Miteinander gegeneinander – zur VDCH-MV

Datum: 11. September 2019
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature, VDCH

Als Teil des Vorstands der Streitkultur e.V. nahmen Chiara Throner und Sven Jentzsch an der diesjährigen VDCH-MV teil. In diesem Mittwochsfeature erzählen sie, wie sie die Mitgliederversammlung erlebt haben und geben Denkanstöße, wie die MV nächstes Jahr zu einer angenehmeren Veranstaltung werden würde.

 

Die VDCH-MV 2019 in Kassel – © Sven Jentzsch

„Das war noch die zweitfreundlichste MV, die ich erlebt habe.

So lautete ein Kommentar einer erfahrenen Person nach der diesjährigen VDCH-Mitgliederversammlung. Uns hat das auf dem ersten Blick beruhigt: Verbandsöffnung, Haushalt, DDM-2020-Vertagung, Gendern- offenbar hat das Debateland schon kontroversere Debatten erlebt. Auf dem zweiten Blick zeigt die Äußerung jedoch eine gravierende Problematik: Dass es in Vergangenheit noch schlimmere MVs gab, macht die zurückliegende Veranstaltung nicht grundlegend besser.

Wir wollen uns in diesem MiFi ein bisschen Frust von der Seele schreiben. Vorab aber zwei Bemerkungen:

– Wir wissen, dass die Thesen dieses Artikels nicht sonderlich kontrovers sind. Uns ist es nur wichtig, überhaupt den Appell laut zu machen, selbst wenn diesem viele zustimmen.

– Wir wollen diesen Artikel nicht als Angriff auf eine bestimmte Fraktion der MV verstanden wissen. Jeder wird in den angesprochenen Punkten wahrscheinlich die jeweilige „andere Seite“ erkennen; wir halten euch aber an, euch auch an die eigene Nase zu fassen (das schließt die Autoren dieses Beitrags ausdrücklich ein).

 

(1) Wir brauchen eine andere Diskussionskultur

So empfanden die beiden Autor*innen die MV mit fortschreitender Uhrzeit – © Sven Jentzsch

Dieses Problem begann jeweils am Anfang der Tagesordnungs-Punkte: Selbst Anträge, die absehbar strittige Vorhaben behandelten (und das waren viele auf dieser MV), wurden bisweilen mit einer Selbstverständlichkeit vorgetragen, die konkurrierende Sichtweisen bereits im Vornherein ausschloß. Nach dem Prinzip: „Es ist ja völlig eindeutig, dass…“ Wenn eine Eröffnungsrede den Ton einer OPD- oder BPS-Debatte bestimmt, dann auch hier. Auf die Anträge wurde dann nicht rational, sondern aggressiv geantwortet. Die Antragsstellenden gifteten entrüstet zurück. Der Teufelskreis ist offensichtlich. In kurzer Zeit hatten wir Gräben zwischen dem Vorstand und einzelnen Clubs und zwischen den Clubs untereinander. Es gab Polemik-Vorwürfe, wütende Tweets und GO-Anträge, Teilnehmern das Rederecht zu entziehen.

Der (tapfere) MV-Gast aus Bremen lobte im Nachhinein, dass wir selbst in den hitzigen Debatten weiterhin Argumente ausgetauscht haben. Das mag stimmen, die Diskussionen waren aber spätestens zu diesem Zeitpunkt derart emotional, dass beide Seiten zwar fleißig argumentierten, indes nicht mehr zueinander durchdrangen.

Das hat gleich mehrere Konsequenzen: Einwände gegen einzelne Anträge wurden nicht mehr gehört, obwohl sie legitim waren und in einem entspannteren Setting womöglich ein anderes Abstimmungsergebnis erzeugt hätten. Ferner wurde Personen „der anderen Fraktion“ auch in anderen TO-Punkten a priori nicht mehr zugehört, da die persönliche Animosität bereits so hoch war. Außerdem verzögerten die Kämpfe und das Ringen um das letzte Wort die Behandlung der Punkte. Das galt insbesondere für die Haushalts- und DDM-2020-Debatte bis 3:00 am Sonntagmorgen. Und sorgte insgesamt für dreiundzwanzig Stunden MV.

Natürlich ging es auch anders: Die ruhigeren Passagen zu Beginn beider Tage. Die klärenden und oft 1000x produktiveren und netteren Gespräche in den Pausen. Die Süßigkeiten-Beschwichtigungen aus Münster und Halle.

An dieser Stelle müssen wir vielleicht unser schwarz-weißes Debattendenken ein Stück weit verlassen und anerkennen:

1. „Die andere Seite“ hat wahrscheinlich legitime Gründe für ihre Argumentation. Es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass Menschen, die sich für die Szene engagieren, in böser Absicht dieser gegenüber handeln.

2. Die Lösung liegt möglicherweise im Kompromiss (völlig debattiererfremd, aber dennoch existent, als Beispiel diene die neue Beschriftung der CD-Pokale mit „Teamsieg“, um verschiedene Sprachphilosophien zu versöhnen).

3. Wenn ich meine Argumente in einem sachlichen und wertschätzenden Ton vortrage, habe ich eine größere Wahrscheinlichkeit, Gehör zu finden. Auf Polemik sollte ich nicht mit Gegen-Polemik reagieren, sondern ein gutes Gegenbeispiel setzen (auch wenn in einem gewissen DDM-Finale etwas anderes behauptet wurde).

Ist einer dieser Punkte ein neuer genialer Geistesblitz? Nope. Warum machen wir uns die Mühe es dennoch in einem Mifi aufzuschreiben? Manchmal ist es für uns alle hilfreich, sich in der Hitze des Gefechts diese Dinge wieder ins Gedächtnis zu rufen.

 

(2) Wir brauchen eine andere Haltung zu Engagement.

Chiara Throner – © Leonie Ott

An irgendeinem Punkt der MV drehte sich einer von uns zum anderen um und versicherte frustriert, keine Lust mehr zu haben sich jemals im VDCH-Vorstand zu engagieren- worauf die andere heftig nickend zustimmte. Der Kritikpunkt ist hier natürlich nicht, dass wir das Debateland leider nie mit unserer grenzenlosen Weisheit und Kompetenz bereichern werden.

Aber: Dass wir eine kritische Phase rückläufigen Engagements durchlaufen, scheint inzwischen common sense. Dennoch gehen wir mit den Leuten, die sich bereiterklären, vakante Ämter zu übernehmen, teilweise unmöglich um. Egal ob wir die Vorwürfe teilen oder nicht: Es muss uns alleine zu denken geben, dass beim VDCH-Vorstand auf der MV der Eindruck entstehen kann, einer Dienstleistermentalität ausgesetzt zu sein. Von Sponsoren anwerben, Events entwickeln, Beschlusssammlungen durchwühlen und Turnierbetreuung haben sie schon so mehr Arbeit als selbst der ausgelastetste Clubvorstand. Wir erinnern hier an Sabine, die neben ihrer Masterarbeit noch irgendwie Abrechnungen machte und Anträge mitgestaltete.

Bedeutet das, dass man den Vorstand nicht mehr kritisieren oder reglementieren darf?

Um Himmels Willen, nein. Aber (auch wenn es schrecklich abgedroschen klingt): Der Ton macht eben doch die Musik. Gleich sechs Club-Anträge (darunter auch zwei aus Tübingen) forderten zusätzliche Tätigkeiten des VDCH-Vorstands. Dieser wurde selten gelobt, aber dafür für sein Drängen nach höheren Teilnehmerbeiträgen und einem gestrichenem Galaabend heftig attackiert. Obwohl das erst einmal schlicht der Verantwortung gegenüber dem BMBF-Förderer-Wegfall und einem resultierendem Haushalt mit fünfstelligem Defizit geschuldet war.

Unser Plädoyer nach mehr Wertschätzung gilt übrigens sehr wohl auch andersherum, wenn es um die Honorierung der Arbeit von Orgateams und Clubvorständen geht, die einige Arbeit in Anträge/Bids gesteckt und ein berechtigtes Interesse haben, nicht auf Turnierkosten sitzen zu bleiben. Der Umgang mit unserem Bid hat uns zum Beispiel sehr gefreut und uns in unserem Engagement weiter bestärkt. Es gibt also auch positive Beispiel für den Umgang miteinander auf dieser MV. Bitte mehr Wertschätzung gegenüber allen Bids und der Mühe, die sich Orga-Teams für uns alle machen, wäre wünschenswert.

 

(3) Wir brauchen eine inklusivere Szene

Sven Jentzsch – © Leonie Ott

Das Debattieren hat sich – vollkommen richtigerweise – auf die Fahnen geschrieben, für viele Gruppen zugänglicher zu werden. Es ist umso merkwürdiger, dass an anderer Stelle gegenteiliges zu beobachten ist. Das soll gar kein Hinterherweinen über die abgelehnte Öffnung des VDCH sein (“Na gut, vielleicht ein bisschen”- “Pfft, von Sven vielleicht”). Stattdessen möchten wir hier besonders den politischen Aspekt betonen:

Wir beide würden uns in der politischen Mitte verorten, womit wir in dieser Diskussion zwischen den Stühlen sitzen. Nun ist das Debattieren mehrheitlich links geprägt. Das ist  weder schlimm, noch bei Studierenden verwunderlich. Trotzdem muss sich die Szene schon Gedanken machen, ob sie auch offen für andere politische Haltungen sein will.

Diese Diskussion ist deutlich älter als die MV und wurde dort nur noch einmal deutlich. Auch hier bekleckern sich beide Seiten nicht mit Ruhm: Weder, wenn man den anderen Gesinnungsdiktatur vorwirft und diese mit Provokationen zu stören sucht. Noch, wenn man mit der Grundhaltung „Wir sind gerade noch bereit, Konservativismus zu akzeptieren, aber wirklich willkommen heißen wollen wir sie auch nicht“ an die Sache herantritt und seine politische Meinung in Beschlüssen absichert.

Wir können vollkommen verstehen, dass man sich gerne mit Gleichgesinnten umgibt. Aber erstens können wir aus eigener Erfahrung bestätigen, dass sich auch unterschiedliche Parteianhänger im Debattieren grandios verstehen können. Und zweitens müssen wir uns fragen: Unser Sport begründet sich auf der Prämisse, dass niemand die politische Wahrheit gepachtet hat. Wer, wenn nicht wir, sollte offen für politische Meinungsvielfalt sein?

 Um am Ende nochmal einen schönen OPD-Schlusssatz zu formulieren: Wenn wir gegeneinander argumentieren sollten wir uns immer daran erinnern, dass wir miteinander das beste für diesen Verband wollen.

An dieser MV kann er sowieso nichts mehr ändern. Aber vielleicht erinnern sich ja in einem Jahr ein paar Leute daran.

Chiara Throner, Sven Jentzsch / cal.

 

Mittwochs-Feature

Chiara Throner studiert Allgemeine Rhetorik und debattiert seit 2017. Sie ist seit 2018 Vizepräsidentin der Streitkultur. Außerdem ist sie Mitglied der OPD-Regelkommission und gewann die Deutschsprachige Meisterschaft 2019.

Sven Jentzsch studiert im Master Allgemeine Rhetorik in Tübingen. Er ist seit 2018 Präsident der Streitkultur und Mitglied der OPD-Regelkommission. 2019 gewann er die Süddeutsche Meisterschaft.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

 

 

 

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5 Kommentare zu “Miteinander gegeneinander – zur VDCH-MV”

  1. Allison (MZ) sagt:

    Hört, hört! Sehr schönes MiFi 🙂
    Ich mag vor allem den Appell nach mehr Akzeptanz politisch anders denkender, aber klar: wir sollten auch sonst alle nett zu einander sein ♥

  2. Konstantin (Rederei) sagt:

    Vielen Dank an Chiara und Sven für den guten Kommentar, dem ich absolut zustimme. Ich möchte zusätzlich noch auf zwei weitere Aspekte eingehen, die wie ich finde dazu beitragen, dass der Lösungsfindungsprozess auf der MV nicht optimal ablief.

    1. Personalisierung von Anträgen o.Ä.
    Ich denke, das Hauptproblem war und ist, dass wie im MiFi beschrieben Menschen sich angegriffen fühlen und wir im beschriebenen Teufelskreis landen. Vielleicht glaube ich zu sehr an das Gute im Menschen aber kein TO-Punkt der MV schien Notwendigkeit für die auftretende Personalisierung aufzuweisen. Ich halte es für problematisch, Anträge als Antrag von X und insbesonder problematisch als Antrag gegen X wahrzunehmen. Das beinhaltet, einen Bid inhaltlich zu bearbeiten und nicht über Motive von Einzelpersonen zu spekulieren, Anträge nicht als Angriff wahrzunehmen und schon gar keinen persönlichen Gegenangriff zu starten. Wir sollten alle anfangen Anträge losgelöst von Urheber*innen zu behandeln.

    2. Zeitplanung
    Ich denke, dass bei der Fülle von Anträgen, gerechnet auf die Zeit entweder Punkte zu kurz kommen oder wir wieder bis 3:30 am dasitzen. Beides ist der Stimmung nicht zuträglich und bedingt ein häufigeres Auftreten von Unstimmigkeiten. Niemand ist um 3:00 morgens auf seinem/ihrem nettesten Level. Daher schlage ich vor, auch den Samstagvormittag zu nutzen. Im SQ reisen viele ohnehin schon Freitag an.

  3. Karsten sagt:

    Erstmal Respekt und Dank an alle, die die lange MV durchgestanden haben!

    Ich habe eine Nachfrage zu Punkt 3: Warum ist die Ablehnung der beantragten Öffnung des VDCH politisch links einzuordnen?

    1. Sven (Tübingen) sagt:

      Das wollten wir damit nicht aussagen. Tut mir leid, dass das missverständlich ist.
      Paraphrasiert sagt Punkt 3: Wir müssen offener werden. Damit wollen wir aber nicht wieder das Fass „offen für Berufstätige“ aufmachen, sondern stattdessen – unabhängig davon – kurz das Thema „offen für alle politischen Meinungen“ beleuchten.

  4. Barbara (HH) sagt:

    Ein tolles MiFi! Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, diese wichtigen Punkte so prägnant und trotzdem differenziert zu benennen.

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