Mit dem Chefjurorenblick durch die Welt: Marion Seiche im Gespräch über die DDM 2015

Datum: 17. Juni 2015
Redakteur:
Kategorie: Jurieren, Menschen, Mittwochs-Feature, ZEIT DEBATTE

Vergangenes Wochenende fand die Deutschsprachige Debattiermeisterschaft (DDM) 2015 in Münster statt, für dessen inhaltliche Leitung Daniil Pakhomenko, Florian Umscheid und Marion Seiche verantwortlich waren. Die Achte Minute sprach mit Marion über Feedbacksysteme, Themenfindungen und den Stellenwert des Jurierens.

Achte Minute: Wie hast du dich von der DDM erholt?

Marion Seiche: Durch Schlafen. Daniil, Flo und ich sind leider noch nicht dazu gekommen, ein Fazit für uns zu ziehen. Wir mussten, nachdem wir viel Zeit und Energie in die DDM investiert hatten, erstmal alle in unsere jeweiligen Arbeits- und Uni-Umfelder zurückfinden.

AM: Mit „Soll man einen Pakt mit dem Teufel eingehen?“ habt ihr in der dritten Vorrunde der DDM ein offenes Thema gestellt. Warum habt ihr euch als Panel dazu entschieden?

Marion: Die Herausforderung von offenen Themen ist, den Teams mehr Kreativität und Spontanität abzuverlangen als bei normalen Debatten. Philipp Stiel hat darüber auch schon ein Mittwochsfeature geschrieben. Wegen dieser Herausforderung fanden wir ein offenes Thema reizvoll. Wir haben uns vorher natürlich überlegt, was man dazu debattieren kann und die Regierung vom Antrag befreit, sodass sie sich im Zweifelsfall auch keine konkrete Maßnahme überlegen musste. Die Rückmeldungen der Teilnehmer zu dieser Runde waren, dass es durchaus Kreativität erfordert. Manche fanden es deshalb eher schwer, insgesamt haben wir aber positive Rückmeldungen erhalten.

AM: Dass ein Feedbacksystem wie bei der vergangenen DDM der Qualität des Turniers dient, ist klar. Lohnt sich der Aufwand selbst bei kleineren Turnieren?

Marion Seiche, Chefjurorin der DDM 2015. (c) M. Carcasona

Marion: Auf der Südwestdeutschen Meisterschaft hat zum Teil unsere Tab-Masterin, Nine Horn, die Feedbackzettel zwischen den Runden sortiert, sodass die Chefjuroren in der komfortablen Position waren, Feedback in unsere Jurorensetzungen miteinzubeziehen. Auf kleineren Turnieren ist es einfacher, den Überblick zu behalten als auf der DDM. Ohne Andrea Gau und Lukas Haffert, die das Feedbacksystem der DDM betreuten, wäre es hier nicht möglich gewesen. Meiner Erfahrung nach ist ein sinnvolles Feedbacksystem auch mit weniger Teilnehmern möglich.

AM: Wie habt ihr als Chefjury die Themen für diese DDM gefunden?

Marion: Wir haben sehr früh mit der Themenfindung angefangen, was uns allen wichtig war. Seit Beginn des Jahres haben wir wöchentlich gesykpt. Konkret läuft es so ab, dass jeder einzelne für sich den ganzen Tag nachdenkt: Wenn man Radio hört, wenn man Zeitung liest, wenn man irgendwo Input bekommt. Als Chefjuror geht man mit dem Blick durch die Welt: Steckt da nicht vielleicht ein Thema drin? Unsere individuellen Ideen haben wir dann online zusammengetragen und gemeinsam darüber geredet. Ein Thema kann beispielsweise so anfangen, dass jemand von einer konkreten politischen Maßnahme erfährt und wir uns überlegen, ob das ein ausgewogenes Debattierthema wäre.

AM: Daniil Pakhomenko hat beim Break angesprochen, dass die Mehrheit der Redner sich rundenübergreifend als zu niedrig bepunktet sah. Müssen die Juroren ihre Ergebnisse besser kommunizieren?

Marion: Es gibt unter Rednern eine Tendenz, sich eher zu niedrig als zu hoch bepunktet zu fühlen. Dass es hier einen Wahrnehmungs-Bias in die eine Richtung gibt, ist ganz normal. Aus den Ergebnissen des Feedbacks ging hervor, dass von allen Juroren, die auf der DDM unterwegs waren, in der Wahrnehmung der Teilnehmer nur drei eher zu hoch gepunktet haben. Der Großteil empfand die Bepunktung eher als zu niedrig, auch unabhängig vom Erfahrungsstand der jeweiligen Juroren.
Was auf dieser DDM ansonsten aufgefallen ist und worüber wir uns zu dritt bei der Nachbesprechung noch unterhalten wollen, ist dass das Punkteniveau sehr eng beeinander war. Wenn man sich die besten zehn Redner nach den Vorrunden anschaut, schwankt der Punkteunterschied zwischen 49,07 und 50,71. Das ist wahnsinnig nah beieinander. Für mich selbst kann ich auch noch nicht sagen, woher es kommt und ich würde mich gerne noch weiter damit befassen. Dies ist sicher auch ein Thema für den kommenden Jurier-Think-Tank.

AM: Momentan ist Reden viel prestigeträchtiger als Jurieren in der deutschsprachigen Debattierszene. Siehst du Möglichkeiten, den Stellenwert des Jurierens zu erhöhen?

Marion_2

(c) H. Maedler

Marion: Es ist gar nicht so einfach zu sagen, wie man diesen höheren Stellenwert vermittelt. Es ist ja oft so, dass es auf Turnieren einen niedrigeren Teilnehmerbeitrag für Juroren gibt. Ich glaube aber, dass sich die Wertschätzung für Juroren nicht über so etwas ausdrückt. Wenn ich als Jurorin auf Turniere fahre, fühle ich mich nicht durch zehn Euro Ersparnis wertgeschätzt, sondern durch die Rückmeldung der Teilnehmer. Ich mag das Feedbacksystem so gerne, weil man das Feedback der Teams anonymisiert nach dem Turnier mitnehmen kann. Das ist auch der Grund, warum ich auf der DDM alle Leute ermutigt habe, Feedback zu schreiben. Es gibt eine Tendenz, dass Leute den Bogen nicht ausfüllen, wenn alles prima ist. Das ist ein Bewusstsein, das ich gerne an alle Redner weitergeben würde, aber auch an die Juroren, die sich gegenseitig Feedback schreiben. Dadurch, dass man dieses anonymisiert zurückbekommt, bekommt man auch positive Eindrücke zurück und ein Gesamtbild der Jurierleistung, die man erbracht hat. Das ist für mich eine Form von Wertschätzung, dass Leute sich die Zeit nehmen, einem dieses Feedback zu schreiben.

AM: Die Rednerkategorie Deutsch als Fremdsprache (DaF) war auch dieses Jahr wieder Teil der DDM. Wie gut war sie in das Turnier integriert und seht ihr das Potential für Ausbau?
Marion: Ich persönlich habe sie als sehr gut integriert erlebt und habe auch selbst Debatten mit DaF-Rednern juriert. Wir haben dabei auch tolle Reden gesehen. Ausbaupotential wäre eine Frage, die die Münsteraner am besten beantworten können hinsichtlich wie viele DaF-Redner sich gemeldet hatten für die vier Teamplätze.

AM: Welche Momente werden dir von der DDM in Erinnerung bleiben?

Marion: Viele Momente. Ich fand die Rede von Barbara sehr, sehr bewegend (Anm. d. Red.: Zu Beginn des Turniers wurde einem verstorbenen Debattierer gedacht). An die Breakverkündungen werde ich mich natürlich auch erinnern, wenn man die Spannung der Leute sieht. Aber auch das Finale, gerade weil ich das Gefühl hatte, dass das Publikum Spaß hatte und dass die Leute sich unterhalten haben. Es hat mich am Ende sehr glücklich gemacht, das Gefühl zu haben, dass die Leute ein schönes Turnier hatten. Man muss natürlich sagen, dass die Münsteraner bei der Organisation hervorragende Arbeit geleistet haben.

Die Fragen stellte Anne Gaa.

gaa/ama/hug

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