Lukas Haffert rezensiert: Monash Debate Review Vol. 10

Datum: 9. Januar 2013
Redakteur:
Kategorie: Rezension

Wer verstehen möchte, warum die in Deutschland ansonsten völlig unbekannte Monash University soeben in Berlin zum bereits fünften Mal die Weltmeisterschaft gewonnen hat, der wird die Antwort vermutlich in einer in Deutschland (noch?) undenkbaren Professionalisierung des Debattierens finden. Dazu gehört die jährliche Veröffentlichung der Monash Debate Review, gerade erschienen in der 10. Ausgabe, deren Anspruch der diesjährige Herausgeber Sam Block (Cambridge) wie folgt formuliert:

As editors, we wanted this issue to contain pieces worthy of an academic journal, and which went beyond how-to guides to debating of the sort which are widely available.”

Im Einklang mit dieser Vorgabe findet der Leser eine leidenschaftliche Verwendung des liebsten Spielzeugs aller Akademiker, der Fußnote, und am Ende einzelner Artikel auch zum Teil umfangreiche Literaturangaben, von Augustinus bis Bourdieu.

Man kann sicher geteilter Meinung sein, ob eine solche Professionalisierung wünschenswert ist. Wer sich aber die Mühe macht, die 92-seitigen Review zu lesen, wird jedenfalls mit debattierpraktischen, debattiertheoretischen und debattierphilosophischen Einsichten belohnt. Nicht alles ist aus deutscher Perspektive von unmittelbarer Relevanz, aber die Einblicke in uns fremde Debatten über das Debattieren sind durchaus anregend. Wer keine Zeit für alle Artikel hat, dem seien die Texte von Tim Lees und Rob Marrs im zweiten Teil der Review ans Herz gelegt.

MonashCoverDer erste Teil, der der Ausrichtung von Turnieren gewidmet ist, beginnt mit einem Destillat von Bob Nimmos Erfahrungen als Tabdirektor von zwei Welt- und vier Europameisterschaften. Seine Beschreibung eines idealtypischen Tabsystems dürften vor allem für die Ausrichter deutscher Meisterschaften und größerer internationaler Turniere von Interesse sein. Für alle Turnierausrichter relevant ist dagegen der Hinweis, dass die Turnierorganisation (Transfers, Essen, Ankündigungen) und das Tabbing zwei voneinander unabhängige Anlässe für Verzögerungen im Turnierablauf sein können und das daher eine enge Absprache zwischen Tabraum und Turnierorga nötig ist. Dies gilt nicht nur während des Turniers, sondern sicher auch bei der Erstellung des Zeitplans in seinem Vorfeld.

Art Ward diskutiert das Wachstum von Chefjurys auf Welt- und Europameisterschaften, die er (wohl zurecht) als „Bid Inflation“ charakterisiert und auf den Wettbewerb um die Ausrichtung eines solchen Turniers zurückführt. Die Nominierung von Chefjuroren aus bestimmten Ländern habe das Ziel, deren Stimme im Council zu bekommen. Als Lösung schlägt er eine Beschränkung der Bewerber auf zwei Namen vor, die nach der Vergabe um weitere Juroren ergänzt werden könne. Eine solche Regelung habe das EUDC Council im Sommer beschlossen. Deutschland hatte damals gegen eine solche Regelung gestimmt und der Rezensent fühlt sich durch den Artikel in diesem Votum bestärkt. Auch wenn Ward einige mögliche (aber kaum gravierende) Probleme dieser Tendenz zutreffend beschreibt, bleibt doch unklar, warum er eigentlich der demokratischen Entscheidung des Councils nicht über den Weg traut. Die Nominierung von Chefjuroren ist immer Politik und betrifft stets auch persönliche Eitelkeiten und fachliche Differenzen. Da scheint es nur fair, dass ein Ausrichter die Wahl aller seiner Chefjuroren vor einem Council (oder einer MV) zu verteidigen hat.

Herausgeber Sam Block beschließt den ersten Teil mit einer Diskussion der Frage, ob Laien, also Nicht-Debattierer, Debatten jurieren sollten. Im Zuge dessen gibt er eine lesenswerte Beschreibung eines idealtypischen Jurors – und warum ein Laie das nicht sein kann. Etwas unklar bleibt allerdings der argumentative Gegner seines Artikels. Niemand wird ja ernstlich behaupten, dass Laien bessere BPS-Juroren sind. Das Ziel von Ehrenjurys oder Abstimmungen über den Publikumsliebling ist ja gerade nicht ein besseres, sondern dezidiert ein anderes Urteil über die Debatte zu bekommen.

Der zweite Teil, „Scope of Debating“ befasst sich mit inhaltlichen Fragen des Debattierens. Tim Lees argumentiert für eine stärkere Einbindung theologischer Argumente in das Debattieren. Er beginnt mit einer umfassenden Kritik der „Western-Liberal-Democratic-Bubble“ in der sich das internationale Debattieren bewege. Diese Grundsatzkritik wird jedem deutschen Debattierer, der häufiger auf internationale Turniere fährt, aus dem Herzen sprechen. In der Tat ist die argumentative Währung, in der dort gezahlt wird, fast ausschließlich „Schaden“, definiert als aggregierter Nutzenverlust der Betroffenengruppe.  Ob nun gerade theologische Themen und Argumente der richtige Ansatz sind, diese Blase zum Platzen zu bringen, mag der Leser selbst beurteilen.

Alle Sympathien des Rezensenten gewinnt der Beitrag von Rob Marrs, eine ausgewogene aber in ihren Schlüssen klare Verteidigung von Sportthemen im Debattieren. Der Hauptpunkt seiner Argumentation ist, dass die Konflikte eines Sportthemas nie sportspezifisch sind und dass Sportthemen daher immer auch auf einer reinen Prinzipienebene debattiert werden können und praktisch nie durch Spezialwissen entschieden werden. Daneben verweist er darauf – und das hätte vielleicht eine noch stärkere Betonung verdient – dass Sport in Gesellschaft und Medien inzwischen eine so große Rolle einnimmt, dass man bei Debattierern gewisse Grundkenntnisse schlicht voraussetzen darf.

Der dritte Teil, „Analysing Debate“ von Lelia Glass und Colin Etnire, besteht aus einer sozio-linguistisch unterfütterten Beschreibung dessen, was man in OPD als die drei linken Kategorien bezeichnen würde. Wie benutzen Debattierer in den USA Mittel der Sprache, der Stimme und des Auftretens, um für ihre eigene Seite zu werben, ihre Gegner als darzustellen und das Publikum für sich zu gewinnen? Sie schließen mit einem Plädoyer für die rhetorischen Elemente des Debattierens, das sich offenbar auf ein spezifisches Problem des APDA-Zirkus bezieht: „We have illustrated that parliamentary debates are lost and won not just by the most lucid arguments, but by the most persuasive actors in our collective narrative of social reality. […], in identifying the social side of debate, we hope that the debating community will become slightly less suspicious of this aspect of itself, and perhaps even come to respect it.” Was den Respekt für die rhetorischen Elemente der Debatte angeht sind das europäische und insbesondere das deutsche Debattieren jedenfalls deutlich weiter.

Die vollständige 10. Ausgabe des Monash Debating Review kann hier gelesen werden.

 

Lukas Haffert / pst

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11 Kommentare zu “Lukas Haffert rezensiert: Monash Debate Review Vol. 10”

  1. Jörn (Bremen) sagt:

    @Lukas: Das ist ein sehr schöner Text, der Lust macht, die Ausgabe selbst zu lesen, aber auch informiert, wenn man dazu gerade nicht die Zeit aufwenden mag.
    Dass das Problem, dass Jurier-Laien aus wahltaktischen Gründen zu CJ ernannt werden, tatsächlich unbedeutend ist, kann ich nicht teilen. – Völlig richtig bleibt aber, dass die vorgestellte Lösung keine tatsächliche Lösung ist.

  2. Anja sagt:

    @Jörn: Dabei handelt es sich doch um zwei verschiedene Artikel: Art Ward beschreibt das Wachstum von Chefjurorenteams. Sam Block diskutiert dagegen, Nicht-Debattierer als (“einfache”) Juroren hinzuziehen. Also zu Turnieren oder Debatten ganz allgemein.

  3. Jörn(Bremen) sagt:

    @Anja: Ich glaube, du hast meinem Kommentar zu wenig Spitze unterstellt: Ich vertrete die Position, dass die aktuelle Politik, über CJ Stimmen zu kaufen nicht nur die Anzahl steigen lässt, sondern außerdem auch immer häufiger CJ nominiert werden, die kaum Erfahrung als Juror gesammelt haben.

  4. Jörn(Bremen) sagt:

    Toll, da fehlt jetzt mal wieder ein Komma nach “kaufen”.

  5. Michael sagt:

    Lieber Lukas,
    Schöner Artikel. Der Beitrag von Sam zielt höchstwahrscheinlich nicht gegen Ehrenjuries oder andere Laiendekoration in Europa, sondern nimmt eine Diskussion auf, die hier in den Staaten insbesondere im Schuldebattieren intensiv geführt wurde. Soweit ich weiß, haben die Ted Turner Debates in ihren ersten Jahren grundsätzlich ausschließlich Laien (Eltern, Freunde, etc.) als Juroren auf Turnieren eingesetzt um eine Entkopplung der Debatte von der Realität (wie sie bei NDT/CEDA ganz extrem und bei APDA/NPDA teilweise erkennbar ist) zu vermeiden. Meines Wissens ist der Versuch in die Hose gegangen.

  6. Michael S sagt:

    Die unfassbare Professionalisierung von der Lukas spricht ist vor allem hier zu sehen:
    http://www.monashdebaters.com/handbooks.php

    Und hier im Speziellen:
    http://www.monashdebaters.com/downloads/MAD%20Training%20Handbook%202010.pdf

    Die Monash Association of Debaters ist ungeheuerlich gut aufgestellt Neulingen zu verbessern. Die Ressourcen, die ihnen zur Verfügung gestellt, sind sehr detailliert und geben konkrete Hinweise zur Verbesserung, ohne sich auf Allgemeinplätzen aufzuhalten.
    Die “first principles” Diskussion im 2. Kapitel veranschaulicht das ganz gut. Hier werden Dossiers erstellt zu recht allgemeinen Fragen, die im Debattieren ständig auftauchen. Es wird konkrete Hilfe angeboten und jemand, der sich wirklich verbessern will, kann hier im Selbststudium sehr weit vorankommen.
    In wenigen Monaten ist es bereits möglich ein vergleichbares Wissen zu haben, wie jemand der jahrelang auf Turnieren war und sich alles in Kleinstarbeit herleiten musste.

    Ich kenne nichts Vergleichbares (in diesem Umfang) und bin beim Lesen immer wieder von neuem erstaunt, wie viel Detailkenntnis und Kleinstarbeit in diesem Club steckt.

    Ob das nun wünschenswert ist oder nicht ist, wie Lukas es bereits angemerkt hat, eine ganz andere Frage.

  7. Manuel A. sagt:

    Gott bewahre, dass auch deutsche Turniere künftig durch Vorbereitung statt durch Genie gewonnen werden!

  8. Daniel (Heidelberg) sagt:

    Re: Laien-Juroren

    Ich habe gerade in einem Uni-Seminar die Finaldebatte der WUDC 2013 aus Berlin gezeigt. Keiner der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat “professionelle” Erfahrungen, keiner ist im Debattieren involviert. Als Vorgabe habe ich nur genannt, man möge doch bitte beides bewerten, Form und Inhalt . Mit 1:2:4:16 haben die Laien das offiziellen Urteil bestätigt und Monash zum Sieger erklärt!

    Nicht repräsentativ, hat aber Spaß gemacht.

    Dank an Lukas für den Artikel, wenn auch Rob Marrs bei diesem Rezensenten allzu leichtes Spiel hatte 😉

    DS

  9. Michael S sagt:

    Daniel, auf welche anderen Teams wurde denn getippt?

  10. Daniel (Heidelberg) sagt:

    OG: 1
    OO: 2
    CG; 4
    CO: 16

    Cheers,

    DS

  11. Michael S sagt:

    Sehr interessant. Der 6:3 Split war am Ende zwischen den Oppositionen. Frage mich, ob das daran liegt, dass die letzten beiden Teams noch am Frischesten in Erinnerung sind.

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