Zurück in die Vergangenheit – Geschichtsturnier in Marburg

Datum: 4. Juni 2013
Redakteur:
Kategorie: Neues aus den Clubs

Unzählige Male bot die Geschichte Zeitpunkte, an denen folgenschwere Logo Marburg BGDM Entscheidungen gefällt werden mussten, die die Welt nachhaltig beeinflussten. Ob nur durch eine einzelne Person oder eine ganze Völkergemeinschaft – das Feld der Akteure ist groß. Was passiert ist, ist passiert – die Zeit kann (noch) nicht überwunden werden. Aber debattieren kann man die Entscheidungen und Probleme von damals sehr wohl.

Am Montag, dem 27.05., bediente sich der Debattierclub Marburg dieser Möglichkeit und veranstaltete das erste Marburger Geschichtsturnier. Des Öfteren tauchten in letzter Zeit auf Debattierturnieren Themen mit geschichtlichem Hintergrund auf. Da entstand die Idee, ein ganzes Turnier so zu gestalten. Mit Besuch aus Mainz und Tübingen wurden bei diesem kleinen Wettkampf Debatten der besonderen Art geführt: aus Sicht einer vergangen Zeit, unter Ausblendung allen heutigen Wissens um die nachfolgende Geschichte. Aus einer Vielzahl interessanter und streitbarer Themen wählten die Chefjuroren Carsten Schotte und Alexander Prinz nach langen Debatten vor den eigentlichen Debatten letztendlich vier aus. Die Teams stellten sich in den drei Vorrunden in jeweils „halben BPS-Debatten“ (2 vs. 2) folgenden Themen:

1. DH ist Martin Luther. DH würde keinen Thesenanschlag verüben.
2. Mitten im Zweiten Weltkrieg: DHG die westlichen Alliierten sollten unter keinen Umständen mit Stalin eine Kooperation eingehen.
3. Mitte des 19. Jahrhunderts: DH würde den Nahrungsmittelexport aus Irland stoppen, bis die Hungersnot (Great Famine) vorbei ist.

 

Anne Suffel (c) Jöran Beel

Anne Suffel (c) Jöran Beel

Auch wenn die Debatten manches Mal an mangelndem Fachwissen und der verkürzten Redezeit von 5 Minuten kränkelten, so waren die Themen doch einmal eine erfrischende und spannende Abwechslung zu den gewöhnlich zeitnäheren Streitpunkten. Wie dachte man damals über weltpolitische Beziehungen? Was bedeuteten Religion und Kirche für das Volk? Welche Rolle nahmen große Institutionen wie Parlamente und Königshäuser ein? Und welche Verknüpfungen gab es zwischen Staat und Bürgern? Spannend ist natürlich immer: Was wäre, wenn eine einzelne Entscheidung anders ausgefallen wäre, als es wirklich geschehen ist? Wie hätte das den Lauf der Geschichte geändert, oder in diesem Falle, was könnte vermutlich geschehen?

Ins Finale breakten die Teams „Rotkäppchen“ (Tobias Kube und Ruben Brandhofer) sowie „Rumpelstilzchen“ (Anne Suffel und Max Fritz), die beide drei Vorrundensiege eingefahren hatten. Das Finalthema

Die Finaljury (c) Jöran Beel

Die Finaljury (c) Jöran Beel

lautete „DH ist Gandhi. DH erklärt den englischen Besatzern den Krieg.“ Ob Gandhi in den frühen 1920er Jahren, wo die Regierung die Debatte ansiedelte, mit einer Kriegserklärung an England wirklich eine Anerkennung des unabhängigen indischen Staates hätte herbeiführen können, wie pazifistisch er damals schon war, wie andere Kolonien darauf reagieren würden – das waren wichtige Fragen in der Debatte. Für sich entscheiden konnte das Finale das Team „Rotkäppchen“, das die Regierung vertrat. Den hochdotierten ersten Preis (je eine traditionelle Prinzenroll) erhielten Tobias und Ruben, Anne und Max wurden mit je einem Exemplar „Rede im Studium!“ (Bartsch/Rex) vertröstet. Tobias – vom Publikum zum besten Finalredner gewählt – erhielt zudem ein Werk, um sein Fachwissen über die Antike ausbauen zu können: „Das Buch der antiken Rekorde“ (Klynne).

Die Gewinner: Tobias Kube und Ruben Brandhofer

Die Gewinner: Tobias Kube und Ruben Brandhofer

So blieb das erste Marburger Geschichtsturnier den Teilnehmern in guter Erinnerung und die Herausforderung, Themen aus einer historischen Perspektive heraus zu betrachten, stieß auf viel Anklang. So heißt es bei einer Wiederholung des Formats möglicherweise bald wieder: zurück in die Vergangenheit.

Text: Sabrina Göpel/ tk

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15 Kommentare zu “Zurück in die Vergangenheit – Geschichtsturnier in Marburg”

  1. Lukas Haffert sagt:

    Das schreit nach einer Wiederholung in größerem Rahmen!

  2. Christian Landrock sagt:

    Eine klasse Idee! Das nächste Mal wäre ich auf jeden Fall dabei!

  3. Florian Umscheid sagt:

    Ich auch!

  4. WBK sagt:

    In der Tat. Solch ein Event ließe sich auch durch allerhand literarische Szenarien anreichern – man erinnere sich an Antigone. Unvergessen auch die Frage nach der Wiedervereinigung auf dem Rheingötter-Cup.

  5. Gudrun Lux sagt:

    Vielen Dank für die Blumen WBK (da sowohl die Antigone als auch die Wiedervereinigung Themen waren, die ich eingebracht habe :))

  6. Tobias Kube sagt:

    Fortsetzung folgt tatsächlich sehr gern. Ein etwas größeres Turnier dieser Art wird für den Herbst in Marburg angepeilt.

  7. Gudrun Lux sagt:

    Sehr gute Idee!

  8. Lennart Lokstein sagt:

    Eine nette Idee! Tübingen freut sich auf Einladungen wenn das mal in groß geplant ist. 😉

  9. Jan P. (u.a. Mainz) sagt:

    Eine schöne Idee! Die Wiedervereinigungs-Debatte war tatsächlich spannend 🙂
    Ein ganzes Turnier in historischen Szenarien bringt natürlich das Risiko mit sich, dass viel zu oft die Vorkenntnisse fehlen – gab es in Marburg fact sheets (etwa zu Art und Umfang des Nahrungsmittelexports)?

  10. Tobias Kube sagt:

    Ja, in Bezug auf die Nahrungsmittelexporte gab es tatsächlich ein fact sheet, bei den anderen Themen nicht. Die Erfahrung dieses ersten Anlaufs ist insgesamt auch, dass es der Debattenqualität keinesfalls abträglich ist, klarstellende Informationen mit anzugeben, die notwendig sind, um die „richtigen“ Streitfragen zu ermöglichen.

  11. Hallo,

    als Liebhaber des historischen Arguments und Fast-Geschichtsstudent (damals) gefällt mir die Idee sehr gut.
    Bei einer Wiederholung wäre ich gern dabei, auch (oder gerade?) als Juror
    Wenn man sich die Motions einiger englischsprachiger Turniere in diesem Jahr (Wien, Stockholm) anschaut, liegt Ihr sogar im internationalen Trend. 😉
    Dort kommt es auch vermehrt zu First Person Motions und eben geschichtlichen Fragestellungen.
    Aber diese sind meist an die Bedingung „in the hindside“ gekoppelt, was ich für ein wenig besser erachte, als euren Ansatz, dass man WIRKLICH in dieser Ära ist.
    Denn entweder fehlen uns dafür die wirklich gelebten Voraussetzungen (Mittelalter) incl. Wissen z.B. über den jeweiligen gesellschaftlichen Standard und die relevanten Betroffengruppen.
    Oder man hat halt ständig die tatsächlich realisierten Konsequenzen im Hinterkopf.

  12. Andi sagt:

    Keine schlechte Idee, aber aus meiner Erfahrung mit Debattenthemen über vergangene Ereignisse bin ich etwas skeptisch, weil der „hindsight bias“ für alle Beteiligten sehr stark ist. Man muss dann regelmäßig sehr viel Arbeit leisten, um Ereignisse, die eigentlich durch Zufall oder Glück gut (oder schlecht) ausgegangen sind und deshalb einen Nimbus der Folgerichtigkeit und Unvermeidbarkeit erhalten haben, als in Wahrheit unvorhersehbar hinzustellen. Das finde ich ein wenig unfair für die Seite, die gegen die gute Seite des historischen Status Quo argumentieren muss.

  13. Andreas P (Wien) sagt:

    Super, bitte bald wiederholen!

    Ich seh schon die nächsten Themen: DH ist Pontius Pilatus. [Kann man sich den Rest denken? 😉 ]
    Es ist 1492. DHG, dass Christoph Kolumbus bei seiner Rückkehr erzählen sollte, er hätte nichts als von Seeungeheuern und Monstern bevölkertes Wasser vorgefunden.
    DH ist Gavrilo Princip. Dieses Haus würde es wieder tun.

    @Jan: Der Unterschied zwischen „hindsight“ Motions über Geschichte und diesen ist glaube ich, dass man die tatsächlich in der Vergangenheit spielenden Themen schwerlich auf einem Turnier geben kann, wenn man von den Rednern erwartet, das Wissen der Nachgeschichte auszublenden und vielleicht auch noch die damals mögliche Weltanschauungen zu übernehmen.
    Aber die hauptsächliche Frage lautet meiner Meinung nach gar nicht, ob man mit oder ohne „hindsight“ argumentieren darf, sondern eben, ob die Relevanz von Argumenten und deren Prämissen, also Weltanschauungen, die gleichen sein dürfen wie heute. Die französische Revolution kann man auch aus damaliger Perspektive super mit „hinsight“-Wissen debattieren. Die wichtigere Frage ist, finde ich, eher, ob etwa eine royalistische Perspektive à la „Wir von Gottes Gnaden“ akzeptiert werden soll.

  14. Jan F. (Berlin) sagt:

    Dank an meine beiden Vorposter.
    Die option „hindsight“ soll ja eben den bias umgehen. Ja wir wissen was passiert incl. aller Konsequenzen.
    In der Lutherdebatte eben Kirchenspaltung und wenn man so will 30jähriger Krieg, Gegenreformation, Bildersturm und Margot Käßmann.
    Aber für unser Prinzip ist es uns das wert, weil….und da soll ja tiefgehenderes Debattieren hinführen.

    Klar ist aber auch, dass man das eben wegen der Vorwissenfrage in einer eigenen Debattierkategorie gestalten sollte, analog zu Spaßdebatten (Gutenbergcup) und Ironman-Turnieren (Münster). Dann weiß jeder im Vorhinein, worum es geht.

  15. Andreas P (Wien) sagt:

    @Jan: Jetzt verstehe ich erst genau, wie du es meinst.
    Den „hindsight bias“ zu unterdrücken, würde wohl nicht funktionieren, also lieber von vornherein mit dazunehmen.
    Eine gute Idee, Jan! Ja, auf einem normalen Turnier würde das leider nicht funktionieren. Nicht nur kann man das Vorwissen nicht von allen erwarten, auch würde es die Perspektive der Juroren verzerren.
    Den Juroren alles Fachwissen zu erklären, wie es in einer üblichen Debatte erwartet wird, wäre wohl kaum gangbar, dann bräuchte man mit diesem Format gar nicht anzufangen. Oder doch?

    Ach, wär eine Wiederholung fein.

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