Ernste Überlegungen zu spaßigen Themen
Als Chefjury des diesjährigen Gutenbergcups haben wir uns naturgemäß einige Gedanken zu Spaßdebatten und Spaßthemen gemacht, die wir in diesem Artikel mit euch teilen möchten. Wir hoffen, damit zu spaßigen Clubabenden beizutragen und das szeneweite Verständnis von Spaßdebatten in Diskussion mit euch zu schärfen.
Bereits auf dem Gutenberg verwendet hatten wir eine Handreichung zum Jurieren. Sie enthält einige Anpassungen des OPD-Regelwerks, die unserer Meinung nach für das Gelingen einer Spaßdebatte notwendig sind, sowie Überlegungen zur Jurierung von Spaßdebatten. Kurz zusammengefasst:
- Es ist manchmal ein schmaler Grat zwischen Witzigkeit und Respektlosigkeit oder Gemeinheit. Tendenziell sollte man “nach oben treten”, also sich eher über privilegierte Gruppen lustig machen.
- Wir führen, abweichend vom Regelwerk, Lustigkeit als separates Element der Überzeugung ein. Jurierende lassen sich also selbst von klar unwahren Behauptungen überzeugen, wenn sie sie nur ausreichend lustig finden.
- Ebenso ist die Unterhaltung – nicht nur Überzeugung – des Publikums ein explizites Ziel der Rhetorik.
- Ein Gegenantrag muss nicht notwendigerweise dasselbe Ziel verfolgen wie der Antrag der Regierung.
- Generalopposition ist in den freien Reden erlaubt.
Spaßthemen-Resterampe
Wer online nach Spaßthemen für den Clubabend sucht, wird keine großartige Auswahl vorfinden. Wir veröffentlichen deshalb einige Themen, die in unserer engeren Auswahl waren und es nicht auf den Gutenbergcup geschafft haben. Naturgemäß halten wir sie nicht für unsere besten Themen und haben sie teilweise auch nicht so ausführlich geprüft, wie wir es bei Turnierthemen für nötig halten. Aber vielleicht können sie trotzdem den ein oder anderen Clubabend bereichern.
- Sollte man lieber mit einem Hobbit als mit einem Elb befreundet sein?
- Sollte man lieber einen Hobbit als einen Elben einstellen?
- Sollten wir als Markus Söder das Foodblogging zugunsten von Let’s Plays aufgeben?
- Sollte Mathematik einfacher werden?
- Sollte man lieber eine Kreuzfahrt machen als backpacken zu gehen?
- Sollte Debattieren mehr wie Wrestling statt mehr wie Oper sein?
- Sollte man als Katze lieber Wohnungskatze statt Straßenkatze sein?
- Braucht die deutsche Verwaltung mehr Mad Max statt mehr Kafka?
- Du gewinnst 10 Millionen im Lotto. Solltest du Aura farmen statt deine esoterische Aura zu optimieren?
Spaßige Themenheuristiken
In unseren Diskussionen haben wir beobachtet, dass viele unserer aussortierten Themen oder Themenformulierungen bestimmten negativen Mustern folgen. Andrea Gau und Anne Uder haben viele solcher Muster für ernste Themen dokumentiert. Wir fügen einige spezifisch für Spaßthemen hinzu.
Asymmetrische Absurdität. Die Regierung vertritt ein witziges, häufig absurdes Szenario; die Opposition den langweiligen Status Quo. Normalerweise erlauben solche Themen der Opposition, einen ähnlich lustigen Gegenantrag zu machen, sind also nicht von vornherein unausgewogen. Aber erstens muss man darauf wertvolle Vorbereitungszeit verwenden; zweitens hat die Regierung keine realistische Möglichkeit, sich auf den Gegenantrag vorzubereiten, weil Spaßthemen viele ebenso absurde Gegenanträgen zulassen. Wir bevorzugen deshalb Themen, die jeder Seite ein ähnlich witziges Szenario zuweisen.
Vorsicht vor Fantasy. Manche Themen werden leicht zu Spaßthemen, wenn man sie in einem fantastischen Universum (Marvel, Herr der Ringe, Harry Potter, Mad Max usw.) setzt. Allerdings haben in diesem Fall Teams, deren Mitglieder sich gut mit dem jeweiligen Universum auskennen, einen großen Vorteil, weil sie auf einen quasi unbegrenzten Schatz an Referenzen zurückgreifen können. Wir raten deshalb dazu, wenn überhaupt nur die populärsten Universen zu verwenden oder Fantasy-Themen nur auf Clubabenden zu stellen, bei denen fast alle das Universum kennen. Ein weiteres Problem kann sein, dass Themen lustig wirken, weil sie in einer fiktiven Welt spielen, aber tatsächlich einen sehr ernsten Kern haben.
Lustiges Thema, langweilige Debatte. Zu vielen Themen kann man sehr lustige Factsheets schreiben, die aber bei näherem Hinsehen keine lustige Debatte ergeben – nicht jedes absurde Szenario erlaubt gute Argumentation auf beiden Seiten. Casefiling hilft.
Lustige Witze, langweilige Teamline. Ein ähnliches Problem ergibt sich bei Themen, die sich zwar gut für einzelne Gags eignen – Wortwitze, Referenzen, absurde Details – aber nicht mindestens eine lustige Teamline pro Seite zulassen. Auch darauf sollte beim Casefiling geachtet werden.
Equity. Manche Themen laden dazu ein, nach unten zu treten und beispielsweise Witze zu machen, die Sexismus oder Rassismus humoristisch aufgreifen. Das kann funktionieren, aber nur, wenn die Witze sehr gut gemacht sind und sich über den Sexismus oder Rassismus selbst lustig machen. Unter den stressigen Bedingungen des Gutenbergcups ist das unserer Erfahrung nach selten der Fall, und dann werden solche Witze bestenfalls sehr unangenehm für alle Beteiligten. Wir raten deswegen dazu, keine Themen zu stellen, die zu einem unsensiblen Umgang mit benachteiligten Gruppen einladen.
Ein Casefile
Zur Anschauung veröffentlichen wir unser Casefile für ein Thema, das wir gestellt haben: “Sollten wir den [im Factsheet näher beschriebenen] Höhlenmenschen auftauen und uns mit ihm anfreunden, statt ihn eingefroren zu lassen?”. Das Casefile ist fast unverändert und soll keinesfalls als Musterbeispiel verstanden werden.
Anders als bei regulären Themen war unser Anspruch an Casefiles nicht, alle möglichen Argumentationslinien vollständig darzustellen und abzuwägen – das halten wir angesichts der Vielzahl möglicher (absurder) Argumente für unmöglich. Wir haben also nur geprüft, ob uns zu dem jeweiligen Thema ausreichend schnell ausreichend viele lustige Argumente einfallen.

Der Gutenbergcup ist ein Spaßturnier, welches traditionell jedes Jahr in Mainz stattfindet. Wie bereits oben beschrieben ist das Turnier zwar im OPD-Format gehalten, aber es wird Lustigkeit statt Überzeugung bepunktet. Die Chefjuroren des diesjährigen Gutenbergcups waren Alena Haub, Bjarne Lassek, Jannis Limperg und Justus Raimann, die diesen Artikel verfasst haben.
Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.
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