{"id":2819,"date":"2010-04-13T07:32:00","date_gmt":"2010-04-13T05:32:00","guid":{"rendered":"http:\/\/achteminute.vdch.de\/?p=2819"},"modified":"2010-07-08T13:41:28","modified_gmt":"2010-07-08T11:41:28","slug":"wien-deklamiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/20100413\/wien-deklamiert\/","title":{"rendered":"Wien deklamiert"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.achteminute.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/dekla_final_voll_ot.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2820\" title=\"dekla_final_voll_ot\" src=\"https:\/\/www.achteminute.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/dekla_final_voll_ot.gif\" alt=\"\" width=\"242\" height=\"203\" \/><\/a>Schuldig oder unschuldig, das ist hier die Frage. Ein Ankl\u00e4ger, ein Verteidiger, ein ganz konkreter Fall &#8211; darum dreht sich die Deklamation. Der <strong>Debattierklub Wien<\/strong> (DKW) hat diese Form des Rededuells am Abend des 12. April bei Schnitzel und Bier erprobt &#8211; und f\u00fcr gut befunden. &#8211;<\/p>\n<p>Reden in geordneten Bahnen, auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner lassen sich die Aktivit\u00e4ten eines Debattierclubs zusammenfassen. Geredet wird alleine, in Teams, gegeneinander, miteinander oder ohne Gegner. Auch die Perspektiven variieren, sind mal pers\u00f6nlich, mal abstrakt, mal auf einen Staat beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Am h\u00e4ufigsten geredet wird im Rahmen der Parlamentarischen Debatte. Im Gegensatz zur Deklamation ist hier das wichtigste Merkmal, dass sich die Debatte um ein Problem dreht. Soll es erlaubt sein, bei Einbruch Schusswaffen einzusetzen? Gesucht wird nach einer L\u00f6sung, um diese dreht sich die Debatte. Bei der Deklamation hingegen ist es ein ganz konkreter Fall, auf den die Redner sich beziehen. Durfte Euphiletos den Eratosthenes erschie\u00dfen, um sein Eigentum zu besch\u00fctzen?<\/p>\n<p>Die Er\u00f6ffnungsrede hat nicht den Charakter eines Antrags, der wie ein Gesetz gelten soll, sondern die Gestalt einer Anklage. Heute k\u00f6nnen wir uns solch ein Rednerduell am ehesten in einem Gerichtssaal vorstellen, und tats\u00e4chlich ist die Situation denen vor einer Jury sehr \u00e4hnlich. Und im Gerichtssystem der USA ist es in der Tat sehr wichtig, dass der Ankl\u00e4ger frei, fl\u00fcssig und logisch eine Jury aus Laienrichter von der Schuld des Angeklagten \u00fcberzeugt. Der Richter wacht nur \u00fcber die Einhaltung des Prozesses und legt das Strafma\u00df fest. Auch \u00d6sterreich hat solche Laienrichter, die Deklamation ist jedoch weitgehend unbeachtet in der Ausbildung \u00f6sterreichischer Anw\u00e4lte. Dabei versteht sich von selbst, dass Redner vor einer Jury immer auch exzellente Rhetoriker seien m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist diese Form der Auseinandersetzung in \u00dcbersee l\u00e4ngst auch Unterhaltung. Kaum eine Folge der Fernsehserien Ally McBeal oder Boston Legal kommt ohne eine besonders brilliante Anklage- oder Verteidigungsrede aus. Es gewinnen selten die Unschuldigen. Die Helden sind die Anw\u00e4lte. &#8211; So war das auch schon im alten Griechenland. W\u00e4hrend die Frauen sich daheim um den Haushalt k\u00fcmmerten und die Sklaven das Feld bestellten, ging der Athener zum Gericht,\u00a0 falls er denn das B\u00fcrgerrecht hatte. Aus zwischen 501 bis zu 2.501 Laienrichtern bestand das Gericht im alten Athen. Insgesamt kam man auf bis zu 6.000 Geschworene. Der Dichter Aristophanes schrieb \u00fcber diesen Lieblingsport der Griechen gar eine Kom\u00f6die. Der Protagonist ist derart s\u00fcchtig nach den Gerichtsverhandlungen, dass man ihn zur Entw\u00f6hnung in sein Haus einsperrt. Dort l\u00e4sst er zwei Hunde wegen K\u00e4sediebstahls gegeneinander prozessieren.<\/p>\n<p>Als Erfinder der Deklamation (<em>melet\u00e9 <\/em>im griechischen, im lateinischen wird daraus dann <em>declamatio<\/em>) wie wir sie heute kennen gilt Demetrios von Phaleron oder zumindest ein Rhetoriker\u00a0seiner Zeit. Er regierte Athen von 317 bis 307 v. Chr.\u00a0Die Deklamationsreden\u00a0waren reine \u00dcbungsreden, an deren Beginn ein reales oder fiktives Gesetz stand. Ein Fall forderte nun die Auslegung dieses Gesetzes.<\/p>\n<p>Ein kurzes Beispiel:<\/p>\n<p>&#8220;Gesetz sei: Wer bei Sturm das eigene Schiff verl\u00e4sst, verliert alles; das Schiff und alles \u00dcbrige geh\u00f6rt, sofern das Schiff gerettet wird, denjenigen, die im Schiff geblieben sind.<\/p>\n<p>Fall: Aus Erschrecken \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe eines Sturms haben alle ein Schiff verlassen und sind ins Rettungsboot gestiegen, mit Ausnahme eines Kranken. Er konnte wegen seiner Krankheit nicht aussteigen oder fliehen. Durch Zufall ist das Schiff nun unversehrt in den Hafen gelangt. Der Kranke nahm es [als sein Eigentum] in Besitz. Der fr\u00fchere Eigent\u00fcmer des Schiffs fordert es [zur\u00fcck]&#8221;.<\/p>\n<p>Man merkt schnell worum sich die Reden drehen werden. Soll das Gesetz ausgesetzt werden, da es schlie\u00dflich Tapferkeit belohnen sollte und nicht zuf\u00e4llige Krankheit (vgl. Wilfried Stroh: Die Macht der Rede)? Das zu Begr\u00fcnden ist nun Aufgabe des Ankl\u00e4gers, der zum Zwecke der Unterhaltung gerne ein wenig ausholen darf im Spekulieren um die Intentionen des Angeklagten und die Interpretation der Normen.<\/p>\n<p>Anders als im Griechenland wird heute selten zur \u00dcbung der Rhetorik deklamiert. Noch seltener ist vermutlich die Deklamation als Unterhaltung, wie es aus dem Rom des ersten Jahrhunderts nach Christus \u00fcberliefert ist. Der <strong>Streitkultur T\u00fcbingen<\/strong> geb\u00fchrt jedoch die Ehre, die Deklamation ins Bewusstsein der deutschsprachigen Debattierszene gehoben zu haben: Parallel zur ZEIT DEBATTE T\u00fcbingen 2005 wurde die Deklamation als Wettkampf der Juroren ausgetragen. Jeweils nach den Debatten\u00a0traten die Juroren gegeneinander an und wurden von den Debattanten bewertet. Glorreicher Sieger des Deklamationswettbewerbs war damals <strong>Rouven Soudry<\/strong> vom <strong>Debating Club Heidelberg <\/strong>&#8211; und es hei\u00dft, einige derjenigen, die damals das Finale der ZEIT DEBATTE und die Deklamationsrede von Rouven erlebt haben, k\u00f6nnten noch heute S\u00e4tze aus seiner Rede \u00fcber die Unschuld des Apfelbaumsch\u00fctzen zitieren. (Vgl. Fall Nr. 1 in dieser <a href=\"http:\/\/www.streitkultur.net\/Deklamation\/Beispielfaelle.pdf\">Liste von Beispielf\u00e4llen von dem Turnier<\/a>.)<\/p>\n<p>Nachdem der Debattierklub Wien die Deklamation bereits bei seiner Weihnachtsfeier ausprobiert hatte wurde zu Ostern ein eigener Deklamationsabend angesetzt. Bei Schnitzel und Bier wurden im Stammlokal des Klubs vor zahlreichen G\u00e4sten zwei Deklamationen abgehalten. An dem lustigen und hochinteressanten Abend versuchte zun\u00e4chst Ankl\u00e4gerin <strong>Agnieszka Bibro<\/strong> die Jury davon \u00fcberzeugen, dass der Staat f\u00fcr Polizisten haften muss, die nicht eingegriffen hatten, als ein Betrunkener ein Caf\u00e9 zertr\u00fcmmerte. <strong>Leonhard Weese <\/strong>hatte die Verteidigung \u00fcbernommen, beide beriefen sich auf ihre jeweilige Interpretation der zentralen Aufgaben des Staates. Im zweiten Fall trat <strong>Stefan Zweiker<\/strong> als Ankl\u00e4ger gegen <strong>Florian Prischl<\/strong> als Verteidiger an. Im Mittelpunkt Ihres Rechtsstreits stand der Tod eines Mannes in den USA der\u00a01830er Jahre &#8211; und die Frage, ob sein Nachbar die Schuld daran trug.\u00a0Auf der Homepage des DKW finden sich ein <a href=\"http:\/\/www.debattierklubwien.at\/2010\/04\/oster-deklamation-2010\/\">Bericht \u00fcber den Abend<\/a> sowie die deklamierten F\u00e4lle (<a title=\"Liebeskummer und Baseballschl\u00e4ger\" href=\"http:\/\/www.debattierklubwien.at\/?attachment_id=1032\">Fall 1<\/a><a><\/a>, <a title=\"Jacksons Blitz\" href=\"http:\/\/www.debattierklubwien.at\/?attachment_id=1030\">Fall 2<\/a><a><\/a>).<\/p>\n<p>Verwendete Literatur:<br \/>\nWilfried Stroh<br \/>\n&#8220;Die Macht der Rede.<br \/>\nEine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom&#8221;<br \/>\nUllstein, Berlin\u00a02009<br \/>\nISBN: 3-550-08753-5<br \/>\n608 S.; \u20ac 22,95<\/p>\n<p>Die Deklamation wird auch im <a href=\"https:\/\/www.achteminute.de\/index.php\/20100401\/daniel-rezensiert-trainingsbuch-rhetorik\/\">bereits auf der Achten Minute rezensierten &#8220;Trainingsbuch Rhetorik&#8221;<\/a><a><\/a> besprochen.<\/p>\n<p>&#8220;Die Deklamation ist eine rednerische \u00dcbungsform, die einen strittigen Rechtsfall zum Thema hat. Ziel der Deklamation ist die Entscheidung \u00fcber einen fiktiven Fall mit Hilfe gegebener Rechtsnormen und rechtlichen Grundprinzipien. Vorbild daf\u00fcr ist nicht das moderne Gerichtswesen. Oberstes Prinzip der Entscheidung \u00fcber Schuld und Unschuld ist ein rationales Gerechtigkeitsverst\u00e4ndnis.&#8221; &#8211; So schreibt die Streitkultur T\u00fcbingen auf ihrer Homepage \u00fcber die Deklamation. Dort gibt es ein <a href=\"http:\/\/www.streitkultur.net\/images\/stories\/\/regeln%20der%20deklamation%203%200.pdf\">Deklamationsregelwerk<\/a>, eine <a href=\"http:\/\/www.streitkultur.net\/Deklamation\/Beispielfaelle.pdf\">Liste von Beispielf\u00e4llen<\/a> und ein <a href=\"http:\/\/streitkultur.net\/data\/Deklamation\/Deklamationspaket.tar.gz\">komplettes Deklamationspaket<\/a> zum herunterladen.<\/p>\n<p>Text: Leonhard Weese, Obmann des DKW \/ glx<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schuldig oder unschuldig, das ist hier die Frage. Ein Ankl\u00e4ger, ein Verteidiger, ein ganz konkreter Fall &#8211; darum dreht sich die Deklamation. Der Debattierklub Wien (DKW) hat diese Form des Rededuells am Abend des 12. April bei Schnitzel und Bier &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[44],"tags":[283,90,153,209,107,199,149,315],"class_list":["post-2819","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-neues-aus-den-clubs","tag-bibro","tag-heidelberg","tag-osterreich","tag-prischl","tag-tubingen","tag-weese","tag-wien","tag-zweikert"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2819","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2819"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2819\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4343,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2819\/revisions\/4343"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2819"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2819"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.achteminute.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2819"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}