„Es hat für mich einen sehr großen Reiz, alles zu hinterfragen“ – DDG-Nachwuchspreisträgerin Susanna Wirthgen im Interview

Datum: 15. Juli 2021
Redakteur:
Kategorie: DDG, Menschen

Bei der diesjährigen Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft verlieh das Konklave der Deutschen Debattiergesellschaft den Nachwuchspreis an Susanna Wirthgen. Im Interview mit der Achten Minute stellt sie sich vor.

Die DDG-Nachwuchspreisträgerin 2021: Susanna Wirthgen – © Privat

Hallo Susanna, herzlichen Glückwunsch zu deinem Nachwuchspreis! Könntest du dich zu Beginn für die Leute, die dich noch nicht kennen, kurz vorstellen?

Ich bin Susanna, bin 20 und studiere im schönen Potsdam Politik und VWL.

Du warst bei der DDM während der Nachwuchspreis-Verkündung zunächst gar nicht anwesend. Wie hast du mitbekommen, dass du den Preis bekommen hast, und wie war deine Reaktion?

Ich war an dem Abend bei einer Freundin und wir haben meinen Geburtstag nachgefeiert. Irgendwann hat dann mein Telefon geklingelt und es war Matthias aus Münster, der meinte „Susanna, wir vermissen dich hier, du hast gerade den Nachwuchspreis bekommen!“. Meine erste Reaktion war dann, dass ich mich in den Boden geschämt habe, weil ich das so unhöflich fand, dass ich nicht anwesend war. Bei meiner Freundin habe ich dann erstmal versucht, auf irgendeinem Gerät Gathertown zum Laufen zu bringen. Das hat aber auch erstmal nicht geklappt und nach einer halben Stunde war ich dann endlich eingeloggt.

Hast du danach noch mit deinem Club gefeiert?

Wir hatten vorletzte Woche seit längerer Zeit mal wieder ein größeres Präsenztreffen an einem See in Potsdam. Da hat Jun das erwähnt und dann haben wir gemeinsam angestoßen und noch Wikingerschach gespielt, das war sehr schön.

Wie hast du zum Debattieren gefunden?

Ich habe in der 12. Klasse in einem sehr kleinen Debattierclub an meiner Schule debattiert. Ich weiß gar nicht so genau, welches Format das war, für mich war das einfach „Debattieren“. In meinem letzten Schuljahr war ich auch auf zwei englischsprachigen Turnieren in Stuttgart und Prag. So hat das angefangen. Ich habe aber schon immer sehr gerne mit Leuten diskutiert, das ging sogar so weit, dass meine Mutter ein „Keine-Diskussionen-am-Esstisch“-Verbot verhängt hat. Da musste ich mir dann einen anderen Ort suchen, um das auszuleben.

Gibt es etwas, das du am Debattieren besonders magst?

Einmal mag ich den sozialen Aspekt davon sehr gerne. Ohne die Menschen drumherum würde das auf jeden Fall nicht so viel Spaß machen. Zum anderen mag ich es, dass man auch mal Prämissen auseinanderbrechen muss, die man sonst als komplett selbstverständlich erachtet. Das hat für mich einen sehr großen Reiz, alles zu hinterfragen. Das ist eine Sache, mit der ich schon seitdem ich denken kann, alle Menschen in meinem Umfeld genervt habe. Und jetzt habe ich Leute gefunden, die daran genauso viel Spaß haben.

Du debattierst nicht erst seit dieser Saison. Hast du vielleicht schon ein paar Tipps für Leute, die den Neueinstieg in das Debattieren wagen?

Mein einer Tipp, und das hat Jun, unser Präsident in Potsdam mir auch von Anfang an gesagt, ist: Auf Turniere fahren. Dadurch allein lernt man so viel, das motiviert auch richtig und gibt Lust. Ich glaube, Debattieren kann auch sehr frustrierend sein, wenn man ein Thema hat, das einem nicht so liegt oder man einen schlechten Tag hatte. Dieses ganze soziale Drumherum, dieses Turniergefühl, die Socials geben einem dann noch einmal richtig Kraft und man hat gar keine Zeit, sich über seine Fehler zu ärgern, weil so viele Menschen einen aufheitern. Potsdam ist ja auch ein eher kleiner Club, da hat man auf Turnieren nochmal die besondere Chance mit vielen verschiedenen Menschen, von denen man lernen kann, zu reden.

Du hast gerade schon angesprochen, dass Potsdam zu den kleinen Clubs zählt. Würdest du sagen, dass dich das in deiner Debattierentwicklung geprägt hat?

Ich weiß natürlich nicht, wie es in größeren Clubs ist und habe da keinen richtigen Vergleich. Aber ich denke, dass mein Debattierweg ganz entscheidend davon geprägt ist, dass ich in einem kleinen Club angefangen habe. Ich habe im Oktober 2019 angefangen mit dem Debattieren und schon nach zwei Wochen habe ich einen Anruf von Jun bekommen mit der Frage, ob ich am nächsten Wochenende auf einem Turnier jurieren will. Ich meinte dann nur, dass ich das noch nie gemacht habe und er meinte: „Kein Problem, erkläre ich dir auf der Autofahrt.“. Dadurch, dass wir so wenig Leute sind, war ich direkt mittendrin und in alles eingebunden. Das ist auch immer so geblieben, dass man sich nicht zurücklehnen kann und deswegen „gezwungen“ ist, Erfahrungen zu sammeln und über sich hinaus zu wachsen. Zum Reden fahren wir auch ab und zu nach Berlin, was ja ein größerer Club ist. Das ist eine ganz andere Erfahrung, weil es dort viel mehr Menschen mit unterschiedlichen Leistungsniveaus gibt, von denen man etwas lernen kann. Deswegen denke ich auch, dass uns Potsdamer mit den Berlinern eine schöne Freundschaft verbindet.

Gibt es etwas, das große Clubs deiner Meinung nach tun können, um den kleinen mehr zur Seite zu stehen?

Was die Sache bei uns kleinen Clubs ist, ist dass wir zwar auch sehr gute Menschen haben, aber nicht so viele wie bei den größeren Clubs. Diese Expertise, die große Clubs haben, kommt einfach nicht so gut bei uns an. Bei uns halten dann zum Beispiel nur die Leute aus dem Vorstand Inputs. Ich fände das schön, wenn es da etwas mehr Wissensfluss gibt, weil wir davon sicher alle nur profitieren können. Zum Beispiel durch das Online-Debattieren könnte man ein paar Aspekte der Einstiegsphase clubübergreifend gestalten.

Susanna beim Potsdamer Clubabend – © Privat

Du bist auch jetzt schon Vorstandsmitglied in Potsdam und hast die Nordostdeutsche Debattiermeisterschaft organisiert. Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Wir wählen nächsten Montag den Vorstand neu und ich würde, sofern mein Club das möchte, gerne weiter im Vorstand bleiben. In welcher Funktion ist mir nicht so wichtig, da lasse ich allen anderen den Vortritt, vor allem, weil ich nächstes Semester erstmal im Ausland bin. Allgemein möchte ich weiter debattieren, weiter Inputs im Club geben und auch Turniere ausrichten. Das ist zwar stressig, aber da weiß ich immer, dass ich etwas mache, was anderen Menschen eine schöne Erfahrung bereitet.

Hast du darüber hinaus auch andere Ziele für das Debattieren?

Ich würde wirklich gerne mal ein Turnier mit jemandem reden, der nicht aus meinem Club ist. An sich debattiere ich aber, weil es mir Spaß macht und nicht, weil ich etwas Großes gewinnen will. Und ich würde gerne mal wieder auf ein Präsenzturnier fahren, vor allem würde ich gerne ein Präsenz-DDM erleben.

Gibt es Personen in der Debattierszene, von denen du besonders gelernt hast oder die du vielleicht sogar als deine Vorbilder bezeichnen würdest?

Da gibt es ein paar Leute in der Debattierszene, vornehmlich Frauen. Ich habe das Gefühl, dass Frauen, wenn sie überzeugend sein wollen, häufig vorgeworfen wird, dass sie gereizt wirken. Ich finde, dass das gerade deswegen eine große Kunst ist, wenn Frauen es schaffen, dieses Feminine zu nehmen und daraus etwas Überzeugendes und Eindringliches machen. Lara Tarbuk ist da zum Beispiel eine tolle Rednerin, sie redet einem richtig ins Gewissen. Oder bei Btissam Boulakhrif aus Hannover denke ich immer, wenn sie redet, dass ich auch gerne so reden würde.

Zum Schluss noch eine ganz klassische Frage: Welches Format ist besser? OPD oder BP?

(Lacht.) Bei dieser Frage kann man nicht gewinnen. Sagen wir es so: Ich bin in BP schlechter, weil ich definitiv im Bereich Mechanisieren noch einiges lernen muss. Ich rede beides sehr, sehr gerne. Ich juriere BP lieber, weil ich OPD-Jurierungen als ein wenig trocken empfinde. Beide Formate haben aber sicher ihre Vor- und Nachteile. Am Ende des Tages ist für mich aber Debattieren Debattieren und es geht viel mehr um die Dinge drumherum, als die Punktzahl, die man am Ende hat. Eigentlich nimmt sich das für mich also nicht so viel, außer das in BP eine größere Schwachstelle liegt, an der ich arbeiten muss.

Gibt es sonst noch etwas, dass du hier gerne festhalten möchtest?

Ich würde gerne verschriftlichen, dass ich so dankbar bin, Jun zu haben. Er ist wirklich mein großer Debattierbruder. Seit der ersten Woche, in der ich in Potsdam angefangen habe, zu debattieren, habe ich so viel von ihm gelernt und konnte so viele schöne Debattiermomente mit ihm teilen. Das ist mir wichtig, das festzuhalten.

Vielen Dank für das Gespräch!

lh.

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