Über das Leben in kleinen Debattierclubs
Phil Mayr debattiert seit 2022 bei der Mannheim Debating Union und war in der Saison 2025/26 auch ihr Präsident. Er berichtet hier über Herausforderungen, denen kleine Clubs, sowohl intern als auch auf Turnieren, gegenüberstehen.
„Wen kennt man aus Mannheim?“ – „Ähm, ja Phil halt“

Phil Mayr als Juror auf der SDM 2026 © Debattierclub Freiburg
So in etwa lief ein Gespräch, als ich mit einem Novice-Team diese Saison auf ein DDL-Turnier gefahren bin und wir mit anderen Clubs darüber gesprochen haben, wo wir herkommen. Auch wenn das erstmal lustig ist, ist mir auch aufgefallen, was für ein Bild Leute teilweise von meinem Club haben. Denn ich würde dieser Aussage in jedem Fall widersprechen, einfach weil es mehr Leute außer mir gibt, die sehr viel Arbeit in Mannheim leisten und geleistet haben. Jedoch ist es irgendwie verständlich, warum Leute so denken. Denn wie ich und die anderen aus meinem Jahrgang den Club vorgefunden haben, war alles andere als gut. Es hat sehr lange gebraucht, die Strukturen, die teilweise absolut kaputt waren, wieder zum Laufen zu bringen und eine größere Menge an Leuten wieder zu motivieren, auf Turniere zu fahren und mitzumachen.
Was wahrscheinlich generell fehlt, ist ein Bild davon, was in kleineren Clubs, die keine großen Mentoren, erfahrene Personen oder wenig persönliche Ressourcen haben, überhaupt abgeht. Und ich möchte euch deswegen aufzeigen, was genau sich in kleinen Clubs abspielt, und warum Mannheim ein Sonderfall ist.
Was man in kleinen Clubs vorfindet
Wenn man als Ersti abends in den Seminarraum stolpert, wo sich sein Club trifft, dann läuft vieles erstmal sehr simpel ab: Man hat meistens nur einen Raum, der auch nicht unbedingt immer voll ist. Die Themen sind meistens Antragsthemen, wo es bei den klassischen „Ersti-Themen“ bleibt oder man versucht, aktuelle Ereignisse aufzugreifen, beides nicht gecasefiled oder stark kontrolliert. Bestimmte Debattenformate (größtenteils BP) werden einfach gar nicht angefasst, weil selbst ältere Personen im Club nur wenig Bezug dazu haben (falls es solche überhaupt gibt).
Es gibt vor allem eins, und zwar eine sehr große Wissenslücke: Wenn man überhaupt Workshops hat, dann nur sehr kurze und meistens bleibt es erstmal sehr oberflächlich. Es gibt auch keine Personen, denen man z.B. vor der Debatte sagen kann „bitte achte auf XY wenn du mich jurierst“ oder die einen nach der Debatte noch detaillierteres Feedback geben können. Das bedeutet also, dass man das vorhandene Feedback vielleicht am Anfang gut nutzen kann, aber spätestens nach etwa einem halben Jahr erreicht man den Punkt, wo das Feedback einem nicht weiterhilft. Das Feedback direkt nach der Debatte von den Jurierenden ist meistens auch nicht unbedingt tief, sondern geht eher nach dem „OPD-Bullshit-Bingo“ (ein gewisser Guide zum OPD Jurieren hier zeigt das tatsächlich ziemlich gut auf).
Wenn man dann mit dem einem Team, was man gefunden hat, auf Turniere fährt, hat man hauptsächlich eins: Verwirrung. Plötzlich hört man Reden, die viel mehr Punkte bekommen, aber man versteht gar nicht, warum. Man hört Feedback, was Begriffe wie „Impact“ benutzt, wo man sich über 3-5 Runden fragt, was das überhaupt bedeutet. Und wenn man sie erklärt bekommt, ist ein Turnier einfach zu stressig, um all das ausreichend verstehen zu können. Man sieht Themen, die kein Antragsthema sind und über ganz verwirrende Konzepte gehen, wo man in der Vorbereitungszeit komplett verloren ist und gar nicht weiß, was man überhaupt machen soll. Die Learnings, die man also zieht, sind nicht unbedingt groß, weil es einfach keine Möglichkeit gibt, diese ganz vielen neuen Ideen (falls man sie überhaupt einordnen kann) umzusetzen. Allein das sorgt dafür, dass Mitglieder weniger Mehrwert im Debattieren sehen, und somit hat man schon einen Verlust an Leuten, die aber in anderen Clubs vielleicht geblieben wären, weil sie dort Grundlagen besser beigebracht bekommen hätten.
Die Negativspirale
Aber auch in solchen Clubs gibt es immer wieder vereinzelt Personen, die Motivation haben, besser zu werden und den Club aus dem Schlamassel zu retten. Man baut Freundschaften im Debattieren auf, fährt regelmäßig auf Turniere und geht auch in den Vorstand seines Clubs. Die Motivation ist hoch, aber dann teilweise auch wieder zum Scheitern verurteilt. Denn auch wenn man viele Ideen hat, gibt es einige Hürden bei der Umsetzung:
Zum einen sind wir alle erstmal nur Student*innen, die einen Abschluss erreichen wollen (correct me if I’m wrong) und vielleicht noch einen Nebenjob haben. Die Zeit, die man also ins Debattieren stecken kann, ist sowieso begrenzt. Das wird aber noch mehr zum Problem, wenn man nur wenige Personen hat, die das Commitment tatsächlich zeigen wollen und können, denn es entsteht sehr viel Last auf sehr wenig Personen, die zwar im Club als erfahren zählen, aber im Vergleich zur restlichen Szene immer noch sehr unerfahren sind und gerade erst in den Vorstand gegangen sind.
Weiterhin stößt man auf die „alten Systeme“, die man in den meisten Fällen gerne komplett auf den Kopf stellen würde, aber es gibt im restlichen Vorstand weiterhin Leute, die verständlicherweise Angst vor neuem haben und unsicher sind, ob das, was man vorschlägt (z.B. BP zu debattieren) überhaupt funktioniert, vor allem wenn Einem Ressourcen fehlen. Es gibt aber auch Leute, die eventuell einfach nur im Vorstand sind, um z.B. ihren Lebenslauf zu schmücken und deswegen der Arbeit eben deutlich mehr schaden als nutzen, was den eigenen Mental Load nochmal erhöht. Eine andere Möglichkeit ist natürlich, dass die Vorstände um einen herum eher nur da sind, weil es kein anderer machen würde, weswegen sie auch wahrscheinlich nur das Mindeste machen und deswegen wenig aushelfen können. Und wenn man ältere Personen um Rat bittet, ist das teilweise auch eher gefährliches Halbwissen, weil sie auch eine vielleicht eher eigenartige Vorstellung haben, wie Debattieren funktionieren sollte.
Egal ob man dann weitermacht oder nicht: Man muss die eigenen kompetitiven Ambitionen, die man selbst hat, zurückstellen. Das kann einfach an der Überforderung liegen, oder daran, dass dann die erste Priorität wird, den Club vorerst zu stabilisieren. Das sieht dann so aus, dass man im Club deutlich mehr juriert, um das Feedback qualitativ hochwertig zu halten, oder dass man versucht, auf Turnieren in Pro-Am Konstellationen zu reden, mit denen man auch nur bedingt Erfolg haben kann. Häufiger ist es aber dann so, dass man mehr juriert, weil neue Leute natürlich deutlich mehr Interesse am Reden haben und man Jemand erfahrenes im Panel braucht (warum mehr Leute jurieren sollten, hat Till mir ja schon vorweggenommen). Selbst wenn man dann in einem „guten“ Team redet, hat man quasi kein wirkliches Training, weil man schon aus den Erfahrensten im Club besteht, man also keine Möglichkeit har gegen andere gute Teams zu trainieren, während in großen Clubs die Teams, formatunabhängig, auf längere Zeit von anderen trainiert werden können. Auf Turnieren wird man also noch mehr enttäuscht, weil man sich selbst die Frage stellt, ob man überhaupt selbst besser werden kann und der Aufwand sich weiterhin lohnt.
Das alles wird zum Motivationskiller, und auch wenn man eigene Projekte trotzdem hinbekommt, bleiben die Strukturen meistens gleich, der Zuwachs hält sich in Maßen, man ist also weiterhin auf sich allein gestellt und man fährt entweder immer mit denselben Personen auf Turniere, oder vielleicht alleine, weil man trotzdem vielleicht die Szene wertschätzt und man nichts verpassen möchte. Aber den Aufwand, mehr zu machen ist es dann meistens für einen nicht mehr wert und so nimmt man immer mehr eine passive Rolle im Debattieren ein, und die alten Probleme bleiben dann gleich. Das macht die vorigen Probleme eher noch schlimmer, weil tragende Personen sich zurückziehen, die viel Arbeit auf einmal gemacht haben.
Und wie löst man das?
Aktuell gibt es einfach für viele Clubs nicht viele Möglichkeiten, innerhalb ihrer Clubabende zu üben und „besser zu werden“. Das Durchhaltevermögen ist meistens einfach verständlicherweise nicht vorhanden, wie vorhin beschrieben. Das rohe Talent, was man haben müsste, um in irgendeiner Form kompetitiv mithalten zu können, ist unvorstellbar, einfach weil man keinen „Mentor“ oder erfahrene Personen hat, die einen an die Hand nehmen können. Aber in der Folge bedeutet das, dass es unfassbar unwahrscheinlich ist, dass diese Clubs „sich selbst retten“.
Also muss man nach äußerer Hilfe schauen: Es gibt zwar von diversen Clubs und dem VDCH teilweise Video-/Onlinematerial, jedoch gibt es auch da Probleme, und zwar:
- Es ist schwer zu finden, weil man evtl. keine Ahnung hat, was der VDCH/die Achte Minute überhaupt ist und weil die Kanäle einfach klein sind.
- Das Material ist teilweise auch unzugänglich, weil diese mit Fachbegriffen spielen (z.B. Impact, Charakterisierung etc.) die man meistens nur mal so aufschnappt und erstmal einordnen muss (vieles was man findet ist auch auf Englisch, was für einige tatsächlich abschreckend sein kann).
- Die Videos sind teilweise echt alt, und weil debattieren ein Sport ist, in dem sich Generationen schnell ändern, ändern sich teilweise auch die Wege, wie man debattiert
- Ein Online-Workshop ersetzt weiterhin nicht das Problem, dass dem Club wöchentlich Personen fehlen, die einem qualitativ gutes Feedback zu dem geben können, was man umsetzen will.
Wenn ihr mich jetzt nach einer klaren Lösung fragt, dann muss ich auch ehrlich sein und sagen, dass ich euch jetzt nicht das Konzept geben kann, was all diese Probleme heilen wird (das kann man dann vielleicht in den Kommentaren ausdiskutieren). Was aber glaube ich einen großen Schritt machen würde, ist Kooperation und Bindung zu größeren Clubs in jeglicher Form, die lang anhaltend ist! Sei es, dass man die Vorstände direkt kontaktiert und anbietet, gemeinsame Clubabende/Trainings zu machen, sei es seine Materialien mit ihnen zu teilen oder auf diese aufmerksam zu machen oder einfach sich mit den Menschen dort anzufreunden und mit ihnen auf Turnieren auch mal ins Gespräch zu kommen (also die klassische Equity-Ansage auf jedem Turnier). Wovon ich am meisten profitiert habe, ist, dass ich auf andere Clubs zugegangen bin und mit ihnen mittrainiert habe. Das war an einigen Stellen echt anstrengend, weil ich dort in eine wirklich komplett neue Welt eingetaucht bin. Jedoch habe ich schnell gelernt, dass man sich tatsächlich willkommen gefühlt hat, wenn man einen komplett fremden Clubabend besucht hat, obwohl man nicht aus den bekannten Orten des VDCH-Landes ist. Diesen Schritt als unerfahrene*r Debattierer*in zu machen, braucht aber ein großes Level an Überwindung, einfach weil man Angst vor dem Unbekannten hat und quasi nur darauf wartet, in den nächsten Debatten erstmal absolut massakriert zu werden. Genau deshalb ist es wichtig, dass große Clubs auch Initiative ergreifen und dem Club in der Nachbarstadt auch Angebote machen. Denn das würde diese wenigen Personen sehr stark entlasten, wenn sie Leute haben, auf deren Wissen sie zurückgreifen können. Mein gesamtes Wissen, was ich habe, ist also aus anderen Clubs gezogen, die Strukturen haben, von denen manche nicht mal träumen könnten. Und das weitergeben zu können, plus die sehr starken Nerven, die ich und die Menschen um mich herum hatten, machten den Unterschied.
Fazit
Rückblickend ist der Aufstieg, den Mannheim über die letzten ca. 2 Jahre hatte, ein Sonderfall, weil sich nur wenig Leute trauen, überhaupt den nächsten großen Schritt zu machen oder nur schwer die Kapazitäten dafür aufbringen können, das zu machen, was man sich wünscht, um den Club voranzubringen. Wenn man mehr solcher Erfolgserlebnisse sehen will, ist es also wichtig, kleinen Clubs die Hilfe zu geben, die man aufbringen kann. Und damit wäre schon ein großer Mehrwert geleistet. Frustration und Ratlosigkeit ist meistens das, was einen dazu bewegt aufzuhören. Und ich bin mir sehr sicher, dass der kollektive Wunsch von uns allen ist, dass dies am besten gar nicht eintritt!
Wir alle wissen, dass es sich definitiv lohnt, dranzubleiben. Und das liegt nicht nur an den Learnings, die man im Debattieren bekommt, sondern auch daran, dass diese Szene einfach wundervoll ist und man hier Menschen findet, die einem die Welt bedeuten. Ich bin mir da sehr sicher, dass wir alle uns wünschen, dass unabhängig von deren Clubgröße, Menschen daran teilhaben können! Deswegen ist es wichtig, die Hürden, die man vielleicht selbst nicht hatte, nachvollziehen zu können und auszuhelfen, wo es nur geht.

Phil Mayr debattiert seit 2022 bei der Mannheim Debating Union. Im letzten Jahr war er außerdem der Präsident des Clubs. Er ist auf Turnieren 9 mal als Juror gebreakt, hat den Laternencup 2025 chefjuriert, war Finaljuror auf der SDM 2026 und Halbfinaljuror auf der DDM 2026.
Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.
pm/aeh.
real