Für einen anderen kleinen Break

Datum: 25. Januar 2023
Redakteur:
Kategorie: Das Thema, Mittwochs-Feature

Was ist der kleine Break und könnte man ihn nicht besser ausgestalten? Mit dieser Frage hat sich Tim Reitze auseinandergesetzt und stellt im Mittwochs-Feature nun einen Vorschlag zur Verbesserung vor.

Einleitung

Alexander schrieb im Mittwochs-Feature letzte Woche:

„Ich hatte Herzrasen bei dem Gedanken, meine erste freie Rede direkt auf einem Turnier zu halten, ohne meine Freunde an meiner Seite, in einem Raum voller fremder Menschen.“

Dieses anfängliche Problem mit Fraktionsfreien Reden kennen viele, denke ich, nur zu gut und hieraus folgt ein Problem für Campus-Debatten im OPD-Format… und +2 Punkte Kontaktfähigkeit für meinen Artikel. Jetzt nur noch ein mittelmäßiger Witz zu Beginn und Ende des Artikels und 50+ Punkte sollten meinem Artikel, trotz des eher trockenen Inhalts, hoffentlich sicher sein.

Ich möchte heute erläutern, warum ich denke, dass der kleine Break auf Campus-Debatten so angepasst werden sollte, dass niemand mehr drei Fraktionsfreie Reden in den Vorrunden hält.

Was ist der kleine Break?

In OPD gibt es Einzel- und Teampunkte. Da Teampunkte ungefähr 2/5 der Punkte ausmachen, sammeln Teams in Runden, in denen sie Fraktionsfreie Reden halten, weniger Punkte.

Dies ist kein Problem, wenn die Rundenanzahl bei einem Turnier durch drei teilbar ist. Dann hält jedes Team in einer Runde Fraktionsfreie Reden und debattiert zweimal als Team. Wenn die Rundenzahl jedoch nicht durch drei teilbar ist, können nicht alle Teams gleich oft im Team reden. Um sportliche Fairness zwischen den breakrelevanten Teams zu gewährleisten, kommt der kleine Break ins Spiel, welcher im OPD-Regelwerk aktuell wie folgt geregelt ist:

„Sollte es der Organisation nicht möglich sein, eine durch drei teilbare Anzahl an Debattenrunden zu organisieren, so ist es zulässig, nach der höchsten durch drei teilbaren Anzahl an Runden (mindestens drei) noch ein oder zwei weitere Runden anzuhängen, in denen die an der letzten durch drei teilbaren Rundenzahl punktehöchsten zwei Drittel der Teams in Fraktionen als Regierung und Opposition reden, während das punkteniedrigste Drittel der Teams ein bis zwei Runden nur noch Fraktionsfreie Redner*innen stellt.“

Bei einer Campus-Debatte hält also das schwächste Drittel der Teams in drei Runden Fraktionsfreie Reden und redet nur zweimal als Team. Hier möchte ich eine Änderung vorschlagen, die es allen Teams ermöglichen soll, mindestens drei Runden zusammen als Team zu reden.

Regelvorschlag:

In VR 4 hält wie gehabt das nach VR 3 schwächste Drittel der Teams Fraktionsfreie Reden. In VR 5 hält die im Tab nach VR 4 weniger erfolgreiche Hälfte derjenigen Teams, die in VR 4 als Fraktion geredet haben, Fraktionsfreie Reden.

Tim Reitze bei der Campus-Debatte Freiburg 2022 – Foto: Robert Wiebalck

Hintergrund des Vorschlags:

Insbesondere für Anfänger sind drei Fraktionsfreie Reden auf Campus-Debatten meiner Ansicht nach weder schön noch hilfreich. Erstens ist es wahrscheinlich angenehmer, im Team zu reden. Man hat bekannte Leute im Raum und muss sich nicht alleine Argumente überlegen. Beides gibt vermutlich Sicherheit. Dagegen ist es in Runde 4 und 5 sogar oft besonders schwierig, Fraktionsfreier Redner zu sein, da beide Teams im Raum relativ gut sind und potenziell weniger Argumente übriglassen. Auch die Aussicht, ab jetzt nur noch fraktionsfrei zu reden, hat zumindest mir, bei meinem ersten Kontakt mit der unteren Seite des kleinen Breaks, keinen Spaß gemacht – aber nein, der Artikel ist keine Traumabewältigung, dafür bin ich einfach auf BPS umgestiegen.

Zusätzlich funktioniert Anfängerförderung mit der aktuellen Regelung weniger gut. Es gibt häufig Teams, die aus zwei unerfahrenen und einem erfahrenen Debattierer bestehen. Es gibt Debattierer, die zwei Anfänger über den kleinen Break ziehen und dann in vier Runden ihre Anfänger unterstützen können. Aber der häufigere Fall ist, dass man nur 2 Runden hat um sich richtig um seine Anfänger zu kümmern, während man sich in den anderen Runden darauf beschränken muss, sie mit Spanferkeln zu füttern oder ihnen das Köpfchen zu tätscheln.

Aufwand:

Vielleicht hat der eine oder die andere von euch bei diesem Artikel einen kleinen mürrischen Friedrich Merz im Ohr. Und jaja, natürlich würde sich hiermit nicht die Debattierwelt verändern und es gibt bestimmt wichtigere Dinge.

Das Schöne ist aber, dass diese Änderung sehr leicht umzusetzen ist. Hierzu müsste es lediglich eine Mini-Anpassung im Tabprogramm geben, welche laut Julius aka dem Hüter des Tabprogramms überhaupt kein Problem ist (berühmte letzte Worte).

Spezifikationen zur sportlichen Fairness:

Der kleine Break ist eine sinnvolle Regel, um sportliche Fairness für den Halbfinalbreak zu gewährleisten. Das heißt, der kleine Break sollte die Chance von Teams auf den großen Break nicht signifikant verschlechtern. Bei OPD-Campus-Debatten breaken vier Teams und es gab in der Vergangenheit stets 9 Räume. Wenn in Runde 5 das mittlere Drittel der Teams freie Reden hält, haben diese Teams anschließend keine Chance mehr auf den großen Break. Die Frage ist also, ob die Teams, die nach 4 Vorrunden auf den Plätzen 10-18 liegen, eine realistische Chance haben, noch den vierten Platz zu erreichen. Hierzu können wir die Tabs von vier OPD-Campus-Debatten in Präsenz betrachten.

Mir ist bewusst, dass eine Statistik von einem Debattierer ungefähr so glaubwürdig ist wie Olaf Scholz vor einem Untersuchungsausschuss. Aber ich schwöre aus tiefster Seele, dass ich alle Zahlen wirklich ausgerechnet habe. Auch wenn das bei einem Mathematiker zugegebenermaßen nur geringfügig vertrauenswürdiger ist als ausgedachte Zahlen.

Da die beiden Online-Campus-Debatten 2021 sehr klein waren (und, nunja, online…) habe ich sie außenvorgelassen.  Bei den vier letzten OPD-Campus-Debatten in Präsenz betrug nach 4 Runden der Abstand zwischen Platz 4 und Platz 10 mindestens 48,83 Punkte (CD Hamburg 2022) und maximal 92,93 Punkte (CD Heidelberg 2022). Die CDs 2019 in Mannheim und Mainz liegen mit 70,46 und 66,84 Punkten Differenz dazwischen.

Auch eine Differenz von nur 48,83 Punkten ist in einer Runde kaum einholbar. Denn das Team auf Platz 10 müsste alle Teams von Platz 4-9 überholen. Solange nicht alle Teams von Platz 4-9 die Juroren mit Wurfkrokodilen bewerfen, ist das eher unwahrscheinlich. Trotzdem schlage ich vor, diese Regel nur bei Turnieren mit mindestens 8 Räumen anzuwenden. Somit hätten in Runde 5 immer noch mindestens 8 Teams eine Chance auf den Halbfinalbreak, eine Art Viertelfinale also.

Verallgemeinert würde dies bedeuten, dass in Runde 5 das mittlere Drittel fraktionsfreie Reden hält, wenn die Zahl der teilnehmenden Teams größer gleich 6*Breakende Teams ist.

Die neue Regel könnte dann lauten:

„Sollte es der Organisation nicht möglich sein, eine durch drei teilbare Anzahl an Debattenrunden zu organisieren, so ist es zulässig, nach der höchsten durch drei teilbare Anzahl an Runden (mindestens drei) noch ein oder zwei weitere Runden anzuhängen. In der ersten weiteren Runde hält das punkteniedrigste Drittel der Teams Fraktionsfreie Reden. Für eine potenzielle zweite weitere Runde gilt: Wenn die Anzahl der teilnehmenden Teams größer gleich 6*breakende Teams ist, hält die nach Tab schwächere Hälfte der Teams, die in der Runde zuvor im Team geredet haben, Fraktionsfreie Reden. Ansonsten hält erneut das untere Drittel der Teams Fraktionsfreie Reden.“

PS: Natürlich gäbe es auch noch eine elegantere Verbesserungsmöglichkeit für OPD-Campus-Debatten, die ich aber hier nicht weiter ausführen kann. Ich verrate nur so viel: Bei dieser Lösung müsste niemand mehr freie Reden halten.

Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

Tim Reitze debattiert seit 2015 in der Rederei Heidelberg. Er studierte Mathematik in Heidelberg und ist seit einem Jahr berufstätig. Tim hat in Heidelberg u.a. die Deutschsprachige Debattiermeisterschaft 2019 und die Campus-Debatten 2021, 2022 und 2023 organisiert.

Tim Reitze/lok.

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9 Kommentare zu “Für einen anderen kleinen Break”

  1. Konrad G. (Tü) sagt:

    Klingt gut!
    Mich würde ein Stimmungsbild unter neueren Debattierenden interessieren, wie gut/schlecht sie die bisherige Regelung mit 2 freien Reden finden. Da mit deinem Vorschlag allerdings praktisch keine Schäden/Kosten einhergehen, sollte das auf jeden Fall mal ausprobiert werden.

  2. Johannes M. (Köln/Münster) sagt:

    „Natürlich gäbe es auch noch eine elegantere Verbesserungsmöglichkeit für OPD-Campus-Debatten, die ich aber hier nicht weiter ausführen kann. Ich verrate nur so viel: Bei dieser Lösung müsste niemand mehr freie Reden halten.“

    6 Vorrunden! 🤩

    1. Johannes M. (Köln/Münster) sagt:

      Oder freie Reden direkt abschaffen. 🤩🤩

  3. Sibylla J. (Hamburg/Rederei) sagt:

    Schöne Idee! 🙂 Könnte man ja mal auf der nächsten Campus Debatte ausprobieren oder bewirft einen dann die Regelkommission mit Wurfrokodilen?

  4. Lennart Lokstein sagt:

    Ich darf im Namen der OPD-Regelkommission ausrichten, dass wir uns Tims Vorschlag gerne in unserer nächsten Sitzung widmen und ihn diskutieren werden. 🙂

  5. Marina Kojic sagt:

    Wurde bestimmt schon mal gefragt, vielleicht könnt ihr mich dahin verweisen:
    Warum gibt es beim OPD kein Power Pairing das gesamte Turnier über?

    1. Jan E. sagt:

      Ich meine mich zu erinnern, dass ich das 2015 mal diskutiert habe aber wir im Kern zu dem Ergebnis kamen, dass es mindestens sehr kompliziert ist, vielleicht gar unmöglich. Das schwierige ist natürlich der Umgang mit freien Reden. Ich bin gerade faul und möchte es nicht voll durchdenken, aber es gibt da auf jeden Fall einige Komplikationen.

      Unabhängig davon gibt es ja auch einige Gründe, die gegen Powerpairing insgesamt sprechen. Das wäre aber eine Diskussion, die erst dann spannend wird, wenn tatsächlich jemand ein gutes Powerpairing-Modell für OPD vorschlägt.

    2. Konrad G. (Tü) sagt:

      Es gab immer große Bedenken, ob gute Teams sich dann gegenseitig hochziehen würden. Also die Frage, ob Teams abhängig vom Erfahrungsgrad der Gegner mehr oder weniger Punkte kriegen würden.
      Ich hätte mir das auch immer gewünscht.
      Allerdings wird das im aktuellen kleinen Break System ja wenigstens teilweise praktiziert.

  6. René G. (Rederei Heidelberg) sagt:

    Spätestens wenn ich hier Grausamkeiten wie „oder freie Reden direkt abschaffen“ lese, kann ich mich echt nicht mehr zurückhalten und muss doch auch mal etwas zur Ehrenrettung der freien Rede sagen.
    ich persönlich fand sie, auch als Anfänger, immer ultra cool. klar, man ist irgendwie auf sich allein gestellt, und gerade als Anfänger mag das bedrohlich wirken, aber andererseits muss man auch nur halb so lange reden wie bei einer normalen Rede, man hat deutlich mehr (mindestens doppelt so viel) Vorbereitungszeit, kann sich von dem inspirieren lassen was in der Debatte passiert und muss am Ende des Tages nur eine einzige Sache machen. dazu kommt, dass es deutlich entspannter ist freie Reden zu halten, weil man eine freie Vorbereitungszeit hat in der man mal ganz in Ruhe einen Kaffee trinken kann ohne direkt zur nächsten Runde hetzen zu müssen.

    soll bedeuten: ich finde Tims Vorschlag schon ehrenwert und denke, dass man ihn umsetzen sollte, aber nur unter der Bedingung, dass sich seine Prämisse, nämlich, dass Anfänger es eher unangenehm finden drei freie Reden zu halten überhaupt als korrekt herausstellt und diesbezüglich wäre ich mir gar nicht mal so sicher. und freie Reden ganz abzuschaffen, ist ja wohl ein schlechter Scherz… ich weiß es ist Ende Januar und in Köln läuft die Karnevalssaison auf Hochtouren, aber ich bitte dich, lieber Johannes, irgendwo hört der Spaß auch auf.

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