Problematische Dynamiken in CA-Panels
Chefjurierende sind auch nur Menschen und werden Opfer von Gruppendynamiken.
Dieser Artikel von Anne Uder, als Teil der Serie zum Chefjurieren, soll im Wesentlichen sensibilisieren und auf Dynamiken aufmerksam machen, die sich in manchen Panels entwickeln und den CA Prozess behindern oder schlechter machen.
Es geht in diesem Artikel nur um Probleme, die zu schlechteren Themen führen.
Es kann z.B. auch soziale Gründe in einem Panel geben, wegen welchen ihr euch unwohl oder falsch behandelt fühlt, hier kann euch im Zweifel auch die VDCH-Equity weiterhelfen.
Formulierungsauslegung (Was genau wollt ihr eigentlich?)
Häufig hat man eine vage Problemstellung im Kopf und hätte gerne, dass Teams darüber reden. Dann bastelt man daraus eine Themenformulierung, das Panel redet zwei Sitzungen lang darüber, was man jetzt genau damit meint, wie man es auslegt und am Ende überzeugt man sich gegenseitig davon, dass die Formulierung das auch so sagt.
Teams haben diese Zeit nicht, Jurierende legen das Thema vielleicht anders aus, als Redner, alle Teilnehmer:innen der Debatte sind verwirrt oder frustriert,
vielleicht entwickelt sich sogar eine Metadebatte in der Debatte was genau die Motion eigentlich von den Teams will.
Faustregel: Wenn ihr länger darüber sprechen müsst, welche Argumente jetzt gelten und welche nicht und man sinnvoller Weise mehrere Positionen vertreten kann, ist es eine schlechte Formulierung.
Wenn man länger über ein Thema geredet hat, das ein bisschen vage ist, fragt man sich am Ende nochmal: Was genau wollen wir von den Teams? Das sollte in euer Thema oder Factsheet.
Oft kommt dann in diesen Themen der Einwand „Aber das können sich Teams ja denken“. Das ist nicht vollständig illegitim, natürlich kann man nicht alles im Thema regeln, jede Formulierung kann missverstanden werden.
Im Zweifel würde ich Uneindeutigkeiten aber immer klarstellen. Vielleicht werden sich viele Team schon das richtige denken, aber ihr verliert meistens nichts, wenn ihr eine falsche Auslegung direkt aus der Formulierung ausschließt und ihr rettet potentiell drei freie Redende und drei Jurierende davor eine Stunde lang in einer Debatte zu leiden, deren Teams das Thema falsch verstanden haben.
Wie Andrea Gau in ihrem Artikel zum Chefjurieren geschrieben hat, ist ein Debattierthema im Prinzip eine Handlungsanweisung, die ihr den Teams gebt. Ein möglichst kurzes Thema (bzw. ein Thema ohne Factsheet) ist zwar elegant, aber kein Selbstzweck. Alle Redner haben lieber einen Satz mehr und wissen was sie tun sollen oder dürfen, als einen Satz weniger und eine konfuse Debatte.
Fachwissen entwickelt sich
Ihr habt quasi beliebig viel Zeit ein Casefile zu schreiben, Teams auf einem Turnier haben nur 15 Minuten. Manche Themen haben vielleicht auf beiden Seiten genug Material, um ausgeglichen zu sein. Trotzdem ist es vielleicht nicht ausgeglichen, wenn ein Team erstmal 12 Minuten nachdenken muss oder sehr spezifisches Wissen haben muss, um überhaupt Argumente zu finden, während die Teamline der anderen Seite direkt klar ist.
Manchmal überzeugt man sich als CA Panel im Laufe des Themenfindungsprozesses gegenseitig, dass ein Thema ausgewogen ist, obwohl es in der Realität für ein Team deutlich einfacher ist zu gewinnen.
Es gibt ein paar Möglichkeiten dieses Risiko einzudämmen:
- Manchmal finden Teile des Panels ein Thema intuitiv unausgeglichen und ihr entscheidet euch trotzdem dazu ein Casefile zu machen. Behaltet diese initialen Bedenken im Hinterkopf oder vermerkt sie irgendwo.
- Manche CAs machen beim Casefileschreiben eine Vorbereitungszeit für die Regierung und eine für die Opposition, damit sie wissen, was ihnen realistisch eingefallen wäre. Danach sollte man nochmal recherchieren und genauer überlegen, welche Argumente es noch gibt, die andere Debattierende finden könnten, die sich eventuell besser auskennen.
- Es ist sehr hilfreich, das Thema nochmal jemandem außerhalb des Panels zu geben. Das hat auch viele andere Vorteile, dazu kommt nächste Woche ein MiFi von Sven.
Kill your Darlings
In Clubdebatten ist es absolut legitim kompetitive Ausgeglichenheit auf dem Altar des Debattenspaßes zu opfern. Manchmal macht es einfach Spaß, spannende Themen zu debattieren, auch wenn sie nicht ausgeglichen sind. Ihr solltet euch aber fragen, ob euch das Ganze auch dann noch Spaß macht, wenn es euch den Break kostet, weil ihr von Anfang an keine Chance hattet die Debatte zu gewinnen.
Dabei geht es nicht nur um Ausgeglichenheit. Manche Themen sind total spannende Gesprächsthemen, aber eignen sich einfach nicht für das Format einer Debatte, z.B. weil sie zu breit, unkonkret oder große Teile der Argumentation extrem spekulativ sind. Nicht jede spannende Frage ist eine gute Debatte. Das sind oft Themenbereiche, bei denen man sehr lange versucht eine konkrete Formulierung zu finden, weil man unbedingt ein Thema in diesem Bereich stellen will.
Auch hier sind euch Teams selten dankbar, wenn ihr ihnen ein spannendes Gesprächsthema fürs Social gebt, aber eine verworrene und unzufriedenstellende Debatte in Kauf nehmt.
Risikofaktoren dafür sind:
- Ihr könnt keine konkreten Beispiele finden, die klar auf einer Seite stehen oder es gibt Beispiele, die man sinnvollerweise auf beiden Seiten claimen kann.
- Das Thema würde rückwirkend sehr viel ändern.
- Viele der Impacts sind nicht eindeutig gut oder schlecht, sondern einfach anders.
Zu großes Vertrauen in die Autorität mancher Panel Mitglieder
Es wird in den meisten Panels erfahrene Chefjurierende geben oder auch Personen, die sich in gewissen Fachbereichen besser auskennen. Es macht Sinn diese Expertise einzubeziehen, das macht es für die anderen Panel Mitglieder aber schwer, ihre Bedenken zu Ausgewogenheit oder Tiefe durchzusetzen, wenn die erfahrene Person der Meinung ist, dass „das schon passt“. Ich glaube nicht, dass irgendjemand das absichtlich macht. Diese Machtdynamiken entstehen in diversen Panels ganz automatisch. Ich will aber sowohl erfahrene Personen sensibilisieren, darauf zu achten, als auch unerfahrene Personen darin bestärken, sich hier nicht nur vom Halo einer Person überzeugen zu lassen.
Gerade bei Nischenthemen ist das sehr wichtig, weil die meisten Turnierteilnehmer:innen eben auch wenig über das Thema wissen werden. Es reicht nicht, wenn eine Person, die drei Uni-Seminare zu dem Thema belegt hat, das Thema ausgewogen findet. Auch für Menschen ohne dieses Fachwissen muss es fair sein. Gleichzeitig muss das Thema natürlich auch für Personen mit viel Fachwissen funktionieren. Das Fachwissen muss einem also auf beiden Seiten der Debatte gleich viel oder wenig bringen.
Freundschaftsdynamiken
Es kann sein, dass durch Freundschaften oder Beziehungen innerhalb eines Panels ein Ungleichgewicht entsteht, bei dem die Meinung einer oder mehrerer Personen im Panel weniger wertgeschätzt wird oder eine Person sich weniger stark in der Lage fühlt, Gehör für eigene Meinungen zu finden. Wenn man viel Zeit miteinander verbringt, kann es außerdem sein, dass man ähnliche Biases in Bezug auf Themen hat.
Dieses Risiko sollte am besten schon bei der Zusammensetzung des Panels bedacht werden. Insbesondere sollten aber die Personen, die eine enge Beziehung haben, sicherstellen, dass die übrigen Teile des Panels adäquat in den Prozess eingebunden werden und sie ihre eigenen Biases hinterfragen.

Wie stellt man sicher dass in der Debatte gute Themen ankommen? – Foto: Debattierclub Würzburg

Anne Uder debattiert seit 2022 beim Debattierclub Würzburg. Sie gewann letzte Saison unter anderem die WDM 2025, sowie die Campusdebatten Gießen und Münster, außerdem war sie beste Redner*in der Deutschsprachigen Debattierliga. Als Chefjurorin begleitete sie einige Turniere, unter anderem die DDM in Berlin. Aktuell ist sie Mitglied der OPD Regelkommission und Koordinatorin der DDL.
Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.
au/sb/aeh.