Wie Redende der Szene – und sich selbst (am meisten) schaden
Till Beese schreibt über die aktuelle Jurierendensituation, die Notwendigkeit für Solidarität in der Szene und die individuellen Vorteile, die Debattierende aus dem Jurieren gewinnen können.
Wer auf Debattierturniere fährt, will in der Regel am Liebsten reden. Das ist grundsätzlich erst mal verständlich und zunächst auch völlig legitim. Allerdings liegt genau hier ein struktureller Fehler, welcher zunehmend Probleme in der Szene verursacht: Wollen nämlich alle reden, kaum jemand aber jurieren, dann gerät das System in Schieflage. Der zunehmende Mangel an erfahrenen Jurierenden ist längst keine Seltenheit mehr, sondern prägt den Turnieralltag spürbar; leider mit Konsequenzen für Fairness, Qualität und letztlich für das Erlebnis aller Beteiligten, einschließlich und insbesondere der Redenden selbst.
Im Folgenden möchte ich:
- die Probleme des Status quo spezifizieren
- das zentrale Prinzip erörtern, welches unseren Sport überhaupt erst möglich macht
- veranschaulichen, warum jede*r eigentlich ein großes Incentive zum Jurieren haben sollte
- zeigen, warum dies insbesondere für Anfänger*innen gilt
- ein kurzes Fazit ziehen
- Status Quo – Ein System am Limit

Till Beese ist seit 2017 als Redner und Juror in der Szene aktiv
Augenscheinlich scheinen die Turniere formal weiterhin irgendwie zu funktionieren, da die nötige Anzahl an Jurierenden in aller Regel irgendwie doch erreicht wird, oder?
Mitnichten! Bei genauerer Betrachtung sieht das Ganze praktisch gänzlich anders aus: Fast jedes CA-Panel klagt über akute Engpässe an „sicheren“ bzw. „zuverlässigen“ Chairs bis kurz vor Turnierbeginn und ist nicht selten gezwungen, solche kurzfristig in den eigenen Netzwerken zu akquirieren. Die wenigen verfügbaren Hauptjurierenden müssen dann Runde um Runde mit viel zu wenigen – teils sogar gänzlich ohne – Pausen „durch chairen“, häufig mit wenig Unterstützung oder unerfahrenen Wings.
Die Folgen sind absehbar: Erschöpfung, sinkende Aufmerksamkeit, sinkende Motivation.
Das allein wäre mit Blick auf das Turniererlebnis der Judges schon schlimm genug, doch ein nicht minder schlimmes Problem folgt wiederum daraus:
Schwieriger nachvollziehbare Calls, weniger brauchbares Feedback, schlimmstenfalls gar inkonsistente Bewertungen, die dann wiederum Frustration, Ärger und das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein nach sich ziehen können.
- Das Solidaritätsproblem
Debattieren ist – bei aller Konkurrenz – noch immer ein solidarisches System. Turniere funktionieren nur, wenn genügend Menschen bereit sind, die weniger glamouröse Rolle der Judges zu übernehmen. Wer ausschließlich als Redner*in teilnimmt, profitiert von der Solidarität anderer, ohne selbst etwas zurückzugeben.
Die Spieltheorie hat für solche Situationen ein Konzept entwickelt, welches den meisten wahrscheinlich unter dem Namen „Gefangenendilemma (engl. prisoner’s dilemma)“ bekannt sein dürfte:
Individuell betrachtet ist es rational, immer als Redner*in anzutreten, um den eigenen Nutzen zu maximieren. Kollektiv führt dieses Verhalten jedoch zum Kollaps der Jurierqualität. Die Lösung kann daher nicht darin bestehen, den Gemeinschaftsnutzen aus den Augen zu verlieren, sondern muss Solidarität systematisch einbeziehen. Aber wie?
Ich sehe zwei potenziell vielversprechende Möglichkeiten:
- Jede und jeder sollte für sich eine Jurierquote definieren.
Ob 80:20, 50:50 oder irgendwas dazwischen ist völlig egal. Entscheidend ist die Verbindlichkeit, mit der diese Quote eingehalten wird, und nicht das individuell für angemessen befundene Verhältnis.
Ohne solche Selbstverpflichtungen wird sich die aktuelle Situation nicht verbessern, sondern wahrscheinlich sogar eher verschärfen, da schon jetzt erfahrene Jurierende zunehmend die Motivation verlieren, wenn sie immer wieder dieselben Gesichter auf der Rednerliste sehen, während sie selbst dauerhaft und ohne Verschnaufpause im Chair auf der Jurierendenbank sitzen.
- Die Clubs in die Verantwortung nehmen
Da dieses Problem uns alle gleichermaßen betrifft, liegt die Verantwortung logischerweise nicht nur bei Individuen, sondern auch bei den Clubs. Wer Turnierplätze vergibt, sollte berücksichtigen, ob die entsprechenden eigenen Mitglieder auch in angemessenem Maße zum Funktionieren der Szene beitragen. Wer mehrfach hintereinander ausschließlich redet, sollte aktiv angesprochen werden. Eine einfache, aber wirkungsvolle Maßnahme wäre es beispielsweise, dass die Turnierplätze an die Bereitschaft zu jurieren gekoppelt würden. Gerade bei den größeren Clubs, die paradoxerweise unverhältnismäßig stark zu diesem Problem beitragen, wird mit Sicherheit keine mangelnde Nachfrage an den Teamplätzen bestehen, die dadurch frei würden. Dass dies keine Sanktion darstellt, sondern ein Sicherungsmechanismus zum Schutze des Turniererlebnisses aller ist, versteht sich an dieser Stelle, glaube ich, von selbst.
- Das Incentive: Jurieren als Wettbewerbsvorteil
Neben der normativen Dimension gibt es ein oft massiv unterschätztes Eigeninteresse:
Wer selten juriert, wird auch selten wirklich gut.
Jurieren (insbesondere auf hohem Niveau) schult den Debattenüberblick auf der alles entscheidenden Metaebene. In der Rolle als Beobachter*in analysierst du nicht nur, was gesagt wird, sondern warum eine Seite gewinnt. Welche Nuancen entscheiden? Welche Abwägungen tragen? Welche Lücken sind entscheidend?
Dieser Perspektivwechsel ist zentral. Wer ausschließlich redet, bleibt oft in der eigenen Argumentationslogik, dem eigenen Debattenverständnis, den eigenen Denkmustern gefangen. Wer hingegen regelmäßig juriert, entwickelt die Fähigkeit, in der Debatte selbst Dinge zu erkennen, wie z. B.:
„Was fehlt unserem Case gerade?
Was hat das gegnerische Team gerade erfolgreich unterminiert?
Welche Clashes sind gerade für den Sieg entscheidend, welche vernachlässigbar?
Welche Abwägung wird die Runde entscheiden?
Welche Nuance müsste gerade entscheidend dafür sein, dass ich diese Debatte gewinne?
usw…“
Gerade in Outrounds sind es genau diese Fähigkeiten, die den Unterschied machen. Viele Debatten werden nicht verloren, weil Teams schlechter vorbereitet sind (oder grundsätzlich einfach schlechter debattieren), sondern weil sie die entscheidenden Nuancen nicht erkennen. Als Juror*in lernst du, die Debatte zu lesen. Wenn du dann beim nächsten Mal als Redner*in teilnimmst, wirst du deine Debatten trotz Bias ebenfalls (zumindest teilweise) lesen können – jedenfalls im Regelfall, wenn du also kein lernresistenter Esel bist.
- Für Anfänger*innen: Beschleunigtes Lernen durch Perspektivwechsel
Mit Blick auf jene, die noch nicht so lange dabei sind, möchte ich die Hypothese aufstellen, dass dieser Effekt noch um einiges stärker wirkt, wenn du noch nicht erfahren bist und dich als Redner*in schnell verbessern möchtest. Mehrere Runden hintereinander zu jurieren bedeutet nämlich u.A.:
- starke und schwache Teams im direkten Vergleich zu erleben,
- strukturelle Unterschiede zu erkennen,
- Bewertungsmaßstäbe zu internalisieren.
Die anschließenden Jurydiskussionen sind dabei ein zentraler Lernraum. Wer aufmerksam zuhört und sich einbringt, kann ein tieferes Verständnis für Struktur, Strategie und Gewichtung – also die Kernelemente erfolgreichen Debattierens – entwickeln.
Dieser Lernprozess ist mit Sicherheit effizienter als reines Reden. Er komprimiert Erfahrungen, die du als Redner*in erst über viele Turniere hinweg sammeln würdest (wenn überhaupt).
Aber bedeutet das nun, dass du lieber erst gar nicht im Team auf Turniere fahren solltest, wenn du nicht zuvor bereits ein paar Mal juriert hast?
Die Antwort darauf kann natürlich nur „Nein“ lauten! Bei alledem sollte natürlich immer erstmal der Spaß im Vordergrund stehen. Entsprechend kannst du selbstverständlich zunächst einmal als Redner*in auf ein Turnier fahren, deine ersten Erfahrungen sammeln und diese auch in vollen Zügen genießen.
Wie könnte also ein sinnvoller Einstieg ins Jurieren dann realistisch aussehen?
Bei den ersten zwei bis drei Turnieren ist es wahrscheinlich am sinnvollsten, erst einmal im Team reden, da du auf diese Weise recht einfach herausfinden kannst, ob du dich im kompetitiven Debattieren überhaupt wohlfühlst. Du sicherst dir Motivation und Spaß und lernst die Abläufe von Turnieren sowie einige neue Leute kennen.
Spätestens ab dem vierten Turnier jedoch empfiehlt sich dann der Einstieg ins Jurieren.
Die genannten Lerneffekte werden sicherlich unabhängig vom Format einsetzen. Wenn der Turnierkalender dir jedoch eine Auswahl lässt, dann solltest du wahrscheinlich für deine ersten Juriererfahrungen dorthin fahren, wo BPS (british parliamentary style) debattiert wird. Da Teams hier nur inhaltlich und im Verhältnis zueinander bewertet werden, fallen deine Lernerfolge dort wahrscheinlich sogar noch etwas größer aus.
Für die langfristige Verbesserung empfiehlt sich schließlich ein bewusster Wechsel zwischen Reden und Jurieren, um das Gelernte auch anzuwenden und um sich nicht zu einem der o. g. unsolidarischen Problemredner*innen zu entwickeln.
Für Einsteiger*innen ist es beim Jurieren zunächst übrigens nicht so wichtig, ob sofort perfekte Calls abgeliefert werden oder nicht. Für Unsicherheit und Zurückhaltung ist bisher – zumindest soweit mir bekannt ist – noch niemand gelyncht worden. Entscheidend ist vielmehr das aufmerksame Beobachten, das Zuhören, das Mitdenken und das Lernen aus den Diskussionen insgesamt.
- Fazit
Nicht zu jurieren ist keine neutrale Entscheidung; es ist eine Entscheidung mit Konsequenzen für die gesamte Szene. Wer gut juriert werden möchte, hat ein inhärentes Interesse daran, dass genügend qualifizierte Jurierende vorhanden sind, und wer selbst besser werden will, kommt am Jurieren ohnehin nicht vorbei.
Eine funktionierende Debattierszene basiert auf Gegenseitigkeit. Wer nimmt, muss auch geben. Eine bewusste Jurierquote ist kein moralischer Luxus, sondern eine strukturelle Notwendigkeit und zugleich einer der effektivsten Wege, sich selbst weiterzuentwickeln.
Deshalb möchte ich zum Abschluss an euch appellieren: Tut der Szene (und am meisten euch selbst) den Gefallen und fahrt von Zeit zu Zeit mal als Judge auf ein Turnier.

Till Beese ist – mit zweijähriger Unterbrechung – seit 2017 für den Debating Club Heidelberg in der deutschsprachigen Debattierszene aktiv, gewann u. a. die Campusdebatte Gießen 2025 und wurde sowohl in OPD als auch BPs auf den Campusdebatten Magdeburg 2025 und Aachen 2026 für seine Jurierleistung ausgezeichnet.
Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.
tb/aeh.
Ich stimme dem Beitrag teilweise zu. Seit ich zum ersten Mal CAt habe (~2019) haben CAs es als Teil ihrer Aufgabe betrachtet außerhalb der Anmeldungen zusätzliche Chairs auf das Turnier zu holen. Ich bin auch unsicher, ob das Problem um genügend Chairs seitdem größer geworden ist.
Ich finde allerdings auch, dass v.a. große Clubs in der Verpflichtung sind GUTE Judges zu schicken. In der Sk gab es da zu meiner Zeit den verbindlichen Mechanismus der Jurierquote. Wenn nicht alle die wollten Reden konnten, wurden die Teamplätze danach vergeben. Erstis wurden grundsätzlich priorisiert und wenn du nicht genug juriert hast, hast du keinen Teamplatz bekommen (Jurierquoten des Teams werden im Durchschnitt für die Vergabe herangezogen).
Ansonsten gilt finde ich immer: Wenn man als Club keine guten Judges schickt, darf man sich nicht über mangelnde Qualität der Jurierungen beschweren.
Aber ein Problem ist doch nicht minder schlimm, nur weil es in der Vergangenheit auch schon bestanden hat – unabhängig davon, ob es sich nun verschärft hat, oder nicht – oder?
Warum sollte es Aufgabe der CAs sein, für zusätzliche Chairs zu sorgen?
Jurierquoten sind halt leider hinsichtlich Datenerhebung- und Schutz (rechtlich) heikel. Nichtsdestotrotz stimme ich dir zu, dass die Clubvorstände durchaus den Überblick behalten und intervenieren könnten.