Everything wrong with OPD

Datum: 3. Mai 2019
Redakteur:
Kategorie: Jurieren, Mittwochs-Feature

Jonas Frey zählt in diesem Mittwochs-Feature fast alles auf, was ihn an OPD stört und liefert Denkansätze für die Debattierszene, wie man die Probleme möglicherweise eindämmen könnte.

 

Einleitung

Wer mich noch aus meiner aktiven Zeit im deutschen Debattieren kennt, weiß vermutlich, dass ich nicht zu den größten Freunden des OPD Formats zähle. Einige wird es vielleicht erstaunen zu hören, dass das nicht immer so war. Als ich in St. Gallen mit dem Debattieren angefangen habe, haben wir dort in den deutschen Debatten ausschließlich OPD geredet. Anfangs hat mir OPD viel Freude bereitet und auch heute bin ich davon überzeugt, dass OPD tendenziell besser dazu geeignet ist, Anfänger zu motivieren und Fähigkeiten zu schulen, die außerhalb des Debattierens relevant sind.

Jonas Frey beim Finale der ZEIT-Debatte Münster (die in BPS ausgetragen wurde) – © DC Münster

Allerdings bin ich nach einer Vielzahl frustrierenden Erfahrungen auf Turnieren der Überzeugung, dass OPD als kompetitives Format eine Vielzahl an Problemen hat und die Punktzahl, die ein Team nach einer OPD Debatte bekommt, oft weder den Geist des Formates, noch die im Regelwerk festgeschriebenen Kriterien widerspiegelt.
Einige der Probleme, die ich mit OPD habe, wie beispielsweise die Tatsache, dass verschiedene Juroren für die gleiche Rede oft sehr unterschiedliche Punkte geben, sind allgemein bekannt und es wird bereits versucht mit ihnen umzugehen. Andere Punkte sind eher Kleinigkeiten. Ich versuche daher, mich auf die Punkte zu beschränken, die ich für besonders relevant halte und auf die, meiner Meinung nach, noch mehr geachtet werden könnte.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es sinnvoll ist, dieses Mittwochs-Feature zu schreiben. Ein großer Teil dieses Artikels besteht aus Notizen, die ich vor Jahren gemacht habe. Ich war nie ein erfolgreicher OPD Redner und habe nie Freude am Jurieren von OPD gehabt und daher nur relativ wenig Juriererfahrung. Insofern ist es völlig plausibel mir vorzuwerfen, dass ich OPD einfach nicht verstehe und das Format primär kritisiere, weil ich selber kein starker OPD Redner bin. Insbesondere die zweite Kritik ist vermutlich wahr. Ich glaube, dass einem die Probleme eines Formates viel eher auffallen, wenn man sich durch sie benachteiligt fühlt, als wenn man davon profitiert. Insofern wäre mir ein großer Teil meiner Kritikpunkte vermutlich nie aufgefallen, wenn ich ein guter OPD Redner gewesen wäre. Deshalb habe ich am Ende beschlossen, diesen Artikel doch zu schreiben.

Bevor ich zu meinen eigentlichen Kritikpunkten komme, möchte ich noch anmerken, dass viele der Probleme, die ich ansprechen werde, sich insbesondere auf Vorrunden beziehen und in KO-Runden weniger stark auftreten. Da die Mehrheit der Debattanten aber nur in den Vorrunden antreten darf, halte ich sie trotzdem für relevant.

OPD Jurierung überfordert unerfahrene Juroren

Die Jurierung einer Debatte ist immer schwierig und es erfordert viel Übung ein guter Juror zu werden. OPD ist aber im Vergleich zu BPS besonders unfreundlich für Neulinge. Das einzige aktuell gehaltene Regelwerk, zu Finden auf der Webseite der Streitkultur, scheint die für den Turniergebrauch kommentierte Fassung mit insgesamt 24 Seiten zu sein (Anm. der Redaktion: hier). Auch wenn davon ein großer Teil für einen neuen Juror irrelevant ist, ist es doch illusorisch anzunehmen, dass Studierende, die gerade frisch mit einem neuen Hobby angefangen haben, sich die Zeit nehmen, das Regelwerk ausgiebig zu studieren. Und selbst wenn man theoretisch weiß, wie man Punkte zu vergeben hat, hat es zumindest mich regelmäßig überfordert, während einer Rede auf 5 Einzelkategorien zu achten und nebenbei noch die Strategie zu bewerten und Zwischenfragen und Zwischenrufe der anderen Teams zu notieren.

Überforderung ist ein ernstzunehmendes Problem beim Jurieren, meint Jonas Frey – © Team Pretty Pictures

Ich denke, dass selbst Juroren, die schon auf einigen Turnieren juriert haben, nicht in der Lage sind, alle diese Kategorien, so wie es im Regelwerk vorgesehen ist, zu bewerten. Das ist insbesondere problematisch, weil die Punkte aller Juroren genau gleich viel Einfluss auf die Endpunktzahl haben. Es ist daher davon auszugehen, dass die Mehrheit der Punkte, die am Ende über den Break entscheiden, von Juroren vergeben wurden, die nicht wussten, nach welchen Kriterien sie diese Punkte eigentlich vergeben sollten, bzw. nicht in der Lage waren während einer Rede auf alle diese Kategorien zu achten.

Im Prinzip besteht die Möglichkeit, dass der Chair in der Jurierdiskussion noch einmal mit den unerfahreneren Juroren redet und sie bei ihrer Punktevergabe berät. Das ist aber zeitlich praktisch nicht möglich und wird nur bei extremen Abweichungen gemacht.

Die offensichtliche Möglichkeit dieses Problem zu beheben, wäre die Kategorien massiv zu vereinfachen. Das das im Prinzip möglich ist, zeigt das Australs Format. Dieses wird ebenfalls absolut bepunktet, aber mit nur drei Einzelrednerkategorien und ohne Teamkategorien auskommt. Weniger Kategorien haben natürlich im Umkehrschluss das Problem, dass die Jurierung weniger differenziert ist. Trotzdem stellt sich die Frage ob der aktuelle Grad an Komplexität optimal ist.

15 Minuten Jurierzeit sind nicht ausreichend für eine OPD Debatte
Das OPD Regelwerk sieht vor, das Juroren maximal 20 Minuten Jurierzeit plus 5 Minuten Zeit zum Zusammenrechnen der Punkte bekommen sollten. In der Praxis wurden auf nahezu allen Turnieren, die ich besucht habe, 15 Minuten für die Jurierung veranschlagt, was vermutlich aus dem älteren BPS Format übernommen wurde.
15 und selbst 20 Minuten Zeit sind nicht genug, um eine hohe Jurierqualität sicherzustellen. Das OPD Regelwerk erkennt selbst an, dass Einzelleistungen der Redner in der vorgesehen Zeit nicht besprochen werden können. „Wenn ausreichend Zeit vorhanden ist, können die Juroren einzelne Leistungen und Punktzahlen von Rednern ansprechen und bei Bedarf Korrekturen an ihrer eigenen Bewertung vornehmen.“  Ich habe selber nicht sehr viele OPD Turnier juriert und mag daher immer Pech mit meinen Jurierdiskussionen gehabt haben, aber ich kann mich nicht an eine Runde erinnern, in der die Teamleistung ausführlich diskutiert werden konnte, von der Einzelrednerleistung ganz zu schweigen. Stattdessen wurden in der Regel die Punkte verglichen und nur dort, wo die Abweichungen extrem waren, war Zeit kurz zu diskutieren.

Oft reicht die Zeit nicht, um Punkte für die einzelnen Kategorien differenziert zu vergeben, meint Jonas Frey – © Max Pixel

Insofern gingen meine Punkte meist direkt in das Ergebnis ein und ich hatte keine Möglichkeit Leistungen zu berücksichtigen, die ein Team gebracht hat, die ich aber aufgrund von Überforderung nicht wahrgenommen habe. So ist es mir regelmäßig passiert, dass ich kurz vor Ende einer Rede panisch gemerkt habe in einer der Kategorien noch gar keine Notizen gemacht zu haben und dann schnell irgendwelche Punkte geben musste.

Die einzige wirkliche Lösung für dieses Problem ist mehr Zeit fürs Jurieren, erkauft durch z.B. weniger Vorrunden, kürzere Redezeit für Fraktionsredner oder späteres Abendessen. Sollte keine dieser Lösungen möglich sein, wäre es zumindest sinnvoll, Juroren die Möglichkeit zu geben ihre Punkte in einzelnen Kategorien aus der Wertung zu nehmen Das ist im Prinzip problemlos möglich solange mindestens ein Juror für jede Kategorie eine Wertung abgibt. Will kein Juror eine Wertung abgeben wird der Chair verpflichtet dies zu tun.

Halo Effekt
Der Halo Effekt, ist eine kognitive Verzerrung, die dafür sorgt, dass Menschen von einer Eigenschaft auf eine andere schließen. Die erste Eigenschaft, die man wahrnimmt, beeinflusst also die Wahrnehmung anderer Eigenschaften. Der Halo Effekt meiner Meinung nach in OPD zwei Auswirkungen.

Der Halo-Effekt führt beispielsweise dazu, diese Katze, nur weil sie besonders niedlich ist, auch als sehr brav einzuschätzen (Sinnbild) – © pixabay

Zunächst einmal sorgt er dafür, dass die rhetorischen Fähigkeiten nicht nur die Punktzahl in den für sie vorgesehen Kategorien beeinflussen, sondern auf die Punktzahl in anderen Kategorien durchschlagen. Ob ein Redner rhetorisch stark ist, merkt man in der Regel an den ersten Sätzen, lange bevor man sein erstes Argument verstanden hat. Dies löst dann sofort den Eindruck aus, einen guten Redner vor sich zu haben und beeinflusst unterbewusst die Bewertung aller anderen Kategorien. Das so ein Einfluss da ist, ergibt sich schon daraus, dass Rhetorik dafür entwickelt wurde Argumente inhaltlich überzeugender zu machen. In der realen Welt gibt es keine Rhetorikpunkte und trotzdem wird Rhetorik eingesetzt. Weitere Evidenz kommt aus der internationalen BPS Szene. In BPS sollte Rhetorik nicht zählen und trotzdem ist es ein vieldiskutiertes Problem, dass Redner von elitären Privatschulen Debatten gewinnen können, indem sie die Punkte eines fremdsprachlichen Teams rhetorisch stark und mit einem britischen Oberschichtsakzent nochmal wiederhohlen.

Gute Juroren sind sicher zum Teil in der Lage Rhetorik und Inhalt sauber zu trennen, aber es ist generell schwer sich gegen kognitive Verzerrungen zur Wehr zu setzen und es ist zu bezweifeln, dass dies Juroren immer vollständig gelingt. Das Hauptproblem kommt hier allerdings wieder von unerfahrenen Juroren. Gerade wenn ich mir nicht absolut sicher bin, worauf ich in jeder einzelnen Kategorie achten soll, bin ich enorm anfällig dafür, mich von Rhetorik blenden zu lassen.

Ich sehe leider keinen Weg dieses Problem vollständig zu lösen. Ich denke trotzdem, dass eine stärkere Sensibilisierung für dieses Problem zumindest etwas helfen kann. Eine weitere Möglichkeit zur Eindämmung wäre die Abschaffung der sehr schwammigen Kategorie Überzeugungskraft, die einen relativ starken Effekt auf das Endergebnis hat und vermutlich deutlich stärker von Rhetorik beeinflusst wird als das in den Regeln vorgesehen ist.
Die zweite Auswirkung des Halo Effekt ist, dass Redner mit hohem Status auch für eine mittelmäßige Leistung viele Punkte bekommen. Dass Status enorm wichtig ist, kann man wieder am internationalen BPS sehen. Auf Weltmeisterschaften wurde damit begonnen, die Namen des Debattierclubs aus den Teamnamen zu entfernen, um zu verhindern, dass Clubs mit großen Namen besser bewertet werden. Da OPD viel intuitiver juriert wird, ist es gegenüber BPS deutlich anfälliger für unterbewusste Beeinflussung. Auf BPS Turnieren kommt es regelmäßig vor, das Favoritenteams nicht den optimalen Case für eine Debatte finden und dann von deutlich unerfahreneren Teams geschlagen werden. In OPD kommt es sehr selten vor, dass ein Top Redner mal eine wirklich niedrige Punktzahl bekommt. Da nicht davon auszugehen ist, dass ein und derselbe Redner in BPS regelmäßig weniger starke Reden hält, in OPD aber immer nur Top Leistungen liefert, scheint dies ebenfalls am Format zu liegen.

Intuitive Argumente sind stärker als sie sein sollten
Ein finales Problem, dass ich ansprechen möchte, ist, dass man in OPD Debatten häufig mit sehr oberflächlichen Argumenten erfolgreich sein kann. Dass OPD Debatten inhaltlich oberflächlicher als BPS Debatten sind, ist zum Teil inhärent im Format angelegt. Wenn die Redner in 7 Minuten nicht nur Inhalt bringen sollten, sondern auch Zeit für Sprachbilder verwenden, längere Pausen lassen und deutlich langsamer reden, bleibt naturgemäß weniger Zeit für Inhalt. Das ist nicht wirklich ein Problem des Formates, sondern so gewollt. Die Art wie OPD juriert wird, bevorzugt oberflächliche Analysen allerdings mehr als das Format eigentlich will. Das Kernproblem hier ist, dass das Rebuttal zu den Argumenten eines Redners erst kommt, wenn seine Punkte schon vergeben sind.

Der Januskopf, Logo des OPD-Formats – © Streitkultur e.V.

Anderen Juroren mag es anders gehen, aber ich bin als Juror nicht in der Lage, alle Argumente des Redners auf ihre Plausibilität zu prüfen, insbesondere nicht in OPD, wo ich gleichzeitig noch auf extrem viele andere Dinge achten muss. In BPS wäre das kein besonders großes Problem, da mir die Gegnerteams später die Schwächen in den Argumenten erklären und ich meine Meinung zu den Stärken eines Argumentes erst am Ende der gesamten Debatte bilden muss. In OPD vergebe ich dagegen die Punkte sofort nach der Rede. Im Prinzip kann sich diese natürlich noch ändern, aber da praktisch nie die Zeit ist, die Debatte nochmal als Ganzes nachzuvollziehen, findet diese Revision oft nicht statt. Im Prinzip könnte dieses Problem durch die Überzeugungskraft Kategorie gelöst werden, aber wie oben beschrieben, ist diese Kategorie stark durch Rhetorik beeinflusst und es bleibt keine Zeit inhaltlich über die Debatte zu reflektieren. In jedem Fall bleiben die Einzelrednerpunkte unangetastet, was das eigene Team stärkt und einen Break als freier Redner ermöglicht.

Fazit
Wenn ich meine Kritik am OPD Format in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich sagen, dass durch die extrem intuitive Art wie Punkte vergeben werden, unterbewusste Effekte an verschiedenen Stellen die Jurierung verzerren und zu anderen Ergebnissen führen als eine Jurierung streng nach Regelwerk. Dieses Problem lässt sich innerhalb des Formates nicht lösen, weil es direkt damit verbunden ist, wie Menschen Entscheidungen treffen. Da das OPD Format trotz seiner Probleme sehr beliebt ist, kann die Konsequenz aus dieser Erkenntnis natürlich nicht sein, das Format aufzugeben. Stattdessen sollte das Ziel sein, zu versuchen, diese Probleme so weit wie möglich zu limitieren. Ich hoffe, mit diesem Artikel ein paar Denkanstöße gegeben zu haben wie man OPD als Format und den Ablauf eines OPD Turnieres verändern kann, sodass am Ende der Jurierung oder des Turniers Ergebnisse erhalten werden, die zumindest größtenteils das widerspiegeln, was im Regelwerk vorgesehen ist.
Zum Schluss würde ich darum bitten, in den Kommentaren zu dem Artikel nicht zu schreiben, warum die Jurierung in BPS auch nicht perfekt oder sogar noch viel schlimmer ist. Ich vergleiche in dem Artikel zwar selbst OPD teilweise mit BPS, aber ich habe zumindest versucht, das nur zu tun um Probleme aufzuzeigen, auf die bei OPD spezifisch geachtet werden soll. OPD und BPS werden als Formate in Deutschland immer beide existieren und der Vergleich welches Format denn besser ist, kann zwar zu spannenden Diskussionen führen, passt aber finde ich nicht unter einen Artikel, der eines der Formate verbessern will.

Jonas Frey/cal

 

Jonas Frey hat in St. Gallen 2015 mit dem Debattieren begonnen und debattiert sein 2017 in der Oxford Union Society. Als Redner gewann er die Adventsdebatten Jena 2017 und nahm an mehreren weiteren Finaldebatten teil, alle im BPS-Format.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

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24 Kommentare zu “Everything wrong with OPD”

  1. Julian (Berlin) sagt:

    Zustimmend zu Jonas‘ Artikel noch ein Einwurf meinerseits zum Impact:

    Meines Erachtens hat OPD in Deutschland vor allem den Zweck, eine publikumsfreundliche Alternative zu BPS zu sein. Momentan würde ich allerdings niemals meinen Eltern oder irgendwelchen Nicht-Debattierern eine OPD-Debatte zeigen, da sich selbst einige Top-Debattierer in den Finals zu völlig übertriebener Schauspielerei hinreißen lassen. In den Vorrunden ist es aufgrund unerfahrener Nebenjuroren, die anders als in BPS das gleiche Gewicht haben, noch schlimmer.

    Vielleicht ist es eine subjektive Mindermeinung, aber schäme mich wirklich regelmäßig fremd, wenn ich höre, was in OPD für „Bilder“ gemacht werden. Falls sich das durchschnittliche Publikum einer CD auch so fühlt, wäre das wohl ein Problem.

    1. Jonas sagt:

      Das ist tatsächlich auch ein Kritikpunkt, der mir auch regelmäßig bei OPD reden auffällt, den ich aber aus dem Artikel rausgelassen habe, weil ich ihn aus sportlicher perspektive für nicht relevant halte. Ich würde es nicht so krass formulieren aber ich Frage mich auch manchmal ob eine Rede die in OPD viele Punkte bringt nicht tendentiell verschiedenen rhetorische Mittel übertrieben einsetzt. Mir fällt das vor allem bei der Betonung auf. die für mich häufig unnatürlich wirkt. Es wäre spannend mal OPD Finalreden mit guten Reden aus realen Kontexten im Bezug auf die Verwendung rhetorischer Mittel zu vergleichen. Villeicht wäre das ja was für eine Bachelor/Masterarbeit für einen der Tübinger Rhetorik Studenten.

  2. Thea Nesyba sagt:

    Huhu Jonas,

    danke für den spannenden Artikel – ich kann die Kritik in vielen Punkten nachvollziehen. Wie du ganz richtig darstellst, ist das Jurieren von OPD eine komplexe Sache und es kann auch ganz schön anstrengend werden, wenn es – wie auf jedem Turnier, bei dem ich juriert habe – üblicherweise unter Zeitdruck geschehen muss. Oft kommen die Juror_innen als letzte aus den Räumen, geben auf den Gängen noch weiteres Feedback an Redner_innen und haben dann Glück , wenn sie in der Pause noch ganz schnell einen Keks oder einen Kaffee erhaschen können, bevor es weitergeht.

    Und trotzdem: ich fand OPD-Jurieren klasse, gerade weil es so anspruchsvoll ist. Für mich war Jurieren gerade deswegen eine tolle Alternative zum Selber-Reden. Es fordert einen geistig sehr (vielleicht sogar mehr, als wenn man redet) und entspricht dem „Denksport-Charakter“ des Debattierens sehr gut.

    Natürlich braucht es dazu gut vorbereitete, fundierte Fortbildungen und fähige Juror_innen, die sich die Zeit nehmen den ‚Nachwuchs‘ auszubilden. Zu meiner Zeit (vor über 10 Jahren) hat es die bei der Streitkultur Tübingen und bei vielen anderen Vereinen auch gegeben. Juror_innen-Fortbildungen gingen auch gerne mal ein ganzes Wochenende. Und natürlich hat man vorher das Regelwerk gelesen, dazu haben wir sogar mal eine vereinsinterne Klausur geschrieben (kein Witz). Hat sich die Ausbildungssituation an der Stelle verschlechtert?

    Was für mich das entscheidende Learning beim Jurieren war: es kommt ganz arg auf die Passung von Punktzahl und Art des mündlichen Feedbacks an. Oftmals entstehen die Unstimmigkeiten bzw. der Ärger gegen die OPD-Jurierung nämlich nicht nur die absolute Punktzahl, sondern hängen an ungünstigen Formulierungen der Juror_innen beim Feedback. Also der typische Fall von
    Juror (lächelt): „Das war alles total klasse, tolle Rede, schön gemacht. Deswegen kommst du jetzt insgesamt auf 28 Punkte.“
    Redner: „Häh? Was soll das denn? OPD ist ja so unfair.“

    In solchen Fälle liegt meines Erachtens kein Bepunktungsproblem vor, sondern ein Kommunikations/Feedback-Problem.

    Beste Grüße
    Thea

    1. Jonas sagt:

      Hallo Thea,
      ich kann zur Jurorasubildung in der streitkultur wenig sagen. So wie ich es von außen mitbekomme gibt es glaube ich keine Klausuren mehr und auch mehrtägige Fortbildungen eher nicht. Insgesamt wird die Ausbildung aber wahrscheinlich immernoch solide sein. Es wird auch ein paar andere große Clubs geben, die weiterhin gut ausbilden. Es gibt auch Jurierseminare vom VDCH in denen OPD Jurieren von kompetenten Juroren erklärt wird. Ich habe selber immer nur in kleinen Clubs debattiert, wo es mangels ressourcen und personal quasi keinerlei ausbildung gab. Es fällt mir schwer die Ausbildung in mittelgroßen Clubs einzuschätzen.

      Insgesamt glaube ich allerdigns schon das ein signifikanter anteil an juroren auf jedem turnier nicht in der lage ist nach regelwerk zu jurieren. Denn selbst wenn man das regelwerk im prinzip kennt und mal an einem jurierworkshop teilgenommen hat,kann man ja trotzdem nicht sofort während einer rede auf all diese dinge zu achten. Dazu braucht es übung.

      Das ist übrigens kein rein OPD spezifisches problem. Auch in BP gibt es sicher viele unerfahrene juroren die überfordert sind. Aber in BP kann der Chair ihnen am ende seine lesart der debatte erklären und die wings werden ihm in der regel folgen, wenn sie gut begründet. Das ist in OPD aktuell nicht der Fall. Eine längerer Jurierzeit und Opt-Out könnten dies aber ermöglichen.

      Kommunikationsprobleme gibt es natürlich auch, wie in jedem sport in dem das Ergebniss auf subjektiven jurorenbewertungen beruht, Ich denke aber nicht das es nur die Kommunikation ist. Wenn einige der Juroren nicht wissen wie sie Punkte sollten und es trotzdem müssen, verfälschen sie das Ergebniss. Dann kann auch der beste Chair nicht erklären, warum dieses ergebniss richtig ist.

    2. René G. (Rederei Heidelberg) sagt:

      Du findest OPD zu jurieren anspruchsvoll und geistig fordernd?
      Das Format in dem du deine Gefühle und subjektiven Eindrücke in Punkte übersetzt und dann nur noch rechnen und mitteln musst? Ohne „echte“ Diskussion, ohne zur Verbalisierung und Reflektion der eigenen Eindrücke gezwungen zu werden?
      Ich finde das zwar vielleicht stressig, aber sicher nicht geistig anspruchsvoll. Als OPD-Juror komme ich eher immer vor wie eine industrielle Melk-Kuh aus der man nur alle möglichen Punkte rausquetschen will um die dann mit denen anderer Kühe… äh Juroren… vermischen zu können. (Was ein grausames Bild, aber hey das gibt +1 Sprachkraft).

  3. Martin Reinhard (DC Zürich) sagt:

    Woah!
    * Jurierzeit: Dadurch werden auch Zettelsammelnde unsanft vertröstet; Eine Belastung für zeitbewusste Ausrichterklubs.
    * Halo: Den Eindruck teile ich, allerdings könnte man auch mir direkt mit Dunning-Kruger antworten. Griechische Götter, Schiffbauer und so.
    * Tiefe: Zu Dritt hat man mehr Redezeit zur Verfügung. Oder schneller abtauchen = weniger Mechanismen und Detailzeug. (Wobei Ballast beim Sinken hilft…) Den Jurierenden grössere Gedankengänge zutrauen!

    Mit dem Spielerischen, den FR und der Formgewichtung sind bewahrenswerte Stärken vorhanden. Vielleicht müsste man die Intuition freundlich empfangen, statt weiter mit feinverästelten Punktekonstrukten eine unerreichbare Objektivität zu suggerieren.

  4. Jonathan Scholbach sagt:

    Es gibt Vorschläge, wie man zumindest einige der Kritikpunkte, insbesondere leichtere Erlernbarkeit des OPD-Jurierens und die Reduzierung des Halo-Effekts mit einer Verbesserung des OPD-Jurierung-Schemas adressieren könnte: https://drive.google.com/file/d/0BzOt4Q9oeowCN0RLOUlSajVwNk0/view

    1. Jonathan Scholbach sagt:

      PPS. Dabei lassen sich die Kategorien zum Beispiel auch auf verschiedene Mitglieder der Jury aufteilen.

  5. Lennart Lokstein sagt:

    Viele Kritikpunkten, viele Antworten. Ich glaube, einiges geht auf Missverständnisse zurück, das will ich aufklären. Anderes halte ich für unzutreffend, das will ich widerlegen. Alles basierend auf meiner Meinung und Erfahrung. Auf jeden Fall schön, dass es mal wieder ein Mittwochs-Feature gibt.

    1. Grundgedanke des Formats / Subjektivität
    Dass unterschiedliche Juroren für die gleiche Rede unterschiedliche Punkte geben ist kein Problem des Formats, sondern intendiertes Abbild der Realität. Unterschiedliche Menschen finden die gleiche Präsentation schlichtweg mehr oder weniger überzeugend. Die OPD bezieht diese subjektive Natur von Persuasion ein und objektiviert sie dann im Rahmen des möglichen durch das Mitteln mehrerer Perspektiven.

    2. Anspruch an Juroren
    „Die Jurierung überfordert [selbst] erfahrene Juroren“ – das stimmt meiner Ansicht nach nicht. Unerfahrene eher, aber das wird tendenziell z.B. durch einen Seminarbesuch oder auch etwas grobmotorischer durch Beiwohnen von Jurierdiskussionen als Trainee, Präsident etc. auf einem Turnier über mehrere Runden besser.

    3. Jurierzeit
    15 Minuten Jurierzeit ist zu wenig? Stimmt. Sage ich auch so, völlig richtige Kritik. In 25 Minuten ist es allerdings durchaus gut möglich und Ausrichtern wird empfohlen, pro offener Runde 2,5h einzuplanen.

    4. Halo Effekt
    Der wurde hier etwas undifferenziert auf zwei separate Probleme angewandt:
    4.a „Wer gut präsentiert wirkt inhaltlich kompetent“ – ja, und gilt auch umgekehrt. Ist unterbewusst immer so da und wird in jedem Format der Fall sein, das holistisch – verstanden als die gesamte Rede betrachtend – bewertet. Das gilt übrigens auch dann noch, wenn man die Rede wie in BPS auf Inhalt zu reduzieren versucht.
    4.b „Wer ein bekannter Redner ist wirkt kompetent“ – ja, und das gilt genau so für ältere Menschen, Menschen mit Doktortitel usw., die Rhetoriktheorie nennt das „Ethos“ und es ist in der Realität genau so vorhanden. Solange das unterbewusst passiert ist es Teil des Systems. Wenn es bewusst gemacht wird im Sinne von „dem müssen wir aber schon 60 Punkte geben, weil er ist halt der X“ obwohl es eher eine 55- oder auch 45-Punkte-Rede war ist es unsportlich und der Juror sollte genau darauf hingewiesen und ermutigt werden, die Rede akkurat zu bepunkten.

    5. „Intuitive Argumente sind stärker als sie sollten“
    Das ist halt eine Wertung, die ich je nach Situation nicht teile. Intuitive Argumente brauchen schlicht keine im toulminschen Argumentationsschema kleinschrittig dargelegte Erklärung – das Publikum ist nicht blöd und anders als der BPS sieht die OPD keinen Mehrwert in der unnötigen Darlegung von Material. Wenn ein Argument intuitiv recht stark ist, ist das so. Ein unintuitives Argument hingegen benötigt erst einmal mehr Backing. Chefjuroren sollten das beim Stellen der Themen berücksichtigen – die OPD findet nicht vor einem unvoreingenommenen Philosophengremium statt, sondern vor realen Menschen aus einem realen Kulturkreis. Meiner Erfahrung nach tun die meisten das auch. Unter Berücksichtigung dieses Faktors sind immer noch ausgeglichene Debatten möglich.

    6. Redestil, Rednerausbildung
    Julian schämt sich für OPD-Finals? Für welche konkret? Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich bei OPD-Finals als Publikum tendenziell 300% wohler fühle als bei BP-Debatten und diese Einschätzung teilen meiner Erfahrung nach Publika mit Nichtdebattanten massiv. Klar gibt es auch mal OPD-Finals, in denen die Leute das Thema nicht treffen, das kann immer vorkommen, aber der Vortragsstil sollte per Definition publikumsbezogen sein. So versuchen wir (in Tübingen) auch, unsere Redner auszubilden: Fürs reale Leben, als Redner vor Publikum (und nicht notwendigerweise in einem Debattensetting). Was ich als Beobachtung zu dem Punkt teile ist ein in verschiedenen, gerade OPD weniger nutzenden, Clubs herrschendes Fehlverständnis, wo „Bilder“ zum Selbstzweck interpretiert wurden. Das sind dann die Leute, die Tendenzen als Wahrheiten verkaufen: Hände in Hosentaschen sind immer schlecht. Man muss immer den Mechanismus erklären, im Schema ABC. Du darfst bei der Rede nicht laufen! etc. So starre Doktrin-Redner kommen aber eigentlich selten ins Finale. Übrigens ist die trügerische Starrheit Schemata auch der Grund, warum Jonathans Vorschlag für ein anderes Format egal wie oft er es aus der Gruft beschwört keine sinnvolle Alternative bietet: Checklisten geben nur 70-80% der Redesituationen akkurat wiedergeben. (Er labelt es seit vier Jahren als OPD-Reform, wir erklären seitdem regelmäßig, warum der Grundansatz anders ist und es daher ein anderes Format wäre. Wir mögen Jonathan trotzdem.)

    1. Julian (Berlin) sagt:

      Hi Lennart,

      wie gesagt, es kann sich dabei total um meine sehr subjektive Mindermeinung handeln, daher meinen Senf mit einem Grain of Salt nehmen.

      Tatsächlich gab es in jedem OPD-Final, das ich gesehen habe (Dank meiner OPD-Skillz natürlich immer aus Publikums-Perspektive^^) mindestens zwei Reden, bei denen ich mich fremd geschämt habe. Hoffentlich verständlicherweise möchte ich hier keine Namen nennen.

      Aber um ein paar Beispiele von Top-Rednern zu nennen:
      – Singen am Anfang der Rede
      – Ständiges Bezug-Nehmen auf irgendein Objekt im Raum, z.B. die Wandmalerei
      – Gespieltes wütend sein
      – Immer diese weit ausgebreiteten Arme, sogar kommentiert in einem Zeitungsartikel zur SDM (https://tinyurl.com/y23vtylq)

      Auch hier: Vielleicht ist das tolle Rhetorik und ich sehe es einfach nicht, zumindest habe ich für jedes dieser Beispiele auch schon einen Tübinger gesehen, der das gemacht hat.
      Aber ich kenne einige Leute, die das auch affig finden.

    2. Sven (Tübingen) sagt:

      Lieber Julian,

      ich weiß nicht ob es einen Unterschied macht, aus Höflichkeit keine Namen zu nennen- wenn du gleichzeitig Referenzen anbringst, die relativ eindeutig Personen zuzuordnen sind. (sagt der Mensch mit dem Wandgemälde 🙂 )

      Meiner Meinung nach müssen die von dir beschriebenen Phänomene nicht damit zusammenhängen, dass Menschen glauben, mit jeder Metapher OPD-Punkte sammeln zu können. Sondern weil Redestile und Geschmäcker unterschiedlich sind. Weil Debattierer in ihren ersten Publikumsfinals reden und nervös sind. Weil jeder mal eine schlechte Rede erwischen kann.
      Du als jemand, der auch viele Finals „von der anderen Seite“ erlebt hat, kannst du glaube ich nachvollziehen, unter welchen Druck man dort steht, gerade weil man eben nicht vernichtende Kritik („affig“) erhalten möchte.

      Wie Lennart anführt sollte und darf OPD Redende nicht ermutigen, Sprachbilder um der Sprachbilder willen zu bringen. Aber es sollte sie ermutigen, ihren eigenen Stil zu finden, auszuprobieren und zu schauen, wie vielen aus dem Publikum er gefällt.

    3. Julian (Berlin) sagt:

      Hallo Sven!

      Du bist tatsächlich nicht die einzige Person, die sich in einem Finale auf das Wandgemälde bezogen hat, und bei weitem nicht der einzige, der sich auf Objekte im Raum, die nichts mit dem Thema zu tun hatten, bezogen hat.

      Mir fällt es schwer zu glauben, dass die Beispiele, die ich nenne, durch Nervosität entstehen, da sie schon sehr kalkuliert wirken und nicht wie etwas, das organisch und spontan durch das Thema, die eigenen Argumente oder Persönlichkeit entsteht. Gerade bei Nervosität fällt man ja auf alte Gewohnheiten zurück (was bei mir dazu führt, dass ich auch in OPD BPS rede).

      Vielleicht kann ich mir nur nicht ausreichend vorstellen, wie andere Gehirne funktionieren, aber in dem Fall bestätigt es meine ursprüngliche These: Wenn die Gewohnheit, auf die man durch seine Nervosität zurück fällt, ist, Rhetorik zu karikieren, dann setzt das Format die falschen Anreize.

    4. Lennart Lokstein sagt:

      Also um auf die Fälle Bezug zu nehmen:

      – Singen finde ich auch in den meisten Fällen in der Rede nicht passend, ich habe es aber schonmal als humoristisches Element genutzt und denke in der Situation war es als Stilmittel okay. Es ist ja aber egal, was wir individuell in der Situation denken: In einer sinnvollen OPD-Jurierung sollten ja alle diese Eindrücke den Einzelfall bewerten.

      – Bezugnahme auf den Raum: Ich weiß nicht, ich fand jede Variante davon in Hannover eigentlich gut. Dass es sich wiederholt hat fand ich unglücklich, aber nicht so, dass ich mich deshalb für die Debatte geschämt hätte. Auch hier denke ich aber: Adäquate Jurierung sollte am Ende die Gesamtmeinung halbwegs akkurat wiedergeben können.

      – Das könnte ich jetzt so fortsetzen.

      Die Kernfrage scheint mir: Wie sehr jurieren Juroren wirklich, was sie subjektiv denken, und wie viele schwarze Schafe sind dabei, die als Erstis gesagt bekamen „Gestik ist immer gut wenn groß“, „ein Sprachbild gibt einen Punkt mehr“ etc. – die sind nämlich im Zweifelsfall das Problem, das dann zu einem unpassenden Stil führt.

    5. Julian (Berlin) sagt:

      Die „schwarzen Schafe“ sind momentan glaube ich die „weißen Schafe“, also die Mehrheit der Juroren.
      Ich weiß noch wie (positiv) überrascht ich auf der letzten OPD-DDM war, als wir zusammen jurierten und du überhaupt kein Problem damit hattest, dass ich in den linken Kategorien ohne große Diskussion meine subjektive Wahrnehmung einfließen lassen konnte, obwohl diese sich oft mit deiner Wahrnehmung widersprach.

      Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits vergleichsweise viel „Status“ im Debattieren, weswegen ich damals sicherlich auch gewillt gewesen wäre, länger zu diskutieren. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass einige Juroren, die noch keine Garantie auf den Jurorenbreak haben, im Zweifel nicht zu kontrovers sein wollen. Und in einem Format, bei dem auf dem Juriermerkblatt ‚Figuren, Bilder und Vergleiche‘ steht, ist es kontrovers, zu sagen, „Dieses Bild war schlecht und sollte Punktabzüge mit sich bringen“.

      Vielleicht wäre es ein cooles Experiment für OPD, aus den linken Kategorien eine für sich stehende Kategorie „Rhetorik“ (im World Schools-Format „Style“ genannt) zu schaffen und diese auch nicht mehr zu beschreiben, weil Juroren dadurch nicht mehr so stark ihre subjektiven Eindrucke rechtfertigen müssten, als wenn sie X verschiedene wohl-definierte Kategorien haben. Vielleicht kommen wir vom Checklisten-Debattieren ohne Tübinger Schule weg, wenn wir von vornherein keine Checkliste zur Verfügung stellen.

    6. Jonas sagt:

      Hallo Lennart,
      erst einmal vielen dank für deine antworten. Mir scheint es allerdings das du teilweise nicht wirklich auf das problem eingehst, dass ich angesprochen habe. Villeicht habe ich nicht klar genug gemacht was die probleme sind, die ich sehe.

      Im bezug auf subjektivität ist mir bewusst, dass es gewollt ist, dass verscheidene juroren die gleiche Leistung anders bewerten. Ich halte das asu verschiedenen gründen für problematisch, aber darum geht es mir hier nicht. Es geht mir darum dass die jurierung ja schon nicht subjektiv die frage beantworten soll, „Wie gut gefällt mir diese rede?“, sondern das es viele kriterien gibt, die eine feste gewichtung haben. Nur innerhalb dieser kriterien ist die bewertung subjektiv. Das macht einen großen unterschied. Nehmen wir das beispiel, dass ein Redner gezielt Gestik einsetzt um seine Argumente zu untermauern. Ein juror sieht diese Gestik allerdigns nie, weil er darauf konzentriert ist notitzen zu machen. Bei einer kriterienfreien subjektiven bewertung wäre das kein problem. Der juror hat die gestik nicht gesehen, daher war sie nicht überzeugend und fließt nicht in die bewertung ein. In OPD gibt es aber eine feste kategorie auftreten in der die gestik explizit bewertet werde soll. Wenn der juror sie nicht gesehen hat, weil er nicht aufgepasst ha tund deswegen wenig punkte, bzw. einfach eine durchschnitliche punktzahl gibt, dann wurde der redner nicht nach den kriterien des regelwerkes und damit falsch bewertet. Ähnliche bereiche lassen sich in allen anderen kategorien finden. Ein Opt out würde hier helfen. Leider bist du auf diesen vorschlag nicht eingegangen. wo ist denn das problem damit?

      Zu punkt 2 sage ich ja selber das viele meiner puntke auf erfahrene juroren nicht so stark zutreffen. Wobei ich glaube, dass du auch falsch liegst pauschal zu sagen dass es hier keinen einfluss z.B. von kognitiven verzerrungen wie dem Halo effect gibt. Es ist gut belegt das solche verzerrungen z.B: professionelle richter bei ihren urteilen beienflussen. Daher würde es mich wundern, wenn sie auf OPD juroren nicht wirken.Natürlich können seminare ud jurierausbildung helfen. Aber es war eben längst nicht jeder juror auf einem jurierseminar und wir sehen nicht das das engagement an jurierseminaren teilzunehmen mit der zeit größer wird. Ich finde ein format sollte nicht auf den bestmöglichen juror ausgelegt sein, sondern auf durchschnitlichen juror. Auch hier würde ein opt out wieder viel bringen.

      Zu deinem punkt 4a. ich habe im artikel ja erklärt, warum der Halo effekt primär in eine richtung funktioniert. Starke rhetorik nimmt man sofort war, ob ein langes argument gut durchanalysiert ist erst später. Daher wirkt der effekt zumidnest stärker von rhetorik auf analyse als andersherum.
      zu 4b. Ich bin mir nicht sicher, warum es besser ist, wenn ein redner unterbewusst viele punkte bekommt als wenn das bewusst statfindet. Mir ist klar, dass auch andere eigenschaften die nichts mit der redeleistung haben beinflussen wie kompetent man wirkt. Das ist zu bedauern, macht das problem aber nicht besser.

      Zu deinem punkt 5. Ich bringe als hauptgrund dafür das intuitive argumente zu stark sind, dass das rebuttal erst nach den punkten kommt. Das ist eine kritik auf die du nicht eingehst. Ich glaube nicht das es in OPD so gedacht ist, dass man viele Punkte für ein argument bekommen kann, dass erstmal plausibel klingt aber einen großen logikfehler hat, der dann auch im rebuttal sofort aufgedeckt wird. Wenn das so gewollt ist, widerspricht es auf jedem fall den anspruch von OPD reden zu belohnen die auch in echten debatten gut wären. In einer echten debatte bildet das publikum seine meinung ja erst nachdem die gegenseite gesprochen hat.

      Ich hoffe das macht die ganze sache etwas klarer.

      Zum schluss nochmal eine generelle bitte, die sich nicht spezifisch auf lennart bezieht. Ich würde mir wünschen dass kommentare nicht im formatkrieg stil geschrieben werden. Das heißt keine vereinfachung von argumenten um sie leichter widerlegbar zu machen und am ende wie der sieger zu wirken und keine kommentare die primär den zweck haben zu zeigen wie toll / schlecht opd ist.

      Am ende sollten wir alle gemeinsame ziel haben das beide verbreitete formate so ausgestaltet werden, dass sie ihren zweck bestmöglich erreichen. Ich habe selber mit großer freude viele formatkrieg diskussionen geführt und will niemandem das recht daran absprechen, Aber ich glaube weiterhin, dass das in einem persönlichen gespräch auf einem turnier mehr spass macht und weniger das risiko hat eine konstruktive diskussion zu unterbinden. Ich würde gerne die chance maximieren, dass die menschen die die opd regeln machen, möglichst neutral und objektiv über meine kritik und andere kritikpunkte aus den kommentaren nachdenken. Das wird nicht passieren, wenn sie sich gezwungen sehen ihr lieblingsformat zu verteidigen.

    7. Sven (Tübingen) sagt:

      @Julian: Du darfst natürlich deine Meinung äußern, wie du möchtest. Ich kenne nur die Personen, denen deine Kommentare galten, persönlich, und ich kann dir nur rückmelden, dass man deine Worte als sehr verletzend empfinden kann.

      @Jonas: Ich glaube, du interpretierst die Format-Verweise anders, als sie gemeint waren. Es geht nicht um ein „BP ist aber auch schlimm“. Sondern darum, dass egal in welche Richtung du ein Format entwickelst, immer Vor- und Nachteile damit einhergehen.

      Um Beispiele zu nennen:

      – retrospektive Bewertung: (Ist zunächst einmal möglich, v.a. über die Strategie-Punkte). Hilft natürlich bei der Betrachtung von Argumenten nach Rebuttal. Macht die Bepunktung aber auch sehr erinnerungsabhängig und benachteiligt Redner, die in der Mitte dran waren.
      – Opt-Out: Hilft, wenn man bei der Jurierung nicht vom Zettel hochschaut. Macht aber auch die Jurierzeit länger (man muss jede Kategorie einzeln berechnen). Dann kann man stattdessen auch gleich fragen: „Ich hab bei XY nicht auf das Auftreten geachtet- wie fandet ihr das?“
      – Einfluss der Rhetorik reduzieren: Hilft vielleicht gegen den Halo-Effekt (aber der besteht leider so oder so- selbst im „rhetorikfreien“ BPS). Entfernt das Format aber auch von der Realität, in der Menschen Reden nun einmal genauso nach ihrer Performanz und Emotionalität bewerten. Das gilt ebenfalls für die in der Kategorie Überzeugungskraft anklingenden Kriterien Teamfähigkeit, Engagement und sportliche Fairness.

      Ich will damit deine Inputs nicht runterspielen. Deine Kritik hat in meinen Augen viel Berechtigung. Es sei nur zu betonen, dass es DIE perfekte Lösung nicht gibt.
      OPD geht momentan einen Kompromiss ein, Menschen auf der einen Seite zu animieren, verschiedene Bereiche einer Rede anzusehen und ihren politischen Hintergrund etwas auszublenden- ihnen aber auf der anderen Seite Raum für das subjektive Erleben der Rede zu geben. Und dieser Grund-Kompromiss zwischen „Checkliste“ und „eine subjektive Kategorie für alles“ trägt meiner Meinung nach sehr gut.

    8. Julian (Berlin) sagt:

      Lieber Sven,
      bei allem Respekt: Wenn man als Top-Redner bezeichnet wird und dann ein kleiner Teil der Rede kritisiert wird, sollte man mal über seine emotionale Fragilität nachdenken, wenn das einen „sehr verletzt“. Und ich habe dich nicht mal namentlich genannt – Wer in Hannover war, wusste sowieso schon, dass du mal in der Rede über das Wandgemälde gesprochen hast, wer nicht, weiss danach nur, dass *jemand* in seiner Rede über das Wandgemälde gesprochen hat.

  6. Michael (Boston) sagt:

    Wie schön – wenn ich nicht gerade auf die Uhr geschaut hätte – könnte ich fast glauben, dass hier noch ein Echo der guten alten Formatkriege zu hören ist. 🙂

    Ich bin weit davon entfernt hier rhetorisch in die Schlacht ziehen zu wollen, aber ein paar Gedanken möchte ich trotzdem gern noch hinzuwerfen.

    Regelwerklänge:
    Die OPD-Regeln samt Kommentar sind 24 Seiten lang – das muss ja fürchterlich kompliziert sein. Ich meine, dass es ein großes Missverständnis ist, zu glauben, dass länger komplizierter ist. Die OPD-Regeln für den Anfänger passen auf ein DIN A4 Blatt. Aber Juroren sollten keine Debattieranfänger sein, sondern kompetente Beobachter und Trainer. Um andere im Wettkampf zu bewerten, braucht es möglichst stringente Kriterien und Antworten auf Zweifelsfälle. Diese kann man entweder explizit bündeln (der Weg der OPD), oder man kann so tun als wäre alles ganz einfach und die Interpretation an Hand von Präzedenzfällen und Erfahrungen leiten, die nicht in den Regeln gesammelt sind, sondern die man sich über Jahre zusammensammeln muss. Ich glaube eine systematische, schriftliche Sammlung ist deutlich Anfänger- (und Fortgeschrittenen-, und Profi-)freundlicher als ungeschriebene Regeln, gesammelte Leitfäden und Präzedenzgeheimwissen.

    Rhetorik
    Das hat nur indirekt etwas mit der OPD zu tun – aber ich glaube nicht, dass es super hilfreich ist, so zu tun als gäbe es einen „rhetorischen“ im Gegensatz zu einem „argumentativen“ oder „inhaltlichen“ Teil der Rede. Man muss für Rhetorik keinen Raum machen und in der OPD mehr Zeit für Bilder (vs. Argumente) lassen. Ein gutes Bild hat ein schlüssiges Argument im Kern und ein schlechtes Bild hat in der OPD (wie auch in BPS oder anderen Formaten) nichts verloren. Eine Debatte sollte m.E. aber sicher kein Schnellsprechwettbewerb sein – wer das Publikum nicht ernst nimmt und glaubt das es „objektiv“ gute oder schlechte Argumente gibt, der sollte jede BPS oder OPD Debatte verlieren. Ich glaube die Regeln der OPD ermöglichen es etwas besser, dass das auch geschieht.

    Realismus:
    Wie Lennart schon angedeutet hat, ist die Kernidee der OPD die der sportlichen und unterhaltsamen Rednerausbildung. Wenn die Topdebattanten im echten Leben keinen normalen Menschen mehr überzeugen, dann haben wir etwas systematisch falsch gemacht. Ich glaube, dass größte Risiko in dieser Hinsicht ist die Punkte-Belohnung von arroganten Schnellsprecher, die meinen, dass Namedropping und orale Fußnoten die objektive Richtigkeit ihrer Meinungen garantieren. Deshalb brauchen wir die linken Kategorien als ein wichtiges Korrektiv. Aber das gleiche gilt natürliche auch für blumige Dummschwätzer. Niemand sollte für drei erfolgreich gemalte Bilder, Allegorien oder Ethoopoeiai gesondert Punkte bekommen. Wenn das in der OPD-Bewertung mittlerweile geschieht, dann müssen wir da gegenhalten. Aber das bedeutet natürlich nicht die linken Kategorien niedriger zu gewichten oder zusammenzulegen, sondern Juroren immer wieder zu helfen, zu schulen, und daran zu erinnern, dass die rednerische Realität der wichtigste Maßstab ist.

    Ich glaube der Wert jeglicher Jurierregeln ist für blute Anfänger und für ausgebuffte Profis sehr beschränkt. Für erstere, weil man nahezu nichts praktisch interessantes nur aus Texten lernen kann und ein Anfänger fast immer eine praktische Einweisung und persönliche Begleitung braucht. Und für letztere, weil sie eh schon allen können. Aber für die 80% in der Mitte, die wissen, was sie tun, aber manchmal noch Fragen haben, für die scheint mir eine klare Aufschlüsselung in klar unterscheidbare Kriterien und die systematische Sammlung von Regeln und Kommentaren ganz hilfreich zu sein. Klar, dass kann auf den ersten Blick mal anstrengend wirken, aber wenn wir Turnierergebnisse nicht mit einem vierseitigen Würfel bestimmen wollen, dann scheint sich mir der Aufwand doch zu lohnen.

    1. Christian S sagt:

      Zustimmung

    2. Lennart Lokstein sagt:

      Ich feiere das „Ethoopoeiai“ gerade sehr.
      Aber wie auch Christian schrieb: Zustimmung.

  7. Alexander Osterkorn (Göttingen) sagt:

    Guten Abend,
    Jonas, danke für den Artikel! 🙂

    Einen Kritikpunkt an OPD, den ich unterstützen würde, ist, dass ich die Bepunktung für überkomplex halte. Zweifellos funktioniert die ganz gut, wenn alle Beteiligten hinreichend lange Erfahrung damit haben.
    Aber dass das nicht notwenigerweise der Fall ist (Leute suchen sich nach 1-2 Jahren ein anderes Hobby etc.) wird ja hier an anderer Stelle auch diskutiert.
    Ich hatte recht viel mit „Jugend debattiert“ zu tun, wo das Juriersystem radikal vereinfacht ist im Vergleich zu OPD. (Dass beide einen gemeinsamen Ursprung haben, erkennt man schon an der Kategorisierung Sachkenntnis, Ausdrucksvermögen, etc.)
    Diese Vereinfachung ist nötig, damit die Jugend Debattiert-Debatte als Trainings- und Wettbewerbsformat recht einfach in allen teilnehmenden Schulklassen verwendet werden kann, ohne, dass die jurierenden Lehrer, und Schüler erstmal an vielen Debatten teilgenommen haben müssen, um halbwegs „geeicht“ zu sein oder zu wissen, was überhaupt wie bepunktet wird.
    Die Uni-Debattierszene ist nach Zahl der Beteiligten deutlich kleiner, aber der Trend zu kürzerer Verweildauer erscheint mir auch mehr Notwendigkeit zu generieren, sich über einfachen Einstieg Gedanken zu machen.
    Bei Jugend Debattiert wird in vier Kategorien im wesentlichen nach Schulnote 1-6 juriert und das war’s. Sicherlich bräuchte ein Uni-Debattierturnier wegen der größeren Zahl an Turnierteilnehmern ein etwas größeres Punktevolumen, aber muss es fünfmal eine Notenskala bis 20 sein? Warum nicht auch nur 1-6 z. B.?
    Müssen es diverse Teamkategorien sein? Reichen vielleicht auch 2-3 ?

    Ich will hier vor allem den Anstoß geben, dass es der Komplexität von OPD aktuell vielleicht gar nicht bedarf, um ein turnierpraktikables Format herzugeben, dass auch von Leuten, die nicht von Streitkultur (o. Ä. 😉 )-Granden in der Jurierdiskussion zusammengeeicht wurden, intuitiv und halbwegs universell verwendet werden kann.

  8. David (Konstanz) sagt:

    OPD was created by and for the Chinese in order to make German debating non-competitive.

  9. Simon Villa Ramirez sagt:

    Warum erheben wir nicht Mal, wie die Wissensstände in den Clubs aussehen?

    Scheint mir ziemlich sinnlos (wenngleich nicht weniger lobenswert), unter vergleichsweise geschulten, erfahrenen und (eher) erfolgreichen Akteuren dieses Problem bis zum Ende durchzudiskutieren. Stattdessen sollten wir uns klar werden, wie das Format regelmäßig angewendet wird. Dann können wir sicher sein, ob das Format oder die Anwendung der Grund ist. Aber ich habe all diese Argumente schon längst gehört. (Find natürlich einen AM-Artikel richtig). Aus meiner Sicht haben bisher beide Seiten recht. Man kann opd fair und spannend jurieren, aber das Regelwerk auch schwer nachvollziehbar auslegen. Daher sollte man erstmal wissen, über welchen Stand des Wissens wir reden.

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