{"id":1936,"date":"2010-01-28T15:31:29","date_gmt":"2010-01-28T14:31:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.vdch.de\/?p=1936"},"modified":"2010-01-29T18:25:07","modified_gmt":"2010-01-29T17:25:07","slug":"religion-ja-oder-nein-ein-kommentierender-bericht-zur-dritten-bayreuther-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/20100128\/religion-ja-oder-nein-ein-kommentierender-bericht-zur-dritten-bayreuther-debatte\/","title":{"rendered":"Religion ja oder nein? &#8211; Ein kommentierender Bericht zur Dritten Bayreuther Debatte"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Religionen sind nicht die Wurzel allen \u00dcbels, aber sie haben dazu beigetragen, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Unmenschlichkeit war&#8221;. Mit dieser provokanten These stieg <strong>Michael Schmidt-Salomon<\/strong> in die Debatte ein. &#8220;Deutschlands Chef-Atheist&#8221; (so Der Spiegel) war erster Pro-Sprecher zur Frage &#8220;Leben wir ohne Religion(en) besser?&#8221; bei der Dritten Bayreuther Debatte, zu der der VDCH-Club\u00a0<strong>Akademie f\u00fcr politisch-institutionelle Konfliktsimulation<\/strong> (AKPIKS) illustre G\u00e4ste geladen hatte. Religionskritiker und Religionsbef\u00fcrworter traten jeweils zu dritt an. Jeder Redner durfte acht Minuten lang reden, Zwischenfragen und -rufe gab es nicht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.vdch.de\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/3BD1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1940 alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 10px;\" title=\"#3BD\" src=\"http:\/\/blog.vdch.de\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/3BD1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"140\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das f\u00fchrte leider dazu, dass die Reden recht statisch waren; wenig gingen die Redner aufeinander ein. Trotzdem: Dass die Debatte \u00fcberhaupt so stattfand, wertete Schmidt-Salomon, der sich\u00a0selbst gar nicht als Atheist bezeichnet sondern als &#8220;Naturalist&#8221;,\u00a0schonmal als Erfolg: \u201eWer h\u00e4tte gedacht, dass sich mal ein echter amtlicher Erzbischof freiwillig \u00f6ffentlich mit Religionskritikern auseinandersetzt?\u201c, sagte er in seiner Rede. Die meisten Christen seien gar keine, postulierte er; wenn man mal die grundlegenden Glaubenss\u00e4tze abfrage, bek\u00e4me man Zustimmungswerte um die drei\u00dfig Prozent. Dann z\u00e4hlte er eine Reihe von Verbrechen auf, die er auf die ein oder andere Weise dem Christentum zuschrieb: Antisemitismus, Kriege, Ausgrenzung von Homosexuellen&#8230; Fazit in seiner Rede jedenfalls: Ja,ohne Religion l\u00e4sst&#8217;s sich besser leben &#8211; aber damit das f\u00fcr alle gilt, ist noch eine Menge Aufkl\u00e4rung n\u00f6tig. (Hei\u00dft das nun, dass es sich ohne diese Aufkl\u00e4rung im Moment vielleicht doch mit Religion(en) ganz gut leben l\u00e4sst?) Erst sp\u00e4ter im Gespr\u00e4ch\u00a0im kleinen Kreis\u00a0bekannte der Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung differenzierter: &#8220;Die Religionen sind die kulturellen Schatzkammern der Menschheit&#8221;; man m\u00fcsse aber eben das Sinnvolle vom Menschenverachtenden trennen.\u00a0\u00a0(So ein Satz h\u00e4tte auch der Debatte nicht geschadet &#8211; und dann noch eine Auseinandersetzung damit, was denn nun das Sinnvolle sei, das suchte man in der Rede n\u00e4mlich vergebens.)<\/p>\n<p>Auf der Gegenseite sprach der Erzbischof von Bamberg, <strong>Ludwig Schick<\/strong>. Er f\u00fcllte seine Redezeit nicht ganz und konzentrierte sich auf das Christentum; er wolle nicht allgemein \u00fcber Religionen reden, das sei ihm zu unkonkret; vielmehr vertrete er das Christentum und stelle daher auch Jesus Christus in die Mitte. Der Bischof sprach dar\u00fcber, dass sich mit Christus ein menschenfreundlicher Gott offenbart habe, der Menschen Heilung und Gefangenen Befreiung bringe und der sich f\u00fcr Wahrheit und Recht einsetze. Schick argumentierte, die Christen h\u00e4tten die griechische und r\u00f6mische Kultur in unsere Zeit weitergetragen (Aha! Interessant! Da fragt man sich doch, warum uns in der Schule immer diese Geschichte mit dem Umweg \u00fcber die Bibliotheken in islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern erz\u00e4hlt wird&#8230;) und in Kinderg\u00e4rten, Schulen, im ganzen Sozialsystem sehe man Christen, die Gutes tun. Auch seien Christen in Konzentrationslagern gestorben, h\u00e4tten Widerstand gegen Hitler geleistet usw. Erzbisch\u00f6fliches Fazit nch sechs von acht Minuten: Religion macht Leben und Sterben erf\u00fcllender.<\/p>\n<p>Schmidt-Salomon trat gemeinsam mit <strong>Mina Ahadi <\/strong>an, einer Exil-Iranerin, die in ihrer Rede endg\u00fcltig vom eigentlichen Thema wegf\u00fchrte und vor allem ihre eigene Lebenserfahrung theamtisierte. Der (politisch-instrumentalisierte) Islam im Iran habe ihr den Mann genommen, ihre Mutter einsam gemacht, steinige Frauen&#8230; Das Fazit der Vorsitzenden des Zentralrats der Ex-Muslime: &#8220;Ich hasse Religion!&#8221; Sie fordert weniger Geduld und &#8220;falsch verstandene Toleranz&#8221; gegen\u00fcber Religionen, die Verbrecherisches anrichten. (Nun, sind es die Religionen? Oder sind es verbrecherische Regime, die Religion zur Begr\u00fcndung f\u00fcr ihr tun missbrauchen?)<\/p>\n<p>Auf der Seite der Religionsfreunde war als zweite Rednerin eine gl\u00e4ubige Muslima an der Reihe: Die\u00a0Islamwissenschaftlerin <strong>Rabeya M\u00fcller.<\/strong> (Sie trug ein Kopftuch; verwehrte sich aber gegen eine Diskussion der &#8220;K-Frage&#8221;, das seien \u00c4u\u00dferlichkeiten. Nun, w\u00e4re das Kopftuch nur eine \u00c4u\u00dferlichkeit f\u00fcr sie, dann tr\u00fcge sie es kaum aus religi\u00f6ser \u00dcberzeugung. Das tat sie aber offenbar: Zum Headset-Aufsetzen bestand sie auf Privatsph\u00e4re und zog sich alleine zur\u00fcck, um ihr Kopftuch nicht vor anderen zu l\u00fcften.)\u00a0M\u00fcller ging (etwas sp\u00e4t in der Debatte) auf Schmidt-Salomon ein und betonte, die Abwesenheit von Religion f\u00fchre nicht zur Abwesenheit von Gewalt. Schlie\u00dflich h\u00e4tten auch Atheisten abscheuliche Verbrechen begangen, man denke nur an die Jakobiner, Hitler und Stalin.<\/p>\n<p>Die Schlussreden: Auf der Seite der Religionskritiker\u00a0gehalten von\u00a0<strong>Paul Schulz<\/strong>, der als &#8220;Hamburger Kirchenrebell&#8221; bekannt ist. Er verlas ein Manifest, in dem er dazu aufforderte, sich von der Fremdherrschaft durch G\u00f6tter frei zu machen und die Zuh\u00f6rer mit seiner Wahrheit konfrontierte: &#8220;Es hilft Ihnen kein Gott &#8211; weder in Haiti noch sonstwo&#8221;. Auf der Seite der Religionen trat die ehemalige Bundesministerin <strong>Andrea Fischer<\/strong> (B\u00fcndnis 90 \/ Die Gr\u00fcnen), Unterst\u00fctzerin der Initiative &#8220;Pro Reli&#8221; in Berlin, an, die sich wieder darauf konzentrierte, davon zu berichten, was Religion f\u00fcr sie pers\u00f6nlich in ihrem Leben bedeute: Liebe empfangen und geben k\u00f6nnen. Au\u00dferdem legte sie Wert darauf, dass auch sie (wie alle Redner\/innen der Debatte) f\u00fcr eine Trennung von Politik und Religion eintrete. Sie selbt habe n\u00e4mlich da und dort Probleme mit ihrer Kirche, so die Katholikin, zum Beispiel wenn es um die Ehe f\u00fcr Homosexuelle gehe. Aber letztlich entscheide das ja dann nicht nicht Kirche.<\/p>\n<p>F\u00fcr die\u00a0gut besuchte und gut organisierte Veranstaltung zeichnete\u00a0<strong>Steffen Hahn<\/strong> vom AKPIKS verantwortlich, moderiert wurde sie von VDCH-Pr\u00e4sident <strong>Tim Richter<\/strong>, der das traurige Los vieler Moderatoren teilte, am Besten vorbereitet zu sein und am Wenigsten sagen zu d\u00fcrfen. Das Audimax der Bayreuther Universit\u00e4t war gut gef\u00fcllt (der ein oder andere Debattant erinnert sich an das Audimax: Themenverk\u00fcndungsraum bei der DDM 2007). Das Publikum war bunt gemischt: Neben vielen Studenten waren auch zahlreiche Menschen jeden Alters aus der Bayreuther Bev\u00f6lkerung gekommen. F\u00fcr den Bischof schien gar ein kleiner &#8220;Fanclub&#8221; gekommen zu sein, eine Dame bat seine Exzellenz nach der Debatte um ein Autogramm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Religionen sind nicht die Wurzel allen \u00dcbels, aber sie haben dazu beigetragen, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Unmenschlichkeit war&#8221;. Mit dieser provokanten These stieg Michael Schmidt-Salomon in die Debatte ein. &#8220;Deutschlands Chef-Atheist&#8221; (so Der Spiegel) war erster &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[44,51,43],"tags":[183,184,120,144],"class_list":["post-1936","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-neues-aus-den-clubs","category-politik-und-gesellschaft","category-themen","tag-bayreuth","tag-hahn","tag-richter","tag-showdebatte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1936","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1936"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1936\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1986,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1936\/revisions\/1986"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}