Operatoren, Teil 3: Akteurs- und Geschichtsthemen

Datum: 22. Juli 2026
Redakteur:
Kategorie: Das Thema, Mittwochs-Feature

Zum Abschluss der Operatoren-Serie widmen wir uns den Besonderheiten von Akteurs- und Geschichtsthemen.

Akteurs- und Geschichtsthemen sind immer auch Antragsthemen oder antragsfreie Themen. Alle Ausführungen zu diesen Themen gelten auch für Akteurs- und Geschichtsthemen. Der Unterschied liegt allein darin, dass die Perspektive eines bestimmten Akteurs bzw. einer bestimmten Zeit maßgeblich ist.

Akteursthemen

Es gibt zwei Unterarten von Akteursthemen: „Third person“-Akteursthemen und „first person“-Akteursthemen.

Third person-Akteursthemen

Dieses Haus glaubt, X sollte Y tun / Sollte X Y tun?

Bei einem third person-Akteursthema wird debattiert, ob Akteur X dies oder jenes tun sollte. Die Betrachtungsweise der Debatte ist objektiv. Die Teilnehmenden der Debatte nehmen nicht die Perspektive von Akteur X ein, sondern überlegen, ob es bei objektiver Betrachtung für die Gesellschaft gut wäre, wenn Akteur X so handelt. Die Interessen des Akteurs sind in der Debatte nicht besonders hervorgehoben.[1] Ein Team kann die Debatte auch gewinnen, wenn die debattierte Maßnahme für Akteur X schlecht, aber für die übrige Gesellschaft gut ist.

Wenn das Debattenthema lautet „Sollte die Union die Brandmauer zur AfD aufgeben?“, betrachtet die Debatte diese Frage nicht aus der Perspektive der Union, sondern aus der Perspektive der Gesellschaft insgesamt. Es geht also vor allem darum, was das Aufgeben der Brandmauer für die Demokratie, für verschiedene Wählergruppen usw. bedeutet. Die Interessen der Union (Wahlerfolge, Durchsetzung ihrer Politik) sind nicht in besonderer Weise hervorgehoben. Wenn ein Team damit argumentieren will, dass seine Position der Union nützt, muss es begründen, warum ein Erfolg der Union gesellschaftlich begrüßenswert ist (z.B.: Schutz der legitimen Interessen von Wählergruppen der Union, Bedeutung einer starken konservativen Kraft in der Demokratie). Ein Team kann die Debatte aber auch gewinnen, indem es zugibt, dass seine Position der Union schadet, aber gesamtgesellschaftlich gut ist (z.B.: Die Union verliert durch die Brandmauer die Stimmen konservativer Wähler, dies ist es jedoch wert, um die AfD von der Macht fernzuhalten).

Wichtig: Die Formulierung „Dieses Haus glaubt, X sollte Y tun“ ist ein Antragsthema. Dies ist der einzige Fall, in dem sich in BPS hinter der Formulierung „Dieses Haus glaubt“ ein Antragsthema verbirgt (einfach, weil man es nicht anders formulieren kann).[2] Die Regierung hat einen Gestaltungsspielraum („fiat“) und kann definieren, was genau der Akteur – mit den ihm tatsächlich zur Verfügung stehenden Mitteln – tun soll.[3]

Third-Person-Akteursthemen können aber selbstverständlich auch als antragsfreie Themen gestellt werden (etwa: „Ist es zu begrüßen, dass X Y tut?“).

First person-Akteursthemen

Dieses Haus als X würde Y tun / Sollten wir als X Y tun?
Dieses Haus als X bereut Y / Ist Y aus Sicht von X zu bereuen?

First person-Akteursthemen nehmen hingegen die subjektive Perspektive eines Akteurs ein. Sie betrachten die Welt „mit seinen Augen“. Der Debatte liegen die Werte und Interessen dieses Akteurs zugrunde. Dabei dürfen Teams aber nicht voreilig annehmen, dass der relevante Akteur nur egoistische Interessen hat und dass Moral und Werte für ihn keine Rolle spielen. Die meisten Akteure handeln nicht nur aus Eigeninteresse, sondern haben auch moralische Prinzipien, Pflichten usw.[4]

Lautet das Debattenthema „Sollten wir als Union die Brandmauer zur AfD aufgeben?“, sind die Auswirkungen der Brandmauer auf die Wahlergebnisse der Union selbstverständlich relevant. Realistischerweise will die Union aber nicht nur Wahlen gewinnen, sondern bestimmte, in ihrem Wahlprogramm verankerte Ziele umsetzen. Dazu gehören z.B. auch die Erhaltung der EU oder der NATO oder der Schutz der Kirchen. Diese Ziele können für die Erhaltung der Brandmauer sprechen. Umgekehrt können andere Ziele der Union (Migration beschränken, Steuersenkungen für die Wirtschaft usw.) für eine Abschaffung der Brandmauer sprechen.

Der Unterschied zwischen Third person- und First Person-Akteursthemen wird besonders deutlich, wenn der Akteur ein Diktator oder Verbrecher ist. Denn hier kann man – anders als bei den meisten Akteuren – nicht davon ausgehen, dass sie mehr oder weniger moralische Werte vertreten.

Das Thema „Sollte Putin eine Invasion des Baltikums beginnen?“ ist nicht debattierbar.  Objektiv spricht alles gegen einen Angriffskrieg auf friedliche demokratische Länder. Die Regierung hat keine starken Argumente. Das Thema „Sollten wir als Putin eine Invasion des Baltikums beginnen?“ nimmt hingegen die subjektive Position Putins ein.  Aus seiner Perspektive kann ein Angriffskrieg durchaus sinnvoll sein (Machterhalt, Prestige usw.). Das Völkerrecht und die Interessen der Menschen im Baltikum interessieren Putin nicht.

Eine Ausnahme von dem „Hineinversetzen“ in die Perspektive des Akteurs: Faktische Fehlvorstellungen des Akteurs sind in der Debatte (anders als seine Werte) irrelevant. Es kommt wie auch sonst auf das Wissen der „durchschnittlich informierten WählerInnen“ an.[5] Dies ist besonders relevant, wenn der Akteur durch Propaganda oder einseitigen Medienkonsum „indoktriniert“ ist.

Beispiel: Das Thema lautet „Dieses Haus als russischer Bürger glaubt, dass Putins Präsidentschaft ein Erfolg war.“ Die Teams müssen hier die realen Verhältnisse in Russland zugrunde legen (soweit sie uns bekannt sind). Die Regierung darf nicht argumentieren, dass der durchschnittliche russische Bürger aufgrund von Propaganda glaubt, dass Russland wohlhabender, freier und sicherer ist als westliche Länder. Plausibel ist es aber, zu argumentieren, dass der durchschnittliche russische Bürger wenig liberal eingestellt ist und daher z.B. militärische Erfolge eher schätzt als Freiheit.

Für die CAs ist es wichtig, den relevanten Akteur genau zu definieren. Wird der Akteur doch unklar definiert, soll eine möglichst breite Definition zugrundegelegt werden. Wie gewichtig die Interessen einzelner Subgruppen sind, ist dann Teil der Debatte und muss von den Teams plausibilisiert werden.[4]

Beispiel: Das Thema lautet „Ist es im Interesse Deutschlands, Importe von Autos aus China möglichst stark einzuschränken?“. Hier wird die Formulierung „Deutschland“ weitestmöglich als „die deutsche Bevölkerung“ ausgelegt. Die Regierung kann dann z.B. argumentieren, dass die Beschäftigten in der Automobilindustrie von Importbeschränkungen profitieren. Die Opposition kann das Interesse der Konsumenten an günstigen Autos anführen. Welche Gruppe in der Debatte gewichtiger ist, müssen die Teams mit den üblichen Mitteln der Stakeholder-Analyse begründen.

Geschichtsthemen

Es ist das Jahr X. Dieses Haus würde X tun. / Es ist das Jahr X. Sollten wir Y tun?

Geschichtsthemen „spielen“ zu einem bestimmten Zeitpunkt. In der Debatte darf nur mit dem Wissen argumentiert werden, das zu diesem Zeitpunkt verfügbar ist.[6]

In einer Debatte, die im Jahr 2019 spielt, dürfen die Teams also nicht voraussetzen, dass 2020 die Corona-Pandemie ausbricht. Ein Team, das in diese Richtung argumentieren will, müsste anführen, dass der Ausbruch einer globalen Pandemie in den nächsten Jahren aufgrund bestimmter Anhaltspunkte (hygienische Zustände auf Märkten, Globalisierung o.ä.) sehr wahrscheinlich ist. Es könnte aber wahrscheinlich nicht beweisen, dass gerade im März 2020 eine globale Pandemie ausbrechen wird.

Der Debatte sind allerdings die „heutigen“ Werte zugrundezulegen, nicht die damaligen. Insbesondere sind also rassistische, sexistische usw. Argumente nicht zulässig, auch wenn Personen zur damaligen Zeit sie vielleicht überzeugend gefunden hätten.[7] Dementsprechend können Chefjuries viele Diskussionen, die historisch tatsächlich stattgefunden haben, nicht 1:1 als Debattenthema stellen.

Das Thema „Es ist 1860. Sollten die USA die Sklaverei abschaffen?“ wäre z.B. so nicht debattierbar, da Sklaverei aus heutiger Sicht durch nichts zu rechtfertigen ist (auch nicht durch das wirtschaftliche Interesse der Südstaaten und einen drohenden Bürgerkrieg). Das Thema könnte wohl allenfalls als First-Person-Thema gestellt werden („Es ist 1860. Sollten wir als Abraham Lincoln uns für die vollständige Abschaffung der Sklaverei in den USA einsetzen?“).

[1] BPS-Regelwerk, S. 18.

[2] BPS-Regelwerk, S. 18.

[3] BPS-Regelwerk, S. 18.

[4] BPS-Regelwerk, S. 23.

[5] BPS-Regelwerk, S. 23.

[6] BPS-Regelwerk, S. 24.

[7] BPS-Regelwerk, S. 24.

Jonathan Dollinger debattierte während seines Jurastudiums, seines Referendariats und seiner Promotion in Freiburg und Stuttgart. In beiden Clubs war er im Vorstand aktiv. Als Redner gewann er die Deutschsprachige Debattiermeisterschaft 2022 und die Campus-Debatte Heidelberg 2023. Er war Chefjuror der WDM 2023 und des Wissenschaftsturniers Hannover 2023.

Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

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