Probleme mit Themen II: Wie rette ich meine Themenidee?
Als Teil der Serie zum Chefjurieren weisst Anne Uder in diesem Artikel auf einige typische Probleme hin, auf welche man Themenideen prüfen sollte.
Oft sind sie durch kleinere Umstellungen in der Formulierung lösbar.
Im letzten Teil dieser Serie erschien bereits ein weiterer Artikel zu grundlegenderen Themenproblemen.
- Hat das Thema eine Double Burden?
Hierzu hat Andrea Gau in ihrem Artikel geschrieben, darum halte ich es kurz (und recycle ihr Beispiel):
DHW die Immunität von Politikern und Diplomaten aufheben.
Die Regierung muss beweisen, dass es sowohl für Politiker als auch für Diplomaten gut ist, die Immunität aufzuheben. Die Opposition muss, um zu gewinnen, nur zeigen, dass es für einen der beiden Fälle schlecht ist.
Außerdem wird die Debatte chaotisch, weil zwei Debatten gleichzeitig geführt werden.
Streng genommen keine double burden, aber dasselbe Problem tritt auch in Debatten auf, die “immer”, “in allen Fällen” oder “überall” beinhalten, ohne die andere Seite auf “nie” oder “nirgendwo” festzulegen. Die Opposition muss wieder nur einen Fall zeigen, in dem die Idee der Regierung nicht funktioniert, weil der Status Quo oder die realistische Alternative häufig ist, dass von Fall zu Fall unterschieden wird (was normalerweise besser ist).
- Gibt es keinen offensichtlichen Antrag?
Das schließt mehrere Dinge ein:
- Ist es für unerfahrene Teams sehr schwierig, einen sinnvollen Antrag zu finden, der ausgewogen und gut debattierbar ist?
- Gibt es einen Antrag, mit dem die Regierung es deutlich einfacher hat als die Opposition?
- Ist der Antrag so unklar genug, dass die Opposition sich nicht gut vorbereiten kann?
Themen mit einem riesigen Spielraum im Antrag machen es der Opposition extrem schwer vorherzusehen, wogegen sie überhaupt debattieren muss. Außerdem ist es für euch schwer herauszufinden, ob wirklich jeder der möglichen Anträge ausgeglichen ist.
Bei manchen Themen kann man sich in der Regierung für unterschiedliche Teamlines entscheiden, je nachdem welchen Antrag man stellt. Hier kann es Sinn machen, den Antragsspielraum breiter zu lassen.
Häufiger gibt es aber einen erwünschten Antrag.
In dem Fall solltet ihr das Thema so umformulieren, dass es für die Regierung nicht möglich ist, den schlechteren Antrag zu stellen. Gerade bei längerer Beschäftigung mit einem Thema hat man schnell das Gefühl, der Antrag wäre offensichtlich, obwohl er in der Praxis für viele Teams nicht so intuitiv ist.
Wenn der schlechtere Antrag offensichtlich wahnsinnig ist, gilt das natürlich nicht, ihr könnt auch nicht alle Teams vor sich selbst retten. Generell ist es in der Themenformulierung aber sinnvoll, Klarheit über Eleganz zu priorisieren.

Anne Uder beim Transrapid 2025 ©Mirza Polat
- Muss es eine First Person Motion sein?
Auch hier gibt es verschiedene Fälle:
- Euer Akteur ist eine Sammlung ganz vieler Akteure:
Die Interessen der allermeisten Akteure sind extrem schwer abzuschätzen. Das gilt vor allem für große Akteure. Wer ist China und wenn ja, wie viele?
Wenn eine Debatte aus der Sicht der feministischen Bewegung debattiert wird, geht es dann um alle Frauen? Geht es um die Frauen, die in der feministischen Bewegung aktiv sind? Geht es um das Konzept Feminismus? Viel davon ist in der Debatte sehr unklar und kann sich widersprechen (was ist, wenn jemand zeigt, dass es für die meisten Frauen besser wäre, wenn die feministische Bewegung nicht mehr existiert?).
Oft ist es gar nicht notwendig, die Debatte als First Person Motion zu führen. Ihr macht das Thema als First-Person Debatte automatisch kleiner als es sonst wäre und die Personen, die ihr gerade als Stakeholder definiert sind ja ohnehin auch im Bewertungsmaßstab.
- Abstrakte Akteure
Gemeint sind Themen wie „Wir, als ein junger Bürger von Land X…“. Das Land hat vermutlich sehr viele verschiedene Einwohner mit verschiedenen kulturellen, politischen und religiösen Prägungen, Meinungen und Interessen. Die Interessen dieser Stakeholder sind schwer bis unmöglich zu charakterisieren, dadurch ist die Jurierung der Debatte deutlich abhängiger von der Intuition der Jurierenden.
- Mittelt ihr über ganz viele Akteure?
Das sind Debatten wie „Dieses Haus würde in Entwicklungsländern…“ oder „Sollten westliche Staaten…“.
Das Problem ist, dass die allermeisten Maßnahmen eben nicht für jedes Land gleich gut oder schlecht sind. In der Realität könnte man die Maßnahmen in den Ländern umsetzen, in denen sie gut sind und in allen anderen nicht. Die Verallgemeinerung ist darum meistens eine unnatürliche und realitätsfremde Version der eigentlichen Frage, weil die Teams vertreten müssen, die Maßnahmen in allen oder in keinem Land umzusetzen. Das führt dazu, dass sich ein Großteil der Debatte darüber streitet, wie jetzt das durchschnittliche „Entwicklungsland“ aussieht und wie viele dieser Länder gewisse Charakteristika haben oder nicht haben. Das ist nicht nur super schwierig bis unmöglich zu quantifizieren, sondern lädt auch zu Verallgemeinerungen ein.
Natürlich hat die Alternativen (ein spezifisches Land wählen) auch Nachteile, weil man mehr spezifisches Wissen über dieses Land braucht. Oft lassen sich aber in diesen Debatten auch abstraktere Argumente machen.
Trotzdem ist das natürlich eine Abwägungsfrage, die ihr für euer spezifisches Thema beantworten müsst. Man sollte sich dieses Problem aber bewusst machen, auch wenn das eventuell bedeutet, dass das Thema nicht stellbar ist. Sollte ihr euch für eine allgemeine Version des Themas entscheiden, wird sich ein großer Teil der Debatte ins Framing verschieben, ihr müsst also auch das Framing gut casefilen.
Beachtet hierbei auch, welchen Referenzrahmen die beiden Formate (OPD und BPS) jeweils für die Debatte nahelegen würden. Wenn die Debatte in diesem Rahmen nicht funktioniert, solltet ihr ihn ändern.
- Kritisiert die Regierung die Opposition?
Zuletzt haben wir ein schönes Problem, weil es super einfach zu lösen ist.
Angenommen ihr habt ein Thema, in dem Schaden und Nutzen einer bestimmten Maßnahme debattiert werden (dabei ist der Operator nicht immer „Schaden/Nutzen“, sondern auch „begrüßen“, „bereuen“, „ablehnen, etc.).
Meistens ist es die elegantere Debatte, wenn die Regierung erstmal aufsetzen kann, was die Maßnahme ist und die Opposition sie dann kritisiert. Hier kann man einfach den Operator drehen (wenn ihr bisher bereut habt, begrüßt ihr jetzt, etc.).
Das ist auf keinen Fall absolut und bedeutet nicht, dass ihr euch jetzt nach jedem “bereuen” Thema bei den CAs beschweren solltet. Es ist im Wesentlichen eine ästhetische Überlegung.
Mit diesem Artikel ist der Block zu Themen abgeschlossen, die nächsten beiden Artikel beschäftigen sich mit Dynamiken in Jurierpanels und wie man gute Arbeitsprozesse findet.

Anne Uder debattiert seit 2022 beim Debattierclub Würzburg. Sie gewann letzte Saison unter anderem die WDM 2025, sowie die Campusdebatten Gießen und Münster, außerdem war sie beste Redner*in der Deutschsprachigen Debattierliga. Als Chefjurorin begleitete sie einige Turniere, unter anderem die DDM in Berlin. Aktuell ist sie Mitglied der OPD Regelkommission und Koordinatorin der DDL.
Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.
au/sb/aeh.