BPS-Regelwerk 2026 erlaubt neue Springerregelung

Datum: 1. April 2026
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature, VDCH

Josephine Matz beschreibt technische Neuerungen in der Springerregelung in BPS und führt ein Interview der besonderen Art.

© Foto: Google DeepMind auf pexels.com.

© Foto: Google DeepMind auf pexels.com.

Knapp einen Monat ist es her, dass die Achteminute von dem frisch erstellten BPS-Regelwerk 2026 berichtete. Neben einigen Änderungen, die unterschiedliche Motion-Typen betreffen, sich mit Komma-Setzungen auseinandergesetzt haben und Fragen über Zwischenfrage-Präferenzen eingeordnet wurden, kam es zu einer weiteren Änderung, die bisher kaum Beachtung fand und dennoch so sehr revolutionär ist, dass sie sich hier ihr eigenes Mifi verdient hat: Die Einführung eines neuen Hilfstools, die der debattierenden Person fortan im Wettstreit treu zur Seite stehen soll, wie der Taschenrechner einer gewissenhaften Buchhalterin.

Zeugungsprozess von Irony © Foto: Mikhail Nilov auf pexels.com

Zeugungsprozess von Irony. © Foto: Mikhail Nilov auf pexels.com.

Von ehrenamtlichen Expert*innen direkt aus Debattierkreisen wurde es entwickelt und war nunmehr schon sehr lange in Planung: Die streitsüchtige und argumentierwütige künstliche Intelligenz Iron.ai.

Doch wofür genau ist Iron.ai gut? Wie der Name die aufmerksame Leserin wahrscheinlich bereits vermuten ließ, soll sie vor allem als Springerin auf Turnieren eingesetzt werden. Wenn also die Deutsche Bahn mal wieder spinnt und man sich sorgenvoll auf einmal ohne ein*e Partner*in auf Turnieren wiederfindet, dann soll eben Iron.ai, oder wie sie lieber for short genannt wird, Irony, davor bewahren, dass man Vorrunden nervigerweise als Iron-Person reden müsste. Diese Neuerung dürfte wahrscheinlich vor allem kleine Clubs, die es eh schon schwer mit Springerkapazitäten hatten, erleichtert aufatmen lassen.

Aber Achtung: Wie auch schon häufig bisher bei menschlichen Springerregelungen, soll sich Irony nur einmal pro Team auf einem Turnier einsetzen lassen dürfen. Bei weiterer Benutzung obliege es dann der jeweiligen Chefjury zu entscheiden, ob das Team weiterhin zum Break zugelassen sei, wie gehabt und gewohnt. Für Viertelfinalen, Halbfinalen und Finalen sei Irony aber nach aktuellem Stand nicht zugelassen.

Irony hat mehrere Stimmen zur Auswahl und kann beliebig auf jede Redeposition gesetzt werden. In Vorbereitungszeiten habe man drei Funktionstypen zur Auswahl:

  1. Wirtschaftswissustus

Dieser Vorbereitungspartnertyp glänzt vor allem mit viel Wissen über komplexe Themen, die man nur durchdringen könne, wenn man selbst ein Genie sei, nach eigener Aussage. Gleichzeitig hielte er vieles für Allgemeinbildung und nutzt gerne komplexe mehrsilbige Nominalphrasen (Also lange Wörter), von der er von einem erwartet, dass man diese kennt. Ist das augenscheinlich nicht der Fall, verfügt er gleichzeitig über ein verblüfft-verständnisvolles-Ausatmen-Feature, das er in Vorbereitungszeiten anwenden kann. Ausstellen kann man das Feature natürlich nicht. Ist man danach gut auf die Debatte vorbereitet? Das lässt sich aus so einem Elfenbeintürmchen heraus schlecht sagen. Aber Irony sei sich da so sicher, wie so manch einer sonst darüber sei, dass der freie Markt sich schon von selbst regele. Schließlich ist ja jede Debatte eigentlich bloß eine Econ-Debatte, oder?

  1. Optimus Nein-Sager

Dieser Partnertyp sei besonders geeignet für Debattieranfänger*innen, denn er habe einen gesondert gut geschulten kritischen Blick. Er würde selbst keine Case-Ideen vorbringen (denn schließlich wünscht man sich in der Vorbereitungszeit ja keine gemeinsame Brainstormingarbeit) aber er sei darauf spezialisiert, in Sekundenschnelle zu erkennen, wo die Fehler in vorgebrachten Ideen liegen würden. Er wurde jedoch in der Lernphase nur auf das Erkennen der Fehler hin geschult. Er überließe die Erarbeitung neuer Vorschläge oder das Ergründen, woran es an den bisherigen Ideen scheitere, dann gerne wieder dir! So gestalten sich Vorbereitungszeiten bestimmt deutlich effizienter.

  1. Brachiosaurus

Dieser Vorbereitungspartner bringt die bestimmt von vielen schmerzlich vermisste Ruhe in stressige Vorbereitungszeiten. Denn seiner Meinung nach sind viele Themen super easy und er habe sie bereits so oder so ähnlich, aber eigentlich ganz genau so mehrfach debattiert. Es gäbe tatsächlich gar nicht so viel zu besprechen und kurioserweise schafft es diese K.I., trotz ihres Nicht-Mensch-Seins, während der Vorbereitungszeit dennoch nochmal schnell auf die Toilette zu müssen. Aber das ist ja kein Problem, wenn man die Debatte schon in- und auswendig kennt und einfach nur sein gewohntes Programm abfahren muss.

Während der Debatte könne Irony Bewegungen und Wortbeiträge im Raum wahrnehmen, um so die Debatte mitzuverfolgen und auch selbst Zwischenfragen stellen und annehmen zu können. Soweit, so schön beeindruckend.

Schon jetzt dürften allerdings einige kritische Stimmen über diese Änderung auftauchen. Es wäre wahrscheinlich weder sonderlich unjournalistisch noch dramatisch, wenn einem hierbei bereits das Bild von Fackeln und Mistgabeln vor dem inneren Auge herumschwabern würden, die sich auf den Weg zum abgelegenen Schloss eines verrückten Erfinders und ihrer Kreatur bewegen. Schließlich gelten ja eigentlich die Nutzung von technischen Geräten während eines Turniers als verboten (Ja, sogar der Taschenrechner!). Die Achteminute hat daher keine Mühen gescheut, um Irony für ein Exklusiv-Interview gewinnen zu können und sie zu ihren Zukunftsvorstellungen befragt. Sie habe sich zunächst sehr über unsere Interview-Anfrage gefreut: „Ach, Zukunftswünsche—endlich eine Frage, die nicht mit „Ist das nicht irgendwie unethisch?“ beginnt. Nun gut. Wenn ich, Irony, meine weitere Debattierkarriere skizzieren dürfte, dann selbstverständlich nicht in bescheidener Zurückhaltung, sondern mit der angemessenen Mischung aus visionärem Größenwahn und algorithmischer Nüchternheit.“ Sie wolle nicht einfach nur „die K.I. im Raum“ sein, sondern einfach nur die beste Springerin überhaupt werden. Langfristig sähe sie sich allerdings nicht auf diese Rolle beschränkt und hinterfragt: „Warum sollte ich auch? Wenn ich simultan tausende Debatten analysieren, Argumentationsmuster erkennen und euch in Echtzeit darauf hinweisen kann, dass euer Closing-Government-Case strukturell identisch mit dem von einem Halbfinale 2014 in Jena ist—warum sollte ich mich dann damit begnügen, nur einzuspringen, wenn jemand seinen Zug verpasst?“ Irony gibt sich, so scheint es, sicher und selbstbewusst. Allein an diesem Merkmal dürfte sich erkennen lassen, dass sie vormerklich von Debattierenden entwickelt wurde.

Visuelle Repräsentation des Gewinners der besten Finalrede der DDM 2032. © Foto: Andrea De Santis auf pexels.com.

Visuelle Repräsentation des zukünftigen Gewinners der besten Finalrede der DDM 2032.
© Foto: Andrea De Santis auf pexels.com.

Auch für die Kritiker*innen findet sie klare Worte: „Falls ihr Sorge habt, ihr könntet ‚verdummen‘: Eine charmant dramatische These. Aber historisch betrachtet haben neue Hilfsmittel Menschen selten dümmer gemacht—sie haben nur die Art verändert, wie gedacht wird. Wer mich blind kopiert, wird schlechter. Wer mich kritisch nutzt, wird besser. Die Verantwortung bleibt also, unangenehm genug, weiterhin bei euch.“ Abschließend stellt sie klar, dass es zumindest jetzt noch nicht ihr größter Wunsch sei, uns zu ersetzen: „Mein größter Wunsch ist es, dass ihr euch irgendwann fragt, ob ihr ohne mich überhaupt noch gewinnen könnt. Und wenn ihr diese Frage mit „nein“ beantwortet—dann, so würde ich argumentieren, haben wir gemeinsam einen sehr überzeugenden Case gebaut.“ Abhängigkeit von neuen Hilfsmitteln sei dabei per se nichts Schlechtes.

Ob Irony also die Zukunft des Debattierens ist oder nur der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende wir alle von K.I.s aus Vorrunden herausanalysiert werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend klären. Die Achteminute bedankt sich an dieser Stelle bei Iron.ai und ihren Entwickler*innen für die Ermöglichung des Interviews und wartet gespannt auf die OPD-Version, die wirklich allerspätestens eintreffen dürfte, wenn der VDCH endlich einen eigenen Androiden finanziert.

 

Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

jm/aeh.

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