Chefjurieren besser machen: Ein Vorschlag

Datum: Aug 30th, 2017
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Category: Jurieren, Mittwochs-Feature, Themen

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9 Kommentare zu “Chefjurieren besser machen: Ein Vorschlag”

  1. Sabrina (Rederei) says:

    Ja, CA sein ist anstrengend und erfordert alle möglichen Fähigkeiten. Aber deswegen gibt es ja CA-Teams – verschiedene Leute mit verschiedenen Fähigkeiten. Ich hatte bisher immer das Gefühl, dass es relativ ausgewogen war und alle Bedürfnisse der Redner/Juror/innen erfüllt werden konnten. Zumal die beiden Aufgaben, die du schilderst, ja meistens zeitlich völlig unterschiedlich sind. Themen überlegt man sich Wochen im Voraus und investiert Zeit darein. Ja, in dieser Phase fragt man auch Juroren an und überlegt, ob man genügend Chairs hat, aber das Hauptaugenmerk liegt auf der Themenfindung. Die Jurorensituation vor Ort gut zu managen wird dann erst auf dem Turnier selbst relevant. Dort passt man dafür aber an den Themen nur noch wenig an – mal ein bisschen Formulierung hier, ein bisschen Casefile kürzen da. In der meisten Zeit macht man die Jurorensetzung. Beides überschneidet sich demnach nicht.
    Was sich aber überschneiden sollte, ist die Themenauswahl und die Themenumsetzung: wer ein Thema stellt, der sollte sich auch zwingend anschauen, wie es sich in der Debatte macht. Auf dem Papier sehen Casefiles eben doch ganz anders aus, als sie am Ende in 15min Vorbereitungs- und 21min Redezeit umgesetzt werden. Ob ein Thema wirklich funktioniert, das sieht man erst in der Debatte. Daraus kann man dann lernen und das muss man auch, immer und immer wieder. Außerdem sollten gerade Chefjuroren gut vernetzt sein in der Szene, die aktuellen Trends kennen und ein Näschen für Probleme entwickeln. All das geht meiner Meinung nach nur vor Ort.

    Keine Frage, die meisten CAs nutzen den Tabmaster gerne, um sich die Feedbackbögen sortieren und auswerten zu lassen. Das erfordert aber vor allem Lesekompetenz und kann wohl von jedem Debattierer erwartet werden. Die Auswertung selbst übernimmt dann das Team, dass sich intensiv auf das Turnier vorbereitet und mindestens einen Menschen mit empathischen Fähigkeiten aufweisen kann.
    Ich glaube, wir müssen unsere CAs – Achtung, böses Wort – ganzheitlich ausbilden. Ausbilden müssen wir eh, aber ich halte diese sehr künstliche Trennung für gefährlich und, ehrlich gesagt, auch ein wenig herbeigesagt.

    1. Sabrina (Rederei) says:

      Zusatz: ich habe es bisher auch immer so erlebt, dass sich das Team automatisch ein bisschen ausdifferenziert. Wer besonders viele Kontakte zu guten Chairs hat, ist natürlich mehr mit deren Akquise beschäftigt. Wer tolle Casefiles schreibt, der schreibt eins mehr und wer organisiert ist, der hält den Rest zusammen.

    2. Barbara (HH) says:

      Sabrina: <3

    3. Andrea G. (Mainz) says:

      Ich stimme dir hundertprozentig zu: Die beiden Aufgaben haben unterschiedliche Zeitfenster und sind so relativ problemlos nebeneinander lösbar. Abgesehen davon habe ich mir beim Lesen die Frage gestellt, ob sich realistischerweise annähernd genug Leute finden würden, die den enormen Zeitaufwand des Themenstellens auf sich nehmen würden, wenn auf dem Turnier komplett andere Leute als Turnierverantwortliche sichtbar gemacht werden. Das mag eitel klingen, aber der größte Teil der Freude des Themenstellens ist halt für viele, zu sehen, wie die Themen dann in den Debatten tatsächlich (hoffentlich) funktionieren und direkt auf dem Turnier positives Feedback für die eigene Leistung zu bekommen. Themenstellen ist ein enorm aufwändiger, mitunter frustrierender Prozess, der seine Belohnung erst auf dem Turnier selbst findet. Ich kann mich jedenfalls erinnern, dass Freiburg einiges an Problemen hatte, Menschen zu finden, die die reine Themensetzungs-Aufgabe übernehmen wollten – und dass Probleme auftraten, wenn Fragen der Teilnehmer zu den Themen aufkamen, da die dort anwesenden Chefjuroren diese Themen vorher ebenfalls noch nie durchdacht hatten.

      Ich glaube, wesentlich wichtiger ist es, den Trend des letzten Jahres zu stoppen, Chefjuroren neben ihren Kernaufgaben noch zu allen anderen möglichen Orga-Aufgaben heranzuziehen. Aus Gesprächen mit mehreren ZD-Chefjuroren habe ich im letzten Jahr immer und immer wieder extreme Frustration herausgehört, weil z. Bsp. erwartet wurde, dass CA’s neben ihren eigentlichen Turnieraufgaben noch Getränke im Auto herumfahren, Jurorenanmeldungen managen, einen Tag vorm Turnier einen neuen Tabmaster auftreiben etc. Chefjurieren auf einem Turnier ist ein 24/7-Job! Wenn man Chefjuries entlasten will, dann sollte es der erste Schritt sein, ihnen wieder organisationstechnisch den Rücken freizuhalten.

    4. Lennart Lokstein says:

      Ich glaube, teilweise wurde ich missverstanden. Meine These war nie, dass Chefjuroren aktuell nicht in der Lage wären, beide Aufgaben wahrzunehmen. Meine These ist, dass unterschiedliche Chefjuroren unterschiedliche Dinge besser und schlechter können und dass wir unsere Turniere vorallem im Bereich Jurorenmanagement deutlich cooler gestalten könnten, wenn wir hier verschiedene Teams hätten. Dann muss man auch nichts ausgleichen. Das steht auch nicht im Widerspruch dazu, dass die Themengeber beim Turnier anwesend sind und jurieren.

      Dass es momentan anders auch, aber schlechter als möglich funktioniert, spricht für mich nicht notwendigerweise für den Status Quo. Wie bereits gesagt ist es aber auch kein Weltuntergangsthema – der Impact ist nicht gleich Atomkrieg, sozusagen.

      Was ich hingegen auch kritisch sehe, ist Andreas Anmerkung bzgl. der Wertschätzung für Themen. Ich glaube aber nicht, dass die Themengeber eines Turniers, so sie anwesend wären, deshalb weniger Wertschätzung erfahren würden, weil jemand anderes die Feedbackzettel auswertet und Setzungen macht. Davon merken die Teilnehmer nämlich meist nur etwas, wenn es grob schiefläuft, nicht, wenn es gut läuft. Bei Themen hingegen kommt für gute wie schlechte Arbeit gleichermaßen Feedback.

      Also: Mal drüber nachdenken und ausprobieren?

  2. Jule (Klartext/ BDS) says:

    Zustimmung und Liebe für alle Kommentare(bisher)!

  3. Witthaut (Mainz) says:

    Bisherige Zustimmung zu allen Kommentaren und eine Vedeutlichung von Sabrina: “Ich glaube, wir müssen unsere CAs – Achtung, böses Wort – ganzheitlich ausbilden.” Da steckt nämlich ziemlich viel dahinter. Aktuell werten wir die Kompetenz von CAs nach ihren Themen. Das ist und bleibt aber meist Geschmackssache, bis auf einige krasse Fälle im Positiven wie im Negativen. Was unsichtbar bleibt, ist die Arbeit “hinter der Kamera”. Leider habe ich oft erlebt, dass CAs nicht mal wissen was im Tabraum so vor sich geht, geschweige denn ein Konzept haben, wie man das Turnier angeht auf der Ebene des Juror*innenmanagments. Ich will kein Shaming betreiben, ich glaube nur, weil es nicht sichtbar ist, wenig Bedeutung gewinnt obwohl es so unglaublich wichtig ist. Ein Ansatz in dem Auswahlverfahren von Tübingen war übrigens CAs aktiv nach ihren Stärken und Schwächen zu fragen. Ein Team kann sich gegenseitig auffangen und sich gegenseitig helfen. Warum also nicht? Auch der Think-Tank in Berlin hat zu solchen Themen, seitenweise Dokumente angelegt bis hin zu Theorie von Setzungen und den Chancen und Risiken. Ich glaube, dass wir wirklich eine “Ausbildung” von CAs brauchen. Im Moment genießen einige auserwählte den Genuss viel von Älteren zu Lernen und so die “Geheimnisse des Tabraums” lüften. Das passiert aber nicht auf einer Ganzheitlichen Ebene. Hand aufs Herz: Wieviele haben sich vor ihren ersten Turniere Gedanken über eine Setzphilosophie gemacht oder sich Kriterien für Breaks im Vorfeld ausgedacht? Wer hat nicht nur seine Freunde gefragt sondern systematisch alle gebreakten Juror*innen der Saison angefragt auf ein Turnier zu kommen? Wer unterscheidet in der Setzung zwischen Runde 1,3 und 5 auf einem Turnier? Ich glaube relativ wenige. Aber das liegt nicht an Inkompetenz oder Unvermögen sondern schlicht daran, dass wir solches Wissen kaum weitergeben / richtig aufbereiten!

    1. Sabine (Tübingen/ St. Gallen) says:

      Ich würde das unterstreichen – bevor wir über eine Ausdifferenzierung der Aufgaben nachdenken, brauchen wir erstmal einen Weg, CJs auszubilden. Es funktioniert vielleicht im Moment mit dem Prinzip “Mach mal, die anderen erklären dir das dann/ du siehst ja, wie es geht” einigermaßen, aber das heißt ja nicht, dass es nicht besser geht. Ich zumindest hätte mich deutlich wohler gefühlt, wenn ich vorher gewusst hätte, was ein/e CJ tut, wie das geht, was man können muss, was es für Herangehensweisen an Themenfindung, Themenverteilung, JurorInnensetzung etc. gibt. Vielleicht sollte man für solche Dinge Zeit einplanen in fortgeschrittenen Jurierseminaren, oder sogar extra für zukünftige und junge CAs Seminare veranstalten.
      Gerade für Leute, die das Chefjurieren erstmal ausprobieren wollen, kann eine Trennung der Aufgaben aber natürlich sinnvoll sein. Der Aufwand ist geringer und dadurch weniger abschreckend, die erforderten Fähigkeiten sind weniger, und man könnte vielleicht einfach mal zusehen z.B. bei der JurorInnensetzung, ohne dass erwartet wird, dass man etwas beiträgt, und es so lernen. Denn wie Willy sagt: Über Themen machen sich die meisten DebattantInnen irgendwann mal Gedanken, über die Setzung eher nicht.

  4. Jannis Limperg says:

    Ein komplementärer Vorschlag zur Verbesserung des JurorInnenmanagements: Auf der diesjährigen DDM haben Leo und ich als Tabmaster während der Runden vollständige Setzungen vorbereitet, die die CAs dann zwischen den Runden nochmal überarbeitet haben. Ich halte das für eine gute Möglichkeit, um auf Turnieren ab ZD-Größe ordentliche Setzungen unter Berücksichtigung des Feedbacks zu gewährleisten, ohne den Zeitplan zu sehr durcheinander zu bringen. Die Vorbereitung der Panels kann auch durch CAs erfolgen, die dafür einzelne Runden aussetzen. Bei den großen internationalen Turnieren sind, soweit ich weiß, Varianten dieses Verfahrens üblich und werden von Tabbie unterstützt.

    Eine Anmerkung zu den bisherigen Kommentaren: Auch wenn theoretisch die Themen vor der ersten Runde fertig sein sollten, habe ich selten ein CA-Team erlebt, bei dem das tatsächlich der Fall war. Oft waren durchaus noch längere Diskussionen über Reihenfolge der Themen, Formulierungen, Factsheets usw. notwendig. Das belastet entweder die Setzungen oder den Zeitplan. Insofern halte ich Lennarts Vorschlag einer formalen Trennung der Aufgabenbereiche weiterhin für bedenkenswert.

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