Erstis binden (nicht wörtlich gemeint)

Datum: 3. Dezember 2025
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature

Lisa Hauke ist seit einem Jahr Mitglied der Rederei Heidelberg und mittlerweile nicht nur Turniersiegerin, sondern auch ein wichtiger Teil des organisatorischen und sozialen Konstrukts des Clubs. Heute berichtet sie über die Integration von Einsteiger:innen in Clubs und den Effekt den Socials auf ihre Einstiegszeit in der Rederei hatten.

Als ich im November 2024 meine Freundin Maja [Ege] das erste Mal zu einem Clubabend begleitet habe, war ich zwar ziemlich unsicher, aber die Leute und die Stimmung waren nett und ich wollte irgendwie mehr über diesen spannenden Sport erfahren. Seitdem habe ich kaum einen Clubabend verpasst, bin auf Turniere gefahren und habe mich zunehmend ins Clubleben integriert. Aktuell bin ich zum Beispiel Teil der Cheforganisation der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft 2026 (das ist so ein kleines Turnier, dass immer um Pfingsten rum stattfindet) und mein Freundeskreis besteht primär aus Debattierenden.  Im Folgenden will ich erst erklären, wie für mich die Einbindung in den Club war und was erfahrene Clubmitglieder dafür getan haben und dann, wieso ich mir die Organisation einer DDM antue. Dabei geht es zum einen um meine persönliche Erfahrung in der Rederei, da das nun mal mein Club ist. Ich denke aber auch, dass ich ein paar allgemeinere Tipps zur Einbindung von Erstis geben kann aus Perspektive einer Person, die erst knapp ein Jahr debattiert. Diese habe ich am Ende noch einmal aufgelistet.

Wie alles anfing
Wie schon erwähnt hat Maja mich zum Debattieren mitgenommen, da sie schon Erfahrung durch Jugend debattiert hatte. Sonst wäre ich da wahrscheinlich nie hingegangen. Ich bin ein sehr schüchterner Mensch, deswegen überfordern mich große soziale Events schnell. Eine Person schon besser zu kennen, an die man sich wenden kann, hat mir am Anfang sehr geholfen mitzukommen. Ich hatte jemanden, den ich während meiner Rede panisch angucken konnte und der mir nach Debatten gut zugeredet hat.

Die Ersti-Abende bei der Rederei bestehen aus einem Kennenlernspiel und einer „Mini-Debatte“. Dass Kennenlernspiele die Atmosphäre verbessern, ist selbsterklärend. Spannender ist der Umgang der Vorstandsmitglieder mit neuen Personen bei der Debatte. Obwohl ich anfangs nur zuhören wollte, ermutigte mich der Vorstand, mitzureden. Vor anderen Menschen reden, machte mir Angst. Da ich auch von dem Thema wenig Ahnung hatte, wurde meine Nervosität nicht weniger. Trotzdem hatte ich eine gute Zeit. Das lag primär an 2 Dingen: Hilfe und Verständnis durch erfahrene Clubmitglieder und ausschließlich Verbesserungsfeedback.

Damals war Arvid [Baier] Präsident der Rederei und er jurierte unseren Raum. Ich erinnere mich noch, wie er vor der Debatte zu meinem Team, das nur aus Neulingen bestand, gekommen ist und Tipps gegeben hat. Dabei war er nicht bevormundend, sondern, hat nach unseren Ideen gefragt und dazu Sachen beigetragen. Nur wenn wir ihn explizit nach Material gefragt haben, hat er sich Argumente ausgedacht. Maja und mir ist das bis heute in Erinnerung geblieben, weil wir uns durch die offene und authentische Art ernstgenommen gefühlt haben. Er war nicht der ältere Erfahrene, der uns etwas vorschreibt und sowieso alles besser weiß, sondern eine Person auf Augenhöhe, die schon mehr Erfahrung hat. Jemand auf den man zugehen kann. Das hat Debattieren für mich sofort zugänglich gemacht.
Da Arvid außerdem nett war, wandte ich mich an ihn und beichtete ihm meine Nervosität. Arvid erzählte mir, dass er auch nervös ist, obwohl er schon mehrere Jahre dabei ist. Er meinte, man lernt, mit der Nervosität umzugehen, wenn man sich nur traut und übt. Das hat mir in dem Moment sehr viel bedeutet, einerseits, weil ich Arvid schon immer als sehr kompetent wahrgenommen habe und andererseits, weil ich das Gefühl hatte, mit der Nervosität nicht allein zu sein. Jeder hier ist oder war schon in der Situation, seine erste Rede zu halten. Es ist nicht schlimm, wenn es nicht perfekt ist. Mit dieser Sicherheit traute ich mich in meine erste Debatte.

In der Rederei gibt es bei OPD immer nur Verbesserungsfeedback (also nicht nur in der Erstiphase). Das beinhaltet eine sehr wertschätzende Jurierung, keine Gewinner und keine Punkte. Trotzdem bleibt das Feedback kritisch und man wird für Verbesserungen gelobt. Eine Bewertung kann sehr frustrierend sein, wenn man nicht die Punkte erreicht, die man sich wünscht und sie macht es sehr leicht sich mit anderen zu vergleichen. Durch das bewertungslose Verbesserungsfeedback beugt man diese Probleme vor, und spricht damit auch mehr Personen an. Es gibt diverse Gründe, zum Debattieren zu gehen, vom kompetitiven Reden bis hin zur sozialen Vernetzung. Mit reinem Verbesserungsfeedback werden diese Bedürfnisse umfangreich erfüllt. Meiner Meinung nach leben Clubs von der Diversität ihrer Mitglieder und den verschiedenen Perspektiven. Es muss nicht jeder viel Zeit ins Debattieren investieren, es ist okay, auch nur gelegentlich zu kommen. Zusätzlich werden Erfahrungsdifferenzen nicht so offensichtlich, wodurch sich alle mehr auf Augenhöhe sehen, was Gemeinschaftsgefühl und Familiarität stärkt. Der Anteil des Clubs, der eher kompetitiv debattiert, möchte natürlich Punkte und Gewinner haben, um sich effizienter verbessern zu können. Wie unser Club damit umgeht, erkläre ich, wenn ich über meinen Umgang mit der aktuellen Erstiphase rede.

Das wöchentliche Social
Nach dem Clubabend laden uns die Vorstandsmitglieder immer auf das Social ein. Dieses besteht daraus, gemeinsam zu einem Restaurant zu gehen, zu snacken und zu quatschen. Aufgrund der angenehmen Debattenatmosphäre sind wir am ersten Tag direkt mitgegangen. Dadurch habe ich die Clubmitglieder besser kennengelernt und konnte Freundschaften knüpfen. Ich finde es sehr praktisch, dass man sich immer über die Motion unterhalten konnte. So gibt es einen leichten Aufhänger, um ins Gespräch zu kommen. Zudem waren alle sehr offen, nett und zuvorkommend, was zu sehr spaßigen Socials führte. Ein paar Wochen später hatte ich ein paar nicht so gute Debatten, die meinen ursprünglichen Enthusiasmus ziemlich linderten, aber die netten Menschen ermutigten mich weiterhin, zu kommen. Dabei sehe ich die wiederholten Einladungen als essenziell an. Ein Clubmitglied nahm, trotz regelmäßiger Clubabendbesuche nicht an Socials teil. Trotzdem wurde er jede Woche wieder eingeladen, weswegen er nun wöchentlich mitkommt und sich viel im Club engagiert (beispielsweise hält er Interviews mit überforderten Redakteuren).

Dabei kann es auch sehr helfen, mit Freunden ins Debattieren zu gehen, denn selbst wenn solche Freunde zu Beginn eher unter sich bleiben, ermutigen sie sich fortlaufend, zusammenzukommen, auf Turniere zu fahren und neue Leute kennenzulernen. Ich glaube, ohne Maja wäre ich nicht langfristig beim Debattieren geblieben.

Gemeinsame Aktivitäten abgesehen vom wöchentlichen Social

Die Rederei auf einem Trampolinhalle-Social © Anna Markus


Neben den wöchentlichen Socials nach dem Clubabend, gab es auch ca. jeden Monate ein größeres Social. Diese reichen von Among Us spielen über Trampolinhallen bis hin zu Kanufahren. Ich finde diese Socials enorm wichtig, da man dort viel Zeit hat,

Clubmitglieder in neuen Kontexten kennenzulernen. Gemeinsame Aktivitäten brechen ebenfalls Gruppenstrukturen auf, sodass Mitglieder aus verschiedenen Generationen in Kontakt kommen. So werden langjährige Mitglieder über Freundschaften gehalten und haben einen weiteren Anlass zur Ersti-Förderung. Zudem sind Freundschaften der beste Anreiz, um Personen für Ehrenämter zu begeistern.

Man muss bei den Aktivitäten aber auf ein paar Faktoren achten. Geld ist immer ein großes Thema, vor allem für Studienanfänger, weswegen geringe Kosten sehr zu empfehlen sind. Dann ist die Hürde, mitzukommen, schon viel kleiner. Außerdem sollte man auf die Stimmung im Club achten, also darauf, worauf die Erstis so Lust haben. Zu früheren Rederei-Zeiten wurde mit Party und Freibier geworben, jetzt wiederum eher mit entspannten Spieleabenden und Rhetorik-Workshops. Die neuen Mitglieder hätte die alte Werbung wahrscheinlich eher abgeschreckt. Durch diese Socials bilden sich Beziehungen, die einen dazu verleiten, mehr zum Clubabend zu kommen, unabhängig davon, wie lange man schon dabei ist.

Zudem habe ich das Gefühl, dass, je weniger man an Socials teilnimmt, desto weniger kommt man auch zum Clubabend, engagiert sich im Club und fährt auf Turniere. Diese Personen buchen tendenziell andere Züge auf Turnierfahrten und sozialisieren sich generell weniger. Dadurch wird Engagement schwieriger, da das immer Zusammenarbeit bedeutet, und Zusammenarbeit ist schlichtweg einfacher mit Personen, die man kennt und mag.

Über diese Socials lernten Arvid und ich uns gut kennen und wurden über die Zeit gute Freunde. Als er mich dann fragte, ob ich nicht Lust hätte, eine DDM zu organisieren, sagte ich natürlich zu. Mir war bei dem DDM-Orga-Team ein angenehmes Miteinander sehr wichtig, weil wir ja jetzt schon viel Zeit miteinander verbringen. Gemeinsam auf langen Socials Werwolf zu spielen oder Filme zu gucken, lockert die Atmosphäre auf. Dadurch macht DDM-Orga sogar Spaß.

Wie ich heute mit der Ersti-Phase umgehe
Obwohl ich es ungerne zugebe, bin ich nun kein Ersti mehr und helfe aktuell gerne, neue Anfänger:innen in die Rederei zu integrieren. Ich muss zugeben, dass mir das nicht immer so leichtfällt. Vor jeder Debatte wird das Format nochmal erklärt, man muss Menschen viel an die Hand nehmen und viel erklären und oft jurieren. Dadurch wird es einerseits schwer, zu trainieren, und andererseits machen die Debatten auch einfach weniger Spaß. Oft sind Themen sehr simpel gehalten, Debatten bleiben eher einfach und einem wird in der Jurierung hereingeredet (und am besten noch erzählt, dass man ja keine Ahnung hat und hier ein Genie nicht anerkannt wird).
Das ist es am Ende aber alles wert: Wenn nur eine Person sich in den Sport verliebt und wir nur ein nettes Clubmitglied mehr für uns gewinnen konnten, hat sich die Arbeit schon gelohnt. Ich finde es auch süß, Erstis Dinge zu erklären und zu sehen, wie sie sich verbessern oder Tipps annehmen. Ich finde ihre Perspektiven auf Themen auch oft interessant, weil sie einfach nicht so verkopft sind. So eine Ersti-Phase ist gar nicht so schlecht, wie ich am Anfang dachte, sondern kann auch sehr viel Spaß machen.

Trotzdem muss ich viel jurieren und kann wenig selbst reden. Jetzt, wo ich zunehmend am kompetitiven Debattieren interessiert bin, decken die Clubabende nicht mehr das ab, was ich vom Debattieren will. Dafür hat unser Vorstand eine „Trainingsdebatte“ ins Leben gerufen, für Personen, die ihre Debattierfähigkeiten erweitern wollen. Dort gibt es auch eine Bewertung, aber kein Social, da sie nur für Verbesserung und Training da ist. Ich finde das sehr praktisch, weil der Clubabend so mehr casual bleibt, ohne Bewertung mit zugänglichen Themen, und die Training-Debatte auch mal anspruchsvollere Themen beinhaltet. So können die, die eher zum Spaß debattieren, zum Clubabend gehen und die Try-hards zur kompetitiven oder zu beiden Debatten. Das hilft auch Jurierenden, die Eichung nahe zu bringen. Wenn eine erfahrenere Person mit Ihnen juriert, bekommen Nachwuchsjurierende ein Gefühl für Punkte.

Socials in Ersti-Phasen unterscheiden sich meiner Meinung nach sehr von denen über das Semester. Als etwas erfahreneres Mitglied nimmt man eine Rolle ein, in der man versucht, neue Leute kennenzulernen und ihnen das Debattieren nahezubringen. Dabei ist es wichtig, sehr offen, nett und verständnisvoll zu sein. Wenn man jetzt noch darauf achtet, keine Fremdwörter wie Impact oder Mechanismus, zu benutzen und sich nicht in technischen Diskussionen zu verlieren, meistert man diese mit Perfektion. Zugegebenermaßen finde ich das gar nicht so einfach. Neben meinen Freunden sitzen und mich dann dazu zwingen, mit Fremden zu reden, kostet Überwindung, wird sich aber sicher schnell auszahlen. Ich denke mir immer: Fremde, sind nur Freunde, die man noch nicht kennengelernt hat (und man weiß ja nie, wann man einem zukünftigen DDM-Gewinner gegenübersteht). Mit der Zeit festigt sich auch eine kleinere Gruppe, die aktiv zu den Clubabenden kommt, und dann fällt es auch leichter, diese kennenzulernen. Es kann zwar auch frustrierend sein, nicht alle Leute halten zu können, aber das ist ganz normal. Debattieren ist nun mal nicht für jeden was.

Monatliche Socials mit Erstis
Persönlich helfen mir debattierunabhängige Socials, mich an neue Gesichter zu gewöhnen und sie kennenzulernen. Erst so werden Bekannte zu richtigen Freunden. Ich struggle etwas damit, auf neue Leute zuzugehen, aber der Vorstand und andere Clubmitglieder erinnern mich immer wieder daran, auch neue Leute kennenzulernen und offen zu bleiben. So habe ich auch schon neue Freunde kennengelernt, mit denen ich auch schon auf Turnieren reden konnte.

Fazit
Also was kann man aus diesem Artikel jetzt mitnehmen? Ich habe zentrale Tipps an Club und einzelne Debattierer hier nochmal zusammengefasst:

  1. Veranstaltet monatliche Socials. (Inspiration dafür gibt es nächste Woche von Josy)
  2. Redet nicht nur mit euren Freunden, sondern seid offen auch neue Leute kennenzulernen.
  3. Überlegt vielleicht, wen ihr mit euren Clubabenden ansprechen wollt und wie ihr das am besten umsetzen kann (Möglichkeiten wären dafür auch eventuell mal die Bepunktung auszulassen).

Wenn ihr noch Ideen oder Anmerkungen dazu habt, freue ich mich sehr über einen Kommentar unter dem Artikel.

Socials machen Spaß und man findet Freunde auch unabhängig vom Debattieren. Ich bin sehr dankbar für die ganze schöne Zeit, die ich so mit Clubmitgliedern verbringen konnte und habe so immer ein paar nette Geschichten über mein Studium zu erzählen. Mir ist es wichtig etwas zurückzugeben, in Form von Ehrenamt und ich glaube das geht nicht nur mir so.

 

 

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lh/aeh.

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