schnarchender Debattierer im Schlafsack irgendwo in unserem Raum aber vor allem war ich wohl einfach: unglaublich nervös!

Am nächsten Morgen dann endlich die erste Debatte, wir waren schließende Regierung (oder Opposition?) und redeten gegen den Zwang zu geschlechtsneutralen Versicherungspolicen. Eine sehr laute und chaotische Debatte mit sehr, sehr vielen Ordnungsrufen, die wir leider mit einem verdienten vierten Platz abschlossen. Ich erinnere mich nur sehr wenig an die Inhalte der Debatte, aber noch sehr gut daran, dass an ihr auch Julian Vaterrodt, Vera Bartsch und Marcel Jühling teilnahmen und dass sie von Leo Vogel juriert wurde. Personen, die ich über die Zeit immer besser kennen und schätzen lernen würde.

Nach dieser verlorenen Runde war ich allerdings erst einmal relativ niedergeschlagen und hatte eher wenig Lust darauf, Menschen kennenzulernen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. War dieses Debattieren vielleicht doch nicht das richtige für mich? Beim Mittagessen hatte ich dann auch so gar keinen Appetit.

Zum Glück lief es in der zweiten Runde dann aber schon deutlich besser. Hier war es auch nicht halb so laut wie in der ersten Runde, wenn auch trotzdem genug Platz war für einige äußerst unpassende Nazivergleiche (das hatte sogar ich schon vor dem Turnier gelernt, das man von Nazivergleichen besser die Finger lässt, aber mancher Redner im Raum war noch unerfahrener als ich). Thematisch ging es um eine Wahlrechtsreform, wenn ich mich richtig erinnere und hier waren meine Kenntnisse aus dem Jurastudium äußerst hilfreich(Staatsorganisationsrecht ist doch für etwas gut!). Wir gewannen die Debatte deutlich und schon war meine Stimmung wieder deutlich besser. Hauptjuriert wurden wir übrigens von Matthias Morrkopf, aber auch ihn habe ich erst bei anderer Gelegenheit besser kennengelernt.

Doch kein Stall für Maria und Josef? Auch das kann debattiert werden - Bildquelle: Pixabay

Doch kein Stall für Maria und Josef? Auch darüber kann debattiert werden – Bildquelle: Pixabay

Nun waren wir extrem motiviert für die dritte Runde, jetzt sollte uns nichts mehr aufhalten! Aber was war das denn nun für ein seltsames Thema?! Verkürzt ging es um die Weihnachtsgeschichte und die Frage, ob man als Herbergsbetreiber Maria und Josef an Heiligabend in die Herberge aufnehmen sollte. Wir waren eröffnende Opposition. Und erst einmal sehr verwirrt. Was kann/darf/soll man denn hier nun machen? Wir hatten viele Ideen, haben lange über eine Abweisung aufgrund von Terrorverdacht geredet (keine Ahnung, wie wir darauf kamen) und stellten nebenbei fest, dass wir nicht sonderlich bibelfest waren. Dann war die Vorbereitungszeit auch schon vorbei und wir hatten eigentlich…nichts! Zumindest keinen Plan. Trotzdem gingen wir mit vollem Elan in die Debatte und wollten noch einmal richtig Spaß haben. Wir sagten uns, dass die Regierung ja etwas liefern müsse und dann…würden wir einfach improvisieren.

Fabian redete als erstes von uns beiden und machte seine Sache sehr gut! Die Debatte war von Anfang an recht entspannt, locker und es gab viele Lacher auf beiden Seiten. Nun kam ich an die Reihe und erklärte die Argumente, die ich mir vor allem während der Debatte notiert hatte.

Dann der Blick auf die Notizen, der Blick auf die Uhr: 3:37 Minuten. Der Blick in die Runde. Da, eine Frage! An die Frage selbst kann ich mich nicht mehr erinnern, aber sie gab mir neue Ideen und neuen Mut. Ich legte nochmal richtig los, beharkte meinerseits die Regierung mit Fragen („Wissen die Leute in der Herberge wer vor ihnen steht oder nicht? Wissen sie, wie es mit dem Christentum weiter geht oder nicht?“) und erklärte, warum wir in allen Szenarien Recht hatten und brachte auch irgendwie noch das Zeitreisendenparadoxon in meine Rede unter.

Als ich mich hinsetzte, war ich müde, aber auch sehr zufrieden. Das hatte großen Spaß gemacht, egal wie es ausgehen würde! Die Debatte gewann am Ende die schließende Opposition, aber das war nicht wichtig. Wir hatten unseren Spaß gehabt! Und trotz reiner Improvisation schafften wir es sogar tatsächlich noch auf den zweiten Platz innerhalb der Debatte. Insgesamt landeten wir auf dem 18. Platz von 36 Teams insgesamt und auf dem zweiten Platz der elf „reinen“ Anfängerteams. Gar nicht mal schlecht!

Auch samstags gab es kein „social“ und da es abends schneite, brauchten wir für den Heimweg nicht die erhofften drei sondern am Ende deutlich mehr als fünf Stunden. Trotzdem war unsere Laune während der ganzen Fahrt blendend und wir alberten die ganze Zeit herum und erzählten uns noch einmal gegenseitig von den besten Momenten des Turniers.

Was ich aus diesem Turnier mitgenommen habe, war, dass man manches einfach mal ausprobieren muss – das Debattieren überhaupt, Debattierturniere überhaupt und auch mal das ein oder andere verrückte Argument in einer Debatte. Und dass ich noch viel würde lernen müssen, wenn es auch mal was werden sollte mit einem Turnierfinale. Aber auch, dass es möglich ist, sich mit etwas Mut und ein wenig Glück auch selbst seine eigenen Erfolge zu erkämpfen, auch wenn man noch sehr neu dabei ist.

Rückkehr nach Münster II: Mainz gewinnt die DDM 2015 in Münster - © Matthias Carcasona

Rückkehr nach Münster II: Christian (Mitte) und Mainz gewinnen die DDM 2015 in Münster – © Matthias Carcasona

Das Münsteraner Nikolausturnier würde auf keinen Fall mein letztes Turnier gewesen sein! Schon eine Woche später wollte ich meine nächsten Turniererfahrungen in Heidelberg auf der BaWü 2012 sammeln. Dort sollte ich erstmals mit dem mir bis dahin noch nicht bekannten Nicolas Eberle gemeinsam in einem OPD-Team reden. Dafür sollte ich noch extra in der nächsten Woche als Eröffnungsredner umgeschult werden (bis dahin hielt ich am liebsten Schlussreden), da Nicolas „immer die drei macht“, wie man mir sagte. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass Nicolas und ich in Heidelberg zusammen antraten. Und einige Zeit später kehrten wir sogar gemeinsam nach Münster zurück. Doch das ist eine andere Geschichte.

Christian Strunck/jm.

Christian Strunck begann im Herbst 2012 beim Debattierclub Johannes Gutenberg e.V. in Mainz zu debattieren und war von Sommer 2013 bis 2014 Präsident des Clubs. Er wurde 2014 deutscher Vizemeister und gewann die Deutschsprachige Debattiermeisterschaft 2015 sowie die ZEIT DEBATTEN Wien und Heidelberg 2014. Zudem wurde er Westdeutscher Vizemeister 2014 und 2015. Er jurierte unter anderem das Finale der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft 2016 in Heidelberg sowie der ZEIT DEBATTE Hamburg 2016. Als Chefjuror war er unter anderem auf dem Schwarzwaldcup 2016, dem Alstercup 2017 und der Westdeutschen Meisterschaft 2017 in Wuppertal tätig. Aktuell arbeitet er als Anwalt für einen Arbeitgeberverband in Wiesbaden und vervollständigt seine Promotion zum Tarifvertragsrecht an der Universität Mainz.

 

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2 Kommentare zu “Mein erstes Turnier – Der Beginn einer neuen Leidenschaft”

  1. Allison (MZ) sagt:

    Woah, Christian – deine Titelsammlung ist inzwischen ziemlich beeindruckend! *_*

  2. Melissa Z. sagt:

    Echt schön einen Einblick in deine Erinngerungswelt zu bekommen und zu sehen, wie du Mal angenfangen hast. 🙂

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