Das erste Mal Chefjurieren
Chefjurieren ist ein recht intransparenter Prozess.
Meistens lernt man nur von den Panels, in die man als Nachwuchs-CJ zufällig reingesetzt wird.
Darum haben Anne Uder und Sven Bake eine Serie an Artikeln geschrieben, die eine Ressource für neue Chefjurierende sein können.
Die Artikel erscheinen im Vorlauf des Chefjurierseminars das am Wochenende des 28. Februars stattfindet.
Zwei der sechs Artikel richten sich vorallem an Leute die noch nicht chefjuriert haben:
In diesem Artikel hat Sven darüber geschrieben wie man sich entscheidet ob man chefjurieren möchte und wie der Prozess dahin aussieht.
Nächste Woche kommt ein Artikel von Anne dazu, wie man ein Casefile schreibt, um Themen zu testen.
Die Artikel danach richten sich auch an Leute die bereits chefjurieren.
Es gibt zwei Artikel zu häufigen Problemen in Themen und einen über Dynamiken in CJ-Panels, die man vermeiden sollte, sowie am Ende einen Artikel, der eine Methode vorschlägt, die unter anderem damit umgeht.
Übersicht (links folgen wenn die Artikel online sind):
Artikel 1: Das erste Mal Chefjurieren
Artikel 2: Wie schreibt man ein Casefile?
Artikel 3: Probleme mit Themen, Teil 1: größere Probleme
Artikel 4: Probleme mit Themen, Teil 2: technische Probleme
Artikel 5: Problematische Dynamiken in CJ-Panels
Artikel 6: Warum gute Themen einen zweiten Blick brauchen
Natürlich sind wir in keiner Weise die absolute Autorität dafür, wie man ein:e gute:r Chefjuror:in ist. Wenn ihr erfahrene Chefjurierende seid und etwas hinzufügen wollt, freuen wir uns sehr (!!) über Kommentare oder mehr Artikel mit Ergänzungen und Widerspruch. Außerdem wollten wir vorneweg schon mal auf AM-Artikel hinweisen, die zu dem Thema bereits existieren:
- Andrea Gau: Fehler bei der Themensetzung
- Jan Ehlert: Das Problem mit dem Bereuen

Sven Bake und Anne Uder auf der SODM 2025 ©Michael Ruppert
Das erste Mal Chefjurieren
Es gibt einige Materialien zum Chefjurieren – aber wenig zu der Frage, wie man überhaupt Chefjuror*in wird. Dieser Artikel soll vor allem Neueinsteiger*innen helfen, den Weg dorthin zu verstehen.
Ich hab mir nie bewusst die Frage gestellt, ob ich Chefjurieren möchte.
Niemand aus meinem Club hatte vorher ein Turnier chefjuriert, ich hatte gerade am Anfang auch keine wesentlichen Redeerfolge, es erschien mir also nicht besonders greifbar.
Es war eher Zufall, dass ich irgendwann viel juriert habe, darin recht gut wurde und dann auch gefragt wurde, ob ich ein Turnier Chefjurieren möchte.
Ich glaube, so ist das bei vielen Chefjurierenden.
Ich glaube es lohnt sich jedoch, sich früh zu fragen, ob man Chefjuror*in werden möchte und wie man dieses Ziel am besten erreicht.
Wer sich damit bewusst auseinandersetzt, ist oft besser vorbereitet und vermeidet, das Chefjurieren später in der Debattierkarriere als verpasste Chance zu empfinden. Gerade für neue Debattierende wirkt der Weg dorthin auch oft undurchsichtig.
1. Will ich überhaupt Chefjuror*in werden?
Es stellt sich grundsätzlich erstmal die Frage, ob man Spaß am Jurieren hat, denn das ist auf dem Turnier schon ein wesentlicher Teil der Aufgabe.
Wenn man das nicht gerne macht, sollte man in Frage stellen, ob es das wert ist.
Aber vor allem kommt das Chefjurieren auch mit viel Stress:
Meist wöchentliche Meetings, Casefiles schreiben, über neue Themen Gedanken machen.
Die ganzen administrativen Aufgaben, die aussenrum noch auf einen zukommen.
Am Wochenende selbst ist man ständig unter Anspannung, aber hat auch sehr viel zu tun, man juriert nicht nur jede Runde, hat dann auch keine Pausen, sondern muss direkt in den Tabraum und die nächste Runde vorbereiten.
Das kann ganz schön schlauchen und ein Post-Turnier Crash ist nicht unwahrscheinlich.
Chefjuror*in sein ist auch viel Druck:
Kann ich mit den anderen CAs mithalten, sind meine Themen und Casefiles gut?
Finden die Teilnehmenden unsere Themen gut?
Auch im Nachhinein kann es zu unangenehmen Situationen kommen wenn Teilnehmende die Themen kritisieren oder man selbst mit einzelnen Debatten unzufrieden war.
Außerdem gilt natürlich eine alte Weisheit der Juriermuffel:
Jedes Turnier das man juriert oder chefjuriert kann man nicht gewinnen.
Aber es gibt eben auch viele Gründe, warum man Chefjurieren möchte:
Natürlich gibt es fürs Chefjurieren auch Anerkennung und einen gewissen Status.
Ich glaube vermutlich nicht genug, um es nur dafür zu machen.
Es kann aber vor allem auch sehr viel Spaß machen.
Als Debattierende setzt ihr euch vermutlich gerne mit Themen auseinander und habt Interesse daran, sie mit anderen in diesem Fall meist sehr qualifizierten Leuten zu besprechen und zu durchleuchten. Dafür hat man dann wirklich sehr viel Gelegenheit.
Am Wochenende selbst ist der Job zwar stressig, aber die Atmosphäre im Tabraum ist meistens sehr nett und für viele ist das sogar eine positive Form von Stress.
Außerdem bekommt man zwar nicht viel vom restlichen Turnier mit, aber man hat auch exklusive Einblicke in den Ablauf.
Nicht zu unterschätzen:
Ihr habt die Möglichkeit, eure Themen zu stellen und zu verfolgen, wie andere sich damit auseinandersetzen.
Es hilft euch auch als Redner*in besser zu werden.
Man bekommt durch den CJ-Prozess ein besseres Verständnis von Themen und Strategie. Man bespricht für ein größeres Turnier gut und gerne mal 50-100 Themen mit den anderen Chefjurierenden und macht sich natürlich selbst automatisch sehr viel mehr Gedanken.
Man versteht Themen-Operatoren, Burdens, all die Dinge, die strategisch wichtig sind, deutlich besser.
Chefjuries haben auch einen Einfluss auf die Szene:
Das betrifft nicht nur Regelauslegung auf dem Turnier, sondern z.B. auch Themenstellung und Equity-Normen (z.B. Opt-Out Regelungen).
Das muss man natürlich aber auch wollen und um tatsächlich Normen und Standards zu beeinflussen muss man sehr viel Chefjurieren und sollte auch aussenrum Dinge in Bewegung setzen.
Auch wenn man als Chefjuror*in natürlich gut sein will und performen möchte:
Als CJ auf einem Turnier zu sein, kann auch angenehmer sein als den Erfolgsdruck des Redens oder Jurierens zu haben. Es schadet sicherlich nicht, mal auszuprobieren, ob es einem gefällt.
Wann möchte ich das tun?
Es macht meist wenig Sinn in den ersten beiden Jahren der Debattierkarriere Chefzujurieren.
Sich im Debattieren einzufinden, Turniere und das Meta gründlich zu verstehen und ausreichend Erfahrungen im Jurieren zu sammeln, das dauert so oder so in etwa zwei Jahre.
In seltenen Fällen, wenn man sehr viel Talent hat, oder sehr viel Arbeit ins Debattieren investiert, kann es aber auch schneller gehen.
Es empfiehlt sich, erst etwas Erfahrung, ein paar Breaks und eventuell einen Nachwuchspreis in dem jeweiligen Format zu sammeln. Aber wie ich später beschreibe, hat man hier eh wenig direkten Einfluss, wann man ausgewählt wird.
Möchte ich erst versuchen als Redner*in besser oder erfolgreicher zu werden?
Sicherlich gibt es sehr valide Gründe warum man am Anfang lieber Reden über Jurieren präferiert, ich glaube eine gewisse Redeerfahrung ist auch sinnvoll fürs Jurieren.
Manche Leute präferieren auch Redeerfolg in einem Format und Jurieren das Andere, natürlich auch weil ihnen die Formate unterschiedlich Spaß machen.
2. Wie bereite ich mich aufs CJ-Sein vor?
Chefjurieren beinhaltet sehr viele verschiedene Aufgaben.
Der erste wichtige Teil, den man gut beherrschen sollte ist das Jurieren, hier habe ich vor einer Weile einen Guide zusammengestellt.
Hier gilt es zu beachten, dass wir mit OPD und BPS zwei Formate debattieren, die sich grundsätzlich unterscheiden. Das ist vor allem für das Jurieren auf Turnieren relevant, die meisten anderen Aufgaben sind bei beiden Formaten ungefähr ähnlich, mit eher kleineren bis mittelgroßen Abweichungen in der Umsetzung.
Wenn ihr ein BPS Turnier Chefjurieren wollt müsst ihr natürlich BPS Jurieren können und verstehen, sowie andersherum. Auf Turnieren zu jurieren, ist die beste Übung, um gut im Jurieren zu werden.
Der zweite große Block ist das Stellen von Themen:
Auch hierzu gibt es Materialien und Chefjurierseminare können helfen, das Handwerk zu lernen. Aber es hilft auch alleine, Ideen für Themen zu suchen und an dem eigenen Verständnis zu arbeiten.
Schreibt Casefiles zu Themen und überlegt euch, ob ihr sie stellen würdet, ich habe zum Beispiel am Anfang auf dem Heimweg von Turnieren für jedes der gelaufenen Themen ein Casefile erstellt.
Macht euch Listen von Themen, die ihr gut findet und überlegt euch, warum ihr sie gut findet.
Legt eine Liste an neuen Themenideen an, die kann später beim Chefjurieren sehr nützlich sein, es ist nicht so einfach, in kurzer Zeit viele gute Ideen zu generieren.
Es gibt auch eine organisatorische Seite zum Chefjurieren, hier will ich nicht zu tief eintauchen, aber auch hier kann man Erfahrungen machen ohne Chefzujurieren, zum Beispiel in dem man ein Turnier tabbt oder ausrichtet. Hierfür sind die Materialien die aus den Jurierthinktanks und den Chefjurierseminaren entstanden sehr wertvoll.
3. Wie wird man das erste Mal Chefjuror*in:
Zum Chefjurieren wird man ausgewählt, man wartet im wesentlichen auf Anfragen von Turnierausrichter*innen.
Selten bewirbt man sich formal bei einem Auswahlprozess, oder informal bei Ausrichtern selbst. Das ist meistens eine passiver und wenig durchsichtiger Prozess.
Das Chefjurieren benötigt ein gewisses Grundtalent fürs Jurieren und Debattieren, es sollte aber den Meisten möglich sein mit bewusst investierter Arbeit auf ein gewisses Niveau als Juror*in (und vllt. Redner*in) zu kommen, um dann in Betracht für Chefjurierendenposten zu kommen.
Es gibt in der Saison ca. 25 Turniere, davon haben etwa 15 eine Nachwuchsperson im Panel. Da das ist nicht immer eine Person ist die zum ersten mal chefjuriert, denke ich dass etwa 8 Personen in einer Saison zum ersten Mal chefjurieren.
Eine Turnier-Orga hat oft jemanden im Kopf den sie für den Nachwuchsposten anfragen möchte.
Oft wird man aber auch empfohlen, von anderen Chefjurierenden aus dem Panel, von VDCH-Beiräten, von erfahrenen Clubmitgliedern oder anderen sehr guten Jurierenden.
Gerade bei Nachuchsjurierenden ist das oft der Fall, da hier noch weniger Information bei Ausrichtenden vorliegt, als über sehr erfahrene Chefjurierende die man oft auf Turnieren gesehen hat.
Das heißt, man muss auf dem Radar von Menschen in der Szene landen.
Die VDCH-Beiräte werten z.B. Turniere nach Jurierbreaks und Nachwuchspreisen aus und informieren sich über den aktuellen Jurierenden Pool, deshalb wird hier auch immer wieder angefragt.
Aber natürlich können Entscheidungen auch auf Basis einzelner Datenpunkte getroffen werden – hat jemand mal mit euch bei einem Turnier juriert und war beeindruckt, vielleicht habt ihr ein Turnier gewonnen und jemand fand euch sehr stark.
Der konsistente Weg ist glaube ich aber konstant auf Turnieren gute Leistungen als Jurierperson zu bringen, wenn man Breaks und vllt. auch (mit etwas Glück) einen Jurierpreis einsammelt, dann wird man früher oder später auffallen. Finaljurierungen oder Finalchairs, sind hier auch hilfreich.
Der beste Tipp hierfür ist es gut vorbereitet auf die Turniere zu fahren, die Ressourcen habe ich ja oben bereits verlinkt.
Natürlich kann man darüber hinaus auch selbst auf sich aufmerksam machen.
Wenn Menschen wissen dass man gerne Chefjurieren würde, erhöht das glaube ich die Wahrscheinlichkeit dass man irgendwann ausgewählt wird.
Man kann das also innerhalb und außerhalb des eigenen Clubs streuen, eine gute Möglichkeit das zu zeigen ist es natürlich auch ein Chefjurierseminar zu besuchen.
Das signalisiert nicht nur, dass man bestimmte Basics gelernt hat, sondern auch, dass man sich darauf vorbereitet.
4. Die erste Anfrage:
Jetzt kommt Sie, die erste Anfrage, vielleicht eine Whatsapp-Nachricht, oder jemand kommt auf einem Turnier auf dich zu. Jetzt fragst du dich, ob du die Anfrage annehmen solltest.
Die Erfahrung aus über 120 Anfragen an denen ich beteiligt war zeigt, dass weibliche Jurierende sich deutlich (!!!) später zutrauen ein Turnier zu Chefjurieren als männliche Jurierende mit ähnlichem Erfahrungsniveau.
Wenn euch jemand zutraut, ein Turnier zu chefjurieren, solltet ihr die Anfrage in den meisten Fällen annehmen – vorausgesetzt, ihr habt gerade Zeit und Kapazität.Sprecht bei Unsicherheiten mit erfahrenen Jurierenden oder vertrauten Personen aus eurem Club, um mögliche Bedenken zu klären.
Auch mit der Turnierorga könnt ihr offen besprechen, ob ihr euch zusätzliche Unterstützung durch eine weitere sehr erfahrenere Person im Panel wünscht.
Je weniger Erfahrung, desto klarer ist auch den anderen, dass man nicht jede der Rollen sicher ausführen kann und andere Erfahrene im Panel da sind, um euch Dinge beizubringen oder fehlende Fähigkeiten auszugleichen.
Eure erste Chefjurierenden-Erfahrung wird wahrscheinlich nicht signifikant schlechter sein, als wenn ihr es mit mehr Erfahrung macht. Aber vor allem habt ihr danach mehr Erfahrung und bereits einen Einstieg ins Chefjurieren.
Die Verantwortung liegt hier beim Veranstalter, die richtige Person auszuwählen.
Das ist beim Nachwuchs oft eine Entscheidung von Turnierorga und erfahrenen Chefjurierenden zusammen.
Jetzt habt ihr aber trotzdem noch Bammel, was kann man tun ausser sich in die existierenden Ressourcen einzuarbeiten:
Gibt es noch ein Turnier im selben Format, das ihr zur Übung vorher jurieren könnt?
Gibt es eine Person (in oder außerhalb des Panels), die euch etwas mentoren kann?
Ansonsten viel Spaß beim ersten Mal Chefjurieren!

Anne Uder debattiert seit 2022 beim Debattierclub Würzburg. Sie gewann letzte Saison unter anderem die WDM 2025, sowie die Campusdebatten Gießen und Münster, außerdem war sie beste Redner*in der Deutschsprachigen Debattierliga. Als Chefjurorin begleitete sie einige Turniere, unter anderem die DDM in Berlin. Aktuell ist sie Mitglied der OPD Regelkommission und Koordinatorin der DDL.
Sven Bake debattiert seit 2016 beim Debattierclub Würzburg. Letzte Saison gewann er unter anderem die WDM. Als Chefjuror begleitete er 2025 die DDM sowie die Campusdebatte Gießen. Aktuell ist er unter anderem Beirat für Jurierseminare und Jurierqualität beim VDCH, im erweiterten Vorstand der DDG, sowie Mitglied der BPS Regelkommission.
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sb/aeh.
Danke, dass ihr das macht. Sehr schöne Initiative!