Argumente gewinnen keine Debatten

Datum: 5. Mai 2022
Redakteur:
Kategorie: Das Thema

Jakobus Jaspersen während einer Rede – © privat

Jakobus Jaspersen schreibt über die Bedeutung von Charakterisierung.

Zugegebenermaßen klingt der Titel etwas clickbaity. Doch ohne Clicks keine lukrativen Sponsorshipdeals und ohne lukrative Sponsorshipdeals kein Reichtum. (Don’t hate the player. Hate the game.)

Der akkuratere Titel wäre: Argumente sind im Vergleich zu Charakterisierung überbewertet. Spitzfindige Menschen (die niemand mag) werden an dieser Stelle einwenden, dass Charakterisierung Teil von Argumenten sei.  Darauf sage ich: „Bliblablub – Semantik und Humbug.“ Was ich mit dem Titel offensichtlich meine, ist, dass in Debatten zu viel Zeit für Aufbau und zu wenig für Unterbau aufgewendet wird, zu viel für clevere Kartenkombos und zu wenig für solide Manabasis, zu viel für Fallrückziehertraining und zu wenig für Fitness. (Wenig bekannter Fakt: Drei schlechte Metaphern ergeben eine gute Metapher.)

Verwirrt mäandernder Abschnitt über die Wichtigkeit von Charakterisierung („Charakterisierung schafft den Unterbau“)

Jedes Mal, wenn man etwas schreibt, muss man der Versuchung widerstehen, zu weit auszuholen. Ich vermute, der menschlichen Seele wohnt eine Sehnsucht nach Vollständigkeit inne, die im Leben ungestillt bleiben muss, sodass wir danach trachten, ihr zumindest in unseren gedanklichen Schöpfungen nahezukommen. Doch wir kommen vom Thema ab, bevor wir mit dem Thema überhaupt angefangen haben.

Was ist ein Argument? Der Philosoph in mir möchte als Antwort darauf sinnierend in die Ferne starren und hoffen, dass ich dabei sexy aussehe. Das hilft uns an dieser Stelle allerdings nur bedingt weiter. Gehen wir also pragmatisch an die Sache ran und beschreiben ein Argument als einen Grund, etwas zu tun oder nicht zu tun, zu glauben oder nicht zu glauben. Meiner beträchtlichen Erfahrung nach (Ich bin alt und weise, aber auf eine attraktive 90er-Jahre-Sean-Connery-Art [ohne die fragwürdigen Ansichten zu häuslicher Gewalt].) spielt sich 95% aller effektiven Argumentation auf der Sachebene ab: Wie würde sich die Welt verändern, wenn X geschähe, existiere, nicht mehr existiere, etc. (Es gibt zwar theoretisch auch Abwägungen, die da rausfallen. Aber seien wir ehrlich – selbst in guten Debatten fristen Abwägungen ein kümmerliches Dasein und müssen sich von Wortkrümeln ernähren, die Debattierende unter den Tisch fallen lassen.) Alles, was sein kann oder sein wird, wurzelt in dem, was ist. Aus diesem Grund sollten wir unser Augenmerk in Debatten verstärkt auf Letzteres richten.

Ziehen wir folgendes innovatives Thema als Beispiel heran: DHW ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland einführen. In dieser Debatte würde sich praktisch ausschließlich darum gestritten werden, was tatsächlich passiere, wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden würde. (Abzüglich der Debatten, in denen kein ordentlicher Antrag gestellt und sich anschließend darum gestritten wird, was ein bedingungsloses Grundeinkommen überhaupt sei.)

Die Eröffnende Regierung würde höhere Lebensqualität, bessere Arbeitsbedingungen und freiere Entfaltung ins Feld führen. Die Eröffnende Opposition würde mit sinkender Arbeitsleistung, Fachkräfteflucht, Ungerechtigkeit und Neid kontern. Den schließenden Teams würde wahrscheinlich nichts Neues einfallen, sodass sie über Minderheiten reden müssen. Wer würde gewinnen? Das Team, das seinen Case am besten macht und das die Jurierenden am meisten mögen. Wie man letzteres beeinflusst, werde ich mal in einem anderen Artikel darlegen. Für Ersteres ist eine gründliche Charakterisierung unerlässlich. Beschäftigen wir uns mit dem Oppositionsargument der sinkenden Arbeitsleistung. Die Opposition möchte glaubhaft machen, dass viele Leute aufhören zu arbeiten oder weniger arbeiten. Wie in nahezu allen Debatten geht es darum, wie Menschen bzw. Menschengruppen (oder Institutionen) auf etwas reagieren. Um dies zu evaluieren, ist eine gründliche Charakterisierung unerlässlich. Was sind ihre Anreize, was ihr Weltbild, was ihre Prioritäten? Was fühlen sie, wie denken sie? Darauf aufbauend kann man die konkretem Entscheidungssituationen skizzieren, wie sich diese verändern und welche Folgen dies nach sich ziehen würde.

In Debatten, die x bereuen oder ihm vorwerfen mehr Schaden als Nutzen anzurichten, muss in aller Regel Charakterisierung noch mehr Zeit eingeräumt werden. Oft ist strittig, was X im Status Quo für Auswirkungen hat. Allzu oft habe ich törichte Jungdebattierende (und auch nicht mehr so junge) dabei beobachten können, wie sie X sträflich vernachlässigen und stattdessen ausführlich über eine Welt ohne X reden. Das macht nicht nur X sehr traurig, sondern ignoriert die halbe Debatte, was desaströse Konsequenzen haben kann, wenn andere Teams dies nicht tun.

Humorarmer Abschnitt darüber, wie man charakterisiert („Ansatz: Menschen in relevante Gruppen gliedern“)

Diese anderen Teams sind es auch, die aus rein egoistischen Motiven die eigene Charakterisierung oft nicht einfach stehen lassen wollen. Behauptungen mit autoritärer Stimme auf den Tisch zu knallen ist deshalb unzureichend. Außer anscheinend, wenn ich ER in einer Religionsdebatte bin und die EO dann behauptet […]. (Der Autor driftet an dieser Stelle in verbitterte Anschuldigungen ab, die wir zu besseren Lesbarkeit des Textes gekürzt haben [Anm. d. Red.]) Wie also charakterisiert man tiefergehend? Ein erster sinnvoller Schritt ist häufig, die Menschen (oder Institutionen) in Gruppen aufzuteilen, über die sich jeweils sinnvolle Aussagen treffen lassen. In der Debatte über bedingungsloses Grundeinkommen wäre es beispielsweise unpraktikabel, alle erwerbstätigen Menschen über einen Kamm zu scheren. Sinnvoll wäre eine Differenzierung entlang der Attraktivität verschiedener Berufe. Verdienst, soziales Ansehen, Entfaltungsmöglichkeiten, Arbeitsumstände, Belastung, etc. würden dabei eine Rolle spielen. Hütet euch allerdings vor der stets gegenwärtigen Verzettelungsgefahr. Gutes Debattieren ist immer auch Komplexitätsreduktion. Im vorliegenden Fall wäre es für die Opposition sinnvoll, eine Gruppe von unattraktiven Berufen zu charakterisieren, welche Menschen im Status Quo aus wirtschaftlicher Notwendigkeit ausüben. Wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen diese Notwendigkeit beseitigen würde, so würden diese Menschen aufhören zu arbeiten. Je konkreter die Berufe oder Berufsfelder benannt und beschrieben sind, desto besser.

Festzustellen, dass eine bestimmte Gruppe existiert, ist nur der erste und häufig unstrittige Schritt. Der zweite muss sein, die Größe und damit Relevanz dieser Gruppe zu eruieren. In dem Beispiel müsste die Opposition begründen, warum sehr viele Berufe so unattraktiv seien, dass Menschen sie ohne finanziellen Druck nicht ausüben würden. Zu diesem Zweck könnte man über die Arbeitsbedingungen in bedeutenden Branchen reden. Man könnte Umfragen über Arbeitszufriedenheit zitieren (Zitieren, nicht ausdenken!) und deren Ergebnisse plausibilisieren. Man könnte Beispiele zur Illustration heranziehen, möglichst nebst einer Begründung, warum sie stellvertretend oder symptomatisch für einen größeren Zusammenhang stehen. Man könnte, wenn man besonders cool ist, auch anfangen, über die grundsätzlich ausbeuterische Natur des Kapitalismus zu reden. (Man streue eine paar Begriffe wie Race to the Bottom ein und zeichne ein paar Lohnstückkostendiagramme in die Luft für besonderen Effekt.)

Dies alles ist nur die berufliche Seite der Frage. Man könnte durchaus noch grundsätzlicher ansetzen und die menschliche Natur an sich thematisieren. Was wollen Menschen eigentlich im Leben? Wie bestimmt das ihre beruflichen Entscheidungen? Die Natur des Menschen ist leider nicht ganz unkompliziert, sodass ich davon abraten würde, seinem inneren Philosophen eine allzu lange Leine zu lassen. (Allerdings würde ich auf jeden Fall Stylepunkte für eine freudsche Analyse menschlicher Motivation verteilen.) Wenn, dann sollte man sich auf klar umrissene Streitfragen konzentrieren, z.B.: Ist dem durchschnittlichen finanziell abgesicherten Menschen Freizeit oder Geld wichtiger?

Erwartbare Mahnungen, die sich mit ‚Seid nicht dumm‘ zusammenfassen lassen („Fallstrick Konsistenz“)

Jede Frage bietet endlose Möglichkeiten, immer noch tiefer einzutauchen. Die Kunst des Debattierens besteht darin, zu erkennen, wo Tauchen nützlich und wo weniger nützlich, was strittig und was Konsens ist. Ebenso wichtig ist es, jede Charakterisierung im Kontext des gesamten Cases und der gesamten Debatte zu betrachten. In dem ausgeführten Beispiel hat die Opposition viel Zeit und Mühe darauf verwendet darzulegen, wie seelenzerstörend und unattraktiv die durchschnittliche Erwerbstätigkeit sei. Damit rollt man für die Regierung den roten Teppich aus, die argumentiert, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen gerade notwendig sei, um Arbeitgeber und Staat dazu zu zwingen, Erwerbsarbeit angenehmer und lohnender zu gestalten. Vielfach habe ich in solchen Fällen beobachten können, dass sich Teams dazu hinreißen lassen, völlig entgegengesetzte Charakterisierungen zu vertreten – je nachdem, ob sie gerade ihr konstruktives oder destruktives Material vortragen. Solche Inkonsistenz ist den Siegchancen des entsprechenden Teams und der Debattenqualität insgesamt (und damit dem Wohlbefinden der Jurierenden – dem hoffentlich primären Ziel aller Debattierenden) äußerst abträglich.

Resümierender Abschluss für Leute, die zu faul sind, den gesamten Artikel zu lesen („Résumé“)

Mehr Charakterisierung bzw. Status-Quo-Analyse zu betreiben ist das häufigste Verbesserungsfeedback, das ich gebe. Der momentane Plan ist, mir einen QR-Code auf die Stirn tätowieren zu lassen, der zu diesem Artikel linkt. Überlegt euch in der Vorbereitungszeit nicht nur, welche Argumente man machen kann, sondern auch, was und wer charakterisiert werden muss. Das gilt für eröffnende, wie schließende Teams. In nahezu allen Debatten geht es darum, zwei Welten zu analysieren: eine, die der Realität entspricht und eine, die sich durch eine bestimmte Veränderung von der Realität unterscheidet. Beide Welten müssen charakterisiert werden. Im Falle der zweiten Welt bedeutet dies fast immer, dass bestimmte Menschengruppen (oder Institutionen) charakterisiert werden müssen, um ihre Reaktion, ihr Verhalten plausibel vorhersagen zu können.

Charakterisierung ist wie Knoblauch. Man kann eigentlich nicht zu viel nehmen und es hilft gegen Vampire (beweist mir das Gegenteil). Vergesst allerdings über all der perfekten Charakterisierung, die ihr fortan dank dieses Artikels machen werdet, nicht, dass man auch die eigentliche Veränderung in der Welt konkret beschreiben und nicht zuletzt die Konsequenzen des Ganzen ausführen muss – das, was man Impacten nennt. Wer diesen Artikel bis hierhin gelesen hat, stimmt automatisch zu, im Falle des Gewinns der DDM, das Preisgeld mit mir zu teilen. Dies ist nach §328 JGB rechtlich bindend und außerdem auch einfach nur fair.

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4 Kommentare zu “Argumente gewinnen keine Debatten”

  1. FloManGold sagt:

    Ich bin ja schon eine Weile raus: ist „impacten“ ein Verb? Wie wird gebeugt?
    Ich impacte, impactete, werde impacten, habe impactet, hatte impactet, werde impactet haben? Wie bildet sich das Partizip I? „Der impactende Redner wurde unterbrochen.“? Partizip II scheint klarer: „Die von der Regierung geimpactete Opposition verlor die Debatte.“

    Will mich beim Masters‘ Cup nicht in die Nesseln setzen. Danke.

    1. Peter G. sagt:

      Jetzt könnte ich an dieser Stelle mal aufwerfen, dass mich die übliche Sprache zum Rebuttal ebenfalls irritiert… „Du hast zu wenig Rebuttal in deiner Rede“ ging ja noch. Aber nun wird allen gesagt sie hätten nicht genug (zu viel) rebuttalt (rebuttaled?) und man solle mehr (weniger) rebuttaln. Dabei ist im Englischen zum Nomen „rebuttal“ das passende Verb „to rebut“. Müssten wir dann nicht eigentlich rebutten?
      Um dir aber zusätzliche Verwirrung zu stiften, Flo: „Die von der Regierung geimpactete Opposition“ würde die Debatte wohl eher gewinnen, da die Opposition (dummerweise) die Regierung, statt sich selbst, geimpacted hat…

    2. FloManGold sagt:

      Ist impacten also ein intransitives Verb?

    3. Peter G. sagt:

      Nein, ich denke geimpacted wird (im Normalfall) „etwas“. Argumente oder so. Ich glaube nicht, dass man einfach so vor sich hin impacted.

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