BPS, öffentliche Finalveranstaltungen und die Frage, was Debattieren ist 

Datum: 20. Februar 2020
Redakteur:
Kategorie: Jurieren, Mittwochs-Feature

Im dieswöchigen Mittwochs-Feature macht sich Matthias Gansen Gedanken über das Debattieren im British Parliamentary Style.

Nach dem Finale der Campusdebatte Göttingen kamen wieder einmal die altbekannten Gedanken auf, dass BPS Finals einfach nicht öffentlich sein sollten. In meinen Augen sagt dies eine Menge über das Format aus, denn im Wesentlichen sagt diese Aussage, dass die besten Debatten, die wir als Szene im Stande zu liefern sind, für Normalbürger mindestens nicht genießbar, wahrscheinlich aber nicht verständlich sind. Dies kollidiert für mich stark mit meinem Verständnis von Debattieren und wir sollten als Szene deshalb einmal darüber reden, was BPS aktuell ist und was es für die Szene sein soll. Dieser Beitrag soll dazu als Diskussionsstarter dienen.  

Wird das Publikum überzeugt? – © Matthias Carcasona

Zuerst aber einmal ein paar Meta-Gedanken zu diesem Beitrag: 

Mir ist absolut bewusst, dass meine starke Formatpräferenz für OPD wohlbekannt ist. Meine feste Überzeugung ist aber auch, dass beide Formate unterschiedliche Dinge abprüfen und beides einen Reiz und eine Berechtigung hat. Ich möchte hier in keiner Weise einen zweiten Formatkrieg anzetteln. Deswegen hoffe ich sehr, nicht in „OPD hat das Problem aber auch“ Debatten zu rutschen. Im Optimalfall reden wir ab jetzt nur noch über BPS und erwähnen das andere Format nicht mal mehr. 

Viele Gedanken und Argumentationen beruhen zudem auf meinem subjektiven Verständnis des Debattierens und der Funktion des Debattierens. Auch hier werden viele von euch absolut berechtigte alternative Gedanken haben. Die Diskussion darüber, welches Verständnis für uns als Szene am sinnvollsten ist und welche Implikationen das nach sich zieht, ist genau, was ich versuche zu bezwecken. 

Es gibt einen Unterschied zwischen den BPS Regeln und dem Format, wie wir es aktuell reden  

Wenn wir einmal einen Blick in den Jurierleitfaden der DDM 2018 werfen, dann finden wir dort folgenden Satz: „Die JurorInnen nehmen die normale Position der Adressaten einer BPS Debatte (die von informierten Weltbürgern) ein.“ Da Teams darauf abzielen, mit der besten „Überzeugungsleistung“ die Debatte zu gewinnen, kann hieraus geschlossen werden, dass Teams mit ihren Reden den informierten Weltbürger überzeugen wollen. Unter der Prämisse, dass nicht nur Debattierende informierte Weltbürger sein können und der Annahme, dass ein Publikum oder zumindest eine Ehrenjury als informierte Weltbürger qualifizieren, lässt die Aussage „BPS-Finals sollten nicht öffentlich sein“ zwei Schlussfolgerungen zu: 

  1. Selbst die besten BPS Teams Deutschlands sind zu schlecht, um den informierten Weltbürger zu überzeugen.  
  1. Das, was gute BPS Teams leisten, ist nicht darauf ausgerichtet, den durchschnittlichen Weltbürger zu überzeugen. 

Wahrscheinlich ist hier die zweite Schlussfolgerung die richtige, da sie sich auch noch mit der Beobachtung deckt, dass Fachvokabular und Anglizismen es schwer machen, Debatten zu folgen. Viele unserer neuen Mitglieder haben Probleme, in das Vokabular des Debattierens hereinzukommen. Ein neueres Münsteraner Clubmitglied sagte mir, er habe auch nach sechs Monaten des Debattierens eine der Reden im Göttinger Finale überhaupt nicht verstanden. Dies deckt sich mit meinen Erinnerungen aus der Anfangszeit und wahrscheinlich auch mit euren. Auch dass Reden in einem sprachlichen und gedanklichen Tempo gehalten werden, welches Verstehen ohne geübtes Mitschreiben unmöglich macht, stützt Schlussfolgerung Zwei. 

BPS als Logikpuzzle? – © Pixabay

Wir sehen also: Um erfolgreich zu sein, muss nicht mehr für den informierten Weltbürger debattiert werden. Folglich orientieren sich die Reden an eine andere Adresse, die des auf BPS Debatten optimierten Jurierenden. Dieser ist in einem extremen, weit über das von Normalbürgern erwartbare Ausmaß empfänglich für schnelle und komplexe Erklärungsschritte. Verstärkt wird dies noch durch das altbekannte Problem von bereits bekannten Argumenten, die man sich als Juror leider auch mal ab und zu selbst „fertig“ denkt. Daraus ergibt sich eine veränderte Anreizstruktur für das Halten einer Rede. Wenn mir bewusst ist, dass die jurierende Person auch sehr schnelle, eventuell nicht ganz perfekte Argumente ausreichend nachvollziehen kann, hat es für mich schlichtweg keinen Nutzen mehr, dieses Argument tiefer und verständlicher zu erläutern. Dies macht abstraktere, größere gedankliche Konstrukte als Argumente attraktiver, da ich nicht so viel Zeit für diese brauche, und eine weiterführende Erklärung eines als trivial wahrgenommenen Arguments weniger als Überzeugungsleistung gewertet werden würde. Hieraus folgt, dass Teams mit einer Präferenz für abstrakte Logik-Konstrukte einen Vorteil haben. Sie brauchen weniger Zeit für ein Argument und haben damit die Möglichkeit, entweder mehr oder größere Argumente in der gleichen Zeit zu vorzutragen. Es geht in der Folge weniger darum sein Argument möglichst gut zu erklären als vielmehr darum, das logisch beste Argument zu entwickeln. Auch im Vergleich der Argumente zueinander geht es mehr um den Vergleich logischer Konzepte als die konkrete Auswirkung solcher für die Realität. BPS ist so kein Überzeugungs- und Erklärungssport mehr, sondern viel mehr ein reiner Logiksport. 

Natürlich gibt es nicht nur die absoluten Varianten „Überzeugungs-BPS“ und „LogikBPS“, denn BPS war schon immer auch ein Logiksport.  Auch sind noch immer Teams erfolgreich, die Reden halten, welche für den informierten Weltbürger verständlich sind. Dennoch scheint mir hier ein Trend erkennbar zu sein. Da erfolgreiche Teams oft von jüngeren Debattierern zum Vorbild genommen werden und die Ergebnisse von guten Juroren auch Vorbildfunktion für andere Juroren haben, sollte sich dieser Trend zukünftig auch weiter verstärken.  

Welches BPS wollen wir haben? 

Offensichtlich wäre es viel zu kurz gegriffen, zu sagen „Überzeugungs-BPS“ steht in den Regeln und ist damit das Richtige. Beide Arten des Debattierens haben absolut ihre Reize und Berechtigung. Wir sollten uns nur klar machen, dass zu einem gewissen Grad unterschiedliche Fähigkeiten geprüft werden 

„Überzeugungs-BPS“ fordert von den Teilnehmenden, sich in kürzester Zeit Argumente zu überlegen, welche sie durch eine Rede überzeugend darbringen können. Die Rede ist dabei nicht nur Medium, da es explizit darum geht, komplexe Zusammenhänge nachvollziehbar zu erklären. Die Nachvollziehbarkeit dieser Erklärung ist dabei auch ein Bewertungskriterium. 

„Logik-BPS“ nimmt die Rede nur als Medium, um das Argument darzustellen. Dabei ist die Nachvollziehbarkeit der Erklärung mehr eine Bedingung als ein Bewertungskriterium. Diese Bedingung wird abgewertet durch die Menge an Fachwörtern und Buzzwords, die Juroren dabei durchgehen lassen. Die zentrale Fähigkeit nach der bewertet wird, ist jene, in kurzer Zeit ein logisches, möglichst großes Argument zu erschaffen und dies in logischen Kontext zu den anderen Argumenten der Debatte zu setzen.  

Was soll die Jury bewerten? – © Stephen Stahn

Die Frage, welches BPS wir als Debattierer haben wollen, geht dabei aber noch tiefer. Denn sie wirft die Frage auf, was Debattieren überhaupt ist. Wikipedia referenziert bei dem Wort Debatte den Meinungsaustausch vor einer politischen Abstimmung. BPS ist, in seiner Idee, eine Versportlichung der Abläufe des britischen Unterhauses. Uns wird allen bewusst sein, dass Parlaments-Debatten nicht dazu dienen, die andere Seite des Hauses zu überzeugen oder das komplexere Argument aufzuziehen. Viel mehr haben sie das Ziel die zuschauenden Menschen von der Richtigkeit der eigenen Argumente zu überzeugen. Aus diesem Ziel ergibt sich auch, dass bei einem sportlichen Wettkampf das Team gewinnt, welches für diesen durchschnittlichen Zuschauer (also wahrscheinlich einen informierten Weltbürger) die überzeugendste Rede hält. In diesem Debattierverständnis ist es richtig, dass das Team gewinnt, welches für diese Zuhörerschaft die größten Effekte aufzeigt. 

Neben diesem, hauptsächlich aus dem demokratischen Parlamentsvorgehen abgeleiteten, Debattierverständnis existiert aber auch noch eines, welches sich in meinen Augen eher aus der wissenschaftlichen Debatte ableitet. Hier geht es nicht darum, den Durchschnitts-Bürger abzuholen. Stattdessen wird von WissenschaftlerInnen für WissenschaftlerInnen in jeweils passenden Fachzeitschriften argumentiert. Hier ist es wegen der begrenzten Länge der Texte und dem Zielpublikum weder nötig noch möglich, alles bis ins Detail allgemein verständlich zu erklären.  Daraus ließe sich ein Verständnis des Debattierens als Logiksport, in dem es nur darum geht, dass bessere Konstrukt aufzubauen, ableiten. 

Im „Überzeugungs-BPS“ scheint es mir offensichtlich, dass die sprachliche Debatte ein sinnvolles Format ist, um die Fähigkeit, durch eine Rede inhaltlich zu überzeugen, zu prüfen. Mir stellt sich allerdings die Frage, warum die sprachliche Debatte das richtige Format für die von „Logik-BPS“ geprüften Fähigkeiten sein soll. Der Bedarf an vielen Fachbegriffen zur schnelleren Erklärung eines Arguments scheint mir nicht mit dem Medium Rede zusammen zu passen, da es einfach nicht die Möglichkeit gibt, kurz zu pausieren und eventuell unbekannte Vokabeln nachzuschauen. Genauso wie das „Überzeugungs-BPS“ eine Versportlichung der politischen Debatte ist, scheint mir hier durch die offensichtliche Nähe zur wissenschaftlichen Debatte eine Versportlichung dieser, wie es zum Beispiel die Ink-Debates darstellen, das sinnvollere Format für „Logik-BPS“ zu sein. 

Während bei mir die Überzeugung überwiegt, dass beide Arten von BPS ihren Reiz und ihre Berechtigung haben, glaube ich, dass die Vermischung der beiden Ansätze, wie wir sie im Moment sehen, aufgebrochen werden sollte. Nicht nur ist der Umgang mit dem Format ein anderer, was zum Beispiel den Umgang mit Neulingen, Finalveranstaltungen oder Sponsoren angeht. Auch scheint es mir aktuell so, als würde die sportliche Vergleichbarkeit darunter leiden. Angenommen in einer Runde treten Teams mit und ohne dem Ziel an, ihre Argumente für den informierten Weltbürger zu erklären. Sollten beide Teams etwa gleich gut sein, in dem was sie tun, hängt es nun von der Akzeptanz des Jurors gegenüber „Abkürzungen“ und abstrakten Argumenten ab, wer gewinnt. Selbst bei einem wahrnehmbaren Qualitätsunterschied scheint es mir nicht unwahrscheinlich, dass letztlich doch eher die Präferenz des Jurierenden (oder die Mehrzahl der Präferenzen in einem Panel) über Sieg und Niederlage*1 zu entscheiden. Eine Klärung würde hier zu mehr Verständnis für die Jurierung und mehr Fairness, da alle wissen was das Ziel ist, beitragen. 

Ich persönlich würde mir für die Szene folgendes wünschen: Das Format der Ink-Debates gewinnt an Popularität und das (sprachliche) Verständnis des informierten Weltbürgers wird zum qualifizierenden Kriterium eines jeden Arguments*2 auf BPS-Turnieren. So würde ein Raum für den intellektuell hoch spannenden Logiksport bleiben, zeitgleich aber auch BPS (und letztlich auch der Logiksport) sowohl für Anfänger als auch für Sponsoren viel zugänglicher werden.  

*1Zumindest in Finals, aber so klingt es dramatischer  

*2kurze Klarstellung: ich meine hier keine Bewertung dessen, wie gut ein Argument sprachlich dargestellt wurde. Viel mehr stelle ich mir vor, Argumente nur soweit als erklärt zu werten, wie sie ein durchschnittlicher informierter Weltbürger (ohne (extreme) Kenntnis von Debattiervokabular) verstanden hätte. 

Matthias Gansen/jm.

Matthias Gansen studiert Wirtschaftsinformatik im Master an der WWU Münster und ist seit 2015 im Debattierclub Münster aktiv, dessen erster Vorsitzender er im vergangenen Jahr war. Als Redner stand er unter anderem im Halbfinale der Deutschen Meisterschaft 2019 und wurde Westdeutscher Meister 2019. Matthias erreichte auf vielen nationalen Turnieren den Jurorenbreak und wurde auf der Westdeutschen Meisterschaft 2018 für seine Jurierleistung ausgezeichnet. Zudem war er Chefjuror der diesjährigen DDL-Turniere in Bonn und Hamburg.

Das Mittwochs-Feature: Jeden Mittwoch ab 10.00 Uhr stellt das Mittwochs-Feature eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

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13 Kommentare zu “BPS, öffentliche Finalveranstaltungen und die Frage, was Debattieren ist ”

  1. Tim (Rederei) sagt:

    Ich frage mich ja, wie diese Jurierung nach „Überzeugungs-BP“ funktionieren sollte. Nehmen wir mal an ich sitze als Juror in einer Debatte und ein Team macht ein mir verständliches aber kompliziertes Argument. Soll ich dem Team dann sagen: Jaja mir ist vollkommen klar was ihr uns hier erklärt habt aber ich glaube als Nichtdebattierer hätte ich das nicht verstanden deswegen werte ich das nicht.
    Dann kommt es bei Debatten auf einmal auf die Meinung der Jurierenden an, was „Normalbürgern“ an Verständnis noch zuzutrauen ist, eine meiner Meinung nach extrem vage Anforderung bei der ich nicht sehe, dass wir uns auf einen Konsens einigen könnten.
    Und insbesondere in den 99% aller Debatten die keine öffentlichen Finals sind scheint mir das doch merkwürdig ein Argument, welches von allen Personen im Raum verstanden wurde dann als schlecht erklärt rauszunehmen. Da frage ich mich warum wir uns alle dümmer machen sollten als wir sind? Für die vielleicht 20 Zuschauer bei öffentlichen Finals?

    1. Matthias G (Münster) sagt:

      Zu dem jurieren: Ich glaube, dass es nicht so unähnlich zu Fachwissen in Debatten ist, welches ja auch von Juroren ignoriert werden soll.

      Ich glaube die Frage dahinter ist, was Sinn und Zweck der Sportart ist. Wir können gerne sagen, dass Debattieren ein Sport von Debattieren für debattierer ist. Aber dann sollten wir das konsequent durchziehen und auch nicht mehr so tun, als hätten wir irgendwie gesellschaftliche Relevanz.
      Wenn wir aber sagen, Debattieren als Sportart prüft Überzeugungskraft gegenüber Normalbürgern dann scheint mir es richtig zu sein, eben diesen Normalbürger als Juror zu simulieren

    2. Jona (Leipzig) sagt:

      Offensichtlich gibt es doch in beiden Fällen Ungerechtigkeit: im Status quo, weil wir nicht wie gefordert – als durchschnittlich gebildete Menschen – jurieren; und im Status Matthias weil Leute unterschiedliche Auffassungen von der durchschnittlichen Gebildetheit des d.i. Weltbürgers haben.

      Natürlich sehen wir das im Status Quo weniger, weil wir mehr oder weniger behaupten, dass er einfach nicht da sei (oder viel darüber reden nach der Debatte), aber das bedeutet ja nicht, dass er nicht da ist. Im Zweifelsfall würde ich daher für den Status Matthias plädieren, weil er stärkere Anreize für das setzt, was Debattieren eigentlich sein sollte (zumindest aus Sicht der Durchschnittsbevölkerung – sicher keine hinreichende Bewertungsinstanz).

      Und nicht nur für die 20 Zuschauer, sondern auch für den Lerneffekt, für Neumitglieder, für Altmitglieder ( hier könnte auch eine Homogenisierung der Jurierenden schon viel tun, egal in welcher Hinsicht), sowie Sponsoren

  2. René G. (Rederei Heidelberg) sagt:

    Ich fand es schon immer ein wenig ironisch zu erwarten, dass das Debattieren Rednerinnen und Redner hervorbringt die auf den durchschnittlichen Normalbürger überzeugend wirken sollen indem man sie von Leuten trainieren und selektieren lässt, die vermutlich nicht andersartiger als dieser sein könnten. I.e. links-liberale Akademikerkinder die in ihrem 4. – 16. Semester studieren, vorzugsweise irgendwas zwischen „Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften“ studieren und ihre Freizeit auf Reddit und in Effektiver Altruismus Gruppen verbringen.
    Dasselbe gilt letztlich für die gesamte „Jurierausbildung“. Deren Ziel ist doch gerade, per Definition, die Art und Weise wie eine a priori durchschnittliche Person eine Debatte wahrnimmt zu verändern („verbesseren“). Und wahrscheinlich tut sie das sogar. Aber dann darf es halt nicht überraschen, dass diese Wahrnehmung nach der Korrektur („Training“) eine andere ist als vorher.

    Habe ich eine Lösung dafür? Nö, bin nur hier für die lols.

  3. Anton (DDM-Chefjury) sagt:

    Gerade, wo im Rahmen des Artikels auch auf den momentan gültigen BPS-Jurierleitfaden verwiesen wurde, würde ich gerne kurz anmerken, dass Teile des skizzierten Problems – spezifisch die Rolle von Fremdsprachen, Fachwissen und des Jurors bzw. der Jurorin – im neuen Leitfaden definitiv Reformulierungen erfahren werden. An der Stelle soll deshalb angemerkt sein, dass es vielleicht im Verlauf der Diskussion nicht sinnvoll wäre, sich zu sehr an den momentan noch gültigen Regelwerksfeinheiten zu orientieren. Über den Input durch den Artikel und durch die Diskussion, sowohl für den Leitfaden als auch für sachverwandte Aspekte von BP (z.B. Motionsetzung) freuen ich und wir als DDM-Chefjury uns natürlich sehr.

  4. Alena (MZ) sagt:

    Ich stimme deiner Problemanalyse voll und ganz zu, aber ich befürchte, dass es „Überzeugungs-BP“ nicht geben kann, das kann das Format nicht leisten. BP hat den Anspruch, dass es ein richtiges Ranking gibt. (Auch bei einem Split setzt sich ein Ranking durch und das andere ist für das Ergebnis irrelevant.)

    Es gibt aber nicht „den Weltbürger“. Für die eine Weltbürgerin kommt ein anderes Ergebnis raus als für den anderen, weil jeder unterschiedlich viele bzw. andere Teile der Rede versteht oder man einfach unterschiedliche Denkweisen überzeugend findet. Das Format hat aber keinen Mechanismus dafür, dass es mehrere gleichberechtigte Sichtweisen gibt – am Ende setzt sich ein Ranking durch.

    Was Finals angeht, stellt sich die Frage, wieso machen wir öffentliche Finals? Machen wir das für die Außenwirkung vom Debattieren (also für die ganze Szene)? Dann sind BP-Finals in ihrer heutigen Form suboptimal. Oder machen wir es als Belohnung für die guten Leistungen in den Vorrunden (also für die Einzelnen)? Dann sollte auch reines „Logik-BP“ öffentliche Finals haben.

  5. Witthaut (DCJG Mainz) sagt:

    Das soll jetzt nicht so nach „damals“ klingen:
    Mir fehlt in dem Artikel eine spezifische Ursache, warum in Finals der Weltbürger nicht überzeugt wird. Wenn ich mir so Videos von World-Finals, einigen Finalreden großartiger (auch aktueller!) Rednerinnen und Redner anhöre und in meinen geschönten Erinnerungen rumsuche, gibt es erstaunlich viele, großartige Reden, die gleichzeitig alle die oben beschriebenen Anforderungen erfüllen. Warum ist das „mutal exclusive“? Vll. sind eben manche Reden noch ausbaufähig und eben nicht perfekt. Und das ist keine Kritik, sondern eine wunderbare Herausforderung!

    1. Anton (DCMS) sagt:

      Volle Zustimmung: Sowohl aus meiner eigenen anekdotischen Erfahrung als auch aus VDCH-Perspektive hinsichtlich begeisterter Zuschauer*innen, Ehrengäste etc. glaube ich auch, dass BP-Finals nicht allgemein nicht öffentlichkeitswirksam oder ungeeignet sind – wenngleich es vielleicht ein, zwei systematische Faktoren gibt, die in BP eher Totalausfälle bedingen können, auch wenn ich die für behebbar halte.

    2. Sven (Tübingen) sagt:

      Um hier vielleicht eine vermittelnde Position zwischen Willy und Matthias einzunehmen:

      Ich glaube, BPS hat großartige Finals hervorgebracht und wir haben so viele (!) talentierte Menschen im VDCH-Land, die tolle (BPS-)Reden halten. Mal davon abgesehen halte ich es für unfair, Finalredner zu kritisieren– jeder darf mal weniger gute Reden haben, auch und gerade bei großem Publikum.

      Trotzdem gibt Matthias ja schon strukturelle Gründe für Unverständlichkeit an:
      – Fachsprache: Einer Jury sind Anglizismen wie „Burden“, „Clash“, „Comparative“ oder „mutually exclusive“ bekannt- aber für Außenstehende (und auch beliebigen Weltbürgern) sind das leere Worte.
      – Dichte: Ein Format, das die argumentative Überzeugungsebene bevorzugt, sorgt natürlich dafür, dass man fast allen emotionalen „Beirat“ (Einleitungen, Geschichten, Beispiele) entfernen muss und – was m.M.n. gewichtiger ist – möglichst viel Inhalt in sieben Minuten packt. Das führt dazu, dass BPS-Reden bisweilen gerade noch mitschreibbar sind, aber sich für den „normalen Weltbürger“ unangenehm schnell anhören.

      Was man dagegen machen kann? Da fällt mir auch kein spontaner Fix ein (siehe dazu auch Antons Einwände)– mal davon abgesehen, dass ja gerade diese Verschiedenartigkeit von BPS und OPD m.M.n. ein großer Gewinn für das Debattieren ist.
      Vielleicht nur zwei Dinge:
      (1) Wir sollten offener für alternative BPS-Redestile sein, die z.B. ohne Anglizismen/Fachsprache oder den „Schema F-Aufbau“ auskommen.
      (2) Wir sollten bei der Moderation von Finals ausführlicher das spezifische Format erklären. Wenn das Publikum darauf eingestellt wurde, dass es in BPS (primär) um die Tiefe der logischen Argumentation geht, wissen sie es auch anschließend mehr zu goutieren, als wenn sie vorher „geschliffene, große Reden“ erwarten.

  6. Anton (DCMS) sagt:

    Vielen Dank erst einmal für das Schreiben dieses Artikels, Matthias – Diskussion um BP kann es eigentlich nie genug geben und ich freue mich sehr, dass das einmal wieder angestoßen wird.

    Ich teile eine Reihe deiner Beobachtungen zu einzelnen Sachverhalten (z.B. Finale in Göttingen, z.B. Komplexität von Argumentationsstruktur in BP) auf jeden Fall, würde aber gerne die hier postulierten Zusammenhänge hinterfragen.

    Zuerst einmal frage ich mich, ob man wirklich BP-Finals allgemein eine schlechtere Öffentlichkeitsqualität attestieren kann. Ich glaube, dass einige BP-Finals der vergangenen Zeit sehr publikumswirksam waren (z.B. Leipzig, Wien, Jena, Münster), während einige OPD-Finals an diesem Anspruch gescheitert sind. Beide Formate bieten gewisse Anreize, an der Öffentlichkeitswirksamkeit zu scheitern: OPD dann, wenn es zu schauspielerisch wird, BP dann, wenn es zu pseudokomplex und unverständlich wird. Bevor wir das Problem bearbeiten können aber erst einmal eine kurze Kritik deiner debattiertheoretischen Grundlegung dazu.

    Ich glaube nicht, dass die Distinktion zwischen Logik und Überzeugung in der von dir charakterisierten Form besteht. Es ist, auch in der heutigen Jurierpraxis, von enorm großen Nutzen, Argumente verständlich und überzeugend aufzubereiten; nicht nur, um den Einfluss persönlicher Wissensstände der Jurierenden zu neutralisieren, sondern auch, um sicherzugehen, dass andere Teams und die Jury die Möglichkeit erhalten, Argumente mitzubekommen. Ja, es gibt in einige Richtungen Möglichkeiten, das auszunutzen, aber alles in allem gewinnt niemand eine Debatte, weil er oder sie hinreichend abstrakt und unverständlich war.

    Du sagst jetzt, der Unterschied besteht dazwischen, ob die Verständlichkeit selber Bewertungskriterium ist oder nur danach bewertet wird, inwiefern sie dem Argument im Wege steht, sprich: „Ist diese Rede verständlich gewesen“ oder „Ist diese Rede verständlich genug gewesen“. Jede Interpretation von BP aber, auch dein „Überzeugungs-BP“ muss notwendigerweise letzteres voraussetzen: Verständlichkeit über hinreichendes Verständnis des Arguments hinaus kann kein Bewertungskriterium sein, weil Verständnis eines Arguments ein Maximum erreicht: An dem Punkt, an dem ich als Juror verstanden habe, was die Rede kommunizieren will, ist erhöhte Verständlichkeit überhaupt nicht mehr überzeugend; fassen wir aber Verständlichkeit als eigenständiges Bewertungskriterium auf, müsste ich zwischen zwei Reden, die ich beide verstanden habe, nicht nur nach ihrer inhaltlichen Qualität bewerten, sondern auch danach, ob ich vermute, dass uninformiertere Personen als ich eine solche Rede auch verstanden hätten. In Einzelfällen ist das möglich, zum Beispiel, wenn es um Fachwissen oder Fremdwörter geht; ich kann mir eine alternative Lesart der Rede, in der ich nicht weiß, was Fremdwort x heißt, gut vorstellen. Mir aber vorzustellen, wie jemand mit geringeren logischen Fähigkeiten einen Sachzusammenhang verstanden hätte, ist höchst spekulativ und kaum machbar. Wenn ich als Juror also eine Rede verstanden habe, ist es sehr schwer, außerhalb dieser subjektiven Einschätzung Verständlichkeit einfließen zu lassen (oder einen Mangel ebendieser zu sanktionieren).

    Die Frage, die wir uns also vor dem Hintergrund stellen müssen, ist: Wann ist eine Rede verständlich genug, um „voll bewertet“ zu werden? Ich vermute, du würdest sagen, die momentane Redepraxis enthält viele Reden, die nicht „verständlich genug“ sind, dafür aber nicht sanktioniert werden. Ich glaube aber, dass es starke Anreize für Teams gibt, auf eine verständliche Art und Weise zu argumentieren; verstehen Teile des Panels Argumentation nicht, so sorgt das potenziell für den Verlust großer Teile der Argumentationsleistung.

    Ich glaube, hinsichtlich Verständlichkeit gibt es drei Szenarien:
    Erstens, das ganze Panel versteht die Rede nicht – dann wird die Rede auch heute sehr schlecht bewertet.

    Zweitens, das ganze Panel versteht die Rede – und ich fürchte, da können wir wenig tun; wenn eine Rede von einem ganzen Panel verstanden wird, ist es schwierig, ihre mangelnde Verständlichkeit zu sanktionieren; ich wüsste zumindest nicht, wie.

    Drittens und wichtigstens aber: Teile des Panels verstehen die Rede nicht. Ich glaube, an dieser Stelle kann die Jurierpraxis verbessert werden: Erklären Teile des Panels ausführlich anderen Teilen des Panels die Argumentation der Redenden und nehmen ihnen den Job ab, indem sie die Verständlichkeit nachliefern, liegt ein gravierender Fehler in der fairen Bewertung der Reden vor. Haben Panelmitglieder, besonders solche, die bereits gewisse Juriererfahrung haben, eine Rede nicht verstanden, so sollte das umfänglicher in Bewertung und Rankings einfließen, statt durch Erklärung und Rekonstruktion eliminiert zu werden; so wäre „verständlich genug“ auch ein wichtigeres Kriterium, weil die Chance, dass es einem Team zum Verhängnis wird, angemessen steigt. Nichtsdestotrotz ist es aber für ein Team strategisch sicherlich nicht optimal, sich auf Paneldynamiken und individuelle Jurierende zu verlassen; die Vermutung, dass Teams absichtlich besonders abstrakt reden, finde ich also nicht vollständig glaubwürdig.

    Ich würde folgende alternative Analyse des von dir beobachteten Sachverhalts der überkomplexen Argumentation vorschlagen: Wenn es einem Team gerade so gelingt, Sachverhalte auf besonders abstrakte und komplexe Art darzustellen, spricht das, denke ich, eher dafür, dass das Team das Thema weniger gut verstanden hat und weniger gut damit umgehen kann. Ich weiß zumindest aus meiner anekdotischen Erfahrung mit öffentlichen BP-Finals, das meine Rede in Göttingen beispielsweise sehr wenig publikumswirksam war, eben weil ich große Probleme mit dem Anspruch des Themas hatte und es gerade so geschafft habe, das wenige Fachwissen, das ich hatte, einzuordnen und darzustellen; es überzeugend aufzubereiten und ansprechend darzustellen war an der Stelle einfach nicht mehr möglich.

    Ich zumindest bin der festen Überzeugung, dass eine solche Aufbereitung und Einordnung auch von hohem Nutzen gewesen wäre – m.E. manifestiert sich das auch in der Finaljurierung, wo exakt eine solche Aufbereitung und Einordnung durch die schließende Regierung zu beinahe vollständigem Erfolg geführt hat. Ich würde also stark davon ausgehen, dass das Interesse der Publikumswirksamkeit und der Teams viel stärker in die gleiche Richtung wirken als du vermutest; häufig stellen Motions allerdings Komplexitätsansprüche an Teams, die nicht in kürzester Zeit auf Allgemeinverständlichkeit heruntergebrochen werden können: In einer BPS-Debatte habe ich schlimmstenfalls 15 Minuten Zeit, um mich auf meine Rede vorzubereiten. Wenn ich mir erst erschließen muss, worum es geht und was für Mechanismen dahinter wirken, fällt es mir schwerer, den Debatteninhalt zu veranschaulichen als wenn ich die Mechanismen bereits kenne und sie nur noch aufbereiten und auf die Motion zuschneiden muss.

    Erstens frage ich mich, ob die Charakterisierung von BP-Jurierungsprozessen und das dargestellte Delta zwischen regeltechnischem Soll und praktischen Ist wirklich akkurat ist: Einerseits glaube ich schon, dass diese Figur des informierten Weltbürgers, gerade in ihrer Charakterisierung bspw. nach dem WUDC-Leitfaden, weit informierter ist als das, was man als „durchschnittlich“ bezeichnen würde: Wöchentliche Lektüre des Economist zum Beispiel stattet eine Person mit relativ tiefgehendem Wissen vieler Sachverhalte aus – Potenziell auch mehr, als der/die durchschnittliche Besucher*in eines CD-Finals mitbringt.

    Die Antwort auf die Frage, wie BP-Finals öffentlichkeitswirksamer sein können, liegt deshalb m.E. allerdings nicht zwangsläufig in der Natur des Formats, sondern im Charakter der Motion. Die Fähigkeit, Themen nicht nur analytisch zu durchdringen, sondern diese Erkenntnisse auch noch publikumswirksam und handelsüblich überzeugend aufzubereiten ist vermutlich eine, die mit einem tieferen Verständnis einhergeht. In OPD werden vergleichsweise komplizierte Motions vermutlich eher mit mehr Taschenspielerei und eskalierenden Sprachbildern kompensiert, während in BP eben abstraktere Argumentation die von Teams gezogene strategische Konsequenz ist; deshalb sind schlechte BP-Finals eben auch grauenvoll, während schlechte OPD-Finals nur ziemlich mies sind. Lieber würde ich die grauenvollen Finals durch gute Finals als durch ziemlich miese Finals ersetzen, deshalb Folgendes.

    Eine Lösung für zu abstrakte BP-Finals könnte sein, dass man spezifisch solche Arten von Motions, die eben primär eine intellektuell-logische Herausforderung sind, eben nicht mehr in öffentlichen Finals stellt, und in Finals eher diejenigen Themen, die relativ wenig Innovation, dafür aber viel Spielraum und Möglichkeiten bieten (z.B. wie auf der DDM in Jena oder Heidelberg 2016) zu stellen. Ich glaube letzten Endes, mit deiner Unterscheidung differenzierst du zu einem großen Teil zwischen Arten von Debatten, Teams und vor allem Motions und weniger zwischen grundsätzlichen Formateigenschaften. Ich glaube deshalb des Weiteren, ein Turnier kann Platz für beides bieten; die Lektion, dass es gerade im Finale eher gilt, die klare und plastische Aufbereitung von Sachverhalten statt ihre logisch-intellektuelle, aber schwer eizuordnende Analyse zu fordern, ist aber eine wichtige, deren Berücksichtigung sicherlich einige unangenehme FInals vermeiden könnte.

    1. Anton (DCMS) sagt:

      Whoops – Absatz 11 sollte mit „Darüber hinaus“ statt mit „Erstens“ beginnen.

    2. Felix (Leipzig, ehm. Aachen) sagt:

      Auch wenn ich dem letzten Teil zu Motions zustimmen würde, glaube ich du lieferst im ersten Teil selbst ein sehr schönes Beispiel dazu was in der Jurierung vieler Debatten falsch läuft. Ich würde Matthias nämlich zustimmen, dass es einen recht großen Unterschied, zwischen dem wie man laut Jurierleitfaden eigentlich jurieren soll und dem wie Leute jurieren. Die völlige Unkenntnis der Regeln, die viele Juror*innen in beiden Formaten immer wieder an den Tag legen ist wirklich erschreckend und wahrscheinlich der Hauptfaktor, der mich davon abhält auf mehr Turniere zu fahren. Das ist im Übrigen auch kein Problem von unerfahrenen Juror*innen, sondern etwas, dass auch renommierte Leute, die Jurorenpreise gewinnen, breaken und CAen betrifft. Wenn ich mir ansehe, wie oft ich in Jurierdiskussionen saß und anfangen musste mit Jurierenden über Regeln zu streiten, ist die Jurierszene weit davon entfernt im Sinne der Regeln sinnvolle Ergebnisse zu erzielen. Es überrascht mich nicht im Geringsten, dass zumindest der Eindruck entsteht, dass Juroren zunehmend nach ihren eigenen Vorstellungen und Regeln bewerten.

      Mir ist auch ziemlich egal was im WUDC-Leitfaden steht, weil ich nicht international debattiere und mir ist im Moment auch ziemlich egal, was du in den nächsten Leitfaden schreibst. Wenn du vorhast die Regeln an dein Verständnis von Debatten anzupassen, ist das dein gutes Recht, du chefjurierst immerhin eine DDM für mich. Aber für den Moment gilt: Wenn ich nach Göttingen auf eine Campusdebatte gefahren bin, hätte ich naiv erwartet, dass ich nach dem aktuellen Jurierleitfaden juriert werde. Leider ist das aus meiner Perspektive nur Wunschdenken.

      Mir ist nicht ganz klar, wie du Verständlichkeit von Überzeugung trennst, aber wenn du mich fragst, ist Verständlichkeit einfach nur ein Aspekt von Überzeugung, also sollte er auch entsprechend in eine Jurierung einfließen.
      Du schreibst: „Verständlichkeit über hinreichendes Verständnis des Arguments hinaus kann kein Bewertungskriterium sein, weil Verständnis eines Arguments ein Maximum erreicht: An dem Punkt, an dem ich als Juror verstanden habe, was die Rede kommunizieren will, ist erhöhte Verständlichkeit überhaupt nicht mehr überzeugend; fassen wir aber Verständlichkeit als eigenständiges Bewertungskriterium auf, müsste ich zwischen zwei Reden, die ich beide verstanden habe, nicht nur nach ihrer inhaltlichen Qualität bewerten, sondern auch danach, ob ich vermute, dass uninformiertere Personen als ich eine solche Rede auch verstanden hätten. In Einzelfällen ist das möglich, zum Beispiel, wenn es um Fachwissen oder Fremdwörter geht; ich kann mir eine alternative Lesart der Rede, in der ich nicht weiß, was Fremdwort x heißt, gut vorstellen. Mir aber vorzustellen, wie jemand mit geringeren logischen Fähigkeiten einen Sachzusammenhang verstanden hätte, ist höchst spekulativ und kaum machbar.“

      Wenn es dir wirklich so schwer fällt dir zu überlegen, wie verständlich ein Argument für eine durchschnittliche Person wohl ist, ist jurieren, ohne dir zu nahe treten zu wollen, vielleicht einfach nicht das richtige für dich. Weil ich aus eigener Erfahrung aber den Eindruck habe, dass du eigentlich gar nicht so schlecht bist, wie du das hier darstellst, lass mich dir erläutern, warum ich dir nicht zustimme:
      Nehmen wir an eine OO macht ein Argument. Und die CO macht das selbe Argument viel verständlicher mit schöneren Beispielen und weniger Fremdwörtern. Dann sollst du dich nach meinem Verständnis des Jurierleitfadens natürlich auch fragen, ob ein durchschnittlicher Zeitungleser das Argument schon nach der OO verstanden hätte oder ob die CO einen relevanten Beitrag zur Überzeugungsleistung dieses Argumentes geleistet hat, indem sie unklare Dinge nachgeliefert hat. Wenn du stattdessen, wie du es hier darstellst, einfach danach gehst, ob du das Argument in der OO schon verstanden hast, tust du der CO in meinen Augen unrecht und kommst nicht zu einem fairen(im Sinne des Leitfadens) Ergebnis der Debatte. Du bist nämlich ziemlich weit weg von einem durchschnittlichen Zeitungsleser. In deiner Welt bekommt die eröffnende Hälfte zu viel credit durch namedropping und das Anreißen von Argumenten. Wenn ich so darüber nachdenke ist das wahrscheinlich in realen Turnierjurierungen tatsächlich auch ein Problem.

      Das bringt mich auch wunderbar zurück zum eigentlichen Thema: Welches Verständnis von BPS sinnvoll ist und wo wir damit hinwollen.
      Vielleicht auch weil ich nie ein wirklich talentierter Redner war, war es mir nie so wichtig die Fähigkeit Debatten zu gewinnen zu optimieren. Was mir Debattieren persönlich bringt, sind im Wesentlichen zwei Dinge:

      1. Sicheres Auftreten vor einer Gruppe und die Fähigkeit strukturiert meinen Inhalt zu präsentieren. Als Physiker muss ich vielleicht nicht rhetorisch glänzen, aber Ergebnisse eines Projektes präsentieren zu können, ist in Forschung, Wirtschaft und Freizeit eine sehr nützliche Fähigkeit.
      2. Debattieren bringt mir bei mich in andere Akteure und deren Perspektive reinzudenken. Gerade in BPS werde ich gezwungen wirklich tief über eine Seite nachzudenken und mir Argumentationen kleinschrittig zu überlegen. Ich glaube das ist eine wichtige Fähigkeit, um sinnvoll über die Welt und die Gesellschaft nachzudenken und dann anderen Leuten diese Perspektiven zu erklären.

      Während ich erstere Fähigkeit auch auf anderen Wegen bekommen könnte, ist letztere schon fast exklusiv debattier- bzw. BPS-spezifisch. So wie ich den Jurierleitfaden verstehe, sollte es in BPS darum gehen eine Argumentation für die eigene Seite zu finden, die „objektiv“ überzeugend ist. Weil man das schlecht messen kann, nimmt man die Position eines unvoreingenommen gut informierten Zeitungslesers und versucht Teams aus dieser Perspektive zu vergleichen.

      Wenn wir jetzt also feststellen, dass Finals solche durchschnittlichen Menschen nicht überzeugen, ist das erstmal komisch. Weil BPS aber keine absolute Wertung vornimmt, ist das erstmal kein Wiederspruch. Bisher haben wir schon drei mögliche Gründe zusammengetragen:

      1. Zu schwere Themen
      2. Zu schlechte Redner
      3. Falsche Anreize durch die gängige Jurierpraxis

      Während sich 1. Und 2. nur schwer kurzfristig und individuell ändern lassen, kann eigentlich jeder von uns einmal in sich gehen und sich fragen, ob man im status quo wirklich aus der Perspektive dieser durschnittlichen Person juriert. Ich für meinen Teil stelle glaube ich fest, dass ich mich was das angeht noch weiter verbessern könnte. Ich glaube auch, dass das sinnvoll wäre, weil ich als Redner die Fähigkeit Argumente verständlich erklären zu können wahrscheinlich eher dann fördere, wenn ich mein Argument nicht Anton erklären muss, sondern mich zwinge es einem zeitungslesenden CDU-Wähler zu erklären. Das tue ich aber nur, wenn ich auch danach bewertet werde.

  7. Dino (Amsterdam/Zürich/Maastricht) sagt:

    Ich bin hier etwas gespalten. Einerseits ist mein Debattierverständnis davon geprägt, dass Debattieren ein Spiel ist, und es eigentlich irrelevant ist, ob eine Debattenrede jemanden ausserhalb der Debatte überzeugt – ich debattiere nicht für ein Publikum oder irgendwelche Skills, sondern dafür, eine Debatte zu gewinnen. Andererseits stimme ich zu, dass sehr komplexe und schnelle Reden das Debattieren weniger zugänglich für Neulinge machen (insbesondere dann, wenn viele Leute in der Szene schon lange dabei sind), und auch die Resultate etwas zum Glücksspiel verkommen lassen (hat der Juror ein Argument, das nur per Namedrop angerissen wurde, jetzt verstanden oder nicht?). Mein Ziel wäre also ein Debattieren, das nach relativ kurzer Zeit verständlich ist und möglichst verlässliche Resultate produziert. Mit diesen Zielen würde ich sagen: Wir sollten Verständlichkeit – genau wie Rhetorik und Stil – als „verstärkenden Effekt“ bewerten, der zwar Analyse und Erklärungen nicht ersetzen kann, aber einem Team begrenzt schaden oder helfen kann.

    Dinge wie Fachbegriffe oder Anglizismen sehe ich hier nicht als besonders grosses Problem, da man diese jemandem relativ schnell beibringen kann. Ich glaube auch, es wäre nicht fair gegenüber Rednern, die viel in BP oder international debattieren, diese Ausdrücke zu bestrafen. Für mich ist ein Wort wie Clash, Rebuttal, oder Extension einfach näher, da ich relativ selten auf Deutsch debattiere (und dazu etwas erschwerend Hochdeutsch auch nicht wirklich meine Muttersprache ist, und ich ohnehin manchmal kurz über hochdeutsche Worte nachdenken muss). Dabei gilt für mich dasselbe wie mit Jargon im Allgemeinen – wenn der Jargon nicht hilft, soll er ignoriert werden.

    Im Bezug auf die Zugänglichkeit sehe ich das Problem eher in der Geschwindigkeit und möglichen zu komplexen Konzepten und Argumenten in der Debatte. Ich glaube nicht, dass es einen fairen Weg gibt, diese Argumente zu benachteiligen oder auszuschliessen, solange sie gut gemacht sind. Entsprechend müssen wir uns als Juroren hier neutral verhalten, um eine faire Debatte zu garantieren, da die Alternative eine sehr subjektive Einschätzung, wie komplex bzw. zugänglich jetzt ein Argument genau war, ist. Und hier kommt das grössere Problem: Ich kann im Status quo nicht wissen, wie sich ein Juror in Bezug auf angerissene Argumente verhält, oder wo ein Juror ein komplexes Argument gegenüber einem simplen, gut erklärten Argument einordnet.

    Die Antwort wäre für mich also vor allem eine konsistentere Jurierung. Ich glaube, das kann man auf mehreren Arten erreichen: Erstens sollte man beim Juroren-Briefing (falls es noch immer Turniere gibt, die keine Briefings machen, bitte ändert das!) explizit darauf hinweisen, dass Argumente erklärt werden müssen und die Juroren im Zweifelsfall ein Argument nicht kaufen sollten. Zweitens würde ich einen Juroren-Test einführen, der auch als Basis der Einteilungen in den ersten Runden und für den Break zählen MUSS. Idealerweise wären die Breaks und Einteilungen grösstenteils mathematisch geregelt (auf der Basis von Feedback und einem Juriertest), aber ausserhalb einer DDM ist das vermutlich schwierig aufgrund der kleinen Sample Size. Dennoch glaube ich, CA’s (auch international) sollten sich mehr auf Feedback verlassen. Es ist mir schon zu oft passiert, dass jemand nach absolut veralteten oder schlicht und einfach selbst erfundenen Regeln juriert, ich das Problem einem CA erkläre, und diese Person trotzdem völlig ungetestet weiter chairt. Es müsste meiner Meinung nach eine Norm sein, dass jegliches Feedback, dass ein Juror nicht nach Regeln juriert, sofort zu einem Test durch die CA’s und gegebenenfalls einer Relegation zum Wing führt. Die Regeln sind meiner Meinung nach nicht das grösste Problem, sondern die inkonsequente Anwendung dieser Regeln.

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