“Die Macht der Rede” rezensiert von Daniel Sommer

Datum: 27. März 2013
Redakteur:
Kategorie: Mittwochs-Feature, Rezension
Die Macht der Rede

Das Buch: Die macht der Rede //Foto: ullsteinbuchverlage.de

Bemerkenswert: Das deutschsprachige Hochschuldebattieren ist inzwischen so etabliert, dass sogar eine Darstellung der Geschichte der antiken Rhetorik nicht auskommt, ohne durch Redner des VDCH-Zirkus praktisch eingerahmt zu werden. Gleich im Vorwort zu Wilfried Strohs „Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom“ wird Verena Schulz von der Tübinger Streitkultur erwähnt. Im Schlusskapitel ist dann eine ganze Fußnote dem Mainzer DCJG-Mitglied Jan Papsch gewidmet. Grund genug für Debattanten, dieses Buch zu lesen?

Ja, unbedingt! Es ist eine Art „Gelbe Seiten“ der klassischen Rhetorik – alles, was Rang und Namen hat, taucht auf. Neben Verena und Jan auch Platon, Aristoteles, Isokrates, Demosthenes, Cicero, Quintilian und viele andere. Wie so oft gilt auch für die Kunst der überzeugenden Rede: Man muss das Rad nicht zwei Mal erfinden! Und die Alten hatten da gehörig was auf dem Kasten. Gerade Debattanten werden hier viel Nutzbringendes lernen können.

Vor dem Panorama der antiken Geschichte entfaltet Stroh ein buntes Panoptikum faszinierend geschilderter Persönlichkeiten und packender Analysen ihrer bedeutendsten Reden. Stroh arbeitet sich chronologisch durch die Jahrhunderte und beginnt – wie könnte es bei einem Altphilologen anders sein – bei Homer. Anhand ausgewählter Reden großer Heroen der Ilias stimmt Stroh den Leser auf das ein, was da kommen wird. Achill und Agamemnon scheinen indes talentierte Autodidakten gewesen zu sein. Denn rhetorische Lehrbücher sind erst ab Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. belegt. Korax und sein Schüler Tisias verfassten im griechisch besiedelten Sizilien Lehrbücher für den Rhetorikunterricht. Erstmals wurden hier Vorschriften gesammelt, wie ein Redner durch seine Argumente zu überzeugen und durch sein Geschick zu überreden vermag.  Denn, so war man der Ansicht, die Rhetorik ist eine technē, eine „lehr- und lernbare Kunst“.

Die beiden beschäftigten sich vor allem mit der inventio, also der Auffindung des richtigen Stoffs und der Auswahl der treffendsten Argumente, sowie mit der dispositio, also dem Aufbau und der Struktur einer Rede. Schon hier gibt es für Debattanten reichlich Honig zu saugen. Die Anforderungen an das Gerüst der dispositio erinnern stark an die Erwartungen, die wir heute zum Beispiel an einen Eröffnungsredner bei der Formulierung des Antrags stellen. Er braucht eine Einleitung, die in erster Linie die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen seiner Zuhörer wecken soll (prooemium); eine möglichst knappe und präzise Schilderung des Status-quo und der aus ihm resultierenden Probleme (narratio); anschließend die ausführliche argumentatio des eigenen Falls; schließlich eine appellative Zusammenfassung, die alles noch einmal zuspitzt und vor allem auf die Emotionen des Publikums zielt (peroratio).

Die Reise, auf die Stroh den Leser mitnimmt, führt vom Aufstieg der Redekunst zu ihrer Blüte während der attischen Demokratie, über die hellenistische Epoche des Alexanderreichs bis in die Republik, das Prinzipat und das Kaiserreich Roms.

Von den Sophisten auf den Lehrplan griechischer Jünglinge gesetzt, umfasste die frühe Rhetorikausbildung  neben den oben genannten Kategorien auch erste communes loci, also „Gemeinplätze“ und Topoi („Das Recht auf Notwehr“, „Die Herrlichkeit des Friedens“,…), die es zu lernen galt. Protagoras lies außerdem üben, wie jede Sache gleichzeitig zu loben und zu tadeln sei – und schaffte damit die Grundlage für die spätere Trainingsform der disputatio in utramque partem, in der wohl auch unser Hobby, das Debattieren, seine Wurzeln zu suchen hat. Auch die Kunst des richtigen Wortgebrauchs, erste Memorierungstechniken und die rhythmische Gestaltung der Sprache wurden unterrichtet.

So in der Kunst der Rhetorik unterwiesen gab es bald erste Stars am antiken Rednerhimmel: die großen „zehn attischen Redner“, die Stroh nicht nur vorstellt, sondern auch erklärt, worauf sich ihr Ruhm gründete. Antiphon, der das starre Gerüst der dispositio sprengte und ihre Teile neu anordnete, Andokides, der sie sogar vermischte, Lysias, dem es durch die „Kunst der Charakterdarstellung“ gelang, seine Mandanten möglichst harmlos und sich selbst möglichst glaubwürdig darzustellen, Isaios, der zudem in Stil, Argumentation und Redeökonomie noch ausgefeilter vorging: kunstvoll, bisweilen aber auch künstlich. An elegantem Stil übertraf diesen aber noch Isokrates, „schöneres Griechisch kann man nämlich gar nicht schreiben.“ Außerdem Aischines, gerühmt für seine „leichtfüßige Improvisation“, schließlich Lykurgos, Deinarchos und Hypereides, der vor allem für seine Wortwahl, seinen Witz und seinen Humor gepriesen wurde.

Der größte von allen aber war Demosthenes. Und gerade er war nicht zum Redner geboren. Die Natur hatte ihn mit schwachem Atem und schwacher Stimme ausgestattet, dazu chronisches Schulterzucken und schweres  Lampenfieber. All das bezwang er durch harte Arbeit und hartes Training. Und wurde schließlich am meisten gerühmt für die Kunst seines Vortrags, für seine mitreißende Sprechtechnik, seine Mimik und Gestikulation. Virtuos bespielte er die Klaviatur der dispositio, vermischte Teile der narratio mit Teilen der argumentatio, vermengte positiv beweisende Argumente mit negativ widerlegenden Punkten – Debattanten denken sofort an die schwierigere aber effektvollere Methode, ihr Rebuttal nicht plump vor die eigene Argumentation zu stellen, sondern beides elegant miteinander zu verweben. All das schmückte Demosthenes  mit den für ihn charakteristischen Wiederholungen, Paradoxa und einer „frappierenden Bildersprache“, gepaart mit dem Einsatz von strukturierenden Schlagworten (was wir im Debattieren gerne als „Labeling“ bezeichen) und kurzen Satzgliedern.  War Homer „d e r  Dichter“, nannten die Griechen Demosthenes später einfach „d e n  Redner“.

Mit dem einsetzenden Zerfall des Alexanderreichs begann das aufsteigende Rom, Athen den Rang als Welthauptstadt der Rhetorik abzulaufen. Stroh stellt uns wiederum die größten römischen Rhetoren vor: Cato der Ältere, bekannt für den „Ton ruhiger Belehrung“ wie auch für „das große Pathos der Empörung“ , die Häufung von Synonyma und natürlich sein berühmtes „ceterum censeo Karthaginem esse delendam“; Tiberius Gracchus, der „Meister der demagogischen Rede“; sein Bruder Gaius Gracchus, der laut Cicero „mit solchem Mienenspiel, solcher Stimme und Gebärde sprach, dass sich auch seine Feinde nicht der Tränen erwehren konnten“; Crassus, der vor allem für seinen Humor gerühmt wurde. Und natürlich Cicero, größter der römischen Rhetoren.

Anhand zahlreicher Beispiele bis hin zu seinen Philippischen Reden veranschaulicht Stroh, wodurch Cicero bei seinen Zeitgenossen Eindruck hinterließ: „die Fülle (copia), Nachdrücklichkeit (gravitas) und die geradezu prangende Üppigkeit (ornatus) seines Stils.“ Klangwiederholungen, Spannung erzeugender und Sperrungen betonender Rhythmus, raffiniertes Spiel mit Doppeldeutigkeiten, ausladende Satzperioden mit wachsenden Gliedern und wohligem Ausklang, kühne Metaphern,… fast schon überladen, warfen ihm jedenfalls seine Kritiker vor.

Doch auch seine Philippika konnte den Untergang der römischen Republik nicht abwenden. Und in der folgenden Kaiserzeit war für politische Redner wenig Platz. Stroh konstatiert einen Verfall, aber keinen Untergang der Rhetorik. Der Schwerpunkt verlagerte sich nur von der politischen Rede im Senat zur juristischen Rede vor Gericht. Auch stilistisch gab es Verschiebungen, vom prosaischen zum poetischen und zu einer neuen Betonung überraschender Pointen (sententiae), die in wenigen Worten zusammenfügen, was sonst nicht zusammen gedacht wird. Erste Meister dieser Kunst waren Plinius und Seneca. Redner wollten jetzt vor allem „gefallen“, nicht mehr „überzeugen“. Diese neue Kunst wurde nicht, wie häufig unterstellt, nur in den Klassenzimmern der Rhetorikschulen betrieben, sie entwickelte sich auch zu einem öffentlichen Unterhaltungsprogramm der Kaiserzeit, wurde auf Festversammlungen und im Theater vorgeführt. „Konzertredner“ nennen einige Forscher dann auch Niketes, Polemon, Herodes Atticus oder Aelius Aristides, die es einzig „auf einen gehaltlosen Ohrenschmaus abgesehen hätten.“ Stroh spricht hingegen durchaus wertschätzend von der „zweiten Sophistik“.

Zuletzt schildert Stroh in einem kurzen Abriss die „christliche Rhetorik“ (Jesus, Paulus, Augustinus), bevor ein Exkurs über den Rhetorikunterricht in Neuzeit und Moderne das Buch beschließt.

Zwei rote Fäden spinnen sich durch das Buch. Der erste betrifft die historische Entwicklung der Rhetorik, sozusagen ihre Evolution.  Knapp aber präzise werden so die wichtigsten Lehrbücher und bedeutendsten Innovationen vorgestellt. Natürlich Aristoteles, der in seiner „Rhetorik“ die „Arten des Glaubhaftmachens“ (logos, ethos, pathos) erstmals ordnet und vor allem die logischen Überredungsmittel untersucht und in Enthymem (aus Ideen oder Topoi), Beispiel, Syllogismus und Induktion unterteilt. Neben der inventio und der dispositio behandelte er die elocutio, den sprachlichen Ausdruck, nur beiläufig. Erst sein Schüler Theophrast entwickelte aus den Beobachtungen des Aristoteles eine systematische Lehre, beschrieb die vier Tugenden des Stils (Korrektheit, Klarheit, Angemessenheit und Redeschmuck) und behandelte auch den Einsatz von Stimme und Körpersprache. Die Stoiker fügten eine fünfte Tugend hinzu  (Kürze), ergänzten die Stilistik um acht Tropen (von der lautmalerischen Wortschöpfung über die Metapher  bis hin zur Antiphrasis, der Bezeichnung durch das Gegenteil) und systematisierten die Lehre von den eigentlichen Redefiguren, die als Wortfiguren (z.B. Anapher und Epipher) oder als Gedankenfiguren (z.B. die rhetorische Frage) im Gegensatz zu den Tropen aus mehreren Wörtern bestehen. Hermagoras ergänzte im 2. Jahrhundert v. Chr. die Ideen und Topoi des Aristoteles um seine Statuslehre, Ausgangslagen eines möglichen Streitfalls, Streitpunkte sozusagen, die er mit eigenen Topiken so anreicherte, dass sie für jeden (juristischen) Fall Argumente lieferte. Auch Ciceros Lehrschriften De inventione, De oratore und Brutus sowie die Institutio oratoria des Quintilian stellt Stroh dem Leser vor.

Der zweite von Stroh geschickt eingewobene rote Faden greift den uralten Streit um die Bedeutung der Rhetorik auf. Debattanten kennen den Vorwurf: „Alles reine Sophisterei!“ Die vertretenen Standpunkte seien bestenfalls beliebig, schlechtesten falls dämonische Demagogie. Welchen Wert hat die Rhetorik also? Ist die Philosophie wichtiger, wie der Rhetorik-Skeptiker Platon noch unterstellte? Oder sollte die Rhetorik als eigentliche Königsdisziplin bei der Erziehung junger Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden, wie es Isokrates vorgeschlagen hatte? Ist die Rhetorik überhaupt eine Wissenschaft? Und wie sollte sie am besten unterrichtet werden? Stroh, ganz bei Isokrates und Cicero, glaubt fest daran, dass gutes Reden auch mit gutem Denken und gutem Handeln zusammenhängt, die rhetorische Ausbildung auch zur Charakterbildung ihrer Schüler beiträgt, also sehr viel mehr ist als nur „die Meisterin der Überredung“. Recht hat er.

Und was haben nun Verena und Jan mit all dem zu tun? Bei Verena ist das einfach. Die Siegerin der Mainzer ZEIT DEBATTE 2006 hat inzwischen an der LMU München über die Rolle der Stimme in der antiken Rhetorik promoviert, jener Universität, an der Wilfried Stroh auch noch seit seiner Emeritierung im Jahr 2005 als Professor für klassische Philologie lehrt und forscht. Die beiden kennen sich und haben unter anderem im Juni 2010 gemeinsam die Veranstaltung „Soll die antike Deklamation wiederbelebt werden?“ durchgeführt. Stroh dankt ihr in seinem Vorwort für freundliche Hinweise und ihre Unterstützung.

Bei Jan, unter anderem Deutscher Vizemeister 2008 und Gewinner der ZEIT DEBATTE Tübingen 2009, ist das schon komplizierter. In einer Fußnote auf Seite 519 berichtet Stroh über das von ihm besuchte Finale der Münchner ZEIT DEBATTE 2006. Dort heißt es:

Bei der trotz gebotener Improvisation niveauvollen Debatte fiel auf, dass der als bester Redner ausgezeichnete Jan Papsch stärker als andere gorgianische Figuren verwendete und diese durch Körpersprache betonte.“ Lieber Jan, Hand aufs Herz!, wusstest Du, dass Du „gorgianische“ Figuren benutzt hast? Wenn nicht, sei Dir und allen anderen, die gerade auf dem Schlauch stehen, Strohs Buch wärmstens empfohlen.

Das Buch:

Wilfried Stroh: „Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom“, Ullstein, Berlin 2009, ISBN: 978-3550087530, 608 S.; 22,95 €

Taschenbuchausgabe: List Tb., Berlin 2011, ISBN: 978-3548610115, 608 S.; 12,95 €

Eine Leseprobe als PDF gibt es hier.

Der Autor:

Stroh

Foto: Homepage Stroh/Stephan Heigl 1993

Wilfried Stroh „lebt Latein – so begeistert wie erbarmungslos“ (DER SPIEGEL) – und hat sogar seinen Anrufbeantworter auf Latein besprochen.  Sein Buch „Latein ist tot – es lebe Latein!“ schaffte es 2008 auf die Bestsellerlisten. Stroh, Jahrgang 1939, studierte klassische Philologie in Tübingen, Wien und München. Promotion und Habilitation legte er an der Universität Heidelberg ab, bevor er 1976 einen Ruf an die LMU München annahm.  Neben der Rhetorik zählen die erotische Literatur des Ovid und die lateinische Metrik zu seinen Forschungsschwerpunkten.  Im Internet ist er unter seinem Pseudonym Valahfriedus bekannt, vor allem dank seines Bemühens, das gesprochene und gesungene Latein als lebendige Sprache zu bewahren. Mehr über Wilfried Stroh gibt es auf seiner Internetseite.

Der Rezensent:

Daniel Sommer  ist Deutscher Vizemeister 2008 und war bester Finalredner der Meisterschaft 2005. Sein erstes Turnier gewann er 2004. Außerdem war Daniel Chefjuror der Deutschen Meisterschaften 2007 und 2009.

Text: Daniel Sommer/fpu

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2 Kommentare zu ““Die Macht der Rede” rezensiert von Daniel Sommer”

  1. Daniil sagt:

    Das Turnier, auf dem Jan bester Redner wurde, fand im November 2008 statt. Nur so, es muss ja alles seine Richtigkeit haben 😉

    http://www.debattierclubmuenchen.de/turnier.asp

  2. Daniel (Heidelberg) sagt:

    Mein Fehler, danke!

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