Debattieren in Dänemark: Zu Gast in Roskilde

Datum: 17. Februar 2016
Redakteur:
Kategorie: International, Mittwochs-Feature

Am Freitag, dem 05. Februar, flogen von Frankfurt aus zwei Mitglieder von Clubs im Verband der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH) nach Kopenhagen. Willy Witthaut und Lennart Lokstein waren eingeladen, an der dänischen Roskilde University ein Wochenende lang interessierten Studierenden das Debattieren vorzustellen. Von der Arbeit dort und Eindrücken der Reise berichtet Lennart.

Wie das Projekt entstand

Es war eines dieser Projekte, die man irgendwann einmal als wirklich coole Idee in der Kategorie „sollte man mal machen“ verbucht. Entstanden ist sie vor allem aus glücklichem Zufall. Sine Carlsen, Dozentin für Rhetorik im Kommunikationsresort der Roskilde University (RUC), war im Frühjahr 2015 für einen Gastvortrag am Seminar für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen zu Besuch gewesen. Ich besuchte den Vortrag – es ging um eine Reise mit Studierenden zum Speaker’s Corner in London, bei dem praktische Rhetorik geübt worden war, und um die Lehrmethoden an der RUC. Nach dem Vortrag sprach ich sie aus Interesse an, ob in Roskilde denn auch debattiert würde – was sie verneinte. Dafür hatte sie aber bereits einen unserer Streitkultur-Flyer gefunden und geplant, sich dieses „Debattieren“ einmal anzusehen.

Fast ein Jahr bis zur Umsetzung - der Workshop in Roskilde. © Sine Carlsen

Knapp ein Jahr dauerte es, bis aus der ersten Idee Realität wurde. © Sine Carlsen

Das tat sie am nächsten Tag dann auch, an unserem Trainingstermin, für den wir daher kurzfristig noch eine Debatte organisierten. Sine fand das Debattieren sehr interessant – allgemein ist sie eine Person mit großem Interesse an angewandter Rhetorik. Es entstand der Gedanke, dass man auch in Roskilde einen Debattierclub gründen sollte – konkret, dass wir die RUC besuchen und das Debattieren vorstellen sollten. Wir tauschten also E-Mail-Adressen aus. Der erste Austausch war eher entmutigend: Wegen der Klausurenzeit auf beiden Seiten würde für konkrete Pläne eher erst der Herbst infrage kommen. Nach zwei E-Mails war daher monatelange Funkstille. Im Herbst allerdings kam Bewegung in die Sache: Sine erkundigte sich, wann und wo es mir und vielleicht noch einer weiteren Person denn möglich wäre, für einen Workshop nach Roskilde zu kommen. Da bislang die Kostenfrage noch recht offen war, erkundigte ich mich zunächst danach, denn als Student fliegt man, egal wie idealistisch, nicht mal eben nach Dänemark. Meine Überlegung war, ob Verein und die Deutsche Debattiergesellschaft (DDG) die Reise vielleicht fördern könnten. Glücklicherweise musste ich jedoch beide nicht anfragen, denn Sine bekam seitens der RUC die nötigen Gelder für unsere Reise und Versorgung vor Ort bewilligt, solange wir an der Uni schlafen würden – für crasherprobte Debattanten also kein Problem. So wurde für das Nikolauswochenende der entsprechende Termin angesetzt. Da dieser für eine Reise eher kurzfristig festgelegt wurde, war ich sehr froh, dass Willy, den ich für das Projekt hatte anwerben können, ebenfalls an diesem Termin Zeit finden konnte. Dieser erste Termin musste dann jedoch abgesagt werden: Die RUC-Studenten hatten gerade Prüfungszeit und meldeten Sine mehrfach, dass sie zwar gerne teilnehmen würden, aber zeitlich nicht könnten. Also wurde vorerst nichts aus dem Wochenende in Dänemark. Dafür konnte ich dann zumindest das Nikolausturnier in Münster besuchen.

Freitag – Es geht los

Stattdessen wurde das Frühjahr 2016 ins Auge gefasst, nach einiger Planung schließlich das Wochenende vom 05.-07. Februar. Flüge wurden gebucht, ein Konzept erarbeitet und dann ging es schließlich von Frankfurt aus nach Kopenhagen. Dort wurden wir von Sine mit dem Auto abgeholt und ins benachbarte Roskilde beziehungsweise auf den Campus der RUC, der recht isoliert inmitten von Feldern liegt, gebracht. Es war etwa 15 Uhr, als wir schließlich begannen, unseren Raum aufzubauen. Er war mit drei Kühlschränken und kompletter Kücheneinrichtung für einige Personen ausgestattet. Wie jedes Gebäude der RUC: Viele haben zudem noch Feldbetten und Duschen, falls die Studierenden an der Uni übernachten möchten. Wir – genau genommen Sine und einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer – haben dort am Wochenende mehrfach gekocht und leckeres Essen genossen. Doch ehe es das Abendessen gab, begann der Workshop. Über zehn Interessierte hatten sich aus den Reihen der Studierenden eingefunden. Insgesamt waren es 14, doch manche konnten nur an jeweils einem Tag. Seitens der Lehrenden waren Sine und Henryk, ein Philosoph aus dem Kommunikationsressort, vertreten. Alle waren sehr interessiert und offen und die Stimmung war das ganze Wochenende über ausgezeichnet. Zunächst wurden Namen ausgetauscht, dann stellten Willy und ich unserem Publikum vor, was genau denn das sein kann, Debattieren. Erstaunlich viel: Debatten, Cluballtag, öffentliche Veranstaltungen, Turniere, Freunde, Reisen.

Die Opposition, die die erste Roskilder Debatte gewann © Sine Carlsen

Die Opposition, die die erste Roskilder Debatte gewann © Sine Carlsen

Nach dieser Einführung kamen auch direkt die ersten Debattenregeln: Der Ablauf einer Debatte im Format der Offenen Parlamentarischen Debatte (OPD) und was die einzelnen Redner dabei in etwa tun sollten. Nach dem Abendessen und der 15 Minuten Vorbereitungszeit, die nach roskildischer Auslegung 35 Minuten dauerte, begann die erste Debatte mit ausführlichem Feedback. Die gesamte Kommunikation fand auf Englisch statt, denn außer Sine sprachen nur zwei Studierende Deutsch und weder Willy noch ich sprechen Dänisch. Danach – es mochte auf 11 Uhr abends zugehen – luden uns diejenigen Studierenden, die für das Wochenende nachts ebenfalls an der RUC blieben, auf die RUC-Semesterbeginnparty ein, eine beeindruckende Party – gesetzt, man hätte Dänisch gesprochen, mehr Leute gekannt und dänisches Geld dabeigehabt. Also beneideten wir lediglich kurz die zu bebendem Bass teilweise auf den Tischen tanzende Studierendenschar und gingen direkt schlafen.

Samstag – Argumente und Wikinger

Am Samstag ging es nach dem Frühstück direkt weiter, diesmal mit einem Argumentationsteil. Für das Mittagessen mussten wir einige Zeit warten, da wir in die Stadt fuhren und den Zug gerade verpasst hatten. Stattdessen hielten wir auf Initiative von Henryk hin Stehgreifreden zur Frage, ob mehr Überwachungskameras in der Öffentlichkeit gut oder schlecht wären. Schließlich kam der nächste Zug und wir fuhren nach Roskilde, wo wir Pizza aßen – „Pepperoni“ ist in Dänemark übrigens eine Wurstsorte, Jalapeños sind das gewünschte Gewächs. Anschließend bekamen wir von Henryk die örtlichen Wikingerboote gezeigt. Historisch komplett akkurat nachgebaut, im Wesentlichen mit Äxten und aus uralten Eichen, waren sie zum Teil selbst nach Jahrzehnten noch seetauglich. Henryk selbst hat vor 30 Jahren das erste der nachgebauten Boote mitgebaut. Seitdem segelt er mit seinen Freunden jeden Sommer über das Meer. Das größte der Boote war erst letztes Jahr nach Irland und zurück gesegelt. Gemeinsam mit den Studierenden lernten wir viel über Plankenherstellung und Werkzeuge zur damaligen Zeit. Danach waren – zurück auf dem Campus der RUC – wieder die Studierenden mit Lernen an der Reihe, diesmal im Format British Parliamentary Style (BPS). Die Studierenden erwiesen sich als ausgesprochen lernfähig. Das Feedback und der Argumentationsworkshop wurden direkt angewandt.

Austausch beim Abendessen

Auch während des Essens unterhalten sich RUCler und VDCHler angeregt. © Sine Carlsen

Beim Abendessen wurde weiter verschiedenstes Wissen ausgetauscht und diskutiert. Viele Studierenden schliefen nicht an der RUC selbst, aber eine Gruppe von inklusive uns neun Personen blieb zumindest bis zum letzten Zug und spielte eine Partie „Avalon“, ein wundervolles Spiel, das demnächst Einzug in deutschsprachige „Werwolf“- und „Resistance“-Kreise halten sollte. Anschließend fielen wir erschöpft in unsere Feldbetten. Der zweite Tag war wirklich schön und erschöpfend gewesen.

Sonntag – Was nun?

Für den Sonntagabend stand der Rückflug an, daher musste das Programm gegen 16 Uhr enden. Von dem einstigen Plan, an diesem Wochenende mehr als eine Debatte pro Format abhalten zu können, war bereits am Samstag Abstand genommen worden – doch das störte niemanden: Zwar hätten alle gerne mehr debattiert, doch die gute Atmosphäre und der weitaus länger als geplant dauernde Ausflug in die Stadt glichen das gut aus. Auch in den Pausen wurde ununterbrochen weiter gefragt und ausgetauscht. So kam am Sonntag vor allem ein großer Programmpunkt zur Geltung: Die nächsten Schritte zum Aufbau eines eigenen Debattierclubs an der RUC. Von Grundlagen und Organisationsstrukturen über Basics zur Mitgliederwerbung bis hin zur Integration in mögliche Debattierszenen war alles dabei. Auch die DDG, der VDCH-Kick-Off und das VDCH-Wiki wurden interessiert zur Kenntnis genommen. In Dänemark bestehen nämlich kaum Debattierclubs. Die beiden nächsten Debattierclubs für Roskilde scheinen Kopenhagen und das schwedische Lund zu sein. Zum Ende hin wurde schließlich noch vereinbart, sich wieder zu treffen – in Tübingen, in Roskilde, vielleicht bei weiteren Workshops, vielleicht bei ersten Turnieren. So endete das Wochenende an der RUC mit einem gemeinsamen Essen, während wir Videoausschnitte früherer Weltmeisterschaften und der vergangenen Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft ansahen. Zuletzt kamen noch musikalische Klassiker des Manchester IVs wie „In the bin“ oder „One round more“ auf die Leinwand – Debattanten-Satire, die die meisten bereits nachvollziehen konnten und gut zusammenfasste, was das Wochenende ausgemacht hatte: Spaß und Debattieren.

Rückblick

IN TRANQUILLO MORS, IN FLUCTUA VITA - das Motto der RUC © Lennart Lokstein

IN TRANQUILLO MORS, IN FLUCTU VITA – das Motto der RUC passt gut zum Eindruck, den ihre Studierenden erwecken © Lennart Lokstein

Ich habe mit Willy gesprochen und wenn es eines gibt, was wir von dem Wochenende besonders hervorheben wollen, dann ist es die großartige Mentalität der RUC. Selten zuvor sind uns so viele so eigenständige und offene Menschen begegnet, wie dort – und das beinhaltet auch unsere Dozenten und Studierende, die nicht am Workshop teilnahmen. Wer über ein Auslandssemester nachdenkt, aber noch keine genaue Idee hat, wohin, sollte sich definitiv einmal über die RUC informieren. Wir möchten uns bei all den tollen Menschen bedanken, die wir dort kennenlernen durften, und insbesondere bei Sine, die die universitätsseitige Organisation übernommen hat. Ob die RUC nun einen langfristig bestehenden Debattierclub gründen wird, lässt sich natürlich erst in ein bis zwei Jahren sicher sagen, doch wir stehen weiterhin in Kontakt mit unseren Freunden und das erste Treffen des noch namenlosen Debattierclubs findet diesen Donnerstag statt. Ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn VDCH-Land bald mehr Neuigkeiten aus Roskilde hört.

 

Mittwochs-Feature

Lennart Lokstein ist Chefredakteur der Achten Minute. Er war von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Streitkultur e.V. in Tübingen und ist seit 2014 Mitglied der OPD-Regelkommission. Er gewann zahlreiche Turniere und erhielt auf der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft 2015 den Preis für die beste Finalrede. Er ist Beirat des VDCH für Jurierseminare und arbeitet an einer Masterarbeit in Allgemeiner Rhetorik zum Hochschuldebattieren in Europa.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

lok/hug – zuletzt aktualisiert am 17.02.16 um 20.45 Uhr

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