Wie man seine Vorbereitungszeit strukturieren kann – ein BPS-Leitfaden von Jakobus Jaspersen

Datum: 12. Oktober 2022
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature

Diese Woche kommt unser Mittwochs-Feature in Form eines Schemas für die Vorbereitungszeit einer Debatte im BPS-Format. Jakobus Jaspersen führt aus, wie er sich in sechs inhaltlichen Schritten durch die fünfzehn Minuten von der Themenverkündung zum Debattenbeginn arbeitet.

Einleitung

„Debatten werden in der Vorbereitungszeit gewonnen oder verloren.“ Da ich vermute, dass diese vielfach geäußerte Aussage zumindest zu 60% der Wahrheit entspricht, werde ich im Folgenden darlegen, wie man die Vorbereitungszeit sinnvoll strukturieren kann. Wie stets ist dies nicht als eine unbedingt einzuhaltende Einleitung zu verstehen, sondern als eine Anregung, oder, unnötig kompliziert ausgedrückt, eine Reflektionsgrundlage. Entscheidend ist letztlich, was für euch funktioniert. Und wenn ihr Orakelknochen werfen wollt, um euren Case zu bestimmen und damit Erfolg habt, dann lasst euch nicht aufhalten. (Solange es keine menschlichen Knochen sind. Das fände ich, je nachdem wie alt sie sind, ein bisschen oder sehr bedenklich.)

 

Man kann die Vorbereitungszeit abzüglich von Toilettenpause, Herumirren und Kekseerbeuten in sechs Schritte gliedern:

  1. Lesen der Motion
  2. Individuelles Brainstorming
  3. Komparativ und Antrag
  4. Entscheidende Fragen und Clashes
  5. Charakterisierungen
  6. Case und Argumente

 

Eröffnende Teams einer Debatte im BPS-Format werden in aller Regel den Großteil ihrer Zeit für den letzten Schritt aufwenden, schließende Teams für den vierten Schritt. Die genaue zeitliche Gewichtung hängt von der Motion und vom Erfahrungslevel der Teams ab. Weniger erfahrene Teams müssen mehr Zeit in die Ausarbeitung ihrer Argumente investieren. Ein solide argumentiertes Argument vorweisen zu können ist im Zweifelsfall wichtiger, als einen strategischen Überblick über die Debatte zu haben. Mit fortschreitendem Niveaus gewinnt letzteres jedoch mehr und mehr an Bedeutung.

Das klare Aufeinanderfolgen der Schritte suggeriert eine Geradlinigkeit, die in Wirklichkeit natürlich nicht immer gegeben ist. Es kommt vor, dass man einen oder mehrere Schritte zurückgehen oder zwischen einzelnen Schritten wechseln muss.

 

1. Lesen der Motion

Beginnen wir mit dem ersten Schritt: dem Lesen der Motion. Vielen wird dieser Schritt  selbstverständlich erscheinen. Die Empirie sagt jedoch, dass nicht alle Teams diesen Schritt mit der notwendigen Sorgfalt durchführen. Es reicht nicht, 70% der Motion zu lesen und sich den Rest zu denken. Man muss jedes Wort lesen. Es reicht auch nicht, die Motion zu lesen, sich zu denken: „Ah – das ist quasi die Soundso-Motion, die ich schon mal geredet oder vorbereitet hatte.“ Man muss sich genau überlegen, was will die Motion, welche Seite vertrete ich und was bedeutet die Form der Motion für die Debatte.

Betrachten wir das Beispiel: „DHG, die feministische Bewegung sollte sich für laxere Waffengesetze für Frauen einsetzen.“ Zu viele Teams reduzieren so ein Thema gedanklich auf: „DH begrüßt laxere Waffengesetze für Frauen.“ oder „DHG laxere Waffengesetze für Frauen seien im Interesse der feministischen Bewegung.“ Beides sind relevante Unterpunkte, doch nicht die gesamte Debatte. Das ursprüngliche Thema aus den Augen zu verlieren kann sich rächen. Im angesprochenen Beispiel könnte ein schließendes Team zum Beispiel sinngemäß sagen: „Laxere Waffengesetze für Frauen werden so oder so nicht kommen. Die entscheidende Frage ist das Image der feministischen Bewegung.“

 

2. Individuelles Brainstorming

Der zweite Schritt ist individuelles Brainstorming. Dies bedeutet, dass beide Teammitglieder kurz in sich gehen, in ihren Gedanken rühren und gucken, was so nach oben treibt. Für mich persönlich hat sich als nützlich erwiesen, auch dabei einer klaren Struktur zu folgen. Gedanken haben sonst wie Henry Hudson die lästige Angewohnheit, sich auf waghalsige Expeditionen von zweifelhafter Sinnhaftigkeit einzulassen. (Da behaupte nochmal jemand, ich würde nicht genug Referenzen auf erfolglose Seefahrer des 17. Jh. einbauen.) Ich frage mich immer zuerst, welche Bereiche oder Ebenen die Debatte berührt und welche Akteure betroffen sind. Anschließend überlege ich, was die offensichtlichen Streitpunkte der Debatte sind.

Manche bevorzugen es, im individuellen Brainstorming bereits tiefergehende strategische Überlegungen anzustellen und Argumente durchzugehen. Ich glaube, dass man diese Schritte idealerweise in Kommunikation mit seinem Partner oder seiner Partnerin bearbeitet. Doch dies hängt maßgeblich davon ab, wie effizient man mit diesem oder dieser kommunizieren kann. Das ist in erster Linie eine Frage der Übung. Im Idealfall weiß der jeweils andere nach ein paar Worten und Sätzen bereits, worauf man hinauswill. Alle Äußerungen in der Vorbereitungszeit sollte man (im Gegensatz zu Achte Minute-Artikeln) so knapp wie irgend möglich halten und darauf vertrauen, dass das Gegenüber nachfragt, wenn etwas unklar bleibt. Auf die Gefahr hin, wie ein Paartherapeut zu klingen: Seinen Partner oder seine Partnerin gut zu kennen, ihm oder ihr zu vertrauen und sich selbst zu trauen, offen und ehrlich in der Kommunikation zu sein sind die Fundamente einer erfolgreichen Partnerschaft. Den Fähigkeiten und Bedürfnissen des Partners oder der Partnerin muss in der Vorbereitungszeit Rechnung getragen werden, sowohl was die Form der Arbeitsteilung, als auch was die emotionale Ansprache betrifft. Ich habe mit Menschen zusammen geredet, die ein paar ermutigende Worte brauchten. Ich habe auch mit Menschen zusammen geredet, denen ich permanent „Respice post te, hominem te esse memento.“ zuraunen musste. (Dies ist ein Witz für die 1,5 Althistoriker*innen, die diesen Artikel lesen werden.)

 

3. Komparativ und Antrag

Der dritte Schritt ist, sich zu überlegen und darauf zu einigen, welche Welten sich gegenüberstehen und welche Rolle ggf. der Antrag spielt. Metaphorisch gesprochen geht es darum, das Spielfeld abzustecken. Das Ziel ist nicht, die verschiedenen Welten durchzuexerzieren, sondern sich klarzumachen, welchen Unterschied die Motion zwischen den Welten genau postuliert und was am Anfang der Debatte geklärt werden muss. Dieser Schritt sollte normalerweise nicht mehr als ein oder zwei Minuten einnehmen.

Betrachten wir das Beispiel: „DH bevorzugt eine Welt ohne Atomwaffen.“ Bevor man sich mit gewieften strategischen Überlegungen und kunstvoll konstruierten Argumenten vergnügt, müssen ein paar Fragen beantwortet werden. Was fällt alles unter den Begriff Atomwaffen? Bedeutet das, dass die Welt auch in Zukunft keine Atomwaffen mehr entwickeln kann? Welche Länder haben im Moment Atomwaffen und welche Länder werden sie in absehbarer Zukunft haben? Nehmen wir an, dass alle Staaten sich darauf einigen, ihre Atomwaffen zu vernichten oder nehmen wir an, dass sie magisch verschwinden oder nehmen wir an, dass es nie Atomwaffen gab? All diese Fragen sind nicht schwer zu beantworten. Trotzdem sollte man dies nicht als trivial abtun. Man läuft sonst Gefahr, ausmanövriert zu werden. Einen Großteil dieser Fragen wird die Eröffnende Regierung adressieren müssen (wenn sie die Jurierenden nicht unglücklich machen möchte, wovon stets abzuraten ist). Tut sie dies nicht zufriedenstellend, sollte die Opposition unbedingt nachhaken.

 

4. Entscheidende Fragen und Clashes

Im vierten Schritt versucht man, die Debatte mit seinen mächtigen Gehirnfähigkeiten strategisch zu durchdringen. Ich würde davon abraten, zu viel Zeit dafür aufzuwenden, sich in die Gegenseite hineinzuversetzen. Meiner Erfahrung nach ist es sinnvoller, zu versuchen, eine neutrale Position einzunehmen und sich zu fragen, was für einen Außenstehenden bzw. einen Jurierenden die Debatte entscheiden würde. Welches Szenario wird die eine Seite plausibilisieren wollen und welches die andere Seite? Woran entscheidet sich, als wie plausibel diese jeweils wahrgenommen werden würden? Woran entscheidet sich, welcher moralische Wert den Szenarien jeweils zugeschrieben werden würde? Motions sind in diesem Zusammenhang leider wie Wildschweine und erweisen sich häufig als unkooperativer und widerborstiger als man erhofft hatte, als man in die Arena stieg. Im Gegensatz zu Wildschweinen kann man Motions jedoch mit einiger Erfahrung ganz gut beikommen (und das Verletzungsrisiko ist mit Ausnahme des eigenen Stolzes auch eher gering).

Im zuletzt erwähnten Beispiel wären die entscheidenden Fragen vermutlich, wie wahrscheinlich Atomkrieg und konventioneller Krieg auf beiden Seiten des Hauses jeweils wären. Von großer Bedeutung dafür sind die Charakterisierungen der relevanten Entscheidungsträger, weshalb sich die Teams um diese streiten würden. Darüber hinaus wären Veränderungen in Rüstungsausgaben und diplomatischem Verhalten relevant. Es ist hilfreich, verschiedene Streitfragen zu hierarchisieren. Je wichtiger die Streitfrage, desto lohnender die Auseinandersetzung.

Schließende Teams sollten in aller Regel den Großteil ihrer Vorbereitungszeit mit der strategischen Auseinandersetzung verbringen. Dies erlaubt ihnen im Idealfall, die eröffnenden Teams analytisch auszustechen oder zumindest diesen Anschein zu erwecken. Die eröffnenden Teams hingegen können sich überlegen, wie sie der schließenden Hälfte das Wasser abgraben können. Alle Argumente einmal anzulecken und wieder zurückzulegen reicht dabei nicht aus. Es müssen die notwendigen argumentativen Schritte unternommen werden, um entweder zu begründen, warum die eigenen Argumente debattenentscheidend seien oder um alle relevanten Argumente in einer Tiefe zu bearbeiten, die eine substantielle Vertiefung für das schließende Team unmöglich macht.

Alle Teams sollten außerdem ein paar Gedanken für mögliche Abwägungen aufwenden. Wie könnte man beispielsweise ein geringeres Atomkriegsrisiko gegenüber einem höheren konventionellen Kriegsrisiko zu seinen Gunsten abwägen? Diesen Schritt kann man in den eröffnenden Teams auch an den zweiten Redenden delegieren, während die andere Person sich bereits den nächsten Schritten widmet.

 

5. Charakterisierungen

Der fünfte Schritt besteht darin, die Charakterisierungen auszuarbeiten, die im vorigen Schritt als relevant erkannt wurden. „Jakobus – wo kann ich nachlesen, wie man gut charakterisiert? Und vielen Dank schon mal für diesen wunderbaren, lehrreichen und lustigen Artikel!“ „Kein Problem und gute Frage imaginierte*r Leser*in. Vor einer Weile wurde hier auf der Achten Minute ein entsprechender Artikel veröffentlicht (Link).“

 

6. Case und Argumente

Der fünfte Schritt geht fließend in den sechsten über. Dieser umfasst die Konstruktion des eigenen Cases, das Sammeln und Ausarbeiten der eigenen Argumente. Wenn alles nach Plan läuft, hat man zu diesem Zeitpunkt eine recht klare Zielvorstellung und kann seinen Case daran ausrichten. Auf der eröffnenden Hälfte ergibt es meist Sinn, dass beide zusammen an der ersten Rede arbeiten. Die Zusammenarbeit kann dabei verschiedene Formen annehmen mit mehr oder weniger Input von der als zweite redenden Person. Wichtig ist es, einen Modus Operandi zu finden, der für beide funktioniert. Wovon ich aus Zeitgründen abraten würde, ist eine strikte Trennung zwischen Rede- und Schreibphase. Man sollte lernen, möglichst früh sinnvolle Redebausteine zu Papier zu bringen, am Besten auf eine Art und Weise, die spätere Revision einfach macht. Eine ebenfalls nützliche Fähigkeit ist, mit möglichst wenig Geschriebenem auszukommen. Auch das spart Zeit und schont obendrein die Bäume.

Eine wichtige Entscheidung, die es als eröffnendes Team zu treffen gilt, ist, wie man das Material zwischen den Reden aufteilt. Ich tendiere dazu, alle wichtigen Punkte in die vordere Rede zu schieben. Die hintere Rede braucht mehr Zeit für Rebuttal und kann nachbessern, was in der ersten Rede unklar blieb oder erfolgreich von der Gegenseite angegriffen wurde. Dies ist allerdings sowohl vom Thema, als auch den individuellen Vorlieben der Redenden abhängig. Aus strategischen Gründen sogenanntes Backloading zu betreiben, ist in den allermeisten Fällen nicht sinnvoll. Im besten Fall schwächt man eins von drei gegnerischen Teams marginal und geht den Jurierenden auf die Nerven. Außerdem sammelt man schlechtes Karma und wird deshalb eventuell vom Blitz getroffen, was unangenehm sein soll.

Ist die erste redende Person damit beschäftigt, die eigene Rede auszuformulieren, kann die andere Person die Zeit nutzen, weitere strategische Überlegungen anzustellen, sich weitere Mechanismen, etc. einfallen zu lassen oder die eigene Rede zu schreiben.

Für schließende Teams sieht der sechste Schritt anders aus. Da sie noch nicht wissen, was ihr Case sein wird, können sie die Zeit dafür aufwenden, Rohmaterial für einen solchen anzuhäufen: Charakterisierungen, Mechanismen, Analysen, Abwägungen, etc. Dieses Material kann dann später mit Blick auf den Debattenfortschritt sortiert und ausgearbeitet werden.

 

Jakobus Jaspersen – Foto: Eigenaufnahme

Schluss

Ich hoffe, dieser Artikel hat euch einige Anregungen dazu gegeben, wie ihr eure Vorbereitungszeit effektiver nutzen könnt. Wie bei den meisten Dingen im Leben gilt auch hier: Probieren geht über Studieren. Und an alle Nicht-Rederei-Teams noch eine abschließende Botschaft: Gewinnen ist nicht so wichtig. Hauptsächlich geht es doch darum, Spaß zu haben.

 

Jakobus Jaspersen debattiert seit 2015 bei der Rederei e.V. in Heidelberg. Er war Finalist der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaften 2016, 2017, 2018 und chefjurierte sie 2020. Jakobus promoviert derzeit in Wirtschaftsgeschichte an der Universität Heidelberg.

Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

 

Artikel-Vorschaubild von: Venita Oberholster auf pixabay.com

lok.

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2 Kommentare zu “Wie man seine Vorbereitungszeit strukturieren kann – ein BPS-Leitfaden von Jakobus Jaspersen”

  1. Johannes Klug sagt:

    Sehr gute Zusammenfassung! Vielen Dank!

  2. René G sagt:

    Schöner Artikel! Aber ich möchte noch einmal nachdrücklich die Wichtigkeit von Toilettengängen betonen. Ohne diese kann eigentlich keine gute Debatte gelingen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, sie sind der Hauptzweck der Vorbereitungszeit. Sie schaffen die notwendige Grundlage für eine gute Debatte und ein würdehaftes Mensch sein.

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