Gibt es ein Erfolgsrezept? Sieben DDM-Teams über ihre 15 Minuten Vorbereitungszeit

Datum: 11. Juni 2014
Redakteur:
Kategorie: Menschen, Mittwochs-Feature, Turniere, ZEIT DEBATTE

Es sind 15 Minuten, die maßgeblich über Erfolg und Misserfolg in einer Debatte entscheiden: Die Vorbereitungszeit. Haben die Teams im VDCH*-Land ein Geheimrezept für die Zeit zwischen Themenverkündung und Debattenbeginn? 88 Teams aus sechs Ländern traten bei der diesjährigen Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft (DDM) in Berlin gegeneinander an. Die 16 besten schafften es in die K.O.-Runden. Für das Mittwochs-Feature sprach die Achte Minute während des Turniers mit sieben von ihnen über die Gestaltung ihrer Vorbereitungszeit.

Betty Braun und Christian Zimpelmann
– Bonn Breaking Bad –

Bonn Breaking Bad: Betty Braun und Christian Zimpelmann (c) S. Kempf

Bonn Breaking Bad: Betty Braun und Christian Zimpelmann
(c) S. Kempf

In der Vorbereitungszeit tauscht einer von uns beiden seine Position und versetzt sich in die Gegenseite hinein. Wir bereiten uns in den ersten zwei Minuten der Vorbereitungszeit getrennt auf die Debatte vor, und zwar vor allem dann, wenn wir in einer eröffnenden Position reden. Während der erste Redner Argumente für die eigene Seite sammelt, versucht der zweite Redner, schon mal auszuloten, was die Gegenseite sagen könnte. Wir besprechen zuerst die eigenen Argumente, dann das, was von der anderen Seite kommen könnte. Möglicherweise können wir darauf später das Rebuttal aufbauen. Der Hauptgrund für unser Vorgehen ist aber, dass uns das Hineinversetzen in die Gegenseite hilft, unsere eigenen Argumente zu gewichten und zu schauen, was unsere stärksten Punkte sind. Damit gestalten wir anschließend die erste Rede.

Nikos Bosse und Konrad Gütschow
– Streitkultur Peitho –

Streitkultur Peitho: Nikos Bosse und Konrad Gütschow (c) S. Kempf

Streitkultur Peitho: Nikos Bosse und Konrad Gütschow
(c) S. Kempf

Gerade dann, wenn unser Debattenraum etwas entfernt ist, bleiben wir nach der Themenverkündung erstmal ein paar Minuten lang im Versammlungsraum sitzen. Der Saal ist leer, es ist still, und wir müssen nicht im Laufen schreiben. Wir machen getrenntes Brainstorming, und zwar so lange, bis uns beiden nichts mehr einfällt. Bei der Besprechung danach beginnt derjenige, der mehr über das Thema weiß und mehr Ideen hat. Die Argumente selbst sprechen wir nicht durch, sondern nennen lediglich ein Schlagwort. Das geht natürlich nur, wenn man einander sehr gut kennt. Danach überlegen wir gemeinsam: Was müssen wir in dieser Debatte zeigen? Welche Akteure gibt es, was ist das Problem? Anhand dessen strukturieren wir unsere Argumente. Insbesondere in den schließenden Positionen versuchen wir, möglichst viele Argumente zusammenzutragen. Die zweite Rede besprechen wir vor der Debatte gar nicht, sondern nur die erste. Derjenige, der in der vorderen Position redet, wählt aus, welche Argumente er in seiner Rede bringt.

Barbara Schunicht und Nicolas Garz
– MS Hamburg Fürsprecher –

MS Hamburg Fürsprecher: Nicolas Garz und Barbara Schunicht (c) S. Kempf

MS Hamburg Fürsprecher: Nicolas Garz und Barbara Schunicht
(c) S. Kempf

Damit uns keine Ideen verlorengehen, beginnen wir die Vorbereitungszeit mit zwei bis drei Minuten stillem Brainstorming. Wenn uns das Thema kompliziert erscheint, sprechen wir erst gemeinsam darüber: Was ist die Idee dahinter? Was ist der Clash? Verteidigen wir eine der vorderen Positionen, fragen wir uns in der Vorbereitungszeit vor allem: Was sind die relevanten Punkte, die in der Debatte stehen müssen? Wenn auf einer der hinteren Positionen sitzen, fragen wir uns eher, was beispielsweise die Konflikt- und Interessenlagen sind und welche Aspekte das Thema bietet, statt einzelne Argumente zu sammeln. Das gibt uns Flexibilität und erspart uns das Problem, dass das vordere Team uns die Punkte „wegnimmt“, über die wir sprechen wollten. Barbara beginnt die Debatte, als Premierministerin verzichtet sie aber auf ihren sonst üblichen Schmierzettel und das spätere „Ins-Reine-schreiben“: Sie notiert den Status Quo, das Problem, den Antrag und so weiter. Diese für die Debatte wesentlichen Punkte werden schließlich nicht tiefgründiger dadurch, dass man sie ein zweites Mal aufschreibt.

Ruben Brandhofer und Tobias Kube
– Marburg Rotkäppchen –

Marburg Rotkäppchen: Ruben Brandhofer (l.), Tobias Kube (c) S. Kempf

Marburg Rotkäppchen: Ruben Brandhofer (l.), Tobias Kube
(c) S. Kempf

Vor der Debatte machen wir vier bis fünf Minuten stilles Brainstorming. Danach tragen wir zusammen und besprechen, in welche Richtung wir mit unseren gesammelten Argumenten gehen wollen. In den letzten zwei Minuten der Vorbereitungszeit strukturieren wir die Argumente. Wenn wir als Eröffende Regierung in die Debatte gehen, bereiten wir ausschließlich Rubens Rede vor, denn er redet immer als Premierminister. Voraussetzung dafür ist, dass man sehr gut eingespielt ist. Verteidigen wir eine der schließenden Positionen, setzen wir in der Vorbereitungszeit auf Masse: Wir versuchen, so viele Argumente wie möglich zu sammeln. Die fassen wir in Clustern zusammen, um in der Debatte schnell einschätzen zu können, was nach dem eröffnenden Team vom Tisch sein wird.

Willy Witthaut und Christian Strunck
– Mainz Verbotene Liebe –

Mainz Verbotene Liebe: Willy Witthaut und Christian Strunck (c) Privat

Mainz Verbotene Liebe: Willy Witthaut und Christian Strunck
(c) Privat

Unsere Vorbereitungszeit unterscheidet sich sehr stark, je nachdem, ob wir eine eröffnende oder schließende Position vertreten. Wenn wir in einer der hinteren Positionen sind, machen wir kein Brainstorming, sondern reden direkt über das Thema, versuchen, es „vorzudebattieren“. Wir überlegen: In welche Richtung könnte die Debatte gehen? Was werden die eröffnenden Positionen machen und das andere schließende Team? Weil wir keine Zeit verschwenden wollen, suchen wir keine konkreten Argumente, die vorweg- genommen werden könnten. Sind wir auf einer der eröffnenden Positionen, bereiten wir nur Christians Rede vor, denn er redet meistens als erster. Wir sammeln alles, was wir zusammenkriegen: Argumente, Label, Struktur, Beispiele und so weiter. In der Besprechung führt derjenige das Wort, der sich sicherer fühlt, und schildert seine Sicht. Der andere übernimmt den Part des kritischen Zuhörers, stellt Fragen und ergänzt, was fehlt.

Katharina Allinger und Peer Klüßendorf
– Lund A –

Lund A: Katharina Allinger und Peer Klüßendorf (c) S. Kempf

Lund A: Katharina Allinger und Peer Klüßendorf
(c) S. Kempf

Wir haben im Vorfeld des Turniers ausgelotet, wer von uns welche Position redet: Peer redet die inneren Positionen, Katharina die äußeren. In den ersten fünf Minuten überlegt jeder für sich, das ist verhältnismäßig wohl recht lang. Bei der Vorbereitungszeit gehen wir im Grunde anti-intuitiv vor: Peer beschäftigt sich in der Zeit mit dem Rahmen der Debatte, mit Maßstäben, die uns wichtig sind, oder Grundsatzfragen. Katharina versucht stattdessen, außergewöhnliche und kreative Punkte für die Position zu finden oder einen konkreten Mechanismus zu formulieren. Im Grunde bereiten wir also beide das vor, was für die Rede des jeweils anderen wichtig ist, nicht für die eigene. Uns ist eine geschlossene Teamline sehr wichtig. Danach tragen wir zusammen und überprüfen noch einmal, ob unsere Überlegungen das Thema abdecken.

Christina Dexel und Philip Schröder
– Berlin Wrecking Ball –

Berlin Wrecking Ball: Christina Dexel, Philip Schröder (c) Jonas Huggins/Philip Schröder

Berlin Wrecking Ball: Christina Dexel, Philip Schröder
(c) Jonas Huggins/Philip Schröder

Wir haben zwei Vorbereitungsweisen: Wenn wir das Thema verstanden haben, beginnen wir direkt mit einem etwa drei-mütigen Brainstorming. Wenn wir  haben, was wir in der Debatte zeigen wollen, tauschen wir uns darüber aus und überlegen uns: Was sind die Mechanismen dazu? Welche Beispiele gibt es? In der Regel fragt Philip nach sieben bis acht Minuten: Was gibt es eigentlich für Stakeholder? Am Ende sind wir dazu übergegangen, noch drei- bis viermal direkt auf das Thema zu gucken und zu fragen, was die Motion wirklich besagt. Müssen wir eine Definition einbauen, die wir noch nicht haben? Wir denken nochmal über Relevanz nach, darüber, was uns die Debatte gewinnt, und was die anderen versuchen zu machen. Wenn wir das tun, kommen in der Regel noch Ideen, was man selber gerne machen würde. Wenn einer von uns das Thema hingegen überhaupt nicht versteht, besprechen wir das erstmal. Bisher hat es immer funktioniert, dass uns spätestens nach zehn Minuten aufgefallen ist, worüber man reden muss. Bei diesem Turnier waren die Themen aber so offensichtlich gestaltet, dass wir immer wussten, was zu tun ist.

kem/hug

Mittwochs-Feature

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

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3 Kommentare zu “Gibt es ein Erfolgsrezept? Sieben DDM-Teams über ihre 15 Minuten Vorbereitungszeit”

  1. Tobias Kube sagt:

    Kurze Richtigstellung: Marburg Rotkäppchen teilt eigentlich nie Argumente auf. Alles für die erste Rede.

  2. Sarah Kempf sagt:

    Habt ihr laut meinen Notizen behauptet. 😉 Wird geändert, danke für den Hinweis.

  3. Oli (HGW) sagt:

    Vielen Dank für den Artikel. Das lädt ja glatt dazu ein, etwas Abwechslung in die eigene Vorbereitungszeit zu bringen.

Kommentare sind geschlossen.

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