Wie Redende der Szene – und sich selbst (am meisten) schaden

Datum: 6. Mai 2026
Redakteur:
Kategorie: Das Thema, Jurieren, Menschen, Mittwochs-Feature, Turniere

Till Beese schreibt über die aktuelle Jurierendensituation, die Notwendigkeit für Solidarität in der Szene und die individuellen Vorteile, die Debattierende aus dem Jurieren gewinnen können.

Wer auf Debattierturniere fährt, will in der Regel am Liebsten reden. Das ist grundsätzlich erst mal verständlich und zunächst auch völlig legitim. Allerdings liegt genau hier ein struktureller Fehler, welcher zunehmend Probleme in der Szene verursacht: Wollen nämlich alle reden, kaum jemand aber jurieren, dann gerät das System in Schieflage. Der zunehmende Mangel an erfahrenen Jurierenden ist längst keine Seltenheit mehr, sondern prägt den Turnieralltag spürbar; leider mit Konsequenzen für Fairness, Qualität und letztlich für das Erlebnis aller Beteiligten, einschließlich und insbesondere der Redenden selbst.

Im Folgenden möchte ich:

  1. die Probleme des Status quo spezifizieren
  2. das zentrale Prinzip erörtern, welches unseren Sport überhaupt erst möglich macht
  3. veranschaulichen, warum jede*r eigentlich ein großes Incentive zum Jurieren haben sollte
  4. zeigen, warum dies insbesondere für Anfänger*innen gilt
  5. ein kurzes Fazit ziehen

 

  1. Status Quo – Ein System am Limit
Till Beese ist seit 2017 als Redner und Juror in der Szene aktiv

Till Beese ist seit 2017 als Redner und Juror in der Szene aktiv

Augenscheinlich scheinen die Turniere formal weiterhin irgendwie zu funktionieren, da die nötige Anzahl an Jurierenden in aller Regel irgendwie doch erreicht wird, oder?
Mitnichten! Bei genauerer Betrachtung sieht das Ganze praktisch gänzlich anders aus: Fast jedes CA-Panel klagt über akute Engpässe an „sicheren“ bzw. „zuverlässigen“ Chairs bis kurz vor Turnierbeginn und ist nicht selten gezwungen, solche kurzfristig in den eigenen Netzwerken zu akquirieren. Die wenigen verfügbaren Hauptjurierenden müssen dann Runde um Runde mit viel zu wenigen – teils sogar gänzlich ohne – Pausen „durch chairen“, häufig mit wenig Unterstützung oder unerfahrenen Wings.

Die Folgen sind absehbar: Erschöpfung, sinkende Aufmerksamkeit, sinkende Motivation.
Das allein wäre mit Blick auf das Turniererlebnis der Judges schon schlimm genug, doch ein nicht minder schlimmes Problem folgt wiederum daraus:
Schwieriger nachvollziehbare Calls, weniger brauchbares Feedback, schlimmstenfalls gar inkonsistente Bewertungen, die dann wiederum Frustration, Ärger und das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein nach sich ziehen können.

  1. Das Solidaritätsproblem

Debattieren ist – bei aller Konkurrenz – noch immer ein solidarisches System. Turniere funktionieren nur, wenn genügend Menschen bereit sind, die weniger glamouröse Rolle der Judges zu übernehmen. Wer ausschließlich als Redner*in teilnimmt, profitiert von der Solidarität anderer, ohne selbst etwas zurückzugeben.
Die Spieltheorie hat für solche Situationen ein Konzept entwickelt, welches den meisten wahrscheinlich unter dem Namen „Gefangenendilemma (engl. prisoner’s dilemma)“ bekannt sein dürfte:
Individuell betrachtet ist es rational, immer als Redner*in anzutreten, um den eigenen Nutzen zu maximieren. Kollektiv führt dieses Verhalten jedoch zum Kollaps der Jurierqualität. Die Lösung kann daher nicht darin bestehen, den Gemeinschaftsnutzen aus den Augen zu verlieren, sondern muss Solidarität systematisch einbeziehen. Aber wie?
Ich sehe zwei potenziell vielversprechende Möglichkeiten:

  • Jede und jeder sollte für sich eine Jurierquote definieren.

Ob 80:20, 50:50 oder irgendwas dazwischen ist völlig egal. Entscheidend ist die Verbindlichkeit, mit der diese Quote eingehalten wird, und nicht das individuell für angemessen befundene Verhältnis.
Ohne solche Selbstverpflichtungen wird sich die aktuelle Situation nicht verbessern, sondern wahrscheinlich sogar eher verschärfen, da schon jetzt erfahrene Jurierende zunehmend die Motivation verlieren, wenn sie immer wieder dieselben Gesichter auf der Rednerliste sehen, während sie selbst dauerhaft und ohne Verschnaufpause im Chair auf der Jurierendenbank sitzen.

  • Die Clubs in die Verantwortung nehmen

Da dieses Problem uns alle gleichermaßen betrifft, liegt die Verantwortung logischerweise nicht nur bei Individuen, sondern auch bei den Clubs. Wer Turnierplätze vergibt, sollte berücksichtigen, ob die entsprechenden eigenen Mitglieder auch in angemessenem Maße zum Funktionieren der Szene beitragen. Wer mehrfach hintereinander ausschließlich redet, sollte aktiv angesprochen werden. Eine einfache, aber wirkungsvolle Maßnahme wäre es beispielsweise, dass die Turnierplätze an die Bereitschaft zu jurieren gekoppelt würden. Gerade bei den größeren Clubs, die paradoxerweise unverhältnismäßig stark zu diesem Problem beitragen, wird mit Sicherheit keine mangelnde Nachfrage an den Teamplätzen bestehen, die dadurch frei würden. Dass dies keine Sanktion darstellt, sondern ein Sicherungsmechanismus zum Schutze des Turniererlebnisses aller ist, versteht sich an dieser Stelle, glaube ich, von selbst.

  1. Das Incentive: Jurieren als Wettbewerbsvorteil

Neben der normativen Dimension gibt es ein oft massiv unterschätztes Eigeninteresse:
Wer selten juriert, wird auch selten wirklich gut.

Jurieren (insbesondere auf hohem Niveau) schult den Debattenüberblick auf der alles entscheidenden Metaebene. In der Rolle als Beobachter*in analysierst du nicht nur, was gesagt wird, sondern warum eine Seite gewinnt. Welche Nuancen entscheiden? Welche Abwägungen tragen? Welche Lücken sind entscheidend?

Dieser Perspektivwechsel ist zentral. Wer ausschließlich redet, bleibt oft in der eigenen Argumentationslogik, dem eigenen Debattenverständnis, den eigenen Denkmustern gefangen. Wer hingegen regelmäßig juriert, entwickelt die Fähigkeit, in der Debatte selbst Dinge zu erkennen, wie z. B.:

Was fehlt unserem Case gerade?
Was hat das gegnerische Team gerade erfolgreich unterminiert?
Welche Clashes sind gerade für den Sieg entscheidend, welche vernachlässigbar?
Welche Abwägung wird die Runde entscheiden?
Welche Nuance müsste gerade entscheidend dafür sein, dass ich diese Debatte gewinne?
usw…“

Gerade in Outrounds sind es genau diese Fähigkeiten, die den Unterschied machen. Viele Debatten werden nicht verloren, weil Teams schlechter vorbereitet sind (oder grundsätzlich einfach schlechter debattieren), sondern weil sie die entscheidenden Nuancen nicht erkennen. Als Juror*in lernst du, die Debatte zu lesen. Wenn du dann beim nächsten Mal als Redner*in teilnimmst, wirst du deine Debatten trotz Bias ebenfalls (zumindest teilweise) lesen können – jedenfalls im Regelfall, wenn du also kein lernresistenter Esel bist.

  1. Für Anfänger*innen: Beschleunigtes Lernen durch Perspektivwechsel

Mit Blick auf jene, die noch nicht so lange dabei sind, möchte ich die Hypothese aufstellen, dass dieser Effekt noch um einiges stärker wirkt, wenn du noch nicht erfahren bist und dich als Redner*in schnell verbessern möchtest. Mehrere Runden hintereinander zu jurieren bedeutet nämlich u.A.:

  • starke und schwache Teams im direkten Vergleich zu erleben,
  • strukturelle Unterschiede zu erkennen,
  • Bewertungsmaßstäbe zu internalisieren.

Die anschließenden Jurydiskussionen sind dabei ein zentraler Lernraum. Wer aufmerksam zuhört und sich einbringt, kann ein tieferes Verständnis für Struktur, Strategie und Gewichtung – also die Kernelemente erfolgreichen Debattierens – entwickeln.
Dieser Lernprozess ist mit Sicherheit effizienter als reines Reden. Er komprimiert Erfahrungen, die du als Redner*in erst über viele Turniere hinweg sammeln würdest (wenn überhaupt).

Aber bedeutet das nun, dass du lieber erst gar nicht im Team auf Turniere fahren solltest, wenn du nicht zuvor bereits ein paar Mal juriert hast?
Die Antwort darauf kann natürlich nur „Nein“ lauten! Bei alledem sollte natürlich immer erstmal der Spaß im Vordergrund stehen. Entsprechend kannst du selbstverständlich zunächst einmal als Redner*in auf ein Turnier fahren, deine ersten Erfahrungen sammeln und diese auch in vollen Zügen genießen.

Wie könnte also ein sinnvoller Einstieg ins Jurieren dann realistisch aussehen?

Bei den ersten zwei bis drei Turnieren ist es wahrscheinlich am sinnvollsten, erst einmal im Team reden, da du auf diese Weise recht einfach herausfinden kannst, ob du dich im kompetitiven Debattieren überhaupt wohlfühlst. Du sicherst dir Motivation und Spaß und lernst die Abläufe von Turnieren sowie einige neue Leute kennen.
Spätestens ab dem vierten Turnier jedoch empfiehlt sich dann der Einstieg ins Jurieren.

Die genannten Lerneffekte werden sicherlich unabhängig vom Format einsetzen. Wenn der Turnierkalender dir jedoch eine Auswahl lässt, dann solltest du wahrscheinlich für deine ersten Juriererfahrungen dorthin fahren, wo BPS (british parliamentary style) debattiert wird. Da Teams hier nur inhaltlich und im Verhältnis zueinander bewertet werden, fallen deine Lernerfolge dort wahrscheinlich sogar noch etwas größer aus.

Für die langfristige Verbesserung empfiehlt sich schließlich ein bewusster Wechsel zwischen Reden und Jurieren, um das Gelernte auch anzuwenden und um sich nicht zu einem der o. g. unsolidarischen Problemredner*innen zu entwickeln.

Für Einsteiger*innen ist es beim Jurieren zunächst übrigens nicht so wichtig, ob sofort perfekte Calls abgeliefert werden oder nicht. Für Unsicherheit und Zurückhaltung ist bisher – zumindest soweit mir bekannt ist – noch niemand gelyncht worden. Entscheidend ist vielmehr das aufmerksame Beobachten, das Zuhören, das Mitdenken und das Lernen aus den Diskussionen insgesamt.

  1. Fazit

Nicht zu jurieren ist keine neutrale Entscheidung; es ist eine Entscheidung mit Konsequenzen für die gesamte Szene. Wer gut juriert werden möchte, hat ein inhärentes Interesse daran, dass genügend qualifizierte Jurierende vorhanden sind, und wer selbst besser werden will, kommt am Jurieren ohnehin nicht vorbei.

Eine funktionierende Debattierszene basiert auf Gegenseitigkeit. Wer nimmt, muss auch geben. Eine bewusste Jurierquote ist kein moralischer Luxus, sondern eine strukturelle Notwendigkeit und zugleich einer der effektivsten Wege, sich selbst weiterzuentwickeln.

Deshalb möchte ich zum Abschluss an euch appellieren: Tut der Szene (und am meisten euch selbst) den Gefallen und fahrt von Zeit zu Zeit mal als Judge auf ein Turnier.

 

Till Beese ist – mit zweijähriger Unterbrechung – seit 2017 für den Debating Club Heidelberg in der deutschsprachigen Debattierszene aktiv, gewann u. a. die Campusdebatte Gießen 2025 und wurde sowohl in OPD als auch BPs auf den Campusdebatten Magdeburg 2025 und Aachen 2026 für seine Jurierleistung ausgezeichnet.

Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.

tb/aeh.

Schlagworte: ,

10 Kommentare zu “Wie Redende der Szene – und sich selbst (am meisten) schaden”

  1. Chiara (Sk) sagt:

    Ich stimme dem Beitrag teilweise zu. Seit ich zum ersten Mal CAt habe (~2019) haben CAs es als Teil ihrer Aufgabe betrachtet außerhalb der Anmeldungen zusätzliche Chairs auf das Turnier zu holen. Ich bin auch unsicher, ob das Problem um genügend Chairs seitdem größer geworden ist.

    Ich finde allerdings auch, dass v.a. große Clubs in der Verpflichtung sind GUTE Judges zu schicken. In der Sk gab es da zu meiner Zeit den verbindlichen Mechanismus der Jurierquote. Wenn nicht alle die wollten Reden konnten, wurden die Teamplätze danach vergeben. Erstis wurden grundsätzlich priorisiert und wenn du nicht genug juriert hast, hast du keinen Teamplatz bekommen (Jurierquoten des Teams werden im Durchschnitt für die Vergabe herangezogen).

    Ansonsten gilt finde ich immer: Wenn man als Club keine guten Judges schickt, darf man sich nicht über mangelnde Qualität der Jurierungen beschweren.

    1. Till Beese (DC Heidelberg) sagt:

      Aber ein Problem ist doch nicht minder schlimm, nur weil es in der Vergangenheit auch schon bestanden hat – unabhängig davon, ob es sich nun verschärft hat, oder nicht – oder?
      Warum sollte es Aufgabe der CAs sein, für zusätzliche Chairs zu sorgen?

      Jurierquoten sind halt leider hinsichtlich Datenerhebung- und Schutz (rechtlich) heikel. Nichtsdestotrotz stimme ich dir zu, dass die Clubvorstände durchaus den Überblick behalten und intervenieren könnten.

    2. Chiara (Sk) sagt:

      Es macht das Problem nicht weniger schlimm. Ich widerspreche lediglich der Analyse eines Trends.
      Ich sehe auch keinen Grund, warum es nicht Teil der CA-Aufgaben sein sollte zumindest weitere Judges anzufragen. Wäre nice, wenn es nicht notwendig wäre. Da sind wir uns vermutlich einig (?)

      Ich finde (bzgl. Clubs und Jurierquoten) man kann sich halt nicht auf individuelle Verantwortung der Leute verlassen. Datenschutzrechtlichen scheint mir das auch lösbar. Du kannst zustimmen, dass dein Jurier- & Redeverhalten dokumentiert wird oder du kannst halt nicht reden. Das würde ich auch einfach mit einem Datenschutzanwalt (haben wir im Debattieren glaube ich auch) checken.

      Man könnte auch über IA Budgets nachdenken. Also ich habe nicht super viel incentive auf Turniere zu kommen und zu jurieren, wenn ich da kaum noch wen kenne und ich dann noch einen TNB und die Fahrt bezahlen muss. Wenn ich die Kosten nicht hätte, würde ich vlt ab und zu anbieten zu kommen (müssen die CAs dann entscheiden, ob sie mich brauchen können)

    3. Till Beese DC Heidelberg sagt:

      Intuitiv möchte ich dir in allen Punkten zustimmen.
      In der Praxis will ich aber an meinem naiven Bild, dass die betreffenden Personen es nur selber nicht merken, festhalten, um nicht einsehen zu müssen, dass Menschen, die ich z.T. wirklich sehr gerne habe, die Solidarität anderer (u.A. die meine) ausnutzen. 🙁
      Ich halte das Problem allerdings auch für komplexer. Teils sitzen betreffende Personen selber in Vorständen, teils sind Fahrten so weit, dass niemand anderes, als die immer gleichen Leute auf entsprechende Turniere fahren (und dort dann natürlich lieber reden), teils herrscht in Clubs eine Art „interne Hierarchie“, durch die sich jüngere Mitglieder überhaupt nicht trauen, die Dinos auch mal zu konfrontieren; ggf. sogar mal in den A**** zu treten.

      Dadurch wird die clubinterne Kontrollinstanz niemals der Garant für angemessene „Chairquoten“ sein.

      Auf Verbandsebene hingegen, wäre das ein bürokratischer Aufwand mit einem schwer definierbaren Kriterium. Woran wollen wir einen „chairfähigen“ Judge festmachen? Wer soll das feststellen? Was wenn sich jemand für „chairfähig“ hält (oder sein Club), die CAs es allerdings ander sehen?
      Wer kontrolliert das? Wann wird das kontrolliert?
      Ich halte das Problem definitiv nicht für unlösbar und glaube, dass es allerhöchste Zeit ist, auf der VDCH-MV verbindliche Kriterien & Sanktionierungsmechanismen zu diskutieren, aber ganz einfach wird die Lösung vermutlich eher nicht.

  2. Freya G. (SK Tübingen) sagt:

    Struktur angekündigt und durchgezogen. Stabile Argumentation. Automatischer erster Platz.

    Spaß beiseite. Vielen Dank für deinen Beitrag Till!!! Ich stimme dem Artikel zu und würde in einigen Punkten sogar noch weiter gehen.
    Der Ansatz mit der persönlichen Verantwortung (in Form einer persönlichen Jurierquote) und dem individuellen Incentive finde ich gut, befürchte aber, dass das nicht ausreicht.
    Ich sehe hier vor allem die Szene im Gesamten in einem Handlungsdruck. Als CA aktiv nach chairfähigen Jurierenden suchen zu müssen, darf kein Zustand sein, den wir normalisieren. Das Risiko, dass CAs gerade das nicht schaffen und Turniere darunter leiden ist zu hoch. Sowas kann in Ausnahmefällen geschehen. Wenn es Standard ist, nicht genug chairfähige Jurierende zu schicken, ist es auf Turnieren die zufällig eh weniger Interesse hervorrufen noch schwieriger eine adequate Juriersituation sicherzustellen. Wenn von 10 Jurierenden standardmäßig nur 4 chairfähig sind und man dann ein besonders unerfahren besetztes Turnier hat, bei dem dann unter 10 Jurierenden plötzlich nur noch 2 chairen können, ist das ein gravierendes Problem (sorry wegen den spontan ausgedachten Zahlen, es geht mir hier gerade eher darum meinen Punkt durch ein Beispiel verständlich zu machen).
    Zumal auch schon die Anzahl von Jurierenden auf Turnieren ein teilweise schwieriges Thema ist. Auf Turnieren gibt es festgeschriebene Jurierquoten und selbst die werden von den Clubs nicht ernst genug genommen. Ich kenne es selbst aus meinem Club, dass erstmal Teamplätze angemeldet werden und danach dann geschaut wird, ob es genug/überhaupt Leute gibt, die jurieren wollen. Wir müssen uns auch innerhalb der Clubs wieder bewusst werden, wie wichtig Jurierende sind. Das fängt dabei an, dass wenn ein raum nicht perfekt aufgeht, man statt einer vierten Fraktionsfreien Rede das Jurierendenpanel vergrößert, um die eigenen Jurierenden besser trainieren zu können. Im Zweifelsfall schickt man aktuell jemand Unerfahrenen (was auch nicht schlecht sein muss -> siehe Ausführung zum persönlichen Nutzen v.a. für Anfänger*innen) oder zahlt halt die Missing Judge Fee.
    Es stellt sich natürlich auch die Frage, ob die Missing Judge Fee hier eher ein Problem als eine Bereicherung darstellt. Als Werkzeug um es auch kleineren Clubs zu ermöglichen, auf Turniere zu fahren, halte ich sie für ausgesprochen sinnvoll! Allerdings sehe ich die Gefahr, dass insbesondere größere Clubs, die es sich leisten können (und im Zweifelsfall eh die TNBs ihrer Mitglieder zahlen, weshalb die Fee keine große Mehrbelastung wäre), dieses Werkzeug „missbrauchen“. Das führt dann dazu, dass wir eine noch schlechtere Juriersituation auf unseren Turnieren haben. Man könnte wahrscheinlich eine ganze Unterdebatte aufmachen: „Schadet die Missing Judge Fee mehr als sie nützt?“.

    Ich möchte aber auch nicht vom eigentlichen Thema ablenken. Ich würde mir wünschen, dass Tills Ansatz mit der Selbstverantwortung Früchte trägt und wir als Szene auch denjenigen, die zuletzt auf mehreren Turnieren (fast) durchgechairt haben, ein angenehmeres Umfeld bieten können. Lasst uns dem Jurieren einen höheren Stellenwert zuschreiben. Immerhin ist es auch wirklich kein leichter Job Menschen (teils unliebsames) Rechtfertigungsfeedback zu geben.
    Ich liebe diese Szene und halte es nicht für tragbar, dass motivierten Menschen durch unser aktuelles System ausbrennen.

    1. Till Beese (DC Heidelberg) sagt:

      Hey Freya, danke für die tolle Ergänzung.
      Ich finde es jedes mal erstaunlich (bis schockierend), dass manche Clubs ihre Judges nicht trainieren. Bei uns gehört das genauso dazu, wie „mechanisieren“, „charakterisieren“ oder schlicht die Regeleinführungen.

      Jurieren sollte einen höheren Stellenwert genießen, (deshalb habe ich dieses feature ja auch geschrieben), aber den Leuten muss klar sein, dass sie sich damit auch selber einen großen Gefallen tun.
      Ich meine wie blauäugig kann man denn sein, dass man glaubt, wann werde durch „noch mehr Reden“ besser, als wenn man sich das Ganze auch mal aus der Vogelperspektive anzuschauen?!
      Ich z.B. war nie sonderlich talentiert im Debattieren und hätte ohne das viele Jurieren mit Sicherheit (Achtung: DCH-Insider:) keinen Blumentopf gewonnen.

      Am aller schlimmsten finde ich aber glaube ich, dass Judges so selbstverständlich genommen werden. Wenn ich 2 Runden hintereinander gechairt + feedback gegeben + feedback für die Wings ausgefüllt habe, dann pfeife ich aus dem Letzten Loch!
      Zum Dank dafür, werde ich dann z.T. in public geshamed dafür, dass ich mit dem Feedback ein bisschen hinten dran bin, darf aber die nächsten 2 Runden nochmal chairen, damit man es mir dann nicht zu einfach macht, ausführliches und nützliches Wingfeedback nachzureichen.
      Sorry, wenn ich hier etwas polemisch werde (Grüße gehen raus an René), aber solche Erlebnisse in meiner mittlerweile raren Freizeit sind maximal frustrierend.

  3. Julia R. (DCMS) sagt:

    Danke für den Artikel Till, ich stimme dir in einigen Teilen zu, würde aber deine Problemanalyse gerne um einen weiteren Punt ergänzen.

    Die „Ich bringe dir das Wichtigste zum Jurieren auf der Hinfahrt bei, ist eh alles gewürfelt“-Mentalität, die meiner Ansicht nach neuen Jurierenden und der Szene allgemein schadet. In meiner Erfahrung als CA hat man bei jedem Turnier mehrere Jurierende, die angeben so gut wie nie bzw. noch nie juriert im Club juriert zu haben. Bei jedem zweiten Turnier flehen wir die Leute an, das Regelwerk doch wenigstens mal zu überfliegen. Das ist ein sehr trauriger Status Quo und bringt meist alle Beteiligten in eine ungute Situation.

    Als jemand dem das selbst so passiert ist, kann ich sagen, dass es sich nicht schön anfühlt nicht wirklich zu wissen was man wie bewerten soll und sich (leider mindestens in meinem Fall damals zurecht) als überfordert und inkompetent wahrzunehmen. Das sorgt bei den meisten Betroffenen auch eher dafür, dass sie so schnell nicht nochmal zum Jurieren irgendwo hinfahren. Gerade das beraubt uns aber unserer soliden Wings und zukünftigen Chairs.
    Als Chair in der Situation verbringt man meistens erstmal die Hälfte der Jurierdiskussion damit, die Basics vom Jurieren zu erklären und Punkte zusammenzurechnen, nur damit sich die Person im Best Case anpasst und man das Gefühl hat, alleine zu jurieren. Was auch nicht der Sinn hinter Panels ist.

    In diesem Sinne eine Aufforderung an Clubs Erstis schneller ans Jurieren heranzuführen und nicht erst zwei Wochen vor dem Turnier, wenn einem auffällt, dass man noch dringend die Quote erfüllen muss. Die ein oder andere nicht perfekt jurierte Clubdebatte ist es wert, dass Ihr eure Nachwuchsjurierenden nicht mit dem ersten Turnier vergrault. Macht hin und wieder Jurierworkshops. Setzt hin und wieder Panels, damit man auf dem Turnier nicht das erste Mal an einer Jurierdiskussion teilnimmt. Ihr müsst nicht regelmäßig Punkte vergeben, aber euer Nachwuchs sollte es ein bis zwei Mal getan haben bevor ihr ihn auf ein Turnier schickt, damit man sich daran gewöhnt Einzelrednerpunkte direkt zusammen zu rechnen und Teampunkte nicht erst am Ende der Debatte einzutragen. Etabliert bei Clubabenden ein Feedback zum Feedback System damit auch Jurierende eine Möglichkeit haben, sich zu verbessern. Neuere Jurierende haben grundsätzlich gerade in OPD eine sehr wertvolle Perspektive zu bieten, aber wenn das Grundwissen über Abläufe und Metriken fehlt, dann geht diese meist unter.

    1. Till Beese (DC Heidelberg) sagt:

      Vielen Dank für diese Ergänzung Julia, die wahrscheinlich nochmal für sich genommen ein eigenes feature wert wäre. Schon witzig, wie gut ich die Perspektive des Chairs kenne, der gerade der Verzweiflung näher ist, als dem Call, aber nie auf die Idee gekommen bin, wie doof das eigentlich auch für die andere Seite sein muss.
      Ich glaube das sollte den Clubvorständen häufiger mal vor Augen gehalten werden. Die tun sich damit ja auch keinen Gefallen.
      Ein unschönes erstes Turnier hat wahrscheinlich oft die Konsequenz, dass ich überhaupt nicht mehr auf Turniere fahren, oder gar debattieren will, schätze ich mal.
      Und das wiederum kann in unserer kleinen Nische nun wirklich kein Verein wollen.

  4. Jonathan (Freiburg/Stuttgart) sagt:

    Ich würde gerne einen Aspekt ergänzen: Bei „kleinen“ und unerfahrenen Clubs ist das Problem häufig, dass gar niemand da ist, der den eigenen Erstis sinnvolles Jurieren beibringen könnte. Teilweise wird auf Clubabenden sogar auf das Vergeben von Punkten in OPD verzichtet, weil sowieso niemand wirklich etwas mit der Skala anfangen kann. Abwägungen in BP werden „nach Gefühl“ vorgenommen o.ä. Jurierende aus solchen Clubs sind auf Turnieren dann zwangsläufig frustriert und tragen kaum zu einem sinnvollen Call bei. Das schreckt extrem davon ab, erneut auf Turnieren zu jurieren.

    Dem kann man wohl nur durch ein breites, zugängliches Angebot an Jurierworkshops entgegentreten. Zumindest können sich die betreffenden Clubs gemeinsam die auf Youtube verfügbaren Jurierworkshops des VDCH ansehen.

  5. Konrad (Tü/SB) sagt:

    Um lieber mit Anreizen, statt shaming zu arbeiten: Reden macht mehr Spaß aber Jurieren ist wichtig. Also lasst es uns mischen. Eine Vorrunde weniger (wenigstens bei mehrtägigen Turnieren) für die Teams, dafür eine Runde wo die Judges selbst reden dürfen. Vielleicht geht das auch auf einem Social.
    Ich glaube die Vorfreude auf eine nette Runde mit und gegen andere, die schon gegen Ende ihrer aktiven Zeit sind, hätte mich noch häufiger zum Jurieren animiert.

Antworte auf den Kommentar von Julia R. (DCMS) Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Mit dem Absenden deines Kommentars bestätigst du,
dass du die Kommentier-Regeln gelesen hast.
Erforderliche Felder sind markiert:*

Folge der Achten Minute





RSS Feed Artikel, RSS Feed Kommentare
Hilfe zur Mobilversion

Credits

Powered by WordPress.