Mogelpackung: Mainz ist gar kein Karnevalsverein!

Datum: 15. November 2011
Redakteur:
Kategorie: Themen, Turniere

Definitiv kein Karnevalsverein! Mit dem zurückliegenden Gutenberg-Cup 2011 hat der Debattierclub Johannes Gutenberg (DCJG) aus Mainz sein Credo „Wir sind nur ein Karnevalsverein“ schändlich Lügen gestraft. Der meckerfreudige Michel, seine schadenfrohe Micheline hatten hier nichts zu lachen. Die gute Stimmung stellte sich von ganz alleine ein, die Organisatoren unternahmen nicht einmal den Versuch des gemeinsamen Schunkelns oder ähnlicher Ordnungsmaßnahmen, um diese rohe Form der Fröhlichkeit karnevalsgerecht in traditionelle zivilisierte Formen zu gießen. Aber betrachten wir uns diesen Betrug am Publikum in all den grausamen Einzelheiten.

Die Orga, geleitet von Clemens Fucker, Andrea Gau und Willy Witthaut, kümmerte sich mit rührendem Einsatz und viel Freundlichkeit und guter Laune um uns Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie übernachteten sogar in hingebungsvoller Askese am Debattenort, um morgens rechtzeitig die Spuren der rauschenden Party beseitigen zu können. Fußläufig von der Uni untergebracht und emsig umsorgt von unserer Wirtin konnten wir uns auch nachts nicht mehr als anonymes Karnevalsvolk an langen Tischen fühlen.

Das Chefjurorenteam aus Sarah Kempf und Torsten Rössing stellte Themata zur Debatte, die zu Reden außerhalb der bei Karneval (und Debattieren) üblichen Mischung aus Politik und Stammtisch einluden, so dass dem Autor die als Juror gebundene Zunge gehörig juckte und er sehr bedauerte, nicht als Redner gefahren zu sein. Schon sah er zu dem Thema „Brauchen wir die Grüne Armee Fraktion (GAF)?“ langhaarige Birkenstockträger und -trägerinnen mit Maschinenpistolen, die Seedbombs in kleinbürgerliche Vorgärten werfen und die Chefs von Energiekonzernen entführen und biologisch abbauen lassen. Auch das Abwinken einer Frage mit einem „Sagen Sie jetzt nichts!“ oder ihre Aufnahme mit einem „Ach was!?“ brannten zum Thema „Früher war mehr Lametta!“ auf der Zunge und durften nicht ihren Weg ins Freie finden.

Robert Epple aus Frankfurt überzeugte als Freier Redner im Finale Jury wie Publikum - zurecht bester Redner! (Foto: Max Fritz)

Robert Epple aus Frankfurt überzeugte beim Gutenberg-Cup als Freier Redner im Finale Jury wie Publikum. (Foto: Max Fritz)

Das Teilnehmerfeld war offen für jung und alt. Zwar trugen am Ende im Team mit Betty Braun auch die zwei Alt-Narren Jan Papsch und Thore Wojke den Pokal des ersten FDL-Turniers der Saison heim; dass dies geschehen würde, war jedoch keineswegs sicher. Die Vorrunden überstanden sie nur als viertes Team. Vor ihnen standen jüngere Teams aus Frankfurt, Freiburg und – allen Voran zum Stolz des Autors – Heidelberg, aus dem heraus Victoria Reuter auf dem Thron der Top of the Tab und als freie Rednerin im Finale Platz nehmen konnte. Vom Publikum (in Übereinstimmung übrigens mit der Finaljury) zum besten Finalredner gekürt wurde Robert Epple aus Frankfurt. Auch unter den Jurorinnen und Juroren gab es abseits der üblichen Verdächtigen bisher noch unbekannte Namen zu entdecken, etwa Daniel Jurjew (Frankfurt) und Ruben Brandhofer (Marburg), die ihr Können auch gleich im Finale unter Beweis stellen durften. Nach dem Finale überreichte dem Siegerteam die Meisterin der Späße der letzten zwei Jahre, Pauline Leopold, ihren Titel und die Pokale – nicht ohne zu bemerken, dass ihr eigener Pokal praktisch wertvoller sei, weil sich bei ihm der Deckel abnehmen und er sich damit als Trinkgefäß nutzen ließe.

In den kurzen Wartezeiten leitete Thore ein Pub-Quiz, das (für unser Quiz-Team bedauerlich) nicht nur Werbe- und Comicfiguren, sondern auch kulturelles und geographisches abfragte. Sein Fehler: Der unbedingte Glaube an die Demokratie. Indem er die Frage, ob der Turnierablauf durch eine weitere Pub-Quiz Runde zerstört oder die Setzung verkündet werden solle, dem Publikum überantwortete, rechnete er nicht mit dessen Freude an der Destruktion.

Was war der Gutenberg-Cup 2011 also in zwei Worten? Ungezwungen fröhlich. Ein Karnevalsverein kann dieser DCJG also nicht sein. Können wir es den Mainzern übelnehmen? Wohl kaum, woher sollen Mainzer Ahnung von Karneval haben, dort gibt es schließlich nur Fassenacht.

Sowohl Vorrunden- als auch Finaltab des Gutenberg-Cup 2011 gibt es bereits online.

Der Gutenberg-Cup des Debattierclub Johannes Gutenberg Mainz (DCJG) wird seit 2008 in Mainz veranstaltet. Seit 2009 werden ausschließlich “Spaßdebatten”-Themen gestellt. Pauline Leopold, Peter Croonenbroeck und Christoph Krakowiak sicherten dem Debattierclub Streitkultur Tübingen im Oktober 2010 zum zweiten Mal in Folge den Titel “Meister der Späße”. Zum besten Redner des Finales wurde Hauke Blume gekürt, der als Fraktionsfreier Redner das Finale bestritten hatte. Im November 2011 ging dieser Titel an das Mainzer Team Two and a half Narren mit Netty Braun, Thore Wojke und Jan Papsch. Bester Jury- und Publikumsliebling wurde Robert Epple (Frankfurt). Die spaßigen Themen wie „Früher war mehr Lametta!“ oder „Gott ist eine Frau“ setzten die Chefjuroren Sarah Kempf und Torsten Rössing. Der Gutenberg-Cup war auch heuer wieder Teil der FDL.

Sven Hirschfeld / apf

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2 Kommentare zu “Mogelpackung: Mainz ist gar kein Karnevalsverein!”

  1. anonym sagt:

    gezwungen witzig.

  2. Alex (DD) sagt:

    Hey Robert, herzlichen Glückwunsch zur besten Finalrede auf diesem Wege!

    @anonym: gezwungen anonym.

Kommentare sind geschlossen.

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