Warum gute Themen einen zweiten Blick brauchen
Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Artikeln zum Chefjurieren von Sven Bake und Anne Uder.
Er postuliert, dass Themen, die auf Turnieren gestellt werden, im Vorhinein von der Chefjury noch einmal an eine externe Person zur Prüfung weitergegeben werden sollten.
Viele Chefjurierende praktizieren das im Status quo schon, und klar redet man mit befreundeten Chefjurierenden mal über ein Thema oder holt sich in manchen Fällen eh schon Expertise dazu, weil man sich in dem Fachbereich nicht ausreichend auskennt, eine Systematisierung bietet hier aber Vorteile.
Ich bin der Meinung, dass das der Standard zumindest für alle großen Turniere werden sollte. Bei kleinen DDL-Turnieren reicht dafür oft die Zeit nicht, aber auf Campusdebatten, Regios oder DDMs sollte das immer möglich sein.
Der Aufwand für Chefjurierende ist in den letzten Jahren sicherlich eh schon angestiegen, es kostet eine Chefjury jedoch verhältnismäßig wenig zusätzlichen Aufwand, weil ein großer Teil der Leistung ja extern erbracht wird, das Zeitmanagement muss dabei nur besser bedacht werden.
Was sind die Vorteile?
Ein externer, frischer Blick auf ein Thema.
In Panels und generellen Arbeitsprozessen entstehen oft Dynamiken wie Betriebsblindheit.
Manchmal hat man auch einfach kollektiv eine abweichende Intuition.
Die kann durch das Besprechen eines Themas auch entstehen, kann aber auch einfach Teil der Zusammensetzung des Panels sein. Dabei geht es um politischen Bias, aber auch um euer generelles Weltbild, wie wahrscheinlich man spezifisches Verhalten in einer Gruppe findet oder für wie wichtig man ein Argument intuitiv hält.
Durch die tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema entsteht oft auch im Panel Expertise und der Eindruck, dass etwas offensichtlicher ist, als es für durchschnittliche Debattierende ist, die oft nichts über das Thema wissen.
Und natürlich können auch immer Dynamiken entstehen, die es schwerer machen, Kritik zu äußern, oder man vertraut vielleicht Einschätzungen einzelner Panel-Mitglieder zu stark. Das ist besonders dann ein Risiko, wenn eine Person im Panel deutlich erfahrener ist oder sich mit einem Thema besonders gut auskennt/ selbst betroffen ist.
Themen, die eigentlich recht offensichtlich nicht ausgeglichen sind, können so immer wieder durchrutschen.
Man filtert dadurch nicht nur schlechte Themen aus dem Prozess, sondern verbessert sie vor allem. Ob das dann angefügte Sätze im Factsheet oder eine Umformulierung des Themas selbst sind (z. B. Operator oder eine unpräzise Formulierung), eine zusätzliche Meinung macht das Thema wahrscheinlich besser.
Wenn es jetzt ganz normal ist, alle Themen zur externen Prüfung weiterzugeben, besteht kein Risiko für unnötige Konflikte und Diskussionen dazu und es entstehen auch keine verletzten Egos.
Wie sollte man das umsetzen?
Sehr früh im Themenprozess sollte man eine Liste mit Personen anfertigen,
die nicht auf dem Turnier reden (evtl. dann dort jurieren, diese Liste sollte man sowieso anfertigen) und denen man die Themen zur Bewertung geben würde.
Dann direkt anfragen, ob die Personen dazu bereit wären, ein Thema zu prüfen. Sobald ein Thema im internen Prozess abgeschlossen ist, kann man es dann weitergeben.
Am besten sollte man dann jeweils absprechen, was die Person mit dem Thema tun soll.
Vor allem aber sollte danach klar sein, was die Person tatsächlich getan hat, in welchem Umfang die Prüfung erfolgt ist.
Oft reicht hier auch eine etwas oberflächlichere Prüfung, ein Casefile muss m. M. n. nicht unbedingt erstellt werden.
Das Thema, das weitergegeben wird, sollte fertig sein mit dem Factsheet, wie es auf dem Turnier laufen würde. Kein „grobes in etwa Thema“ weitergeben und auch kein halbfertiges Factsheet weitergeben.
Das Feedback sollte festgehalten werden, damit es immer wieder zur Verfügung steht.
Anschließend prüft man das Feedback.
Oft hat man viele Schwächen eines Themas ja bereits erkannt und ist trotzdem bereit, das Thema zu stellen. Vielleicht hat man manche der Empfehlungen auch schon in Erwägung gezogen und sich bewusst für das Thema entschieden.
Aber vielleicht gibt es neuen Input, mit dem man das Thema verbessern kann, oder welcher dazu führt, dass man das Thema verwirft.
Wenn man das Thema ändert, z.B. den Operator, dann erfordert das natürlich eine Neuprüfung des Themas auf andere Aspekte.
Auch die Prüfung ist natürlich nur eine Einzelmeinung, die im Zweifel auch durch das Panel überstimmt werden kann.
Was sind potentielle Gefahren?
Verantwortungsdiffusion ist allgemein eine Gefahr beim Chefjurieren, aber das gilt besonders, wenn man das Thema zur externen Prüfung gibt. Auch wenn die andere Person extrem kompetent ist und sich Mühe gibt, wird sie sich trotzdem weniger mit dem Thema beschäftigt haben, als ihr.
Solltet ihr bei einem Aspekt eures Themas unsicher sein und die prüfende Person erwähnt ihn nicht, heißt das nicht unbedingt, dass es kein Problem ist, vielleicht hat sie ihn einfach übersehen. Fragt bei sowas am besten direkt nach.
Im Normalfall wird die andere Person auch kein Casefile schreiben. Das bedeutet, sie kann euch gut auf Probleme hinweisen, die sie sieht, aber eine positive Einschätzung ist nie ein Beweis, dass das Thema tatsächlich funktioniert. Am Ende des Tages ist es euer Thema und ihr seid dafür verantwortlich, dass es ordentlich geprüft wurde. Eine zusätzliche Meinung ist ein extra Schritt, der es wahrscheinlicher macht, dass man nichts übersieht. Sie ersetzt aber keine Arbeit, die das CA-Panel selbst machen sollte.
Wen sollte man fragen?
Das ist je nach Thema und Chefjury unterschiedlich.
Vielleicht will man Expertise, weil die Chefjury sich im Fachbereich nicht tief auskennt und deshalb nochmal jemanden braucht, der oder die eine Einschätzung gibt oder Silver Bullets ausschließt.
Vielleicht will man eine Person, die sich wenig mit dem Fachbereich auskennt, weil im Panel zu viel Expertise herrscht. Ist das Thema so intuitiv wie es uns vorkommt?
Es besteht natürlich auch immer die Option, das Thema in Hinsicht auf mehrere Komponenten mit mehreren Personen zu besprechen, aber eine entsprechende Geheimhaltung sollte natürlich gegeben sein.
Die Personen, die man fragt, sollten schon ziemlich erfahren sein und sich trauen können, einem Thema auch kritisches Feedback zu geben.
Meiner Erfahrung nach sind die meisten erfahrenen Chefjurierenden, die man anspricht – so es ihre Zeit zulässt – bereit, diese Prüfung für euch durchzuführen.
Hier gibt es für die Prüfung auf Equity-Bedenken auch bereits ein Angebot der VDCH-Beauftragten:
Chefjurys sparrt eure Themen

Sven Bake, seit 2019 Beirat für Jurierseminare – Foto: Debattierclub Würzburg

Sven Bake debattiert seit 2016 beim Debattierclub Würzburg. Letzte Saison gewann er unter anderem die WDM. Als Chefjuror begleitete er 2025 die DDM sowie die Campusdebatte Gießen. Aktuell ist er unter anderem Beirat für Jurierseminare und Jurierqualität beim VDCH, im erweiterten Vorstand der DDG, sowie Mitglied der BPS Regelkommission.
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au/sb/aeh.