Wie schreibt man ein Casefile?
Casefiles sind ein wichtiger Teil des Chefjurierens, sie tragen maßgeblich dazu bei Themen nach Qualität zu filtern oder zu verbessern. Anne Uder gibt hier einige Hinweise zur Umsetzung.
Dieser Artikel ist Teil einer Serie zum Chefjurieren.
Der Gesamtprozess im Überblick
Die Entwicklung von Themen besteht im Wesentlichen aus drei Schritten:
Themenideen sammeln, Casefiles schreiben, technischer Feinschliff.

Die Finaljury des Röntgen-Cups 2025 bei der Arbeit, wie werden sich die Argumente während der Debatte entfalten? ©Ronja Schneider
Man trifft sich etwa einmal pro Woche als Panel, um neue Themenideen und Casefiles zu besprechen. Normalerweise werdet ihr eine Excel Tabelle oder eine andere Form von Liste haben, in der ihr alle Themenideen sammelt.
In diese Liste solltet ihr relativ ungefiltert alle Ideen schreiben. Wenn ein Thema überhaupt nicht funktioniert, wird es im Gespräch ohnehin schnell verworfen, aber oft kann man Themen auch überarbeiten, oder sie inspirieren andere Mitglieder. Außerdem ist in den meisten CA-Prozessen der Flaschenhals für gute Themen nicht die schlechten Ideen zu filtern, sondern genug gute Ideen zu haben.
Schreibt also erstmal alles auf, was euch so einfällt.
Am Anfang des Treffens geht man dann alle neuen Themenideen in der Liste durch und redet kurz über jede. Dabei versucht man herauszufinden, ob ein Thema unausgewogen ist, oder irgendwelche anderen offensichtlichen Probleme hat, wegen der man es nicht stellen möchte, vielleicht behandelt es ein sehr sensibles Thema, oder ist nicht besonders tief, oder ein ähnliches Thema lief auf einem anderen Turnier schon einmal.
Alle Themen, die diese initiale Prüfung überstehen, werden dann genauer geprüft.
Dafür schreibt ein Mitglied des CA-Panels bis zu eurem nächsten Treffen ein Casefile.
Was ist ein Casefile?
Dafür ist dieser Artikel da!
Am Ende des Artikels findet ihr ein exemplarisches Casefile.
Wie schreibe ich ein gutes Casefile?
Ein Casefile ist im Prinzip nur eine Übersicht der Argumente auf beiden Seiten eines Themas.
Viele Chefjurierende nutzen dabei eine Tabellenstruktur mit drei Spalten. In einer Spalte werden alle „Clashes“ des Themas aufgelistet, also Themenbereiche, die in der Debatte relevant sind, über die Teams reden können.
Daneben stehen dann die Argumente der Regierung oder Opposition zu diesem Clash.
Diese Struktur ist nicht zwingend notwendig, sie hat aber den großen Vorteil, dass man relativ schnell sieht, wie sich die Debatte gliedert. Das ist zum einen hilfreich, um die Tiefe des Themas abzuschätzen. Zum anderen kann man sehr direkt das Material der beiden Teams vergleichen, weil die Argumente nebeneinander stehen, die man gegeneinander abwägen muss, um zu sehen, welches Team in einem gewissen Themenbereich gewinnt.
Häufige Probleme beim Casefile schreiben:
1. Problem: Nicht auf Teamlines achten
Wenn ihr mal in einer Debatte das Gefühl hattet, es gibt auf eurer Seite zwar Material, aber nichts davon gewinnt die Debatte, dann ist im Casefile Prozess eventuell genau das passiert. Man schreibt alle Argumente auf, ohne sich zu überlegen, was davon tatsächlich schlagend ist. Welche Argumentationslinien können die Debatte gewinnen? Wie vergleicht sich das gesamte argumentative Material der Regierung mit dem der Opposition?
Casefiles sollten nicht nur alle Argumente sammeln, sondern insbesondere auch Teamlines vergleichen.
Lösung: Was ich am hilfreichsten finde ist, mir bei jedem Clash aufzuschreiben, welche Seite ihn (tendenziell) gewinnt. Am Ende mache ich dann nochmal eine Miniübersicht, in der man auf einen Blick sehen kann, was die groben Linien der Debatte sind, ohne sich in den Details zu verlieren.
2. Problem: Keine spezifische Themenformulierung
Oft hat man eine grobe Frage im Kopf, aber noch keine konkrete Formulierung. Das ist absolut normal und es kann auch Sinn machen, schon an der Stelle ein Casefile zu schreiben. Das Problem entsteht, wenn man die Formulierung im Nachhinein anpasst oder konkretisiert und sich dadurch Argumente in der Debatte ändern. Wer ist der Akteur der Debatte? Wessen Interessen sind relevant? Ist die Debatte historisch? Ist sie global?
Lösung: Wenn ihr ein Casefile zu einem konkreten Thema schreibt, dann überlegt euch vorher genau, was die Formulierung bedeutet. Wenn ihr die Formulierung im Nachhinein anpasst, geht unbedingt nochmal das Casefile durch, streicht die Argumente, die irrelevant geworden sind, und fügt neue ein.
Auch wenn ihr denkt, dass ihr schon wisst was gemeint ist, glaubt mir, Teams werden sich sehr konkret überlegen, was ihr mit genau den Worten gemeint habt, die im Thema stehen und wenn ihr nicht ausreichend überprüft habt, ob diese spezifische Formulierung ausgewogen ist, kann es gut sein, dass Teile des Turniers gerechtfertigt genervt von euch sind.
3. Problem: Keinen Antrag überlegen
Wenn es ein Antragsthema ist, wird (hoffentlich) ein Antrag gestellt und debattiert werden. Ihr müsst prüfen, ob es überhaupt möglich ist, einen sinnvollen Antrag zu stellen, ob jeder mögliche Antrag ausgeglichen ist und ob der Antrag offensichtlich genug ist, damit die Opposition sich sinnvoll vorbereiten kann.
Lösung: Schreibt einfach vor dem Casefile kurz den wahrscheinlichen Antrag. Wenn es andere Anträge gibt, die man stellen könnte, die ihr unausgeglichen findet, dann ändert die Themenformulierung so, dass diese nicht mehr möglich sind. Das macht das Thema vielleicht länger und weniger elegant, aber in der Abwägung sollte hier ein fairer Wettbewerb und schöne Debatten (die häufiger aus gut definierten Themen kommen) wichtiger sein als eine elegante Themenformulierung.
4. Problem: Mechanismen nicht prüfen
Wenn ihr denkt „da würde man dann halt das Backlash-Argument machen, das muss ich ja jetzt nicht nochmal extra hinschreiben“, dann sollten bei euch Warnlichter angehen. Manchmal denkt man, es gäbe ein spezifisches Argument und je länger man versucht es zu formulieren, desto mehr fällt einem auf, dass es in diesem spezifischen Fall extrem schwer zu machen ist oder gar nicht funktioniert.
Lösung: Es reicht nicht die „Überschrift“ eines Argumentes aufzuführen (z.B. “Backlash”). Am besten schreibt ihr konkret, was ihr machen würdet, zumindest solltet ihr euch aber soweit Gedanken gemacht haben, dass ihr den Mechanismus auf Nachfrage erklären könnt (und dann könnt ihr das eigentlich auch gleich aufschreiben).
5. Problem: Verantwortungsdiffusion
Die Person, die das Casefile schreibt, wird sich im Normalfall am genauesten mit dem Thema beschäftigen. Es ist dann sehr einfach, ihrer Einschätzung zur Stellbarkeit einfach zu vertrauen, ohne sich genauere Gedanken zu machen. Das ist gefährlich, weil Casefiles oft unter Zeitdruck geschrieben werden oder verschiedene Menschen einfach verschiedene Einschätzungen dazu haben, wie intuitiv ein Mechanismus oder wie wichtig ein Impact ist.
Lösung: Macht euch bewusst, dass ihr alle Themen als Kollektiv stellt. Wenn neunzig Prozent des Turniers keinen Spaß haben, weil das Thema schlecht ist, ist jede einzelne Person im Panel dafür verantwortlich, also denkt beim Besprechen und Prüfen immer mit, auch wenn eine andere Person den Hauptteil der Arbeit macht.
Link zum Beispiel Casefile
Dieses Casefile ist nicht perfekt oder die einzige Art, ein Casefile zu schreiben.
Wenn ihr ein paar Turniere chefjuriert werdet ihr sehen, dass jede Person das sowieso ein bisschen anders macht. Trotzdem wollte ich ein Beispiel hier haben, damit man sich vorstellen kann, worüber ich überhaupt rede.

Anne Uder debattiert seit 2022 beim Debattierclub Würzburg. Sie gewann letzte Saison unter anderem die WDM 2025, sowie die Campusdebatten Gießen und Münster, außerdem war sie beste Redner*in der Deutschsprachigen Debattierliga. Als Chefjurorin begleitete sie einige Turniere, unter anderem die DDM in Berlin. Aktuell ist sie Mitglied der OPD Regelkommission und Koordinatorin der DDL.
Das Mittwochs-Feature: Mittwochs veröffentlicht die Achte Minute ab 10.00 Uhr oftmals ein Mittwochs-Feature, worin eine Idee, Debatte, Buch oder Person in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn du selbst eine Debatte anstoßen möchtest, melde dich mit deinem Themen-Vorschlag per Mail an team [at] achteminute [dot] de.
au/sb/aeh.
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