Und täglich grüßt das Murmeltier – Warum wir eine dauerhafte Lösung für die Chefjurierendenauswahl bei der DDM brauchen

Datum: 24. Januar 2024
Redakteur:
Kategorie: Campus-Debatten, Das Thema, Mittwochs-Feature, Turniere, VDCH

Anlässlich des heute auf der Achten Minute erschienenen offenen Briefes, wollen wir, die Chefredaktion, im heutigen Mittwochsfeature zeigen, wie der Debatte um die Auswahl von Chefjurys auf DDMs ein Ende gesetzt werden kann und was VDCH-MV Anträge dazu berücksichtigen sollten.

Einleitung

In einer Szene, die so stark vom Wechsel der Generationen geprägt ist, wie das im studentischen Debattieren nun einmal inhärent der Fall ist, ist ein kurzes Gedächtnis nicht weiter verwunderlich. So ist es ein bekanntes Phänomen, dass strittige Themen häufig mehrfach diskutiert und aus den verschiedensten Perspektiven beleuchtet werden. Das Auswahlverfahren für die Chefjury der DDM ist so ein Thema, welches die Szene schon länger zu beschäftigen scheint (vgl. z.B. DDM 2017 in Dresden). Im Licht des heute veröffentlichten offenen Briefes, möchten wir, als Achte Minute, uns daran versuchen, die (und das sind in diesem Fall bewusst nicht zwei) Seiten des Prozesses zu beleuchten. Dabei hoffen wir eine weitestgehend neutrale Einordnung der Geschehnisse zu ermöglichen und wollen uns im Folgenden Argumente, sowie bereits erfolgte Diskussionen zu diesem Thema, anschauen. Diese sprechen für oder wider den Bewerbungs- und Auswahlprozess, liegen häufig aber auch dazwischen.

Die Chefjury wird nach verschiedenen Kriterien ausgewählt. Das offensichtlichste und unstrittigste Ziel ist die fachliche Qualität des CA-Panels, insbesondere auch ihre Funktionalität als Team. Sie müssen gute Themen finden, den Jurierleitfaden für die nächsten zwei Jahre festlegen und die Jurierenden einschätzen und managen können. Auf der DDM selbst ist zudem wichtig, dass sie mit Orga und Tab gut zusammenarbeiten, um einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen.

Infobox (insbesondere für unsere neueren Lesenden):

Die Position der Chefjury auf der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft (DDM) ist eine verantwortungsvolle, weil Chefjurierende Regeln verbindlich und unter Umständen mit Auswirkungen für die gesamte Saison auslegen, sowie durch ihre Vorarbeit, Themen und Jurorensetzung in nicht unerheblichem Maß dazu beitragen, welches Team am Ende den Titel “Deutschsprachige Debattiermeister*innen” mit nach Hause nehmen darf. Die DDM ist das größte Turnier im deutschsprachigen Raum. Sie wird vom Verband der Debattierclubs an Deutschen Hochschulen (VDCH) veranstaltet. Ausgerichtet wird sie von einem Debattierclub im deutschsprachigen Raum, welcher sich nach der aktuellen Regelung ein bis zwei Jahre im Voraus auf der Mitgliederversammlung des VDCH für die Ausrichtung dieses Turniers bewerben muss. Die Aufgabenverteilung zwischen dem VDCH und den Ausrichterclubs sieht in der Regel so aus, dass der VDCH in beratender und überwachender Funktion zur Verfügung steht, aber der wesentliche Teil der Arbeit und auch der Entscheidungsfreiheit an die Ausrichter fällt. Möglichkeiten zur Regulation hat der VDCH über den sogenannten “Ausrichterleitfaden”, welcher am Anfang der Saison vom frisch gewählten VDCH Vizepräsidenten für Veranstaltungen veröffentlicht wird. Halten sich Ausrichterclubs nicht an diesen Leitfaden, so kann ihnen der finanzielle Zuschuss durch den VDCH beziehungsweise das Turnier entzogen werden. Das ist natürlich (insbesondere wenn es kurzfristig erfolgt) ein sehr drastischer Schritt, da die Alternative an dieser Stelle in der Regel der Ausfall des Turniers ist. 

Bisheriger Prozess

In den letzten zehn Jahren (mit Ausnahme der OPD-DDM von 2017) war es Usus, wenn auch keine Regel, dass die Chefjury der DDM mittels eines Bewerbungs- und anschließenden Auswahlverfahrens bestimmt wird. Das Verfahren ist in drei Phasen unterteilt: In der Vorschlagsphase werden Bewerbungen von und Vorschläge für Kandidaten eingeholt. Daran folgt die Feedbackphase, in der die Liste aller Kandidaten veröffentlicht wird und alle Mitglieder der Szene Feedback geben können. Gleichzeitig füllen die Kandidaten einen Bewerbungsbogen aus, der dann in anonymisierter Version von einer Auswahlkommission ausgewertet wird. Basierend auf diesen beiden Kriterien trifft die Auswahlkommission eine Wahl für die besten Kandidat*innen, welche dann als die Chefjury benannt werden (DDM Ausschreibungsverfahren 2019 und 2020).

In der Beurteilung des oben beschriebenen Verfahrens im Vergleich mit einer Auswahl der Chefjury durch das Orgateam gibt es eine grundsätzliche Hürde, die darin besteht, dass auch die Auswahl durch eine Auswahlkommission in keiner Weise normiert ist. Daher gehen wir bei beiden Verfahren zunächst vom Best Case aus und zeigen anschließend auf, wo wir Regulationsbedarf sehen. Wir gehen also davon aus, dass eine Cheforga mit verhältnismäßig geringer Erfahrung in der Szene diese Aufgabe ohnehin an eine Kommission abgibt, weil ihnen der VDCH-Vorstand oder auch Mitglieder ihres Clubs zu dieser Vorgehensweise raten würden (da es an Expertise in der Einschätzung potenzieller Kandidat*innen und an Kontakten fehlt). Im Umkehrschluss gäbe es also in einer Cheforga, welche ihre eigene Chefjury bestimmt, immer mindestens eine sehr erfahrene Person, die an der Auswahl der Chefjury beteiligt ist. Die Auswahlkommission ist im Best Case ein Gremium aus erfahrenen Debattierenden verschiedener Clubs.

Qualität des Panels

Um ein qualitativ möglichst hochwertiges Chefjurierenden Panel zusammenzustellen, müssen die Auswählenden die Fähigkeit haben, CAs zu bewerten und ein Team zusammenzustellen. Dazu ist ein guter Überblick über die Szene zu ihrem jetzigen Zeitpunkt vonnöten. Eine Cheforga greift dabei hauptsächlich auf ihre eigenen Erfahrungen und Kontakte zurück. Dabei besteht sie oft aus weniger Leuten und kommt aus dem gleichen Club, was zu stärkeren Überschneidungen im Umfeld und Erfahrungen führt.

Dazu kommt der theoretisch trennbare, in der aktuellen Situation aber vereinte Effekt des Auswahlverfahrens: Eine offene Bewerbungs- und Vorschlagsphase sorgt dafür, dass (a) mehr Leute in Betracht gezogen werden und zu diesen (b) mehr Meinungen gehört werden — schließlich sind Panels nicht unbedingt auf jedem Turnier gewesen, um sich die Themen aus nächster Nähe anzugucken, und haben schon gar nicht in jeder Jurierdiskussion und in jedem Feedback gesessen. Daher hat die Auswahlkommission unserer Meinung nach tendenziell die Nase vorne, wenn es um die Qualität der Chefjury geht. Da allerdings auch bei einer Auswahl durch die Cheforga kein per se ungeeignetes Panel zu befürchten ist, ist dieser erwartbare Qualitätsvorsprung kein Totschlagargument.

Zudem sind zwei wichtige Aspekte zu beachten, die auch beide in dem offenen Brief Erwähnung finden: Zum einen die Repräsentation der Szene und zum anderen die Förderung weniger bekannter Chefjurierender. Dass die Szene durch eine Auswahlkommission mit Debattierenden unterschiedlicher Clubs und ein Feedbackverfahren besser repräsentiert wird, ist unstrittig und bereits oben erläutert, weshalb wir uns an dieser Stelle auf den zweiten Aspekt konzentrieren wollen.

In der Vergangenheit wurden tendenziell sehr bekannte und erfahrene Chefjurierende ausgewählt. Während wir die Betonung der Fähigkeit begrüßen, kann es sich lohnen, weniger bekannte Chefjurierende in Erwägung zu ziehen. Schließlich soll ja nicht die Popularität oder Sympathie entscheiden. Mit welchem Verfahren lassen sich weniger bekannte Chefjurierende also besser fördern?

Einerseits, das zeigt auch der Brief auf, kann ein geschlossenes Verfahren (also eines ohne Bewerbung) zu einer Verzerrung führen, da nicht alle geeigneten Kandidat*innen dem Orgateam notwendigerweise bekannt sind. Andererseits führt eine höhere Transparenz und Öffentlichkeit zu einem höheren Konformitätsdruck gegenüber den Erwartungen der Szene (siehe Handreichung zum Prozess der Chefjuryauswahl vom 2. Jurier-Think-Tank). Aus diesem Grund haben geschlossene Verfahren das Potenzial, auch risikofreudigere und kreativere Entscheidungen hervorzubringen. Dies ist selbstverständlich keine Notwendigkeit, aber wie man beispielsweise an der ausgewählten Chefjury der DDM 2017 erkennt, kann hier effiziente Förderung von eher weniger bekannten CAs betrieben werden.

Ein anonymisiertes Auswahlverfahren dagegen, so wie es vor den letzten DDMs betrieben wurde, kann abhängig von den verwendeten Kriterien zu einem Vorteil für bereits erfolgreiche Kandidaten führen (schließlich ist es schwierig eine Vorauswahl an qualifizierten Kandidaten zu treffen, ganz ohne vorherige Leistungen zu berücksichtigen). Lösungsansätze erfahren wir etwa von der DRESDEN Debating Union, als Rechtfertigung ihrer Entscheidung, das CA-Panel der DDM 2017 selbst auszuwählen, in welcher sie den Vorschlag äußern, dass eine DDM jeweils nur einmal von derselben Person CAt werden darf. Alternativen liefert uns wieder die Handreichung zum Prozess der Chefjuryauswahl, in welcher vorgeschlagen wird, spezifische CA-Posten separat mit entsprechenden Erwartungshorizonten auszuschreiben (z.B. sportliche Qualität, spezifische Themenfelder, Nachwuchsförderung, etc.). Hier kann auch die große Stärke von Ausschreibeverfahren genutzt werden, nämlich die größere Anzahl an Bewerber*innen mit vielfältigen Profilen, die ein solch differenziertes Anforderungsprofil mit größerer Wahrscheinlichkeit bedienen können.

Wichtig ist hier das Bewusstsein, dass ein Ausschreibungsverfahren möglicherweise auch potenziell geeignete Kandidat*innen abschrecken kann, da es eher selbstbewusste, risikoaffine Personen anspricht. Eine Möglichkeit dies zu umgehen, die ebenfalls bereits in den letzten Ausschreibeverfahren eingesetzt wurde, ist die Möglichkeit, Kandidat*innen einer Chefjury durch Dritte vorschlagen zu lassen.

Arbeitsaufwand und Zusammenarbeit mit der Cheforga

Für den flüssigen Ablauf einer DDM ist es elementar, dass die Zusammenarbeit der Chefjury sowohl untereinander als auch mit der Cheforga und dem Tab-Team funktioniert.

In einem geschlossenen Auswahlverfahren können Cheforganisationen auf CAs zurückgreifen, mit denen sie bereits in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben. Das spart zum einen Arbeit in der Kommunikation mit diesen Personen, da man sich bereits kennt, zum anderen aber auch, das ist an dieser Stelle der relevantere Punkt, Planungssicherheit. Nicht notwendigerweise im zeitlichen Sinne, aber das Wissen um Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Präferenzen der Chefjury sind für eine Cheforga praktisch bereits im Vorhinein zu kennen. Zumal das Auswahlverfahren durch die Cheforga ja das Verfahren der Wahl auf anderen VDCH-Turnieren ist (evtl. unter Einbezug des Beirats für Jurierqualität).

Das Vorgehen auf der Basis dieser Argumentation hat jedoch insbesondere im Kontext der DDM wesentliche Nachteile. Für das Orgateam selbst relevant ist die Zweifelhaftigkeit des tatsächlichen Zugewinns an Arbeitskapazität. Denn eine Auswahlkommission kann auch die Orga entlasten und ihr so helfen. Zudem hat die Auswahlkommission auch einfach mehr Zeit, sich um die Auswahl zu kümmern – schließlich muss sie nicht noch nebenbei das größte Turnier im VDCH-Land organisieren. Natürlich funktioniert dieses Konzept nur, wenn die Auswahlkommission rechtzeitig bestimmt wird, sodass sie auch noch ausreichend Zeit hat, ein sinnvolles Bewerbungsverfahren auszuarbeiten und durchzuführen. Für die DDM 2023 begann die Bewerbungsphase am 16.10.2022; am 23.12. wurde die Chefjury ernannt.

Ebenfalls wichtig, auch für den Zeitplan, ist die Zusammenarbeit mit dem Tab-Team. Allerdings ist aufgrund der beschränkten Verfügbarkeit von Tabpersonen hier ohnehin wenig Spielraum.
Den Punkt der Zusammenarbeit als Team möchten wir nochmal getrennt herausgreifen: Einerseits kann man als Cheforga, welche ihr eigenes CA Panel zusammenstellt, bewusst Chefjurierende wählen, von denen man weiß, dass sie gut zusammenarbeiten. Andererseits, davon ausgehend, dass es sich bei Chefjurierenden um eine Gruppe erwachsener Menschen handelt, die eine mehr oder wenige professionelle Beziehung führen, würden wir doch sehr hoffen, dass hier in den meisten Fällen auch ohne eine „harmonisierende“ Wirkung der Cheforga eine freundliche Zusammenarbeit möglich ist. Grundlegende Antipathien, die das verhindern sollten, wären außerdem wahrscheinlich auch einer Auswahlkommission bekannt.

Fairness des Verfahrens

Kommen wir abschließend auf die Fairness des Verfahrens und die Frage, wie wir die prestigeträchtigsten CAships der Szene vergeben sollten. Die Auswahl der Cheforga muss natürlich nicht notwendigerweise unfair sein, aber es stellt sich durchaus die Frage, welche Eigenschaften uns wichtig sein sollten. Zählt vor allem, dass die CAs die bestmögliche Qualität haben? In welchem Bereich liegt die Qualität genau? Sollten die CAs zum Zeitpunkt der Auswahl eine gewisse Aktivität in der Szene über die letzten ein bis drei Jahre vorweisen können? Sollten Einzelpersonen mehrmals die DDM CAen dürfen? Interessanterweise wurden diese Fragen von der diesjährigen Cheforga offenbar anders beantwortet als bei der DDM 2017. Da es offenkundig verschiedene Meinungen dazu gibt, sollten wir diese Entscheidung auch der VDCH MV übertragen.

Zum Wohle der Chefjury

Eine letzte Abwägung ist auch die Frage, nach dem besten Szenario für Chefjurierende. Hier ist es relevant zu überlegen, in welchem Szenario diese mehr Legitimation und Rückhalt aus der Szene bekommen: Das ist vermutlich das, in dem sie von der Szene selbst bestimmt werden. Schließlich ist es immer einfacher, über eine Entscheidung zu schimpfen, die man nicht selbst getroffen hat. Und da Debattierende erfahrungsgemäß häufig besser wissen, was richtig und falsch ist, beschränkt sich Kritik an der Chefjury selten auf deren Auswahl, sondern weitet sich auch auf deren Arbeit aus. Sachliche Kritik ist wichtig. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass es sich hier um eine aufwändige, ehrenamtliche Tätigkeit handelt, welche wir als Szene honorieren und nicht geringschätzen sollten. Wir glauben, dass Chefjurierende, die durch eine Auswahlkommission mit Bewerbungsverfahren und demokratisch legitimierten Zielen und Kriterien bestimmt werden, weniger solcher Kritik ausgesetzt sind, was sich mit großer Wahrscheinlichkeit positiv sowohl auf deren mentale Gesundheit, als auch auf die Bereitschaft und das Interesse eine DDM zu chefjurieren auswirkt.

Eine Perspektive für die Zukunft

Wie bereits zu Beginn dieses Artikels bemerkt, handelt es sich um einen Vergleich von Best-Case-Szenarien. Aber auch ein Bewerbungsprozess ist kein Garant für Demokratie und eine Reduktion der “Hinterzimmerpolitik”. Da es keine festen Absprachen rund um den Auswahlprozess von Chefjurierenden für die DDM gibt, können hier aktuell Ausrichterclubs, selbst wenn sie einen Bewerbungsprozess anstoßen, diesen nach ihren persönlichen Präferenzen gestalten. Das bedeutet, dass auch hier Entscheidungen getroffen werden können, die nicht notwendigerweise die Meinung der Szene widerspiegeln. So kann etwa eine Auswahlkommission gesetzt werden, die die Präferenzen der Cheforga des Turniers übernimmt. Solch ein “Scheinbewerbungsverfahren” sollte in jedem Fall vermieden werden, da es dem demokratischen Prozess im Zweifelsfall mehr schadet als die exekutive Entscheidung der Cheforga für eine Chefjury, welche, wie man jetzt sieht, zumindest Diskurs über das Auswahlverfahren anstößt.
Wenn ein Verfahren im besten Interesse der Szene gestaltet ist und eine entsprechend qualifizierte und repräsentative Auswahlkommission mit Bewerbungsverfahren eingesetzt wird, glauben wir, dass dieses Verfahren, vor allem aus strukturellen Gründen, zu einer besseren Qualität von CA-Panels führt. Auch die Legitimität und Fairness der Auswahl kann, zumindest mit einem klaren Mandat, von einer Kommission deutlich besser sichergestellt werden.
Sollten wir uns als Szene einigen, dass wir diese Meinung vertreten wollen, dann müssen wir uns im nächsten Schritt fragen, wie wir ein solches Auswahlverfahren im besten Interesse der Szene dauerhaft sicherstellen können. Die Festlegung des Verfahrens muss unserer Meinung nach normativ durch die VDCH-MV erfolgen, um eine hohe Legitimität der Zielstellung zu erreichen.

Abgesehen von der Verpflichtung von Ausrichterclubs zu einem Bewerbungsverfahren, die auf der nächsten MV mit Sicherheit behandelt werden wird, wollen wir eine Wahl der Auswahlkommission für die Chefjury auf der VDCH-MV anstoßen. Diese Wahl würde einer Kommission Rückhalt aus der gesamten Szene geben und bestenfalls auch die gesamte Szene abbilden. Neben der Repräsentation würde eine Wahl auf der MV auch erreichen, dass die Auswahlkommission frühzeitig feststehen würde, was es ihr erlauben würde, ein sinnvolles Bewerbungsverfahren auszuarbeiten und durchzuführen. Um gleichzeitig Ausrichterclubs nicht zu stark in ihrer Gestaltungsfreiheit einzuschränken und die Interessen der Cheforga (z.B. gute Zusammenarbeit) in der Auswahlkommission präsenter zu haben, schlagen wir vor, dass ein Mitglied des Clubs oder sogar der Cheforga automatisch Teil dieser Kommission wäre. Dadurch wäre es Ausrichtern möglich, Bedenken und Wünsche anzubringen und somit das Gleichgewicht zwischen dem Wunsch der Szene nach Transparenz und den Bedürfnissen der Ausrichterclubs zu wahren.

Zuletzt noch einige Worte zu Schwierigkeiten bei der CA-Auswahl unabhängig vom gewählten Verfahren. CAs müssen ohnehin schon Fähigkeiten in zwei komplett verschiedenen Bereichen, der Themensetzung und Jurierendenadministration, haben. Den CAs der DDM zusätzlich noch ein drittes Aufgabenfeld aufzubürden, nämlich das Verfassen eines Jurierleitfadens, und zwar ohne die Unterstützung einer “Regelkommission” oder eines ähnlichen Gremiums, welches sich intensiver mit den Formalia des Jurierens in BPS auseinandersetzt, scheint geradezu absurd. Für die CAs bedeutet es mehr Arbeit und dadurch, dass die neuen Jurierleitfäden auch in der Regel erst im Frühjahr erscheinen (was ja vollkommen logisch ist, wenn die Chefjury erst im Winter benannt wird), haben Jurierende wenig bis keine Praxis im neuen Regelwerk, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Unklarheiten oft erst kurz vor der DDM oder vielleicht sogar gar nicht geklärt werden können. Im Angesicht dieser Schwierigkeiten wäre es vielleicht auch nochmal eine Überlegung wert, diese Aufgabenbereiche zu trennen und den Jurierleitfaden einem anderen Gremium anzuvertrauen, wie auch immer ein solches dann aussehen mag. Das führt allerdings an dieser Stelle etwas zu weit, wer dazu mehr erfahren möchte, kann sich intensiver mit dem Artikel von Lennart Lokstein und dessen Kommentarspalte befassen.

Zusammenfassung und Konklusion

Wir glauben, dass die Streitfrage der Berufung der DDM-Chefjury durch einen MV-Beschluss beendet werden sollte. Hierbei müssen verfahrenstechnische Details wie die Ernennung (VDCH-MV, Cheforga, teils-teils, …), Leitlinien und Kriterien (Präsenz in der Szene, (Un-)Bekanntheit, Abdeckung von Themenfeldern, …) festgelegt werden. Wir würden auch eine Diskussion über die Trennung von DDM-Chefjury und Hoheit über den BP-Jurierleitfaden begrüßen.

Das könnte potenzielle DDM-Ausrichter abschrecken, da sie auf Spielraum und etwas Planungssicherheit verzichten müssen. Da die überwiegende Mehrheit der vergangenen DDM-Cheforgas die Auswahl aus der Hand gegeben hat und die letzten beiden dies sogar aktiv fordern, ist dies unserer Meinung nach ein vernachlässigbares Risiko.

Unser Appell lautet daher: Diskutiert, formuliert, ratifiziert!

Weiterführende Artikel

All diese Ideen sind keineswegs neu (oder orginell). In diesem Sinne findet ihr hier die Handreichung zum “Prozess der Chefjuryauswahl” entstanden auf dem 2. Jurier-Think-Tank in 2015, hier die Stellungnahme der DRESDEN Debating Union zur Bestimmung der Chefjury der DDM 2017 durch die Cheforga, hier die Ausschreibungen für die DDM 2019 und 2020 und hier einen Artikel von Lennart Lokstein zur Frage einer BP Regelkommission mit sehr interessanter Kommentarspalte.

Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

ah/jh/hb.

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8 Kommentare zu “Und täglich grüßt das Murmeltier – Warum wir eine dauerhafte Lösung für die Chefjurierendenauswahl bei der DDM brauchen”

  1. Jonas (HD) sagt:

    Vielen Dank an die Redaktion der Achten Minute für diese sehr umfassende sachliche Einordnung.

    Ich war doch überrascht schon vor längerer Zeit festzustellen, dass die Debattierszene, die ja sonst gerne alles in extremen Detailgrad in der Beschlusssammlung festhält, dafür keine Regelung hatte. Letztlich gehört die Auswahlkommission in die Beschlusssammlung und die Bestimmung der Auswahlkommission auf die MV. Dort kann sich die Szene dann auch darüber klar werden, was für den Auswahlprozess wie relevant sein soll, ohne dass dies unilateral von einzelnen Clubs durchgesetzt wird.

  2. Konstantin (Rederei/Mainz) sagt:

    Ich stimme euch im Ergebnis zu, dass ich eine Auswahlkommission (vermutlich besetzt durch VDCH & Orga) der way to go ist. Ein weiteres Argument hierfür geht aus dem von euch verlinkten Artikel von Lennart hervor und ich möchte das noch einmal explizit machen. Währen wir in OPD eine hochdemokratisch (von Tübingen 😉 ) gewählte Regelkommission haben, die über die Interpretation des Formats bestimmt, hängt dies in BP maßgeblich nach Gewohnheitspraxis von Leitfäden/Äußerungen & Jurierpraxis der DDM Chefjury für die folgenden 2 (das sind unter Zugrundelegung einer nicht-dinosaurischen Debattierkarriere viele) Jahre ab. Ob das sinnvoll ist, sei mal dahingestellt. Sofern wir das aber praktizieren, ergibt sich mMn fast notwendig die Anforderung eines Mindestmaß an Einbindung der Szene. Diese ist wie von euch im Artikel ausgeführt mit einer Auswahlkommission deutlich stärker vorhanden.

  3. Jannis Limperg sagt:

    Als Mitglied der Auswahlkommissionen 2021-23 würde ich gerne ein paar Sachen ergänzen.

    1. Das wesentliche Kriterium in unseren Auswahlprozessen war immer ein Fragebogen mit detaillierten inhaltlichen Fragen zur CA-Arbeit. Andere Kriterien, z.B. Diversität des Panels in verschiedenen Dimensionen, haben auch eine Rolle gespielt, waren aber klar nachgeordnet. Nachwuchsförderung haben wir, soweit ich mich erinnere, nicht betrieben; ich halte das DDM-CA-Panel auch für den falschen Ort dafür.

    2. Den inhaltlichen Teil des Fragebogens haben wir vollständig anonym ausgewertet; insbesondere kannten wir zum Zeitpunkt der initialen Auswertung nicht die CA-Erfahrung der Bewerber*innen. Hypothetische sehr gute Leute ohne Erfahrung hätten also durchaus Chancen gehabt.

    3. Die relevanten Fragen (also diejenigen, bei denen es substantielle Unterschiede zwischen den Bewerbungen gab) betrafen fast immer die Themenarbeit. Die Fragen zum Jurierendenmanagement wurden von fast allen Bewerber*innen solide beantwortet. Das macht das Jurierendenmanagement nicht unwichtig, bedeutet aber, dass es im Auswahlprozess berechtigterweise eine weniger große Rolle spielt.

    4. Der Auswahlprozess ist nun auf zweierlei Weise besonders geeignet dafür, die Themenarbeit zu beurteilen. Erstens bekommen wir individuelle Antworten der Bewerber*innen, anstatt uns Themen anzuschauen, die gemeinsam mit zwei bis drei anderen Leuten gestellt wurden. Zweitens waren die Auswahlkommissionen stets mit Leuten besetzt, die selbst viel chefjuriert haben und damit hoffentlich zumindest bis zu einem gewissen Grad beurteilen können, wie gute Themenarbeit aussieht.

    5. Gute Zusammenarbeit mit der Cheforga war für uns nie ein Kriterium, aber mir ist auch nicht bekannt, dass es da je größere Probleme gegeben hätte. Gute Zusammenarbeit innerhalb des CA-Panels haben wir berücksichtigt, indem wir abgefragt haben, ob die Bewerber*innen mit bestimmten Personen nicht chefjurieren möchten. (Ich kann mich an keine „Ja“-Antwort erinnern.) Gute Zusammenarbeit mit dem Tabteam wird dadurch sichergestellt, dass die CAs an der Auswahl des Tabteams beteiligt sind.

    6. Ein Nachteil der elaborierten Auswahlprozesse, die wir aufgesetzt haben, ist, dass manche Leute schlicht keine Lust haben, sich einem solchen Prozess zu unterziehen. Uns wurde anekdotisch zugetragen, dass sich manche sehr guten CAs aus diesem Grund gegen eine Bewerbung entschieden hätten.

    Zusammenfassend halte ich es für unwahrscheinlich, dass eine Cheforga die Themenarbeit als wichtigste Fähigkeit der Bewerber*innen so gut einschätzen kann wie eine Auswahlkommission. Das heißt natürlich nicht, dass Cheforgas keine guten CAs ernennen können; das Panel dieses Jahr ist beispielsweise offensichtlich sehr gut (wenn auch sehr konservativ gewählt).

  4. Allison (DDG/MZ) sagt:

    My 2-Cents als Alumna: Ich fand (und finde bei den DDG-Turnieren) die Auswahl der CAs für kleine Turniere, aber auch für die (damals noch) ZEIT Debatte, als Cheforga immer super nervig und total außerhalb meiner organisatorischen Aufgaben. Eine Kommission kann sich nur mit diesem Bereich befassen und tolle, fähige Leute aussuchen. Ist doch klasse! Und die Cheforga kann sich um die eigentliche Orga des Turniers, zumal wenn es sich um ein sehr großes Turnier handelt, kümmern. Wenn ich so drüber nachdenke, wäre ich sogar dauerhaft für Ernennungskommissionen auch bei Turnieren außerhalb der CDs/DDM – vielleicht mit schlankem Bewerbungsprozess bei kleinen Turnieren (bspw. keine Feedbackrunde, man wirft einfach seinen Hut in den Ring).

    1. Johannes M. (Köln/Münster) sagt:

      So unterschiedlich können die Ansichten sein: Mir war es sehr wichtig, selbst die Chefjury unserer Campus-Debatte bestimmen zu können und ich hätte die Auswahl niemals aus der Hand gegeben. 😀

  5. Ruben (Hannover/Hamburg) sagt:

    Ich kann Jannis Kommentar nur komplett unterstützen:
    Was mir auch in dem offenen Brief noch etwas zu kurz kommt ist, das meines Erachtens Auswahlkomissionen mit größerer Wahrscheinlichkeit das sportlich bessere Panel setzen werden.
    Schlechte bzw. unfaire Themen entstehen häufig nunmal dadurch, dass Personen, die ähnlich denken, die Schwachstellen an ihren Themen gemeinsam übersehen und ihre eigenen Darling-Themen überschätzen. Um ein sportlich faires Turnier zu erhalten, ist es also wichtig, dass in Panels unterschiedliche Sichtweisen auf Themen, Interessen, Vorwissen und Geschmäcker aufeinander treffen, die sich dann in Summe ergänzen und verschiedenere Themen-Ideen, vor allem aber verschiedenere Blickweisen auf potentielle Themen-Schwachstellen mitbringen. Wie Jannis bereits geschrieben hat, ist genau das einer der Hauptschwerpunkte von Auswahlkomissionen. In Cheforga-Auswahlen wird eine solche tiefe Analyse vermutlich seltenst stattfinden.
    In den letzten Jahren bestand eine Auswahlkomission außerdem i.d.R. aus sehr erfahrenen CAs, die häufig bereits selber eine DDM chefjuriert haben, und somit sehr viel mehr Einblick in die Arbeit und Anforderungen an CAs als die durchschnittliche Cheforga haben.
    Natürlich kann man all das für konservativ halten, aber ehrlicherweise ist die DDM nun mal auch nicht der Ort für große Innovationen und Nachwuchsförderung, das ist ja auf allen anderen Turnieren des Jahres möglich, die quasi nie eine Auswahlkomission haben.

    Der Artikel betrachtet hauptsächlich den Best-Case, aber insbesondere die Worst-Case-Betrachtung spricht aus den genannten Gründen noch viel mehr für eine Auswahlkomission:
    Im Worst-Case bei einer Cheforga-Auswahl gibt es eine nach willkürlichen Kriterien ausgewählte Chefjury, die sich nicht gut ergänzt, verschiedenen Ideen und Wünsche der Szene an Themen nur einseitig repräsentiert und viel Unmut über vermeintliches oder tatsächliches Hinterzimmergemauschel.
    Im Worst-Case bei einer Auswahl-Komission fühlen sich einige potentielle CAs abgeschreckt und man hat mehr Reibereien im Panel.
    Für die Qualität und Fairness der Themen halte ich letzteres für deutlich weniger problematisch. Zumal ich finde, dass die Mühe eines Auswahlprozesses und eines Nicht-Lieblingspanels jemandem, der eine DDM chefjurieren möchte, durchaus zugemutet werden darf.

  6. Sven (Tübingen) sagt:

    Danke an die 8M-Chefredaktion für diesen sachlichen, ausführlich recherchierten Artikel.
    Mein Kommentar hier wird wahrscheinlich in der Thread-Flut untergehen, aber ich möchte mal einen konstruktiven Vorschlag für eine neue Regelung hinterlassen.

    Kurz meine Einschätzung von SQ:
    – Ich finde den „normalen“ DDM-Chefjury-Auswahlprozess nicht überflüssig, aber extrem aufwändig. Wie Jannis andeutet, muss man als Bewerber fast einen Arbeitstag in den Fragenkatalog investieren; den Aufwand für die Kommission selbst will ich mir gar nicht vorstellen.
    – Dem gegenüber finde ich den Besetzungsaufwand der meisten Campus-Debatten sehr gering. Das läuft (nicht abwertend gemeint) nicht selten auf ein „Ich habe XY beim Social gefragt“ hinaus. Was aufgrund all der wichtigen Gründe, die in den letzten Tagen zur Wichtigkeit einer ausgeglichenen Chefjury genannt wurden, eigentlich schade ist.
    – Ich finde diesen Kontrast zwischen DDM und anderen Turnieren kaum zu rechtfertigen. Ja, die DDM ist ein herausgehobenes Turnier mit Vorbildcharakter, aber wenn man nun noch (wie oben vorgeschlagen) die Regel-Zuständigkeit wegnimmt, ist die Verantwortung nicht SO KRASS höher wie der Verfahrensunterschied suggeriert.
    -> Meine Schlussfolgerung wäre ein Mittelweg aus dem extrem aufwändigen DDM- und dem wenig elaborierten sonstigen Verfahren.

    Konkret schwebt mir vor:
    (1) Der VDCH / seine Jurierbeiräte bauen das Tracking der Jurier-Meriten von Chefjuroren der Szene vielleicht noch geringfügig aus; vor allem wird aber stärker etabliert, dass diese Datenbank existiert und genutzt werden soll (gerade bei CD-Chefjurybesetzungen).
    (2) Chefjuroren können (müssen nicht!) zentral beim VDCH / den Jurierbeiräten eine Bewerbung einreichen, in denen sie Dinge wie ihre Stärken/Schwächen angeben. Der Unterschied zu einer DDM-Bewerbung wäre, dass dieser Bewerbungstext ALLEN (CD-)Ausrichtern zur Verfügung stünde und nicht nach der DDM in der Papiertonne landen müsste. Bei Bedarf dürfen Leute ihren Text natürlich aktualisieren.
    (3) Auf DDMs kann meinetwegen eine Auswahlkommission dazukommen, die anonymes Feedback zu den Bewerbern einfordert, die sie auf der Shortlist haben.

    Der Vorteil in meinen Augen: Der Aufwand bei DDMs wäre geringer, dafür würde die Qualität des Auswahlprozesses auf allen anderen Turnieren steigen. Nachteile wären der Mehraufwand für den Jurierbeirat (und diejenigen, die allgemeine Bewerbungstexte schreiben), der Verlust anonymer Bewerbungsverfahren und DSGVO-Fragen.

    PS: Ich habe ein bisschen Angst, dass das bei Offenen Briefen und all den Kommentaren (inklusive meinem) zu kurz kommt, daher: Egal ob die Kritik berechtigt ist oder nicht – ich wünsche der aktuellen Cheforga aus Hamburg und der aktuellen Chefjury der DDM alles, alles Gute für ihre Arbeit! Danke, dass ihr extrem viel Zeit eures Lebens in diese Szene investiert!

    1. Allison (DDG/MZ) sagt:

      Wir kommen immer alle auf angebliche DSGVO Fragen??? Dieses „Problem“ existiert trotz europäischer Verordnung irgendwie nur in Deutschland. Ich denke, diesen Punkt kann man getrost streichen – ein legitimes Interesse an der Datenspeicherung und -verarbeitung liegt ja vor. Wenn der VDCH eine allgemeine Datenschutzerklärung hat, kann man hier diesen Zweck einfach mit aufnehmen.

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