Raus aus der Filterblase, rein in die Diskussion – Die „Diskutier Mit Mir“ App

Datum: 31. August 2019
Redakteur:
Kategorie: Debattieren in der Öffentlichkeit

„Diskutier Mit Mir“ ist eine App und Online-Plattform, die “Filterblasen” im Netz zum Platzen bringen möchte. Ähnlich wie das Debattieren hat sie den Anspruch, Menschen ins Gespräch zu bringen, die normalerweise nicht miteinander diskutieren würden. Die Achte Minute hat mit Raewyn Leipold, Projektleiterin bei „Diskutier Mit Mir“ in Deutschland gesprochen.

AM: Frau Leipold, wie funktioniert „Diskutier mit mir“ genau?
Die Idee hinter der App ist Menschen, die politisch unterschiedlich ticken miteinander ins Gespräch zu bringen. Diskutier Mit Mir kann man als App oder im Browser nutzen. Es stehen unterschiedliche Kanäle in denen diskutiert werden kann zur Auswahl. Neben den Landtagswahlen, für die immer temporär eigene Kanäle eingerichtet werden, gibt es das ganze Jahr den Kanal für aktuelle politische Themen “Meine Meinung. Deine Meinung” und unseren Kanal für Europa “Talking Europe”.
Wir empfehlen die Registrierung, weil auf diese Weise mehrere Chats gleichzeitig unterhalten werden können und Benachrichtigungen versendet werden, sobald ein Match gefunden wurde. Selbstverständlich ist es aber auch möglich, sofort und ohne Registrierung los zu chatten.
Gegenwärtig gibt es zwei unterschiedliche Matching-Möglichkeiten. Besonders bei Wahlen, wie zum Beispiel den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen oder Brandenburg, können die die Nutzer*innen einer Partei oder einem politischen Spektrum zuordnen. Das Match findet dann mit einer Person statt, die am weitesten inhaltlich von einem entfernt ist. Alternativ dazu bieten wir bei Kanälen, die nicht direkt mit einer Wahl zu tun haben, ein inhaltliches Thesenmatching an. Auch hier findet das Match mit der Person statt, die inhaltlich am weitesten von einem selbst entfernt ist.

AM: Wer sind die Menschen hinter der Idee von „Diskutier mit mir“?
Die Idee zu „Diskutier Mit Mir“ stammt von Louis Klamroth, Moritz Hohenfeld und Niklas Rakowski. Entstanden ist sie 2017 vor der Bundestagswahl, als in der Presse sehr stark die Themen „Algorithmen in sozialen Netzwerken“ und die “Gefahr von Filterblasen” diskutiert wurde. Die Idee ist, diesen Herausforderungen mit einer digitalen Lösung entgegenzutreten und ein Tool zu entwickeln, dass sich genau gegen diese Phänomene richtet. Zur Bundestagswahl konnten wir bereits an den Start gehen und hatten damit einen Riesenerfolg: Es gab über 20.000 Gespräche auf der Plattform. Seitdem sind wir ganz schön gewachsen und unser Team besteht mittlerweile aus 4 Festangestellten, die sich um Diskutier Mit Mir und auch die europäische Plattform Talking Europe, die zur diesjährigen Europawahl an den Start ging, kümmern.

Das Team hinter „Diskutier mit mir“ mit den Gründern Louis Klamroth (2. Reihe, 2. v. r.), Moritz Hohenfeld (2. Reihe, 2. v. l.) und Niklas Rakowski (1. Reihe, 1. v. r.)

AM: Und da diskutieren dann auch tatsächlich Menschen aus verschiedenen politischen Spektren und Altersbereichen miteinander?
Um möglichst viele unterschiedliche Menschen erreichen zu können, setzen wir auf eine möglichst breite Kommunikation auf unterschiedlichsten Kanälen. Das heißt, wir machen klassische Pressearbeit, bewerben aber unser Produkt auch mit gezieltem Targeting in sozialen Netzen, um sicherzustellen, dass möglichst viele Menschen von uns erfahren. Dadurch können wir eine sehr heterogene Mischung an Gesprächspartner*innen anbieten. Ein großer Teil unserer Nutzer*innen ist zwischen Mitte ende zwanzig und Mitte ende dreißig. Aber wir haben auch schon Menschen jenseits der 70 und natürlich unter 20 bei uns auf der Plattform gehabt. Unter anderem darin sehen wir unseren Ansatz bestätigt, dass ein vorurteilsfreier Raum große Chancen bietet, für eine konstruktive Diskussion mit Menschen, die sich außerhalb der eigenen Filterblase bewegen.
Unser Anliegen war und ist es, einen anonymen Raum und ein besonders niedrigschwelliges Angebot zu schaffen, mit dem wir möglichst viele Menschen erreichen können. Diskutier Mit Mir hat keine Möglichkeit, in die Inhalte der Diskussionen zu schauen. Dafür haben wir uns ganz bewusst entschieden.
Um Filterblasen zum Platzen zu bringen, arbeiten wir aber auch mit Organisationen zusammen, die offline daran arbeiten Gesprächsräume zu schaffen. Im Juni diesen Jahres haben wir zum Beispiel die Offene Gesellschaft bei ihrem “Tag der offenen Gesellschaft” unterstützt und den Tag als digitale “Vor- und Nachspeise” bei uns auf der Plattform mit einem eigenen Kanal verlängert. Somit konnte das Angebot auch von Menschen genutzt werden, die an diesem einen Termin verhindert waren. Die Kooperation war ein großer Erfolg, diesen Ansatz wollen wir weiterverfolgen.

„Diskutier mit mir“ bietet die Möglichkeit, mit Menschen verschiedener Altersgruppen und politischer Sichtweisen in Kontakt zu treten

AM: Glauben sie, dass es Vorteile Ihrer App gegenüber dem Format einer klassischen Debatte gibt?
Ich glaube, dass es hier kein besser oder schlechter gibt. Ob online oder offline, es ist besonders in diesen Zeiten sehr wichtig, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen und sich sachlich zu Themen austauschen.
Als Anbieter eines digitalen Tool nutzen wir eben die Vorteile, die uns das Netz bietet. Möglicherweise ist die Hemmschwelle für Menschen, die Ängste oder schlicht keine Berührungspunkte für Diskussionen in der offline-Welt haben, geringer wenn sie sich erst einmal anonym in der Diskussion ausprobieren können. Möglicherweise bekommt der- oder diejenige dann auch Anreize oder Lust, um auch in der echten Welt an Diskussionen und politischem Austausch teilzunehmen.

AM: Welche Dinge könnte denn ein*e Debattierer*in von „Diskutier mir mir“ lernen?
Die App kann auf jeden Fall als Inspiration für Themen oder Fragestellungen dienen oder vielleicht sogar als Übungsfeld in der realen Welt.
Außerdem bietet sie eine schnelle und unkomplizierte Möglichkeit aus der eigenen Debattier-Filterblase heraus zu kommen, die wahrscheinlich eher in einem universitären Kontext stattfindet. Hier kann sie als Horizonterweiterung dienen, um zu schauen, auf welche Weise Menschen aus anderen Kontexten argumentieren und debattieren.

AM: Vielen Dank für das Gespräch.

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