Daniel rezensiert: „Schlüsselkompetenz Argumentation“

Datum: 11. November 2010
Redakteur:
Kategorie: Rezension

Jeder kennt die Geschichte von Lehmanns Zettel. Deutschland besiegte Argentinien im WM-Viertelfinale 2006 mit 5:3 im Elfmeterschießen. Nationaltorhüter Jens Lehmann konnte zwei Strafstöße abwehren, weil er durch einen Spickzettel über die Gewohnheiten der argentinischen Schützen informiert war. Der berühmte Spicker ist inzwischen im Bonner Haus der Geschichte ausgestellt. Weitaus weniger bekannt ist die Geschichte eines anderen Zettels. Auch die Hallenser Marcus Ewald und Torsten Rössing hatten einen Zettel, als sie 2008 in Berlin die Deutsche Debattiermeisterschaft gewannen. Die Mär geht, auf Ewalds und Rössings Zettel hätten ein gutes Dutzend Konfliktpaare und grundlegende Argumentationsmuster gestanden, in die sich fast alle Debatten aufschlüsseln lassen. Die beiden Meisterredner seien so in der Lage gewesen, die Debatten in kürzester Zeit auf die Kernfragen zu reduzieren, den Clash herauszuarbeiten, Gegenargumente zu antizipieren und letztlich die Hoheit über das jeweilige Thema zu erstreiten.

Wer selbst auch so einen Zettel auf das nächste Turnier mitbringen möchte, der findet nun eine neue Vorlage, aus der sich hervorragend abschreiben lässt: Das Buch „Schlüsselkompetenz Argumentation“ von Markus Herrmann, Michael Hoppmann, Karsten Stölzgen und Jasmin Taraman, frisch erschienen in der Reihe “Uni Tipps“ bei UTB. Die Autoren stammen allesamt aus der Tübinger Rhetorikschmiede. Herrmann, Hoppmann und Stölzgen haben die Debattierszene über viele Jahre als Redner und Juroren begleitet und durch die maßgebliche Mitarbeit an der Entwicklung des Formates OPD auch nachhaltig geprägt. Alle vier sind nach dem Ende des Studiums und im Falle der Herrren aktiver Debattierkarriere der Rhetorik treu geblieben: als Berater und Trainer sowie als Wissenschaftler an internationalen Universitäten.

Zuletzt waren Mitglieder der Tübinger Streitkultur 2008 mit der aktualisierten Neuauflage des “Trainingsbuch Rhetorik“ von Tim C. Bartsch, Michael Hoppmann, Bernd Rex und Markus Vergeest an die Öffentlichkeit getreten. In einer „tour de force“ wurde hier ein Überblick über alle Facetten des mündlichen Vortrags gegeben. Anhand zahlreicher Übungen konnte der Leser seine „grundlegende rhetorische Fitness“ trainieren. Von Themen- und Zielgruppenorientierung zu Manuskript- und Memorierungstechniken, von Struktur und Sprache bis hin zu Auftritt und Stimme – nichts wurde ausgelassen. Beim vorliegenden Titel geht es hingegen nicht um die „Fitness“, es wird vielmehr am Feinschliff der Technik gearbeitet. Dafür wird eingangs beschrieben, was genau ein Argument ist, welche Typen es gibt, wie man diese auf- und ausbaut, und wie sie widerlegt werden können. Dabei stützen sich die Autoren gleichermaßen auf die Ergebnisse der modernen Argumentationstheorie wie auch auf ihre Kenntnisse der klassischen Rhetorik.

Und hierin liegt zugleich die größte Stärke des Buchs! Wer sich schon selbst zum Beispiel an die Rhetorik oder die Topik des Aristoteles gewagt hat, wird bemerkt haben, dass die Klassiker zwar eine anregende und bereichernde Lektüre bieten. Häufig aber sind sie schwer verdaulich, entsprechen nicht den Regeln einer modernen Systematik und überfordern den Leser mit der schier endlosen Ansammlung einzelner, scheinbar unsortierter Beispiele, den Topiken. Entgegengesetzt stellen die Schemata der zeitgenössischen Argumentationsforschung häufig nur leere Hüllen dar und sind gerade für Laien und Neulinge etwas zu abstrakt. Im vorliegenden Fall werden beide Aspekte miteinander verbunden. Der Leser bekommt einen schnellen Überblick über die fünf Argumentationsschemata, „universelle Schablonen“, in die sich „alle nur erdenklichen eigenständige Argumente“ einfassen lassen: das Analogieargument, das Autoritätsargument, das Induktionsargument, das Kausalargument und das Teil-Ganzes-Argument.

Angegliedert werden jeweils die in Praxis relevantesten Topoi der einzelnen Schemata präsentiert. Wegen ihrer Bedeutung in Alltagsauseinandersetzungen werden eine Topik zu Bewertungsfragen und eine Topik zu Personen getrennt behandelt. Der Leser lernt so zunächst, etwa im Schema des Analogiearguments nicht nur nach den Topoi Ort, Zeit und Art zu suchen, sondern seinen Standpunkt auch mit Analogien der Topoi Form, Material, Absicht und Zweck zu untermauern. Oder andersherum: wie man Gegenargumente aus dem Schema des Autoritätsarguments, beispielsweise Expertenwissen und Statistiken, durch weitere Topoi desselben Schemas entkräftet, etwa durch das Anführen von Gesetzen, Dogmen oder Mehrheitsmeinung.

Im anschließenden Kapitel erfährt der Leser, wie er seine so gefundenen Argumente ausbaut. Dazu werden verschiedene Möglichkeiten zur Mikrostruktur einzelner Argumente (Standpunkt, Begründung und Schlussregel) wie auch zur Makrostruktur komplexerer Argumentationsketten (untergeordnete und gleichgeordnete Argumente) aufgezeigt. Herrmann und Co. behandeln ebenso die gezielte Wortwahl, ob die Illustration mit Bildern, die Vorwegnahme von Gegenargumenten oder das Etikettieren der eigenen Argumente mit schlagkräftigen „Labels“. Den ersten Teil des Buches beschließt ein Kapitel zur Widerlegung von Argumenten. Es behandelt neben nützlichen Hinweisen zu Beweislast und Verwundbarkeit einzelner Argumentationsstrukturen vor allem die wichtigsten kritischen Fragen zu den fünf genannten Schemata. In einer Art negativer Topik werden die zentralen Einwände zusammengefasst, welche gegen die einzelnen Schemata vorgebracht werden können.

Im zweiten Teil des Buches werden spezielle, in alltäglichen Auseinandersetzungen relevante Aspekte der Argumentation untersucht. Zunächst widmet sich ein Kapitel der „argumentativen Selbstverteidigung“. Die „argumentativen Strukturen des normregierten Dialogs“ umfassen dabei nicht nur den juristischen Diskurs, sondern auch moralische Fragen und ganz gewöhnliche Auseinandersetzungen: „Du solltest doch den Abwasch erledigen!“. Anhand von zehn zentralen Streitpunkten der Anklage und Verteidigung werden jeweils eigene Topiken entwickelt und beschrieben. Das Kapitel „Keine Argumentation“ behandelt all jene Bereiche der alltäglichen Auseinandersetzung, die im strengen Sinn gar keine Argumentation darstellen und dennoch höchst überzeugend wirken können. Debattanten werden sich weniger für die Hinweise zur allgemeinen Gesprächsführung interessieren, dafür aber die „Rhetorische Trickkiste“ (Vorschnelle Verallgemeinerung,“argumentum ad hominem“ etc.) mit umso größerem Vergnügen studieren.

Im dritten und letzten Teil des Buches wird die moderne Disputation als Übungsformat des agonalen Streits eingehend vorgestellt. Aufbauend auf dem von Aristoteles in der Topik entworfenen Trainingsformat muss ein Defendent in einer Art Kreuzverhör eine These gegen die fragende Opponentin verteidigen. Besonders fortgeschrittene Debattanten werden in diesem Format neue Herausforderungen finden. Anfänger, aber auch gestandene Redner werden in den Abschnitten „Was, wie viel und wann?“ sowie „Taktisches Fragen“ eine Fülle wertvoller Hinweise erhalten, wie man eine Aussage auf ihre Reichweite und ihren Geltungsbereich überprüft, oder wie man seinen Gegenüber durch gezielte Fragen in Widersprüche verwickelt. Auch konkrete Jurorenkriterien und die Kopiervorlage eines Bewertungsbogens für die Disputation fehlen nicht.

Wie schon das „Trainingsbuch Rhetorik“ ist auch „Schlüsselkompetenz Argumentation“ mehr als nur ein theoretischer Ratgeber. Die Autoren haben eine Vielzahl von Übungen entworfen, anhand derer der Leser den abstrakten Stoff in konkreten Lernsituationen trainieren kann. Leichte Einzelübungen wechseln sich mit anspruchsvolleren Gruppenübungen ab. Alle Übungen, wie z. B. “Topik querfeldein“, “Widerspruchstraining“ oder “Streitpunkttabu“ sind bestens geeignet, die wöchentlichen Clubabende um neue Übungsformen zu bereichern. Weitere Übungen werden demnächst als Online-Angebot des Moodle-Portals zugänglich sein. Angekündigte Übungstitel wie „Celebrity Deathmatch“ oder „Argumente röntgen“ klingen vielversprechend.

Es gibt nur wenig auszusetzen an diesem Buch. Die einleitenden Definitionen sind verständlich gehalten, aber an einigen Stellen nicht umfassend genug. Die Anleitungen zu den einzelnen Übungen könnten etwas präziser sein. Mögliche Anknüpfungspunkte an den Kenntnishorizont der Leser (insbesondere von uns Debattanten) werden übergangen, indem zum Beispiel bekannte Differenzierungen wie Induktion/Deduktion, hinreichende/notwendige/zwingende Schlüsse, Prämisse/Schlussfolgerung nur beiläufig erwähnt oder vollständig ausgelassen werden. Zumindest dieser Rezensent hätte sich über eine kurze Zusammenfassung der historischen Entwicklung vom Syllogismus zum Argumentationsschema gefreut. Unklar bleibt die Haltung der Autoren zur Dialektik als Instrument der Argumentation: Dient sie dazu, Recht zu bekommen oder Recht zu behalten? Einen Index sucht der Leser vergeblich. Das angebotene Glossar ist sehr knapp gehalten und kann diesen Mangel nicht ausgleichen. Die Gliederung erscheint etwas komplex, manchmal auch verwirrend.

Somit eignet sich das Buch nicht unbedingt als Referenzwerk zum punktuellen Nachschlagen. Muss es aber auch nicht, da sich die 158 Seiten gemütlich an einem ruhigen Nachmittag am Stück durchlesen lassen. Neulinge werden behutsam an die Materie herangeführt und profitieren von der anschaulichen Darstellung. Alte Häsinnen und Hasen finden bisher nur diffus Verstandenes systematisch aufbereitet, präzise zusammengefasst und noch jede Menge neuer Kunstgriffe, die sich schon auf der nächsten ZEIT DEBATTE ausprobieren lassen.

Sehr wirkungsvoll ist ein didaktischer Kunstgriff, den die Autoren ihrerseits angewendet haben. Gleich zu Beginn des Buches werden vier Streitfälle vorgestellt (Urlaub in Kroatien? Videoüberwachung? Zoos abschaffen? Hat Christian seine Caro betrogen?). Diese dienen dann über alle Kapitel hinweg als Beispiel und werden zur Illustration der einzelnen Schemata und Topiken herangezogen. Der Leser muss sich nicht wieder und wieder in neue Sachverhalte hineindenken, die Positionen sind klar und bekannt, man kann ungestört die Dynamik der Argumentationslinien verfolgen und aufnehmen.

Äußerst hilfreich sind auch die typographisch hervorgehobenen Schlagwörter, die zahlreichen, als grau hinterlegte Kästen in den Text eingebauten „Tipps“, die 13 Abbildungen sowie ganz speziell die 28 übersichtlichen Tabellen. Sie ermöglichen dem Leser einen schnellen Überblick und leichte Orientierung. Sie können gleich in der Vorbereitung der nächsten Debatte helfen, die eigenen Argumente zu strukturieren und gegnerische Einwände zu antizipieren. Und sie sind bestens geeignet für so manchen Spickzettel!

In Verbindung mit dem „Trainingsbuch Rhetorik“ haben Debattanten, Clubs und „Rhetorik-Zivilisten“ nun auf insgesamt weniger als 400 Seiten eine perfekte Handreiche, um wirkungsvoll und überzeugend zu argumentieren. Zum Schmökern, zum Lernen, zum Trainieren der Übungen: Das sollte unter keinem Debattierweihnachtsbaum fehlen.

P. S.: Debattosaurier wie der Rezensent, die einzelne der Autoren noch persönlich kennen, werden auch ganz privat ein echtes Lesevergnügen haben. Welcher der Autoren könnte sich wohl mit seiner Freundin gestritten haben, ob der Urlaub in Dubrovnik verbracht werden solle (Seite neun)? Wer könnte in der Topik des Autoritätsarguments geschrieben haben „Insbesondere Texte wie das Grundgesetz … haben eine besondere Autorität, und bei manch einem kommt man sogar mit der Bibel recht weit.“ (Seite 26)? Wer hat wohl als Beispiel für das höhere Prinzip der Gleichheit angeführt „Das ist Sexismus. Dadurch werden Männer herabgewürdigt.“(Seite 33)? Wer könnte mit dem „Tübinger Biologieprofessor Hildebrand“ (Seite 63) gemeint sein? Und welcher der Autoren empfindet die „formale Mordanklage vor Gericht“ genauso als „eine Auseinandersetzung, die uns nahezu täglich begegnet“, wie etwa „das Streitgespräch über den nicht erledigten Abwasch“ (Seite 81)?

Markus Herrmann, Michael Hoppmann, Karsten Stölzgen, Jasmin Taraman
“Schlüsselkompetenz Argumentation“
UTB / Schöningh, Paderborn 2011 (sic!)
ISBN: 978-3-8252-3428-7
158 S.; 12,90 €

Daniel Sommer / xzy / glx / apf

Die Buchautoren Markus Herrmann, Michael Hoppmann und Karsten Stölzgen gelten als „Urgesteine“ der Streitkultur Tübingen. Markus moderierte zuletzt das Finale der Tübinger ZEIT DEBATTE im Mai 2010. Als Rhetoriktrainer ist Markus auch beruflich mit debattiernahen Themen beschäftigt – in erster Linie aber widmet er sich zur Zeit dem Abschluss seiner Promotion in der Philosophie.  Michael ist der „Erfinder“ der Offenen Parlamentarischen Debatte und heute Ehrenvorsitzender der Streitkultur Tübingen. Während seiner aktiven Zeit in Deutschland war er als Redner und Juror erfolgreich, siegte etwa bei der zweiten ZEIT DEBATTE, ist Deutscher Vizemeister 2004 und war Chefjuror der Deutschen Meisterschaft 2003. Michael ist heute Lehrbeauftragter für Rhetorik an der Northeastern University in Boston, Massachusetts. Von 2002 bis 2004 war er Vizepräsident des VDCH und auch Vizepräsident des European Universities Debating Council (EUDC). Karsten arbeitet als Personalberater, Trainer und Dozent für Rhetorik und Kundenservice. Er gehörte zum Siegerteam der zweiten ZEIT DEBATTE, war unter anderem bester Redner im Finale der Deutschen Meisterschaften 2003 und Streitkultur-Cup-Sieger 2008. Jasmin Taraman studierte in Tübingen und Amsterdam Rhetorik und gehört zur eng mit der Streitkultur befreundeten Dialektischen Gesellschaft Tübingen. Die Dialektische Gesellschaft ist ein 2008 von Studenten und Absolventen des Rhetorischen Seminars in Tübingen gegründeter Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die moderne Disputation zu betreiben.

Daniel Sommer ist Deutscher Vizemeister 2008 und war bester Finalredner der Meisterschaft 2005. Außerdem war Daniel Chefjuror der Deutschen Meisterschaften 2007 und 2009. Heute ist Daniel eine Debattierlegende – manche Redner sind bereits mit Zitaten von Daniel Sommer auf den T-Shirts gesichtet worden.

„Schlüsselkompetenz Argumentation“ jetzt bestellen – bei Bücher Sirius!

Anna Hörtensteiner vom Debattierclub München, VDCH-Vizepräsidentin 2004/2005, hat vor einem Jahr die Buchhandlung Sirius in Garching bei München eröffnet. Da Anna und ihr Mann, der DDG-Vizepräsident Oliver Hörtensteiner, sich dem Debattieren verschrieben haben, ist die Buchhandlung Sirius die wahrscheinlich einzige Buchhandlung im deutschsprachigen Raum, die eine eigene Sektion “Bücher für Debattierer“ anbietet. Wer bei Bücher Sirius bis zum Ende des Jahres „Schlüsselkompetenz Argumentation“ oder andere Bücher bestellt, sollte seinen eigenen oder einen anderen Debattierclub seiner Wahl angeben – der Club mit den meisten Unterstützern darf mit einem Turnierzuschuss rechnen.

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