Jurierleitfaden DDM 2020

Datum: Aug 5th, 2020
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Category: Jurieren

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26 Kommentare zu “Jurierleitfaden DDM 2020”

  1. René G. (Rederei Heidelberg) says:

    Verstehe ich es richtig, dass in der Opp Whip Rede kein neues Rebuttal vorkommen darf?

    1. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Siehe 2a).

  2. Sven (Streitkultur) says:

    Zunächst einmal: Ein großes Kompliment für die Mühe, die in diesen Leitfaden geflossen ist! Es wird wahrscheinlich noch viel Lesearbeit erfordern, dass voll zu erfassen. Und das Folgende soll diese Mühe in keiner Weise schmälern.

    Ich habe zur “Restriktion der Schlussreden” bzw. dem Rebuttal-Verbot für die CO-Whip einige Fragen:
    – Gibt es eine starke empirische Evidenz, dass die CO ohne diese Regel am häufigsten Debatten gewinnt?
    – Verschiebt eure Regelung nicht stärker das Ungleichgewicht zwischen den Schließenden Teams? Die Schließende Regierung kann in 7 min. einen neuen, konstruktiven Case bauen (Rebuttal kann ja die Schlussrede machen), während die Schließende Opposition in ihrer Extensionrede neben neuen Argumenten nun auch die CG rebutten muss.
    – Wenn Abwägungen, Framing und Zusammenfassung in einer Schlussrede wichtig (und “neu” in der Debatte) sind: Warum ist es dort nicht genauso problematisch wie beim Rebuttal, dass die CO-Schlussrede unwidersprochen bleibt? Wenn Abwägungen, Framing und Zusammenfassung hingegen nicht so wichtig sind: Was ist dann noch der Wert einer Schlussrede, wenn sie rein darauf beschränkt würde?
    – Wäre es eine Option gewesen, die beiden Schlussreden in der Reihenfolge zu tauschen?

    1. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Ich beantworte diese ganzen Fragen zu der Schlussredenrestriktion jetzt einmal ausführlich, die habe ich nämlich in der halben Stunde seit Release schon zwanzigmal bekommen.

      Das Verbot des Einbringens neuen destruktiven Materials in der Oppositionsschlussrede (im Folgenden: OW) ist in seiner theoretischen Form schon lange in der Systematik des Formats angelegt. Auch vergangene Leitfäden der Weltmeisterschaften und der DDM verbieten “neue Argumente” in OW. Dennoch freue ich mich natürlich, hier noch einmal zu erläutern, warum das die korrekte Implementation der Grundsätze des Formats ist.

      Das Primat, das den Limitationen der Schlussreden zugrundeliegt, ist das der Wahrung von Interaktionsmöglichkeit. In diesem Sinne sollen Teams nie in eine Position gebracht werden, in der nach ihren Reden noch etwas gesagt wird, das sie nicht hätten antizipieren können und auf das sie hätten antworten wollen und können. Wo möglich, stellt das Regelwerk das sicher (z.B. durch Bewertungskriterien von POIs, Limitationen von Schlussreden, Backloading-Regeln etc.). Wo nicht möglich, wird es durch andere Vorteile ausgeglichen (z.B. haben die eröffnenden Teams den “Erstzuschlag” auf ihnen gut erscheinendes Material ggü. schließenden Teams).

      Da wir die Debatte aber mit der Rede eines Teams beenden müssen, führen wir eben für Schlussreden Restriktionen ein: Die schließende Opposition hat zwar das letzte Wort, darf das aber nicht mehr verwenden, um unvorhergesehene und unbeantwortbare Dinge in die Debatte einzubringen. Abwägungen und Rekapitulationen sind erlaubt, weil sie logisch größtenteils aus dem bisherigen Verlauf der Debatte hervorgehen und insofern zwar ein sinnvoller Beitrag zur Debatte sind, aber eben nicht neu und somit nicht antizipierbar. Argumentatives Material jeglicher Art hingegen ist nicht erlaubt, weil es nicht mehr möglich wäre, damit zu interagieren. Ähnlich funktioniert die Logik auch für die Schließende Regierung, mit dem Unterschied, dass wir der GW destruktive Argumentation erlauben müssen, damit irgendjemand auf die Oppositionsextension antworten kann.

      Eine Reihe von Gedanken und möglichen Einwänden zu diesem theoretischen Gerüst:

      a) Der Konsens der Debattierszene hat mittlerweile mit dem Stand der Argumentationstheorie aufgeholt und ist zu dem Entschluss gekommen, dass “Rebuttal eine Extension sein kann”. Ist Rebuttal eine mögliche Extension, so heißt das, dass destruktive Argumentation an und für sich ein debattengewinnender Beitrag sein kann. Nun sind wir uns aber einig, dass die OW kein neues konstruktives Material einbringen darf – Das ist, so der Konsens, Aufgabe der Extensionrede. Warum sollte jetzt die Schlussrede der Opposition doch wieder unbeantwortbares, aber potenziell alleinstehend debattengewinnendes Material in die Debatte einführen können? Wir können nicht gleichzeitig eine grundsätzliche Trennung von Extension – und Whiprede haben, die zwischen “eigenen Argumenten” und “Interaktion mit der Debatte” verläuft, aber gleichzeitig ein Subset möglicher debattengewinnender Extensions in der letzten Rede der Debatte erlauben.

      b) “Aber dann hat die Schließende Opposition doch so viel weniger Gelegenheiten, auf die Debatte zu antworten!” – Das ist nicht ganz korrekt. In der Dynamik zwischen schließenden Teams ist so tatsächlich mehr Beantwortungsmöglichkeitsparität hergestellt: CO kann in einer Rede auf CG antworten, CG kann in einer Rede auf CO antworten. Ja, CG hat zwei Reden, in denen sie theoretisch auf Opening Half eingehen kann, aber vor dem Hintergrund der Rebuttalverantwortung von GW manifestiert sich das in der Realität eher selten als Vorteil. Darüber hinaus hat CO zum Ausgleich die Fähigkeit, ihren eigenen Case in vollständiger Responsivität zu allen anderen Cases der Debatte vorzubringen, ohne zu riskieren, eventuell auf unvorhergesehene Art und Weise in ihren Voraussetzungen von CG herausgefordert zu werden – auch das ist andersherum nicht der Fall.

      c) “Dann kann OW ja viel weniger machen, als ich bisher immer gedacht habe / Das ist doch bestimmt eine Schwächung von CO / Was habt ihr für Beweise dafür, dass ihr jetzt eine Schwächung vornehmen müsst?”: Auch dieser Einwand scheint nicht vollständig fair. Es ist ohnehin nur insofern eine Veränderung, wie man die bisher implizit gehaltenen diesbezüglichen Richtlinien der WUDC-Leitfäden u.a. nicht beachtet hat. Insofern es aber eine Veränderung für die Rede – oder Jurierpraxis von einigen von euch sein sollte, fühle ich mich an dieser Stelle gezwungen, ein strategisches Assessment abzugeben: Es ist zumindest nur sehr selten sinnvoll, deliberativ und geplant neues destruktives Material in der OW vorzubringen. Es ist eventuell eine “Schwächung”, wenn man bisher gerne häufiger mal vergessen hat, sein Rebuttal in der Member-Rede vorzubringen, aber das ist es auch. Ohne hier in ein Extension-Seminar abdriften zu wollen: Schließende Teams gewinnen Debatten grob nach dem Schema, einen Beitrag zur Debatte zu formulieren und den dann anschließend gegen die anderen Teams einzuordnen.

      Hierbei ist die beste Art von Antwort die, die gleichzeitig Voraussetzungen für die eigene Seite einführt oder auf eine andere Art und Weise mit dem eigenen Beitrag zusammenhängt (oder sogar diesen Beitrag konstituiert). Davon vollständig unabhängige Antworten sind ohnehin meistens weniger effektiv. Externes Rebuttal über solche destruktive Argumentation hinaus spielt häufig, insbesondere in Bezug auf den Zeitanspruch, eine untergeordnete Rolle. Die beliebte Strategie, dass die Member-Rede einen Case formuliert, dessen destruktive Implikationen für andere Teams die OW dann expliziert, ist immer noch vollständig konsistent mit dem Leitfaden und vermutlich ohnehin die Art und Weise, auf die ein Großteil der strategisch sinnvollen interaktiven Argumentation von OWs erfolgt. Die leicht unangenehmen Konsequenzen für Zeitmanagement und die Ansprüche an strategische Aufteilung sind in meinen Augen ein geringer Preis für ein faires und sinnvoll strukturiertes Format.

      d) “Ist die Schließende Opposition nicht ohnehin schon arm dran? / Wie sehen die momentanen Statistiken aus? etc.”: Festzustellen, wie die empirische Lage um Positionsperformance aussieht, ist angesichts der absurd starken konfundierenden Faktoren und der lachhaften samplesize ein geradezu idiotisches Unterfangen. Die aus der Expertise der DDM-Chefjury resultierende Einschätzung ist, dass die theoretische Balance des Formats von einer solchen Regel profitiert. Wenn ich mehr Evidenz dafür generieren könnte, würde ich es mit Freuden tun, aber das ist leider eines der Probleme mit dem Schreiben von Debattierregeln. An dieser Stelle sei aber kurz angemerkt, dass ich nicht notwendigerweise der Meinung bin, dass der Einfluss der einzelnen Reden fair aufgeteilt ist; es mag sein, dass die OW eine vergleichsweise schwache Rede ist, meines persönlichen Erachtens ist das aber okay und notwendig, weil MO eine extrem starke Rede ist. Das ist aber nur meine persönliche Interpretation und nicht Grundlage des Leitfadens.

      Ich freue mich über alle weiteren Fragen und Diskussionen hierzu und zu allen Aspekten des Leitfadens.

    2. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Und darüber hinaus: Mich beschleicht der leise Verdacht, dass einige Leute ihre Kritik an dem neuen Leitfaden auf Basis einer extrem kurzen Zusammenfassung statt auf Basis der Lektüre des Dokuments üben. Ich vermute, es könnte der Diskussion dienlich sein, wenn wir alle auf Basis des Dokuments argumentieren könnten.

    3. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Oh, und noch eine Antwort zu deiner vorletzten Frage (und dem interessanten und konstruktiven diesbezüglichen Gespräch mit Justus und Lennart) bezüglich der Zulässigkeit von Abwägungen, Framing und Zusammenfassungen im Vergleich zu Rebuttal:

      Es besteht hier ein Gefälle darin, inwiefern verschiedene Debattenleistungen aus dem Gesamtkontext der Debatte hervorgehen. Meine Auffassung ist, neben den oben angeführten Argumenten, dass primär diejenige Art von Argumentation nicht Teil der Schlussrede der Opposition sein sollte, die zwei Kriterien erfüllt: Sie ist debattengewinnend und nicht oder nur sehr schwer von den Regierungsteams vorhersehbar. Die Argumentation dafür ist erst einmal klar: Zwar muss es notwendigerweise eine letzte Rede geben, aber wir wollen allen Teams die Möglichkeit geben, mit allem Material, das potenziell Debatten gewinnen kann, zu interagieren, und tun das auf unterschiedliche Art und Weise [s. 2a), Absatz 3]. Deshalb darf die Schlussrede der Opposition ja seit jeher schon kein neues konstruktives Material einbringen.

      Warum können wir unter dieser Maßgabe meiner Auffassung nach nun also schwerlich Rebuttal erlauben, Abwägungen etc. aber schon? Ganz einfach: Abwägungen gehen beinahe vollständig aus dem bisher gebrachten Material hervor. Sie stellen eine neue Verknüpfung, eine neue Einordnung, Gegenüberstellung, vielleicht sogar eine neue Bewertung von bisher Gebrachtem dar, aber beziehen sich wesentlich auf ebendieses bisher Gebrachte.

      Ich würde nun argumentieren, dass Rebuttal sehr viel weniger vorhersehbar ist, sogar ähnlich wenig vorhersehbar wie Constructive, demnach also Kriterium 1 für in der OW zu verbietendes Material erfüllt. Im Kontext der OW als Rebuttal darstellen kann man alles, das sich in irgendeiner Art und Weise destruktiv auf irgendein wie-auch-immer-wenig relevantes Argument der Regierungsbank bezieht. Das kann das einfache Aufzeigen einer möglichen Lücke, ein Gegenbeispiel, ein Einwand […] sein, es kann aber auch sein, dass das einzig mögliche Rebuttal auf ein anderes Argument eine vollständig logisch exklusive Konterkarierung eines Sachverhalts ist. Das heißt, als Rebuttal beschreiben wir erst einmal eine Plethora von destruktiver Argumentation mit einer großen Menge an potenziellen Anknüpfungspunkten. Das schadet der Vorhersehbarkeit enorm. Ich würde deshalb argumentieren, Rebuttal ist allermeistens nicht vorhersehbar.

      Ich würde des Weiteren argumentieren, dass Rebuttal Kriterium 2 erfüllt, also potenziell debattengewinnend ist. Dass das grundsätzlich so ist, geht logisch zwingend daraus hervor, dass wir Rebuttal für eine (oder zumindest maßgeblichen Teil einer) eventuell sinnvolle Extension halten und eine Extension wiederum als neues, potenziell debattengewinenndes Material definieren. Wir stellen also fest: Manches Rebuttal ist debattengewinnend.

      Die einzige Möglichkeit, nun noch zuzulassen, Rebuttal in der OW vorzubringen, ist, eine Binnendifferenzierung von Rebuttal vorzunehmen, i.e. nur bestimmte Arten von Rebuttal zu erlauben, und zwar solche, die entweder nicht debattengewinnend oder stark vorhersehbar sind. Ich würde argumentieren, dass jede Art von Rebuttal instrumental zu einem Debattensieg beitragen kann, indem es die gegnerische Argumentation widerlegt, deshalb bleibt nur, eine Art von Rebuttal zu definieren, die stark vorhersehbar ist.

      Auf der Hand liegt hier der Vorschlag, nur mitigierendes Rebuttal zu erlauben, also solches, das Effekte maximal bis zu einem Nullpunkt der Überzeugung widerlegt, aber nicht im Sinne der eigenen Seite “flipt”, weil solches Rebuttal direkt aus den logischen Fehlern eines Arguments und somit aus der Debatte hervorgeht. Eine solche Differenzierung trennscharf einzuführen ist aber problematisch aus zwei Gründen: Erstens gibt es eine Vielfalt von Rebuttal, das nicht rein mitigatorisch, sondern sehr häufig flippend wirkt; die Kategorie der Konterkarierungen liegt hier auf der Hand. Häufig sind aber solche Konterkarierungen die einzig sinnvolle Antwort auf ein gegnerisches Argument, sodass hier eine absurde Konsequenz entstehen würde, dass manche Argumente (möglicherweise sogar die, die auf die absurdeste Art und Weise Eigentore wären) nicht von OW attackiert werden dürfen, andere aber schon. Zweitens unterschätzt ein solcher Trennungsvorschlag aber auch die Vielseitigkeit von einmal zugelassener Interaktion. Argumentation, die als rein mitigierendes Rebuttal auf eine halbwegs relevante Behauptung der Regierung geframed werden kann, kann gleichzeitig auch wichtige Prämissenarbeit eines anderen konstruktiven Arguments sein; viele solcher Beispiele sind denkbar. Es ist hier nicht von Jurierenden zu erwarten und nicht von einem Format, das letzten Endes Überzeugung modelliert, zu fordern, dass Jurierende ständig zwischen verschiedenen Auffassungen eines Details oszillieren, je nachdem, ob sie gerade den Kontext der konstruktiven Argumentation von CO oder der Schwächen von CG betrachten. Zugelassenes argumentatives Material sollte auch in der gesamten Debatte Geltung entfalten dürfen, ansonsten überfordern wir Jurierende und versagt das Modell BP (und wir können das mit der Transitivität direkt auch vergessen).

      Es scheint also so, als gäbe es keine Möglichkeit, eine trennscharfe Kategorie von Rebuttal zu schaffen, die nicht eventuell unvorhersehbar und debattengewinnend ist, um dieser dann zu erlauben, in der OW vorzukommen. Ich stimme zu, dass es von Zeit zu Zeit solche Beispiele geben könnte, aber ihre Kategorisierung zwecks Regelschaffung scheint beinahe unmöglich (und nein, wir können nicht einfach sagen “solches Rebuttal, das entweder vorhersehbar oder nicht debattengewinnend ist”, weil “debattengewinnend” zu dem Zeitpunkt des Zulassens nicht reliabel festgestellt werden kann).

      Ich hoffe, das beantwortet diese Spekulationen, man könne ja zumindest spezifische Arten von Rebuttal zulassen – Ich vermute, das ist nicht möglich.

    4. Sven (Tübingen) says:

      Zunächst einmal tut es mir leid, mein Post sollte überhaupt keine Anklage darstellen. Es ist ein toller, humorvoller Leitfaden. Ihr müsst keine Statistiken zu jeder Regeländerung erheben (ich dachte nur, es gibt Tabbycat-Empirie dazu) und ich glaube euch, dass ihr eine sehr überlegte Entscheidung getroffen habt.

      Ich habe die entsprechende Passage gelesen und mit dir telefoniert, bevor ich meinen Post geschrieben habe. Und ich habe im Nachhinein den ganzen Leitfaden studiert.
      Ungeachtet dessen bleiben mir aber drei Punkte unklar:

      (1) Dein Argument ist – kurz –, dass Rebuttal/neue Argumente viel wichtiger und weniger stark zu antizipieren sind als Framing/Abwägungen, weswegen erstgenannte nicht unbeantwortet bleiben dürfen. Aber ist es nicht auch eine sehr entscheidende, überraschende Leistung, wenn eine Schlussrede dir aufzeigt, warum du immer und systematisch ihre Freiheits- über die Sicherheitsargumente gewichten solltest? Kann man nicht Angriffe auf die eigenen Punkte (egal ob Kleinreden und Umdrehen) nicht zu einem gewissen Maß antizipieren? Und wenn Interaktion so zentral ist: Wie soll ein Eröffnendes Team mit der ganzen Erweiterung (also mehreren Argumenten auf einmal) sinnvoll interagieren, wenn sie maximal eine Frage dafür haben?

      (2) Nehmen wir aber mal an, du hast recht: Abwägungen wären nicht so debattengewinnend. Die Schlussrede der Opposition wäre eine “vergleichsweise schwache Rede”, ihre Extension-Rede hingegen “sehr stark”. Was sendet das erstens für ein Signal an Schlussrednerinnen und -schlussredner? Sind sie nur das dritte Rad am Wagen, können sie die Debatte alleine nicht mehr rumreißen? Was passiert, wenn Jurierende dieses Mindset (“Na ja, die CO-Whip ist ja nicht mehr so wichtig”) adaptieren? Und zweitens: Ist es dann nicht unfair, dass alle anderen Teams 2x 7 Minuten für “wichtige Reden”, die CO aber nur 7 Minuten für eine “sehr wichtige Rede” und 7 Minuten für eine “vergleichsweise egale Rede” erhält?

      (3) Ihr habt ja für “Backloading” andere Regeln getroffen: Die zweite Rede der Eröffnenden Opposition darf (a) Argumente nachliefern, die vorher nur angekündigt/angerissen wurden; bringt sie ganz neues Material, ist dieses (b) nicht wertlos, sondern im Vergleich der Eröffnenden nur “weniger überzeugend”. Wäre es eine Option gewesen, eine vergleichsweise (wahrscheinlich nicht genauso) liberale Regelung für die Schlussreden zu treffen? Oder wie gesagt die Schlussreden in ihrer Reihenfolge zu tauschen?


      Noch einmal: All das soll nur ein Diskussionsbeitrag, kein Infragestellen euer Arbeit sein.

    5. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Ich freue mich ausdrücklich über jede Art von Diskussionsbeitrag und fühle mich in keiner Weise angegriffen – So eine Diskussion ist doch genau das, was einem sinnvollen Verständnis von BP-Theorie zugrundeliegt. Deswegen kläre ich auch gerne noch diese weiteren Fragestellungen auf – verzeih mir aber, wenn ich mich wiederhole, denn ich habe das Gefühl, einiges davon eigentlich bereits implizit beantwortet zu haben.

      (1): Ich halte deine Charakterisierung für ein teilweises Missverständnis: Ich glaube, Abwägungen können durchaus instrumentell für den Debattensieg sein und würde ihnen nicht pauschal weniger Signifikanz als Rebuttal zuschreiben. Es ist nur das Vorhersehbarkeitskriterium, das sie für mich für die Schlussrede zulässiger macht als Rebuttal. Dementsprechend kann eine solche Abwägung durchaus debattengewinnend sein, dem stimme ich vollkommen zu. Hinsichtlich der Frage, ob sie überraschend sein kann, würde ich gerne das Kriterium präzisieren: Bei hinreichend geringer Weitsicht kann eine ganze Menge Argumente überraschend sein; ob sie theoretisch gut vorhersehbar ist, sollte hier die Frage sein. Dazu denke ich, dass Abwägungen allermeistens theoretisch zu einem sehr viel höheren Grad vorhersehbar sind als Rebuttal und werde diese Diskrepanz nochmal illustrieren.

      Vielfalt und Vorhersehbarkeit von Rebuttal: Nachdem vier Regierungsreden verlaufen sind, wird diese Regierung vermutlich eine Vielzahl von Aussagen getroffen haben; manche destruktiv, manche konstruktiv, manche davon Faktenbehauptungen, manche davon unüberlegt, manche davon durchdacht. Auf jede dieser Aussagen gibt es nun mehrere mögliche Antworten, die zum Teil auf mitigierende, zum Teil auf konterkarierende oder anderweitig flippende Art und Weise damit interagieren. Essenziell ist es hier, zu bemerken, dass ein angegriffenes Argument nicht wirklich gut sein muss, damit seine geflippte Version enorm relevant ist: Wenn ich das Gegenteil von einer nebenbei angemerkten Behauptung beweise, erfüllt das die gängige Rebuttaldefinition in dem Sinne, in dem Konterkarierung als Rebuttal zählen muss, weil es manchmal die einzig mögliche Antwort ist, entfaltet aber für alle evaluationsbezogenen Zwecke den gleichen Effekt wie ein “konstruktives Argument”. Angesichts der vielen möglichen Richtungen, auf die Teile von Argumentation angegriffen werden kann, und der vielen möglichen Anknüpfungspunkte für Rebuttal, ist die Menge des möglichen Rebuttals ähnlich unüberschaubar wie die des konstruktiven Materials. Es gibt darüber hinaus auch keine Anreize für Rednerinnen und Redner, nur auf bestimmte wenige Argumente zu antworten: Ja, vielleicht schwächt ein konterkarierendes Rebuttal auf einen nebensächlichen Punkt die Gegenseite nicht besonders stark, aber solange ich damit selber einen für meinen Case wichtigen Effekt beweisen kann, ist es das ja auf jeden Fall wert. Zuende gedacht würde eine solche Regelung ja sogar Anreize dafür schaffen, auf Regierungsseite möglichst wenig zu sagen, um die Anknüpfungspunkte der OW zu reduzieren.

      Vielfalt und Vorhersehbarkeit von Abwägungen: Anders als bei Rebuttal besteht für Abwägungen eine Anreizstruktur, die dafür sorgt, dass keine trivialen und für die Bewertung wenig relevanten Anknüpfungspunkte verwendet werden. Der Telos der Abwägung ist die kontrastierende Betrachtung verhältnismäßig starken argumentativen Inhalts, um zu belegen, warum das eigene Team die Debatte gewonnen hat. Naturgemäß kommen für Abwägungen also nur wenige Anknüpfungspunkte in Frage: Vermutlich werden nur die zwei, drei stärksten Argumente der CO mit den jeweils zwei, drei stärksten Argumenten der anderen Teams abgewogen, und diese Argumente interagieren allermeistens auch auf einer überschaubaren Anzahl von Ebenen. Aus der zeitlichen Gewichtung und der eigenen strategischen Einschätzung können also Rednerinnen und Redner sehr schnell ableiten, wie Abwägungen eventuell aussehen könnten. Eine gewisse Kreativität in der Auswahl von Metriken etc. ist natürlich immer noch ein unbekannter Faktor, aber ich kann eine relativ einfache Überlegung dazu aufstellen, was OW wohl zu mir sagen wird, nämlich: Wie interagieren wohl meine stärksten Argumente mit COs stärksten Argumenten? Diese Art von Abwägung ist insofern durchaus um einiges vorhersehbarer als die Myriaden Rebuttaloptionen, die sich aus alternativen möglichen Regeln ergeben. Ja, theoretisch kann es auch ganz viele andere Abwägungen zu irgendwelchen irrelevanten Teilpunkten geben, aber im Gegensatz zu der analogen Überlegung zu Rebuttal gibt es hier für OW keine Anreize, mit irrelevanten Teilpunkten abwägend zu interagieren.

      Das ist der Unterschied, der der Differenzierung zwischen Rebuttal und Constructive auf der einen und Abwägungen auf der anderen Seite zugrundeliegt.

      Zu deiner Frage bezüglich der Interaktionsmöglichkeit eröffnender Teams: Korrekt, die haben keine vollständige Interaktionsmöglichkeit mit der schließenden Hälfte. Wie aber verbatim dem dritten Absatz meiner ersten Antwort zu entnehmen ist, gibt es dafür Kompensation: Sie haben den Erstzuschlag auf gutes argumentatives Material.

      2) Damit, anzunehmen, Abwägungen wären weniger debattengewinnend als anderes Material, widersprichst du meiner Einschätzung, insofern gibst du mir damit kein Recht. Die Überlegungen zu nicht paritätischer Balance der Reden ist rein meine subjektive Einschätzung und nicht die der Chefjury, und ich möchte an dieser Stelle sehr klarstellen, dass es nicht offizielles “Dogma” sein soll, dass die Reden unterschiedlich stark sind. Ich glaube, es gibt zwischen Reden ein gewisses Gefälle in der “agency” oder auch in der Flexibilität darin, auf welche Art und Weise sie die Debatte beeinflussen können. Das impliziert nicht notwendigerweise ein Gefälle der Nützlichkeit und Relevanz, aber einen Unterschied im Anspruch: Auch ohne die hier diskutierte Regel darf ja MO im Grunde alles, was OW darf, bis auf auf GW antworten, und darüber hinaus eben noch sehr viel mehr. Das hat aber ja durchaus eine Kehrseite: Mit der Fähigkeit von MO geht auch eine größere Verantwortung und eine Möglichkeit, das eigene Team zugrundezurichten, einher. All diese Bedenken werden ja aber von Teams ausbalanciert, indem sie spezifische Aufgaben per Ausschlussverfahren verschiedenen Reden zuweisen: PM muss den Antrag machen, deshalb macht DPM tendenziell mehr anderes Material; MO muss die Extension machen, deshalb macht OW tendenziell mehr Abwägungen. Nach diesem Balancierungsprozess haben wir zwar immer noch einen Unterschied in der theoretischen Kapazität der Reden, aber nicht mehr in der praktischen Stärke im Verlauf einer konkreten Debatte, was ja auch exakt der Grund dafür ist, warum OWs sehr häufig extrem effektive Reden halten (auch ohne ein Wort neues Rebuttal), die alleine für den Erfolg des eigenen Teams verantwortlich sein können. Vor diesem Hintergrund halte ich den Gedanken, der implizit aus deinen Überlegungen hervorgeht, nämlich “Schlussreden haben so wenig Agenda, also erlauben wir ihnen, auf trickreiche Art und Weise den Job der Extension mit zu übernehmen, damit sie auch alleine gewinnen können”, für gefährlich und mit dem Format unvereinbar; es ist eben ein Teamsport und es ist auch manchmal so, dass die zweite Rede unter den Einschränkungen durch die erste leidet – Frag mal einen DPM, dessen PM den Antrag vergessen hat. In aller Klarheit: Es gibt einen theoretischen Agency-Unterschied, der sich aber nicht in einem praktischen Stärkeunterschied, sondern in einer Aufteilung von Aufgaben im Team manifestiert. Da ich also kein Mindset eines praktischen Stärkeunterschieds vertrete, hoffe ich auch, dass keine Jurierenden oder OW-Redner*innen zu einem solchen Mindset gelangen.

      3) Eine Regelung ähnlich zu der Backloading-Regelung für Schlussreden zu treffen, hat zwei m.E. desaströse Konsequenzen.

      Erstens: Argumentatives Material bleibt unbeantwortbar. Nach dieser Regel dürfte OW unebantwortbares, aber eventuell debattengewinnendes Material in die Debatte einbringen, das lediglich im Kontext zu CG im Zweifelsfall keine vollständige Wirkung entfaltet, das aber in Abwägung gegen die eröffnende Hälfte weiterhin volle Wirkung hat. Das heißt, dass dieses Material – im Gegensatz zu DLO, die von CG beantwortet werden kann – überhaupt keiner kritischen Überprüfung ausgesetzt ist und sich so dem Komparativitätsanspruch des Formats entzieht – Ohne Not! Maßnahmen wie die Backloading-Warnung sind aus der Redereihenfolge resultierende Notlösungen, weil es in einem überzeugugsbasierten (und in einem transitiven!) Format eigentlich gar nicht vertretbar ist, dass Jurierende Argumente nur in einigen Kontexten glauben, in andeeren aber nicht. Die Schlussredenregelung entspricht jedem denkbaren Anspruch hinsichtlich Beantwortbarkeit, Vorhersehbarkeit und Überzeugung besser als eine Ausweitung der Notlösung zu Backloading.

      Zweitens: Die Balance der Hälften gerät ins Ungleichgewicht. Über viele Jahre haben CAs langsam gelernt, was eine angemessene Tiefe für ein Thema ist. Zu erlauben, dass schließende Teams doppelt so viel Zeit für konstruktive Argumentation haben, macht es um einiges riskanter, sehr breite Themen zu stellen etc., oder abstrakt formuliert: Es ist für ein Subset der Debatten, die ohne konstruktive Schlussreden fair verlaufen, denkbar, dass sie dann unfair verlaufen würden, wenn in den Schlussreden stattdessen konstruktives Material vorgekommen wäre. (Das ist keine Aussage über die komparative Stärke von Constructive und Abwägungen, sondern ein themen – und situationsspezifischer Gedanke). Der Anspruch an Themen ändert sich also maßgeblich und sorgt dafür, dass wir ein anderes, neues Verständnis entwickeln müssen – und ich habe sogar den Verdacht, dass es strukturell unmöglich sein könnte, Hälftenparität zu erreichen, wenn man schließenden Teams in diesem Maße unter die Arme greift.

      Eine Umkehrung der Schlussredenreihenfolge macht das Problem schlimmer, denn in dieser Situation wäre es notwendig, der letzten Rede der Debatte (jetzt GW) die Möglichkeit zu geben, Rebuttal gegen CO vorzubringen, weil sonst niemand auf CO antworten kann. Nun kann dann aber niemand mehr auf das Rebuttal von GW antworten und unvorhersehbares, aber potenziell debattengewinnendes Material bleibt unbeantwortbar. Die jetzige Lösung gibt einen eleganten Ausweg, indem sie nur der vorletzten Rede Rebuttal erlauben muss und der letzte Rede spezifisch und nur Rekonstruktion in Auseinandersetzung mit diesem Rebuttal erlaubt, sodass der Debatte ein Ende ohne unerwartbares siegfähiges Material gesetzt werden kann. Das unter (1) und im Übrigen auch unter 2a und 2c skizzierte Problem würde also schlimmer werden. Und im Übrigen fände ich das Format zum Zuschauen auch ein wenig absurd, wenn die CO einfach 14 Minuten unwidersprochen und ununterbrochen redet.

      Ich freue mich weiterhin über alle weiteren Anmerkungen und Diskussionsgegenstände – vielen Dank euch noch einmal für eure Nachfragen.

  3. Jan (Nürnberg) says:

    Zum Thema Schlussreden würde ich gerne einen Vergleich zum EUDC-Leitfaden ziehen (ja Autoritätsargument, aber ist ja bei Regelwerken immer so 😉 ): Dieser zielt m.E. explizit auf Waffengleichheit ab im Sinne von “beide dürfen das gleiche, nämlich kein neues konstruktives Material bringen, aber Rebuttal durchführen”.

    Debating is unfair if teams can make new arguments in the last speeches. In the case of the Closing Opposition this is because no one can respond. So they aren’t allowed to do that. While theoretically one speaker is able to respond (the Opposition Whip), Government Whip is also not permitted to make new arguments in order to insure balance and fairness between the back half teams.
    What do we mean by a ‘new argument’? We mean new reasons to do things, claims that new things will happen, or claims that new things are true.
    We DO NOT mean:
    (1) new defenses of arguments already made
    (2) new explanations of previously-made arguments
    (3) rebuttal
    (4) new examples to support existing arguments
    (5) anything the other side can reasonably be expected to understand that team intends from the
    extension speech

    Ich fände es nicht sinnvoll, hier unterschiedliche Möglichkeiten zu erlauben, zumal das eh ein Rekursionsproblem erzeugt: Opposition Whip darf kein neues destruktives Material bringen. Was wenn Gov Whip destruktives Material ggü. Member of Opp gebracht hat? Darf Opp Whip zumindest das angreifen? Falls ja, kann Gov darauf ja nicht antworten, falls nein, müsste man Gov-Whip ebenfalls destruktives Material verbieten, denn es kann ja niemand darauf antworten…

    1. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Größtenteils: Siehe 2a).

      Zu Rekonstruktion: Aus dem Leitfaden: “erwünscht ist […] die Rekonstruktion der Argumente der eigenen Teampartner*in,insbesondere in Reaktion auf die Antwort der Gegenseite.”

  4. Anton (DDM-Chefjury) says:

    Ich habe im Übrigen auf Basis meiner und unserer Gedanken beim Schreiben und Diskutieren dieses Leitfadens anlässlich der Heidebate-Academy eine vierteilige Videoserie zu BP-Theorie aufgenommen, die vielleicht alldiejenigen von euch interessiert, die sich mit den Gedanken hinter und den weiteren Implikationen von diesem Leitfaden und BP-Theorie allgemein auseinandersetzen wollen. Ich bin natürlich ein wenig biased, was die Qualität und Eignung der Videos zu diesem Zweck angeht, aber vielleicht finden einige von euch sie ja nützlich.

    Teil I (Grundlagen des Formats): https://www.youtube.com/watch?v=RSTebN-gPvY
    Teil II (Überzeugung und Interaktion): https://www.youtube.com/watch?v=OF-jEz5Kn60
    Teil III (Motions, Fiat und Burdens of Proof): https://www.youtube.com/watch?v=ze4ux9QscZE
    Teil IV (Strategische Ansprüche an die Positionen): https://www.youtube.com/watch?v=RC6QUC4xLOM

  5. Konrad Gütschow says:

    Ich bin immer noch verwirrt wie das alles funktionieren soll.

    Die GW darf rebuttaln, bzw. muss das ja, da sonst niemand auf die Opp reagiert. Wenn wir dann annehmen, dass Rebuttal=konstruktives Material ist, darf die GW damit konstruktives Material bringen, auf das niemand antworten darf.

    Was ist der Unterschied zwischen “Rekonstruktion der Argumentation des MO” und neues konstruktives oder destruktives Material bringen? Wie rekonstruiere ich ohne zu argumentieren?

    Ich kenne und mag die Definition von den EUDC die Jan gepostet hat: Keine neuen Argumentationslinien aber sonst ist alles erlaubt. Wenn die Reg einen Clash aufmacht darf innerhalb dieses Clashs auch argumentiert werden.
    Die besten Whips die ich international gehört habe hatten immer super viel content.
    Keine neuen Argumente aber jede Menge Argumentation innerhalb der bisherigen Debatte.

    Das ganze liest sich so, als würde einfach von einem Satz, der irgendwo steht, losfantasiert und interpretiert, ohne Rücksicht darauf, wie seit Ewigkeiten national und international debattiert wird.
    In dem Fall stellt sich die Frage, ob vielleicht die Interpretation dieses Satzes bzw. der Satz das Problem ist und nicht die Art wie alle Leute fröhlich vor sich hin debattieren.

    1. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Ich kläre gerne die Verwirrung auf:

      Rebuttal ist nicht konstruktives Material, es ist ihm nur hinsichtlich Debattengewinnbarkeit und Unvorhersehbarkeit gleichwertig. Das Problem, dass Material, das GW debattengewinnenderweise bringen und als Rebuttal framen kann, ist nicht vollständig lösbar, aber zumindest zu einem großen Teil: Laut Leitfaden ist eine Ausnahme der Einschränkungsregel für OW die “Rekonstruktion der Argumente der eigenen Teampartner*in, insbesondere in Reaktion auf die Antwort der Gegenseite”, also letzten Endes eine Interaktion spezifisch und nur mit dem GW-Rebuttal und nur auf Basis des MO-Materials. Diese Interaktion wiederum ist nicht neu und unvorhersehbar, weil es ja auf dem MO-Material beruhen muss.

      Es besteht auch allgemein, und das in Antwort auf deine “wie ohne Argumentation rekonstruieren”-Frage, kein Verbot der Argumentation in der OW. Es besteht ein Verbot, neues konstruktives und destruktives Material einzubringen. Dazu gehört explizit nicht:
      – Einen Teil des eigenen Cases einem Argument eines anderen Teams gegenüberzustellen, um diesen so zu widerlegen.
      – Argumentativ zu belegen, warum aus dem eigenen Case hervorgeht, dass andere Argumente weniger stark oder weniger wichtig sind.
      – Zu explizieren, inwiefern der eigene Case relevant für einen Clash ist und inwiefern er ihn gewinnt.
      – Und letzten Endes alles, das einerseits das Material von MO und andererseits Material, das irgendwo anders in der Debatte vorkam, zum Anknüpfungspunkt hat. Alles “dazwischen” ist fair game.
      – Andersherum und als strategische Einschätzung formuliert: Es ist ohnehin als OW selten klug, die Gegenseite auf eine Art und Weise zu beantworten, die nicht in dem Case von MO angelegt ist!

      Insofern verstehe ich wirklich nicht, was du mit “keine neuen Argumentationslinien und sonst ist alles erlaubt” meinst; das ist doch exakt, was unser Leitfaden sagt? Der Euros-Leitfaden hingegen erlaubt explizit neue Argumentationslinien, solange sie irgendwo Anknüpfung an ein gegnerisches Argument finden. Eine Argumentationslinie kann ja neu sein, auch wenn sie sich auf etwas altes bezieht! Und sicherlich würde niemand behaupten, dass Rebuttal nicht auch in Form von Argumentationslinien aufgebaut sein kann. Wenn du also eine OW ohne neue Argumentationslinien möchtest, dann solltest du eigentlich unseren Leitfaden als willkommene Klarstellung empfinden.

      Diese Einschränkungen sind nicht nur theoretisch eine flexible und ausreichend weite Grundlage für sehr starke OW-Reden, ich bin darüber hinaus auch fest überzeugt, dass die besten OW-Reden ohnehin allermeistens auf diese Art und Weise mit der Debatte interagiert haben. Darüber hinaus bin ich auch der Auffassung, dass zwar nicht immer, aber manchmal, Jurierende auch nach Leitfäden, die diese Regel nicht enthalten, bestimmte Arten neuen destruktiven Materials nicht zugelassen haben, weil es ihnen zu sehr wie neues konstruktives Material vorkam; solche Intuitionen sind aber m.E. eine nicht hinreichende Bewertungsgrundlage für ein Format, deshalb die Klarstellung. Ich glaube also, dass diese Regel in Bezug auf einige Arten des Rebuttals eine Anpassung des Leitfadens an die Jurierpraxis darstellt.

      Ich habe keine aussagekräftige empirische Evidenz für diese Vermutung, aber meine anekdotische Erfahrung ergibt, dass Oppositionsschlussreden, die neues destruktives Material in die Debatte einführen und deshalb eine andere Position in der Debatte erreichen, als sie mit Antworten basierend auf der MO-Argumentation erreicht hätten, die absolute Minderheit der OWs darstellen und vor allem dann vorkommen, wenn entweder GW gegen die Regeln verstoßen hat oder MO grob versagt hat. Die unklaren Regeln hingegen, die diese Art von Reden alle Jubeljahre mal erlaubt haben, aber für eine sehr viel unklarere Perspektive auf OWs und ihre Aufgabe, die Bewertung von neuem Material etc. sorgen. scheinen mir deshalb ein sehr viel größeres Problem für das Format.

      Das ist auch eine Stelle, an der ich daran appellieren möchte, diese Regelungen einmal auszuprobieren; ich bin enorm sicher, dass euch auffallen wird, dass sich in den meisten Fällen der Aufbau und Inhalt einer starken OW nicht verändert, die Bewertung von beiden Schlussreden hinsichtlich des Innovationskriteriums aber sehr viel leichter fällt.

  6. Konstantin (HD) says:

    Ich finde den Leitfaden weitestgehend sehr gut. In Anlehnung an die Diskussion zur Rolle der Whip möchte ich noch kurz einen neuen Gedanken aufwerfen. Der Leitfaden sagt aus, dass argumentatives Material bewertet werden soll. Meiner Wahrnehmung nach herrscht Verwirrung und zumindest Inkonsistenz darüber, welche Rolle hier strategische Argumentation spielt, d.h. Argumentation darüber, warum die eine oder andere Argumentation relevanter/debattengewinnender ist. Insbesondere zeigt sich das an der Frage, wie Jurierungen damit umgehen, wenn nur eine Seite oder eine Seite wesentlich besser abwägt, die Wichtigkeit aber kontra der Intuition der Jurierenden läuft. Meine Wahrnehmung ist, dass in solchen Fällen die Whip sich mit ihren strategischen Abwägungen noch so viel sagen kann, wenn es gegen die Intuition der Jurierenden läuft, wird das bedauerlicherweise häufig wenig ändern.
    Ich habe daher folgende Fragen, die sicher diskutabel sind
    a) zu welchem Grad ist strategische Argumentation Teil der zu bewertenden Argumentation
    b) wie gehen wir damit um, dass diese sehr Inkonsistent bewertet wird
    c) wenn es sehr unklar ist, was ist dann die konkrete Rolle der Whip, bzw wenn wir zu einem Ergebnis gelangen, dass strategische Argumentation Kontra Intuition der Jurierung seltenst (legitim?) etwas am Ergebnis ändert, kann ich dann nicht wenn ich in Closing nicht Extension rede, lieber ein Nickerchen für eine Stunde machen?

    1. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Konstantin – Ich habe das Gefühl, dass du damit eine der zentralen begrifflichen Unklarheiten ansprichst.

      Ich halte das, was du hier als “strategische Argumentation” charakterisierst, letzten Endes für Argumentation, die weitestgehend in der Kontextualisierung und Gegenüberstellung verschiedener Argumente besteht, also direkt auf bereits Gesagtem aufbaut. Das scheint mir vollständig von der Definition des Leitfadens umfasst, die “Abwägende Rekapitulation der Debatte, das Herausstellen und Einordnen relevanter Streitpunkte und die Rekonstruktion” als erlaubt charakterisiert.

      Die Erarbeitung von neuen Kriterien, nach denen diese Abwägung vollzogen werden kann, ist sicherlich selbst “Argumentation”. Ich würde allerdings argumentieren, dass diese Argumentation auf Meta-Ebene einerseits sehr vorhersehbar ist, weil sie sich auf eine kleine Handvoll möglicher Abwägungen bezieht, und andererseits insofern nicht “neues konstruktievs Material” ist, als dass sie keine neuen Gründe für die eigene Seite generiert, sondern lediglich Aussagen über alte Gründe trifft.

      Kurz: Strategische Argumentation i.S.v. Abwägungen, diesbezüglichen Kriterien und Meta-Argumentation ist auch in OW erlaubt.

      Dass diese Art von Argumentation bisweilen unterschätzt und unterbewertet ist, ist ein bedauerliches Element der modernen Jurierpraxis, das allerdings im alten wie im neuen Jurierleitfaden explizit keine Grundlage hat. So legt unser Leitfaden beispielsweise fest, dass Jurierende “Bereitschaft, sich nicht nur darin, was wahr ist, sondern auch darin, was wichtig ist,überzeugen und potenziell umstimmen zu lassen” aufweisen müssen. Auch 4.5.1 und 4.4.3 enthalten Ausführungen zu der Relevanz “strategischer Argumentation”.

      Auf ähnliche Art und Weise handhabte das bereits der alte Leitfaden, es ist also keine normative Überbewertung unseres Leitfadens, wenn ich sage: Dass die Jurierpraxis strategische Argumentation manchmal unterbewertet, ist ein Problem der Jurierpraxis. Hoffentlich sorgt die Auffrischung durch den neuen Leitfaden, unser Juriertest und das eventuelle Jurierseminar auch noch einmal dafür, dass solche Fehler noch seltener unterlaufen. Ich weiß aber gleichzeitig nicht, ob ich deine Einschätzung teile, dass diese Unterbewertung unter erfahrenen und kompetenten Jurierenden besonders häufig vorkommt (wobei ich zugebe, dass es hier gewisse no-true-scotsman-Probleme gibt).

      Ungeachtet dessen bin ich aber wie gesagt weiterhin überzeugt, dass OWs eine äußerst wichtige Rolle in der Debatte spielen können und üblicherweise spielen, nach altem wie neuem Leitfaden. Ich habe den starken Verdacht, dass das Nickerchen-Experiment zu einer durchschnittlich schlechteren CH-Performance führen würde.

      Ich weise auch gerne darauf hin, dass es eine Möglichkeit gibt, die Implikationen verschiedener Schlussredenregeln zu testen, indem man gute Debatten der letzten Jahren (z.B. CD-Serien-Finals) schaut und juriert und in verschiedenen Bewertungsdurchläufen evaluiert, wie die Bewertung aussehen würde, wenn a) alles in OW; b) kein neues konstruktives Material in OW; c) kein neues destruktives und kein neues konstruktives Material in OW; und d) gar nix in OW erlaubt ist. Ich vermute stark, dass Regelungen b) und c) häufig zu ähnlichen Resultaten kommen, a) und d) hingegen jeweils und gegenüber b)/c) stark unterschiedliche Resultate ergeben würden. (Auch wenn ich in diesem Fall in beide Richtungen die Gefahr von motivated reasoning nicht unterschätzen würde und natürlich die Debatten bereits unter der Vermutung der Redner*innen geführt wurden, dass irgendetwas zwischen b) und c) gilt).

  7. Konstantin (HD) says:

    “Dass diese Art von Argumentation bisweilen unterschätzt und unterbewertet ist, ist ein bedauerliches Element der modernen Jurierpraxis, das allerdings im alten wie im neuen Jurierleitfaden explizit keine Grundlage hat”

    Finde ich gut, dass das nochmal explizit wird 🙂
    Ich finde dass das viele der Unklarheiten bzgl “was macht OW dann noch” rausnimmt. Folgefrage: ich habe mitigatorisches Rebuttal bisher immer eher unter Kontextualisierung gefasst, finde persönlich die Abgrenzung sehr schwierig.

    1. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Stimme dir vollkommen zu; spezifisch die Rolle von mitigatorischem Rebuttal, das sich implizit aus vorhandenem Material ergibt, ist schwierig zu umreißen. Ich vermute, dass es da im Zweifelsfall an den OW-Redner*innen ist, ihr Material clever als nicht-neu zu framen, so wie es ja auch heute schon der Fall ist, wenngleich sich das momentan vermutlich primär auf das Reframing von Constructive bezieht.

  8. Ruben (Hannover/Hamburg) says:

    Erstmal vielen Dank für den Leitfaden und eure tolle Arbeit!!!

    Ein Aspekt möchte ich noch mal aufgreifen:
    Aus Equity-Sicht finde ich es sehr schade, dass es zwischen Turnierausschluss und einem mahnenden „Du du du“ leider keine Sanktionsmöglichkeiten für unsportliches Verhalten gibt. Dabei finde ich es sogar plausibel, dass die Überzeugungskraft des Teams in den Abwägungen insgesamt leidet, wenn es sich unsportlich verhält. Da es bei kleineren Unsportlichkeiten kaum zu einem Turnierausschluss kommen wird, wird sich so leider unsportliches Verhalten im BP auf einer egoistischen Ebene weiterhin oft lohnen. Oder übersehe ich etwas?

    1. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Der Leitfaden sagt dazu in 2.2.5 und 2.2.6 im Grunde das, was du gesagt hast: Neben einer Debattenunterbrechung und Ermahnung bleibt den im Rahmen des Leitfadens skizzierten Akteuren nur der Ausschluss aus der Debatte, vom Break oder vom Turnier. Ich finde es über diese binären Möglichkeiten heraus extrem schwierig, zu quantifizieren, wie sich Unsportlichkeit in BP-Abwägungen genau manifestiert und wann sie welche Rolle einnimmt. Das schon jetzt relativ fragile Konstrukt, das dem BP-Jurieren zugrunde liegt, ist ja, dass es sich auf ein einzelnes Kriterium, also die Überzeugung, herunterbrechen lässt. Sobald das nicht der Fall ist und andere Faktoren damit auf unklare Art und Weise interagieren, wüsste zumindest ich nicht mehr, wie man in solchen Fällen zu einem klar begründbaren Call kommt – ganz unabhängig davon, dass eine negative Bewertung von Unsportlichkeit für das Format vermutlich auch analog eine positive Bewertung von anderen Ethos- und Pathos-Faktoren wie Freundlichkeit, Sportlichkeit, Kontaktfähigkeit, Auftreten etc. impliziert.

      Ich glaube, dass auf zwei Wegen dennoch gut mit Unsportlichkeit umgegangen werden kann:
      Einerseits sollte der Ausschluss von folgenden Runden oder vom Break vermutlich im Falle von Unsportlichkeit tatsächlich liberaler verwendet werden. Ich sehe keinen Grund, warum jemand, der über ein Turnier wiederholt ermahnt wird, nicht auch einfach mal ein, zwei Runden nicht mehr mitspielen dürfen sollte, wenn er oder sie sich nicht benehmen kann. Da können Chefjuries und/oder Equity-Teams sicher teilweise härter durchgreifen. Darüber hinaus skizziert der Leitfaden ja nur die strikte Regelperspektive auf diese Anliegen: Es steht Equity-Teams und Ausrichter*innen ja durchaus frei, weitere Sanktionsmöglichkeiten einzuführen, die auf feinere Art und Weise mit verschieden großen Verstößen umgehen können. Das Konzept des Formats bietet nur in meinen Augen leider keine Grundlage dafür, im Rahmen der Bewertung einer Debatte mit Unsportlichkeit umzugehen.

  9. Lennart Lokstein says:

    Unabhängig davon, dass ich inhaltlich bei Jan und Konrad bin, würde ich gerne noch anmerken, dass es keine gute Idee ist, solche Änderungen 2 Monate vor dem Turnier zu veröffentlichen. Idealerweise würde man sie so bekanntmachen, dass sie auf den Turnieren der Saison bereits Anwendung finden können – so als Anregung für künftige BPS-Chefjuries. Durch die kurzfristigen Änderungen ohne Möglichkeiten der Einspielung wird die DDM-Jurierung nun wohl etwas volatiler.

    1. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Das stimmt, das wäre ideal gewesen – Ich kann dir aber einerseits versichern, dass wir den Leitfaden so schnell, wie wir ihn in der Form erarbeiten konnten, erstellt und verschickt haben; die zusätzliche Zeit, die uns die Corona-Situation verschafft hat, haben wir darin investiert, diesen Leitfaden möglichst klar, verständlich und präzise zu formulieren und waren erst zu diesem Zeitpunkt zufrieden mit unserem Ergebnis – immer noch mit mehr Monaten Abstand zum Turnier als 2016 und 2018.

      Dieser Leitfaden ist, ähnlich den Leitfaden der vorangegangenen DDMs, ebenfalls nicht stark überarbeitender, sondern größtenteils präzisierender und anpassender Natur – einschließlich des von dir angesprochenen Punktes zu Schlussreden, dessen Auswirkung auf Jurier – und Redepraxis in der Einschätzung in diesem Kommentaren stark überschätzt zu werden scheinen (s. dazu meine verschiedenen Kommentare, den Leitfaden und das Addendum zu dem Artikel vom 10.08.).

      Ich glaube aber auch, dass der Veröffentlichungszeitpunkt an und für sich nicht problematisch ist, insbesondere, weil der Juriertest, eventuell das Jurierseminar und die Briefings im Kontext der DDM m.E. bei Weitem das beste Mittel für die Vermittlung von Veränderungen sind – viel besser, als wenn eine Reihe von Turnieren nur auf Basis verschiedener möglicher Interpretationen einer sprachlichen Anpassung juriert werden: Gerade dieser Kommentarthread zeigt ja wirklich ausdrücklich, wie viel Konfusion das abstrakte Reden über BP mit sich zieht, weil jeder unter den gleichen Wörtern verschiedene Konzepte versteht.

    2. Konrad Gütschow says:

      Dann würde ich die Formulierung des Leitfadens überdenken, wenn du sagst er ändert nichts und halb vdch-Land glaubt die Welt geht unter.

      Ich würde manche Arten des Pseudo-Rebuttals verbieten, andere erlauben.

      Wir können Rebuttal ja in folgende Kategorien ordnen:

      1. Prämissen eines Arguments angreifen. Interessanterweise die grundlegendste und gleichzeitig größte Art des Rebuttals. Man sagt es wurden Falschannahmen über die Welt getroffen, auf denen dann das Argument basiert. Dies würde ich erlauben, so lange es um kleinere Themen geht, nicht um die Hauptfrage der Debatte. Da diese Erklärung der Welt, heutzutage oft “charakterisierung” genannt, zu Grundlegend für die Debatte ist und es etwas komisch ist, wenn die CO damit praktisch die Debatte neu aufsetzt. Bei kleineren Dingen zu sagen: Der Gegner lügt über Fakten und basiert darauf die Argumentation! Muss mMn möglich sein.

      2. Logik angreifen: Das klassische Rebuttal. Hierbei passiert nichts neues sondern im Grunde erklärt man nur, warum das Argument überhaupt kein funktionierendes Argument ist. Ich sehe keinen Grund warum das nicht möglich sein sollte.

      3. Abschwächendes Rebuttal 1: Zeigen, dass die Mechanismen nicht so stark sind wie behauptet.
      Dies behandelt auch nur vorhandenes Material. Sollte möglich sein.

      4. Abschwächendes Rebuttal 2: Gegenmechanismen aufführen. Ab hier wird es spannend. Die Gegenseite hat einen Claim und unterstützt den mit verschiedenen Mechanismen. Hier liefert man entgegengesetzte Argumente um zu zeigen, dass der Schaden/Nutzen der geclaimed wird nicht eintritt. Kann sogar soweit gehen, dass das Gegenteil bewiesen wird.
      Ich persönlich würde soweit gehen und dies immer noch zulassen, da starke Argumentation Gegenmechanismen eh mit einbeziehen sollte und eine Abwägung zwischen den Mechanismen innerhalb eines Clashes/Argumentes machen sollte. Daher sollte dies erwartbar sein bzw. ist durch die Gegenseite eröffnetes Spielfeld.

      5. Gegenargumente aufführen: Manche Leute nennen das Rebuttal, aber eigentlich ist es keines. Man gibt einen Schaden/Nutzen der Gegenseite zu aber sagt: Ja, aber … und setzt ein anderes Argument dagegen und zeigt, warum dieser Schaden/Nutzen relevanter ist.
      Dies würde ich zurecht rausregeln, da es sich um wirklich neues Material in einem neuen Bereich handelt und der Anschluss als “Rebuttal” eher Alibimäßig passiert.

      d.h. ich würde Neucharakterisierungen zu zentralen Fragen der Debatte verbieten, wenn dies nicht schon vor der Schlussrede angegriffen wird und ich würde es verbieten neue Themenfelder als Rebuttal zu tarnen.
      Alles andere ist fair game.

      Habt ihr andere Aufteilungen von Rebuttal und warum gehen manche Dinge eurer Meinung nach oder warum nicht? (Falls das schon beantwortet ist, ignore me. Habe nicht alles zu genau gelesen und fand nur, dass so eine Aufdröselung des Begriffs mal helfen könnte)

    3. Anton (DDM-Chefjury) says:

      Ich gebe gerne zu, dass wir in der Kommunikation der Tragweite dieser Änderung sicherlich hätten sehr viel vorsichtiger sein können, das hätte vermutlich viel Chaos vermieden. Mit meinem Addendum von vor 5 Tagen glaube ich, dass die Änderung mittlerweile ganz gut kontextualisiert werden kann und die Welt relativ unbeschadet aus dieser Diskussion hervorgehen wird, und sich im Rahmen des DDM-Juriertests, des Jurierseminars etc. noch einiges mehr an Klarheit darüber einstellen wird.

      Ich stimme dir in deiner Charakterisierung der verschiedenen Typen des Rebuttals grundsätzlich zu. Ich glaube, es gibt immer noch closing-half-interne Fairnessgründe dafür, auch solche mitigatorischen Arten des Rebuttals nicht zuzulassen, aber das ist nur ein Randgrund dafür, dass eine solche Klassifikation nicht stattfindet.

      Ich glaube aber, dass deine Charakterisierung nicht so trennscharf ist, wie sie sein müsste, um einer Regel zugrundezuliegen. Die logische Abschwächung vieler Argumente macht es zum Beispiel potenziell nötig, andere mögliche Konsequenzen zu formulieren; die Prämissen anzugreifen, macht es sehr häufig bis immer nötig, einen gegenteiligen Fakt einzubringen (Wie auch sonst beweisen, dass etwas eine Lüge ist?), konterkarierende Mechanismen können immer auch nützlich für die eigene Seite sein. Und die Chance, dass diese Fälle eintreten, ist halt jeweils sehr hoch, weil das die optimale Form von Rebuttal wäre: Warum sollte ich das gegnerische Argument mit einem Mechanismus widerlegen, der mir nicht nützt, wenn ich es auch mit einem Mechanismus widerlegen könnte, der mir nützt, weil er auch meinen Case aufbaut?

      Ich finde alle diese Binnendifferenzierungen extrem schwierig, weil sie im besten Fall ihrer tatsächlichen Möglichkeit vermutlich darauf hinauslaufen, dass man Leuten Auflagen machen muss, nur suboptimales Rebuttal zu machen – Sofern überhaupt möglich, wo ja in einer Debatte häufig die Argumente sehr eng verwoben sind. Ich halte ein solches Anreizsystem, wo das beste Rebuttal solches ist, das nicht zu stark ist, um verboten, aber nicht zu schwach, um nutzlos zu sein, für verwirrend und nicht besonders gut geeignet. Da finde ich es angemessener, im Leitfaden mit etwas breiteren Pinselstrichen zu malen und eine klare Regelung zu treffen, deren Finetuning vor dem Hintergrund ihrer motivierenden Zielsetzung dann in der Jurierpraxis erfolgen kann, so wie es ja mit den meisten anderen Regeln auch der Fall ist.

  10. Peter G. says:

    #BPSregelnpassenaufeinenbierdeckel

    … 33 Seiten später …

    Völlig ohne mich inhaltlich positiv oder negativ zu den erneuerten Ansätzen äußern zu wollen, möchte ich nur mal einen Gedankenanstoß geben, der übrigens völlig analog auch für OPD gilt:

    Verbessern “detailliertere Regeln, mit noch detaillierteren Unter-Regeln und ausgefeilten Sonder-Regeln, basierend auf einer ausführlichen Analyse der 17 verschiedenen Formen des Rebuttals, die sich je nach Debattenkontext in 12 Untergruppen teilen” den Debattiersport als Ganzes?

    Ist ein konzeptuell (streitbar) faireres Regelwerk immer ein besseres? Besser wofür?

    Höchstwahrscheinlich bin ich als Dino zu sehr in der Vergangenheit gefangen und unterliege einem massivem Survivor-Bias, aber was war eigentlich so schlecht am Ansatz 4 (oder 2) Teams reden zum Thema, eins gewinnt und der Rest übt sich im Ertragen der grausamen Unfariness des Lebens?

    1. Witthaut (DCJG) says:

      Mmh, gute Frage.
      Ich denke – unabhängig von der Generation – hat sich immer eine Art Sprachkodex im Debattieren entwickelt. Das ist normal für jede Art von Gruppe. Ein immer neu erscheinendes Regelwerk sorgt dafür, dass dieser Kodex allen verfügbar gemacht wird. Es emanzipiert Menschen, besser am kompeteiven Debattieren zu partizipieren. Daher halte ich auch diesen Leitfaden für sehr gelungen und bin ein großer Freund der Leitfäden im Allgemeinen.

      Btw: Es gab auch schon Regeln, als du und ich debattiert haben 😀 Das Survivor-Dino-Argument zieht nur so halb.

      Mal war es “more analysis”, mal “Metrik” und heute eben “Charakterisierung und Mitigation”. Es gibt immer Modeerscheinungen (teilweise sind es einfach sehr gute Weiterentwicklungen und fachliche Beschreibungen dessen, was wir uns immer schon “gedacht” haben). Dies allen verfügbar zu machen, ist doch prima. Und manche Modeerscheinungen sind eben auch in Regeln wiedergespiegelt.

      Um einen Fußballvergleich zu bringen: Das Problem am Handspiel ist nicht, dass es geregelt ist. Das Problem ist, dass es nicht eindeutig geregelt ist. Das sorgt immer für Ärger. Egal ob es in Zukunft härter oder liberaler ausgelegt wird: Alle wünschen sich eine eindeutige Interpretation. Ein Leitfaden wie dieser schafft das. Ob man alle Regeln gut findet, kann man drüber streiten. Wird hier ja auch gemacht. Aber es ist schon richtig, dass Dinge geregelt werden.

      Daher: Sehr fein. I like.

    2. Peter G. says:

      Natürlich gab es Regeln.
      Geschriebene und Ungeschriebene.
      Geschriebene, insbesondere in OPD, die teilweise völlig fern der Praxis waren – und Ungeschriebene, die praxisrelevant, aber nicht definiert waren. Das ist natürlich nichts was ich per se gut heißen würde 😉
      Auch ich begrüße es, wenn sich Leute Gedanken und Mühe machen das Debattieren und die Jurierungen in Text zu gießen.
      Trotzdem liste ich einfach mal ein paar Gedanken auf, die mir zu der Frage “Besser wofür?” so einfallen:

      A) Das Debattieren könnte sich weiter von seinem Publikum (und damit auch seinen potentiellen Neumitstreitern, Sponsoren, zu beindruckenden Personalern, …) entfernen. Dieser Prozess ist zu beobachten, ob er auch kausal mit einem besser definierten Regelwerk zusammenhängt lasse ich hier undiskutiert.
      B) Jurierdiskussionen werden durch ein komplexes Regelwerk nicht notwendigerweise einfacher, wenn man nicht mehr diskutiert was in der Debatte passiert ist, sondern darüber wie sich welcher Halbsatz der Debatte in welchen Regelteilaspekt einfügt.
      C) Jurorenaktzeptanz steigt nicht notwendigerweise, da Uneinigkeit über Regelauslegungen schwerer zu akzeptieren sein können als Hoheitsentscheide: Im einen Fall hat der Juror “Unrecht” im anderen Falle “eine andere Meinung”.
      D) Die erlernten Schlüsselkompetenzen könnten sich weiter vom realen Leben entfernen, da der Rahmen enger gefassst wird. (Früher hat man BPS noch mit OPD Skills gewinnen können ;-P)

      Willy, um auf dein Handspiel-Beispiel zurück zu kommen:
      Die Regel hat sich ja nun in den letzten Jahrzehnten oft genug verändert. Mal war’s einfach Ball-an-der-Hand, dann musste die Bewegung zum Ball gehen, mal musste der Arm angelegt sein, mal waren das Tatsachenentscheide, nun gibt’s den VAR,
      Auf dem Bolzplatz war Hand schon immer Hand. Ganz ohne VAR und ohne aktuelles Regelwerk der zuständigen Bolzplatzkommission. Das war oft unfair, und meistens entschied “wem der Ball gehört” oder der/die mit der lautesten Stimme. Oder auch die Frage wie schlimm war die Auswirkung? Nichts davon steht im offiziellen Regelwerk. Aber nicht alles davon ist schlecht. Wenn man sich nicht mehr zum kicken treffen kann wenn man einen Ball hat, sondern auch einen VAR braucht geht sicher etwas verloren, auch wenn es dadurch fairer zugehen würde.

      Klar, jetzt stellt sich der Vergleich: Sind wir Champions League oder Bolzplatz? Ich lasse das mal unkommentiert, finde aber es hängt mit der Frage zusammen: Was ist das Ziel des Debattierens: Faire, eindeutig geregelte Turniere?
      Oder ein Anlaufpunkt für alle zum geistigen Sport treiben?
      Gar ein Kompromiss?

      All das muss nicht wahr/negativ/relevant sein. Es soll sich nur um Gedankeninput handeln zu dem die aktuelle Generation vielleicht reflektieren kann, so sie denn mag.

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