Zum Umgang mit persönlicher Betroffenheit auf Turnieren – ein Denkanstoß

Datum: 9. Mai 2018
Redakteur:
Kategorie: Das Thema, Jurieren, Mittwochs-Feature
Was tun, wenn jemand ein Thema nicht debattieren möchte? Zur Diskussion über diese Frage möchten Anton Leicht und Anna Markus diese Woche mit einigem Input anregen.


In einem Sport, dessen Reiz nicht zuletzt in kontroversen Themen liegt und da auch bleiben sollte, darf man nicht vergessen, dass die Kehrseite von gesellschaftlich relevanten Themen häufig persönliche Betroffenheit Einzelner ist. Die Diskussion darum droht allerdings, wie zuletzt in Facebookdiskussionen erlebt, in verschiedenste Richtungen auszuufern. Dieses Mittwochs-Feature soll den Versuch unternehmen, einen Anstoß und einen Rahmen für eine konstruktive Debatte über den Umgang mit persönlicher Betroffenheit zu gewährleisten. Das Spektrum der potenziellen Probleme, die Menschen mit Themen haben können, reicht von abstrakten politischen Ansichten bis zu individueller, persönlich-biografischer Nähe zum Inhalt der Debatte. Nicht zuletzt deswegen gibt es kein einheitliches Vorgehen, wie mit verschiedenen Fällen umgegangen werden kann, in welchen Menschen bestimmte Debatten nicht führen wollen oder es für deren psychische Stabilität nicht sinnvoll wäre, dies zu tun. In einer Welt, in der solche Situationen aber Teil der traurigen Realität sind, ist es sinnvoll, zumindest ein einheitliches Verständnis von theoretischen Optionen und optimalerweise einen Konsens an Möglichkeiten des Umgangs zu haben, damit sowohl die Entscheidung der Betroffenen erleichtert als auch die sportliche Integrität der Turniere gewährleistet wird. Als mögliche Basis für eine willkommene Diskussion über diese Möglichkeiten schlagen wir in diesem Feature zwei Bewertungsmaßstäbe für Optionen vor.

Anton Leicht - © Matthias Carcasona

Anton Leicht – © Matthias Carcasona

Von was für Themen sprechen wir hierbei? Bestimmte Motions bringen individuelle Traumata aus der Vergangenheit ans Licht, so zum Beispiel aus den Bereichen Sterbehilfe, Suizid, häusliche – und sexualisierte Gewalt. Wenn Debattierende nun Teil einer Debatte zu einem entsprechenden Thema sind, so können die eigene Rede oder die der Gegenseite emotional und psychisch aufwühlend sein. Es ist ebenso absolut verständlich, dass eine Person, welche in ihrem Leben derartige Erfahrungen machen musste, nicht mit undifferenzerten Verallgemeinerungen oder flapsiger Sprache konfrontiert werden möchte, die das eigene Leid oder das nahe stehender Menschen minimiert oder verspottet. Häufig sind diese Betroffenheitsperspektiven bereits im Vorhinein abzusehen, aber in einer großen Anzahl der Fälle sind die Gründe, sich mit einem Thema unwohl zu fühlen so individuell, dass selbst die gründlichsten Chefjurierenden diese nicht absehen können. Auch ist verständlich, dass gerade Motions aus Themenkomplexen wie den oben genannten aus Debattenperspektive spannend sind. Diese ohne eine konkrete und realistisch ohne kompetetiven Nachteil in Anspruch nehmbare Rücktrittsregelung zu stellen ist jedoch betroffenen Individuen gegenüber nicht fair und sollte deshalb gut überlegt sein.

Unabhängig davon, welche Option – sei es eine Rücktrittsregelung, Themen- oder Seitenwechsel – von individuellen CAs als am sinnvollsten erachtet wird, so sollten den Teilnehmenden klar sein, welche Möglichkeiten sie im Fall persönlicher Betroffenheit bei einem Thema haben. So wird gewährleistet, dass jeweils die am besten informierte Entscheidung getroffen werden kann und sich Menschen nicht aus externem Druck oder Unbekanntheit der Alternative dazu entscheiden, eine Debatte zu führen, die sie nicht führen wollen oder sollten. Ein zweiminütiges Statement von Chefjurierenden zu Beginn eines Turniers stellt hier sicherlich keinen allzu großen Aufwand dar, wenn damit eine große Hilfe und Inklusionsleistung gegeben ist. Bei der Herausarbeitung potenzieller Optionen halten wir es für sinnvoll, bestmöglich folgenden Kriterien zu entsprechen: Einerseits muss im Interesse einer möglichst offenen und inklusiven Szene das individuelle Unwohlsein von Debattierenden mit ihnen vorgesetzten Situationen minimiert werden, und zweitens muss die sportliche Integrität und Kompetitivität des Wettkampfs bestmöglich gewährleistet werden.

Das erste Kriterium ergibt sich aus dem von uns als geteilt vorausgesetzten Gedanken, dass es im Interesse des Debattierens ist, möglichst wenig auf Basis von persönlicher Vergangenheit, Familiengeschichte, psychischer und physischer Krankheiten etc. Nachteile für Einzelne erwachsen zu lassen. Eine Szene, in der bestmöglich gewährleistet ist, dass Einzelnen ungeachtet von vom Debattieren unabhängiger Sachverhalte Sicherheit und Möglichkeit zum Wettkampf gewährt wird, ist hier einer Szene gegenüber zu bevorzugen, für die die Relevanz von Einzelschicksalen nach der eröffnenden Hälfte ihr Ende findet. Dafür ist es wichtig, dass es eine valide Möglichkeit für Individuen gibt, einem Szenario zu entgehen, in dem sie Themen debattieren müssen, die ihnen schaden. Diese Möglichkeit muss dabei möglichst zugänglich gestaltet werden, sodass es kein allzu großes Hindernis ist, sie wahrzunehmen (ein Gespräch mit Chefjurierenden sollte als notwendiges Prozedere hinreichend sein) und sie muss als valide Alternative präsentiert und gewertet werden, um den sozialen Druck gegen ihre Wahrnehmung zu minimieren (und sollte demzufolge zu Beginn des Turniers als Möglichkeit angekündigt sein sowie optimalerweise auf nicht allzu großes Unverständnis unter anderen Teilnehmer*innen stoßen). Die Alternative zum letzten Punkt ist ansonsten eine Situation, in der die Abwägung zwischen dem Ruinieren der Erfolgschancen des eigenen Teams und dem im-Stich-lassen der Teampartner*innen  und dem Rücktritt vom gegebenen Thema weniger eine vernünftige Entscheidung ermöglicht als mehr eine theoretisch gute Option durch großen sozialen Druck zu einer Pest-oder-Cholera-Entscheidung zu machen. Selbstverständlich können nicht all diese Kriterien ohne jeweilige Abstriche in anderen Bereichen gewahrt werden, und eine komplette Erfüllung ist in der Realität des Debattierens höchst unrealistisch, aber dennoch lohnt es sich, sie als Maximen für eine optimale Entscheidung im Kopf zu behalten.

Anna Markus - © Matthias Carcasona

Anna Markus – © Matthias Carcasona

Das zweite Kriterium ergibt sich aus der Natur von Debattierturnieren als sportlich-kompetitiven Veranstaltungen. Sowohl für alle im Wettkampf gegeneinander antretenden Teams, in deren Interesse es liegt, das Turnier qua ihrer Debattierqualität und nicht ihrer mangelnden Betroffenheit zu gewinnen, als auch für den individuellen Anspruch der Redner*innen, ihre eigenen Erfolgschancen nicht durch persönliche Betroffenheit oder gar Betroffenheit von Teampartner*innen geschmälert zu sehen, als auch nicht zuletzt für öffentliche Finalveranstaltungen, deren Wirksamkeit durch Einschränkung vom Kompetitivität, Siegchancen oder gar das Ersetzen von Teams durch eine signifikant schwächere oder weniger motivierte Alternative großen Schaden nehmen würde, ist ein Turnier unter der Maxime der Kompetitivität, sprich: Der wettbewerbsbezogenen Qualität der Teams als einziges Kriterium für den letztendlichen Ausgang, ein relevantes Interesse. In diesem Kontext sind drei Ebenen zu betrachten: Zuerst einmal schadet es der kompetitiven Natur eines Turniers, wenn die persönliche Betroffenheit von Debattierenden Einfluss auf ihre persönlichen Erfolgschancen nimmt. Endet eine Maßnahme zur Lösung der oben skizzierten Situationen darin, dass eine persönliche Betroffenheit zu einem signifikanten Hindernis für den eigenen Turniererfolg wird, so ist schnell ein Umfeld gegeben, in dem Resultate zu ungunsten einer ohnehin schützenswerten Gruppe verfälscht werden. Zweitens ist es wichtig, den unmittelbar mit dem betroffenen Team interagierenden Teams ein weiterhin möglichst faires Umfeld bereitzustellen – So wenig wie für Betroffene selber soll für unbeteiligten Turnierteilnehmer*innen ein Schaden entstehen.

Mit Blick auf dieses Kriterium sind hierbei zwei Arten von Maßnahmen nach Möglichkeit zu vermeiden: Erstens diejenigen, die ein betroffenes Team unnötig stark schwächen und damit ein unbetroffenes Team im Komparativ signifikant stärken und so in einer gewissen Entwertung von Siegen resultieren: Beispielhaft für dahingehend problematische Ideen ist es, Springerteams zu stellen (besonders, wenn diese vom Ausrichter gestellte Teams sind und keine Halbfinal-Nachrücker), aber auch in einigen Debatten (besonders in der eröffnenden Hälfte) eine Ironman-Regelung oder ein simpler “nimm teil oder scheide aus”-Anspruch. Zweitens sollten aber Maßnahmen, die unbetroffene Teams schwächen und somit Erfolgschancen Unbeteiligter verringern, vermieden werden. Unter diesem Kriterium sind Maßnahmen wie die schon aus organisatorischer Perspektive utopischen Backup-Themen, ein erneutes Zulosen der Seiten (spezifisch in Themen, auf denen Teams eine Seite signifikant mehr liegt als die andere), aber in anderen Kontexten auch wiederum Ironpersonregelungen bei großen Stärkeungleichgewicht zwischen Teammitgliedern kritisch zu betrachten.. Drittens gilt es auch aus einer holistischen Perspektive, ein möglichst kompetitives Turnier zu gewährleisten – sowohl das debattierszeneninterne Ansehen von Turniersiegen als auch die externe Perspektive auf möglichst ausgeglichene Wettkämpfe wie nicht zuletzt der prinzipielle Anspruch an einen Wettstreit, faire Bedingungen zu liefern, legt nahe, die Integrität der sportlichen Konkurrenz selbst bei gegenseitigem Einverständnis der direkt Betroffenen möglichst geringfügig zu verletzen.

Als letztes Kriterium für eine konstruktive Diskussion ist noch Folgendes einzuführen: In der Abwägung zwischen dem Wahren des individuellen Wohls und der Integrität des Turniers wird die Notwendigkeit einer gewissen Beweislast auf Seiten der Betroffenen klar. Spezifisch dann, wenn das individuelle Wohl im Kontext von Betroffenheit gegen objektive Kriterien abgewogen wird, muss sichergestellt werden, dass eine solche Maßnahme nicht als Möglichkeit oder Vorwand ergriffen wird, den Ausgang von Debatten absichtlich zu beeinflussen. Hierbei ist offensichtlich, dass je größer der Effekt einer Maßnahme auf den Verlauf der Debatte ist, die Beweislast auf Seiten des Betrofenen umso größer wird. Obwohl wir niemandem unterstellen wollen, eine solche Möglichkeit zum eigenen Vorteil auszunutzen, sind ein solcher Mechanismus und seine hinreichende Bekanntheit wichtig, damit ergriffene Maßnahmen nicht retrospektiv von anderen Teilnehmer*innen der Debatte oder anderweitig Informierten nicht als unfair wahrgenommen werden. Ideal wäre also ein Ansprechspartner in der sportlichen Leitung des Turniers (sprich: Der Chefjury), der die Legitimität einer Betroffenheit beurteilen und auf dieser Basis Maßnahmen vorschlagen oder ergreifen kann. Dabei ist mit Blick auf die stark persönliche Natur der Betroffenheit auch bei der allermeistens gegebenen guten Kommunikation zwischen Chefjuries und Teilnehmer*innen die Möglichkeit zum aufschlussreichen Gespräch nicht immer gegeben. Da es aber unrealistisch ist, dieses Problem komplett zu lösen, muss eine gewisse Rechtfertigungsnot auf Seiten der Betroffenen wohl als notwendiges Übel getragen werden. Nichtsdestotrotz halten wir es für wichtig, diese Rechtfertigungsnot so weit wie möglich zu reduzieren.

Persönliche Betroffenheit von Debattierenden durch Themen ist ein schwer vermeidbares Übel, dessen blinde Minimierung zu Ungunsten von Debattenqualität und Motionrelevanz gleichermaßen ausfallen würde. Diese Realisierung verringert aber nicht die individuelle Last, die ein zu nahe gehendes Thema auf die Schultern Einzelner laden kann, und so sollte es, wenn schon keinen Konsens, dann zumindest ein konstruktives Gespräch über die Optionen im Umgang mit solchen Szenarien geben: Für dieses Gespräch, dessen Ausgang wir nicht vorschreiben wollen, hoffen wir hier zumindest einige Anstöße und Rahmenbedingungen gegeben zu haben. In diesem Sinne freuen wir uns über (und erhoffen uns) eine lebhafte Diskussion.

Anna Markus und Anton Leicht/lok.

Mittwochs-Feature

Anton Leicht debattiert seit 2017 im Debattierclub Münster und gewann seitdem die ZEIT DEBATTE Berlin 2017 und erreichte im Rahmen der ZEIT DEBATTEN-Serie mehrere Jurierendenbreaks und – Preise. Er studiert Philosophie, Soziologie und Geschichte in Münster.

 Anna Markus ist seit Beginn ihres Studiums im Jahr 2014 Teil der Rederei Heidelberg, die sie seit 2016 als Vizepräsidentin vertritt. Sie gewann die Adventsdebatten Jena 2016 und stand im Finale der ZEIT DEBATTE Berlin 2017, sowie der Westdeutschen Meisterschaft 2018. Sie studiert in Heidelberg Politikwissenschaft und Soziologie.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

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7 Kommentare zu “Zum Umgang mit persönlicher Betroffenheit auf Turnieren – ein Denkanstoß”

  1. Robert P aus P sagt:

    Danke für diesen wertschätzenden, respektvollen und emphatischen Artikel zu diesem Thema.

    Der Artikel setzt einen Kontrapunkt zu einem Großteil der Facebook-Diskussion, bei der viele “Sportlichkeit”* als einzig relevantes Kriterium gesetzt haben, egal ob Menschen, die betroffen sind, damit von einem Ereignis ausschließt.

    Ich stimme euren Ansätzen: 1. CAs sollen ein Backup-Thema haben und 2. es in einem persönlichen Gespräch klären, genau richtig.

    Guter Beitrag.

    * Mit “sportlich” war in der Facebook-Diskussion “Wettbewerb” eines Hobbys gemeint. Sportliches Verhalten beinhaltet Partnerschaftlichkeit und kein Sieg um jeden Preis.

    1. Allison (MZ) sagt:

      Nur kurz zu den Ansätzen:
      1. klar, wäre cool
      2. geschenkt, aber: Was folgt aus dem Gespräch? Sprich, was meinst du mit “klären”?

  2. Allison (MZ) sagt:

    Wow, eine wirklich umfassende Zusammenfassung des Dilemmas. Allein, eine zufriedenstellende Lösung für alle scheint in weiter Ferne. Vielleicht wäre eine Kombination möglich?

    1. Wenn die CJen möchten, können sie Backup-Themen verfassen und diese im Ernstfall stellen (bei einem kleinen Turnier mit wenig Runden kann es ja durchaus mal vorkommen, dass es 5 coole Themen gab, aber nur 4 Runden debattiert wird). Da wäre der Rechtfertigungsdruck für die betroffenen Leute mE nicht so hoch, weil alle weiterhin unter denselben Bedingungen debattieren, nur eben zu einem anderen Thema.

    2. Da Backup-Themen wohl eher die Ausnahme bleiben werden, könnte man auch zwischen Vor- und K.O.-Runden unterscheiden. In den Vorrunden könnte man je nach Art der Betroffenheit verschiedene Wege anbieten: Seitentausch, Iron(wo)man, Springerteam ohne Anrechnung der Punkte. Das betroffene Team entscheidet gemeinsam mit den CJen, hier entsteht dann natürlich ein gewisser Rechtfertigungsdruck.

    3. Für K.O.-Runden sollten mE eine verbindliche Vorgehensweise festgelegt werden:
    a) Iron(wo)man ODER
    b) das Team scheidet aus und das punkthöchste Team aus der vorherigen Runde (Vorrundentab, Tab nach Viertel- oder Halbfinale) rückt – mit vollen Breackchancen (sonst wäre das bei OPD ja witzlos) – nach.
    Die Möglichkeit des Positions-/Seitenwechsels halte ich für doch recht missbrauchsanfällig, daher würde ich diese Option in K.O.-Runden nicht favorisieren.

    Diese Regelung für K.O.-Runden ist zwar hart, den anderen unbeteiligten Teams gegenüber aber aus meiner Sicht am fairsten. Persönlich favorisiere ich die Iron(wo)man-Regel, weil dann das Team weiterhin Breakchancen hat und den anderen Teams in der Runde ihr eigentlicher Gegner (mehr oder weniger) erhalten bleibt. Das Problem eines Gefälles zwischen einzelnen Teampartnern mag bestehen, dürfte aber außerhalb von Pro/Am-Turnieren im Optimalfall nicht zu groß sein und wäre in dem Fall ein vertretbares Opfer, zumal Iron(wo)man nicht unüblich (= nicht ungewohnt) ist, wenn ein/e Redner/in mal ausfällt.

  3. Martin sagt:

    Der Text scheint mir doch recht lang und verwinkelt geschrieben. Diese Gedanken hat er bei mir angestossen:

    * Individuelle Betroffenheit: Ist bei jedem Thema für jede Person vorhanden. Ausser vielleicht bei japanischen Töpferwaren aus dem 5ten Jahrhundert. Doch auch da entstehen Bezüge, sei es nur zur eigenen Lieblingstasse.

    * Rolle: In der Debatte ist allerseits bekannt, dass die Rede nicht der eigenen Überzeugung entsprechen muss. Die Angriffe sind nicht persöhnlich und Biographisches kann nach eigenem Ermessen genutzt werden.

    * Betroffenheit ist nicht immer negativ: Dank dem eigenen Rucksack hat man sich mit den Stärken und Schwächen der Argumente, den Konsequenzen schon tiefer auseinandergesetzt.

    * Unwohlsein ist nicht immer schlecht: Dank der Themenvielfalt wird das pro Tournier höchstens einmal der Fall sein. Ausserdem lernt man viel über sich selbst. Wenn man sich mit den ‘bösen’ Argumenten auseinandersetzt, den “undifferenzerten Verallgemeinerungen oder [der] flapsiger Sprache” begegnet, übt man sich auch darin, diesen zu widerstehen. Neue Blickwinkel entdecken. Emotional und psychisch gefordert werden. Eine Referenz dazu: https://www.nzz.ch/feuilleton/wenn-dus-nicht-schaffst-versuchs-wieder-ld.1359674

    * Massnahme Ausweichthema: Sensible Themen werden umschifft, es findet eine Tabubildung statt. Dem Bösen soll mit guten Argumenten – geschäft durch “Teufelsadvokaten” – begegnet werden, statt es unter den Teppich zu kehren. Wäre das Ersatzthema kantenlos, damit es sicher niemandem weh tut?

    * Massnahme Sensibilisierung: Eine Triggerwarnung, die sich trotz kurzer Dauer mit der Zeit wie eine Ubahn-Durchsage anhören würde: “Mind the gap”. Einerseits scheinen die Extremfälle doch rar, andererseits sollte es normal sein, sich bei Problemen zu melden.

    * Massnahme Gespräch: Falls es wirklich Härtefälle gibt, ist zu bezweifeln, ob die Verantwortlichen ohne psychiatrische Kompetenzen eine korrekten Beurteilung vornehmen können.

    Grundsätzlich sind die Themen ausgewogen. Wer trotzdem auf Debatten treffen könnte, welche die psychische Stabilität gefährden, hat die Möglichkeit, eine andere Freizeitbeschäftigung wählen, wo nicht die Kontroverse im Vordergrund steht.

  4. Martin Zett sagt:

    Spitzensport ist immer unangenehm, weil er an die Grenze des individuell Machbaren geht. Und genau das ist es auch, was uns an Sport allgemein gefällt: Wir möchten unsere eigenen Grenzen kennenlernen, und sie überwinden.

    Wenn der Debattiersport “entschärft” wird, indem eine der wesentlichen Herausforderungen entfernt wird, riskiert er damit, langfristig irrelevant zu werden: Es wird keine kontroversen, öffentlichkeitwirksamen Debatten mehr geben (z.B.: https://en.wikipedia.org/wiki/The_King_and_Country_debate), und potentielle Neuzugänge werden sich für einen anderen Denksport entscheiden.

    1. Robert Pietsch sagt:

      Debattieren ist kein Spitzensport und sorry, hat nicht wirklich eine Öffentlichkeitswirksamkeit.

      Was du hier machst ist Behauptungen aufstellen und ohne Begründung oder Abwägung zu sagen, ist halt so. Was du hier vergisst, ist dass etwa sportliches Verhalten genau das Gegenteil ist, von dem was du sagst.
      Zudem setzt du alle persönlichen Grenzen gleich.

      Übrigens ist deine Behauptung in sofern Schwachsinn, weil wenn etwas nicht “Machbar” ist, ist es wirklich nicht machbar. Das ist so eine leere Phrase wie “110 % geben”.

      Übrigens haben uns neue DebattierInnen explizit im Club gefragt, wie das mit solchen Themen wäre und sie hätten sich für ein anderes Hobby entschieden, wenn wir so wie du geantwortet hätten. Also auch deine letzte Behauptung hat null Evidenz.

  5. Konstantina (Berlin) sagt:

    Vielen Dank für den Beitrag, es war eine tiefgründige, aber kurz gefasste Darstellung des Themas!

    Nur eine kurze Ergänzung hätte ich noch:

    Mir erscheint das Missbrauchsrisiko nicht so hoch, wie die meisten befürchten würden, uns zwar aus folgendem Grund:

    Wenn ein Team diese “Betroffenheitsregelung” ausnutzen möchte, dann würde ich vermuten, dass der Hauptgrund dafür wäre, dass es behauptet, keine (oder keine guten) Argumente/ keine Extension zum Thema finden zu können. Es erscheint mir aber unwahrscheinlich, dass man gleich nach Ankündigung der Motion zu diesem Gedanken gelangen wird. Stattdessen braucht man normalerweise 4-6 Minuten, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Da ich also für vollkommen legitim halte, zu erwarten, dass die Betroffenheit eines Teams gleich nach Ankündigung geltend gemacht wird, finde ich dass das Missbrauchspotential eher im Hintergrund bleiben kann.

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